Braschosblog: Der Zwölfer “Anita” ist nach vier Jahren wieder fit

Der Rhein-Main Zwölfer

Der Rhein-Main Zwölfer

Im November 2010 wird die “Anita” mit teilweise abgenommener Kielbeplankung auf einem Tieflader von Glückstadt nach Gilleleje transportiert. Doch dauert es noch eine Weile, bis die Bootsbauer in Dänemark wirklich anfangen können. Noch steht die Finanzierung nicht ganz. Auch zögern Formalien den Beginn der Sanierung des Unterwasserschiffs bis Sommer 2011 hinaus.

Dann hauen die Dänen rein. „Anita“ bekommt einen neuen Kielbalken, die Spanten werden dort, wo sie im dauerfeuchten Bilgenbereich geschwächt sind, mit angeschweißtem Neumaterial geflickt. Da der Rumpf im Freibordbereich bereits zuvor mit eingeklebten Leisten überholt wurde, wird das Unterwasserschiff mit expoydharzverklebten Planken aus Sipo Mahagoni erneuert. Uwe Baykowski von Classic Yacht Survey überwacht die Arbeit als Bauaufsicht. Er berichtet anerkennend.

Ansonsten werden alle möglichen Strippen für die abschließende Finanzierung gezogen. Der gelernte Bootsbauer, Möbeldesigner und begeisterte Jollensegler Georg Wawerla beispielsweise recycelt das kostbare Tabasco Mahagoni der abgenommen 13,5 x 3,8 Zentimeter Original Planken zu Halbmodellen, die im Fanshop zur Finanzierung der Überholung beitragen.

Christmann gewinnt das hessische Innenministerium zur Finanzierung der 75 PS Yanmar Einbaumaschine für den „Rhein Main Zwölfer“. Mit großem Einsatz freiwilliger Helfer gelingt es etwa tausend Kilometer von der Heimat entfernt mit etwa tausend Arbeitsstunden, die „Anita“ im Frühjahr von einer frisch eingewasserten Baustelle in ein seegehendes, segelklares Schiff zu verwandeln.

Vom Problem zum Schiff

Das bereits für den Transport auf dem Tieflader von Glückstadt nach Gilleleje abgenommene Kartenhaus wird durch ein Sprayhood ersetzt. Aus der verfahrenen, Situation in Glückstadt, aus dem chronisch unterfinanzierten Problem ist wieder ein Schiff geworden.

Jetzt stehen Törns für Jugendliche des hessischen Seglerverbandes und des Segelclub Rheingau auf dem Programm. Vom 9. bis 12. August folgt die Teilnahme am Robbe & Berking Sterling Cup, das Wochenende darauf die German Classic in Laboe. Auch bei den neuerdings wieder im Öresund vor Kopenhagen ausgesegelten Meterklasseregatten im Öresund wird das Schiff dabei sein.

Natürlich ist an dem unten herum generalüberholten Zwölfer noch einiges zu tun. Für die nächste Zeit steht die Überarbeitung des Decks an, wobei die vorgesehene Umtakelung zur Slup im Auge behalten wird. Nach und nach soll auch die Inneneinrichtung von den „Anita“ Fans in Eigenleistung wieder auf Vordermann gebracht werden.

Ein Großteil des Kraftaktes der vergangenen Jahre ist gestemmt. Das „gestrandete“ Schiff mit dem maroden Kiel schwimmt, es segelt wieder. Das dies in wirtschaftlich schwerer Zeit, wo die Spendierhosen eher zugenäht als offen sind, in beeindruckend kurzer Zeit gelungen. Respekt.

Wer einfach mal ohne Vereinsmitgliedschaft, ohne einen Dreikantschaber zum Abziehen welker Lackschichten in die Hand zu nehmen, einen Tag Zwölfer segeln möchte, bucht einen Tagestörn für hundert Euro und trägt mit diesem Vergnügen dazu bei, dass dieses außerordentliche Kapitel Segelgeschichte weiter geht. Aber Vorsicht: bei frischem Wind mit diesem Schiff an den Wind gehen ist ein gefährliches, süchtig machendes, regelmäßige Wiederholung verlangendes Erlebnis. Generationen von „Anita“ Seglern wissen das.

