Braschosblog: Der Zwölfer “Anita” ist nach vier Jahren wieder fit

Der Rhein-Main Zwölfer

320 Tausend Seemeilen

Die Segelkameradschaft Ostsee ist in anderer Mission und einem anderen Geist unterwegs. Mit wechselnden Mannschaften und Skippern, die während ausgedehnter Törns den einstigen Renommierschlitten des Mecklenburger Margarinefabrikaten Rau wie eine Stafette jahraus, jahrein durch die Segelsommer reichen, wird kreuz und quer durch die Nord- und Ostsee oder den Nordatlantik gesegelt.

Mal geht es nach Helsinki, mal nach Oslo, zum Nordkap oder an die italienische und französische Riviera. Nautisch anspruchsvolle Gewässer wie England, Schottland, Irland oder Island mit wetterwendischen Bedingungen, unangenehm gegen die Strömung wehendem Wind und entsprechendem Seegang, Nebel, reichlich vom Schiffsverkehr frequentierte Passagen werden gemeistert.

Der 30 Tonnen Schlitten ist jahrzehntelang ohne Hilfsmotor unterwegs. Angelegt wird mit geborgenen Segeln und genau eingeschätzter Restfahrt, routiniert übergeworfenen Festmachern und sogenannten Bremspollern. Damit lässt sich das Gewicht eines beladenen Tanklastzuges zentimetergenau am Liegeplatz zum stehen bringen. Traditionelle Seemannschaft und das klassische Segelhandwerk zählen.

320 Tausend Seemeilen, das entspricht der Entfernung von der Erde zum Mond und annähernd wieder zurück oder der Strecke von 14 Weltumsegelungen, werden bis Sommer 2008 gesegelt. Dann schwappt in der Bilge des mittlerweile 70 Jahre alten Kompositbaues aus Mahagoniplanken über Stahlspanten bedenklich viel Wasser. Die Pumpen laufen immer öfter. Im Juli 08 scheint mit dem Aufpallen der „Anita“ in der Yachtwerft Glückstadt ein beeindruckendes Kapitel Segelgeschichte zu enden.

Sanierung zum halben Preis?

Mit Spenden in Höhe von nicht einmal zehn Prozent des damals veranschlagten 400 Tausend Euro Budgets und einer Kreditfinanzierung soll die Sanierung begonnen werden. „So geht das nicht“, interveniert der Wiesbadener Kaufmann Volker Christmann, der nach mehrmonatigen Vereins-internen Scharmützeln im Februar 2010 die Auflösung der SKO bewirkt und das Eigentum des Schiffes in die gemeinnützige, dem Segelclub Rheingau assoziierte Segelvereinigung Rheingau gemeinnützige GmbH überführt.

Auch meint Christmann, dass die Sanierung des Unterwasserschiffs günstiger gehen müsse. Binnen weniger Monate hat er 90 der zunächst auf 130 Tausend Euro veranschlagten Sanierung des Rumpfes bei einem kleinen, hierzulande kaum bekannten Bootsbaubetrieb in Gilleleje im Norden der dänischen Insel Seeland zusammen.

Die 16 Mann Werft von Nils Andersen und Jan Skibstrub repariert betagte Holz-Fischkutter, hat aber auch schon den dänischen Zwölfer „Thea“ flott gemacht. Die Instandsetzung des Schiffes wird einschließlich der neuen Maschine, Einbau der Motor- und Tankfundamente, der Welle und des Brunnens für den Drehflügelpropeller etwa 200 Tausend Euro und damit die Hälfte des hierzulande von verschiedenen Betrieben teils unverbindlich angebotenen Budgets nur für die Sanierung der morschen Struktur kosten.

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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.
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6 Kommentare zu „Braschosblog: Der Zwölfer “Anita” ist nach vier Jahren wieder fit“

  1. avatar Stefan Z sagt:

    Ich freue mich schon darauf die Anita in Flensburg zu sehen.

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  2. avatar Jost Körte sagt:

    Vielen Dank für die erfrischende Berichterstattung. Ich kann nur jedem, der Lust hat mal einen großen Klassiker zu segeln, empfehlen mitzusegeln. Es ist einfach ein tolles Gefühl. Und wer dann noch Lust hat das regelmäßig zu machen und sich vielleicht noch für die Idee einen Zwölfer aus einem mittelgroßen Segel Club zu betreiben begeistern kann, den möchte ich einladen im Förderverein Mitglied zu werden und das Projekt durch Mitarbeit, Segeln oder auch nur eine “schnöde” finanzielle Unterstützung zu fördern. Mitsegeln oder als Skipper einen Törn organisieren ist allerdings die beste Unterstützung, die wir uns wünschen würden.

    Jost Körte von den ANITA Freunden

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  3. avatar Heini sagt:

    Gute Maßnahme, das Deckshaus wegzulassen. Wenn jetzt noch jemand die Sprayhood wieder runter reisst, sieht es fast wie ein 12er aus. 😉

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    • avatar Jost sagt:

      Heini,

      Du bist gerne eingeladen mitzusegeln und mitzumachen – ich finde es wunderbar, wenn nach vielen Jahren ehrenamtlicher Arbeit von vielen Mitgliedern der einzige Kritikpunkt die Sprayhood ist. Wir hatten darüber übrigens auch einige Diskussionen, aber die ANITA ist auch ein Fahrtenschiff und so habe wir uns für diesen Kompromiss entschieden.

      Übrigens ist auch die Gasflaschenkiste mitten auf Deck weg von Bord und so kann man wieder wunderbar über das Deck sehen.

      Und wie Erdmann und Stefan sagen – einfach mal mitsegeln, dann versteht man den kleinen “Komfort”.

      Jost

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  4. avatar Erdmann sagt:

    Heini, ich finde Kuchenbuden aller Art auch entsetzlich – ganz besonders vom warmen und trockenen Schreibtisch aus gesehen.

    Die Dinger haben auf einem naß segelnden 12er morgens um drei bei viel von Vorn durchaus auch Vorteile. Oder wenn man nachmittags in stömendem Regen die Kieler Förde rein dieselt (siehe Bilder). Außerdem kann man sie ja wegklappen.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 7 Daumen runter 0

    • avatar Stefan sagt:

      …vor allem ist jeder, der schon mal einen 12er bei Wind auf der Nordsee bewegt hat, dankbar für so ein bisschen Schutz. Zum (Kaffee)-Regattasegeln auf Kieler- oder Flensburger Förde kann man die dann ja wieder abnehmen, damit es dann wieder “sportlich” aussieht.

      Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 5 Daumen runter 0

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