 

Daten „Anita“: Konstruktion und Baujahr Henry Rasmussen 1938,  Bauweise Tabasco Mahagoni auf Stahlspanten, Länge über Alles 21,57 m, Länge Wasserlinie 14 m, Breite 3,60 m, Tiefgang 2,73 m, Verdrängung circa 30 t, Ballast 16 t, Besegelung Yawl Takelage 156 statt Slup mit circa 180 qm, neue 75 PS/56 kw Yanmar Maschine mit Vier-Blatt Drehflügelpropeller, zehn Kojen, umfängliche Ausstattung für Segeltörns.

Weitere Informationen: Die „Anita“ (G2 von 1938) ist neben „Inga“ (G1 von 1938) und „Sphinx“ (ebenfalls A&R, G4 von 1939) und dem 1962 verloren gegangenen Gruber Entwurf und Burmester Werftbau „Aschanti III“ (G3 1939) und „Sphinx“ (A&R, G4 1939) einer der vier deutschen Zwölfer der Dreißiger Jahre. Eine Übersicht über sämtliche (deutsche) Zwölfer gibt es auf der vorzüglichen Website der „Trivia“ 

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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.

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6 Kommentare zu „Braschosblog: Der Zwölfer “Anita” ist nach vier Jahren wieder fit“

  1. avatar Stefan Z sagt:

    Ich freue mich schon darauf die Anita in Flensburg zu sehen.

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  2. avatar Jost Körte sagt:

    Vielen Dank für die erfrischende Berichterstattung. Ich kann nur jedem, der Lust hat mal einen großen Klassiker zu segeln, empfehlen mitzusegeln. Es ist einfach ein tolles Gefühl. Und wer dann noch Lust hat das regelmäßig zu machen und sich vielleicht noch für die Idee einen Zwölfer aus einem mittelgroßen Segel Club zu betreiben begeistern kann, den möchte ich einladen im Förderverein Mitglied zu werden und das Projekt durch Mitarbeit, Segeln oder auch nur eine “schnöde” finanzielle Unterstützung zu fördern. Mitsegeln oder als Skipper einen Törn organisieren ist allerdings die beste Unterstützung, die wir uns wünschen würden.

    Jost Körte von den ANITA Freunden

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  3. avatar Heini sagt:

    Gute Maßnahme, das Deckshaus wegzulassen. Wenn jetzt noch jemand die Sprayhood wieder runter reisst, sieht es fast wie ein 12er aus. 😉

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    • avatar Jost sagt:

      Heini,

      Du bist gerne eingeladen mitzusegeln und mitzumachen – ich finde es wunderbar, wenn nach vielen Jahren ehrenamtlicher Arbeit von vielen Mitgliedern der einzige Kritikpunkt die Sprayhood ist. Wir hatten darüber übrigens auch einige Diskussionen, aber die ANITA ist auch ein Fahrtenschiff und so habe wir uns für diesen Kompromiss entschieden.

      Übrigens ist auch die Gasflaschenkiste mitten auf Deck weg von Bord und so kann man wieder wunderbar über das Deck sehen.

      Und wie Erdmann und Stefan sagen – einfach mal mitsegeln, dann versteht man den kleinen “Komfort”.

      Jost

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  4. avatar Erdmann sagt:

    Heini, ich finde Kuchenbuden aller Art auch entsetzlich – ganz besonders vom warmen und trockenen Schreibtisch aus gesehen.

    Die Dinger haben auf einem naß segelnden 12er morgens um drei bei viel von Vorn durchaus auch Vorteile. Oder wenn man nachmittags in stömendem Regen die Kieler Förde rein dieselt (siehe Bilder). Außerdem kann man sie ja wegklappen.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 7 Daumen runter 0

    • avatar Stefan sagt:

      …vor allem ist jeder, der schon mal einen 12er bei Wind auf der Nordsee bewegt hat, dankbar für so ein bisschen Schutz. Zum (Kaffee)-Regattasegeln auf Kieler- oder Flensburger Förde kann man die dann ja wieder abnehmen, damit es dann wieder “sportlich” aussieht.

      Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 5 Daumen runter 0

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