Braschosblog: Hydroptère DCNS Video: Die Geschichte des fliegenden Foilers

Guten Flug!

Wasser ist Achthundert mal dichter als Luft. Deshalb ist es klug, das bremsende Medium rasch zu verlassen. Man muss bloß wissen wie es geht und man möglichst lange im Tiefflugmodus bleibt. Seit fünf Jahrzehnten beschäftigen sich Bastler und Visionäre damit.

Zu den frühen Einrumpf-Tragflügelsegelbooten zählt „Monitor“ von 1957. Dessen 8 Meter langer, 360 Kilo schwerer Rumpf bekam bei fünf Windstärken unter 21 Quadratmetern Segelfläche ab 9,5 Knoten den Bauch aus dem Wasser. Das Boot wurde für die amerikanische Marine entwickelt. Es soll damals angeblich 38 Knoten erreicht haben.

Anfang der siebziger Jahre wurde ein Tornado für Geschwindigkeitsrekorde vor Brest umgebaut. Mittlerweile hat sich die Szene der Bastler und Tüftler professionalisiert. Mit Bootsbausperrholz ist heute nichts mehr zu reißen. Dank moderner Faserverbundwerkstoffe, ausgefeilten strömungstechnischen Erkenntnissen und Computer unterstützten Konstruktionsmethoden geht es weiter. Heute helfen Flugzeugbauer bei der Optimierung des Tiefflugbootes „l’Hydroptère DCNS“. Unbeeindruckt von jeder Menge Bruch und brutalen Steckern wurde der Tiefflieger weiterentwickelt.

Leider setzt die sogenannte Kavitation, das Zerkochen des Wassers an den Tragflügelenden bei etwa 50 Knoten, der Rekordjagd Limits. Man beschäftigte sich mit diesem Effekt bislang eher bei schnell drehenden Propellern. Doch wenn es gelänge, große Distanzen mit 30 oder 40 kn Schnitten zu segeln, stört die Kavitation nicht.

2.215 sm im Tiefflug?

Nach Querung des Ärmelkanals soll nun die Langstreckentauglichkeit der „l’Hydroptère“ bewiesen werden. Dazu empfiehlt sich die downhill, sprich raumschots von Kalifornien nach Hawaii gesegelte Strecke. Deren 2.215 Meilen putzte der Franzose Olivier de Kersauson im November 2005 am Steuer von „Geronimo“ in vier Tagen, 19 Stunden und 31 Minuten mit einem 19,17 kn Schnitt weg.

Der Tragflächentri kann mit seiner 30 Knoten Plus Range daraus einen zügig absolvierten Am Wind Kurs steuern. Hierfür wurde die hintere Tragfläche zugunsten eines reaktionsschnelleren Steuerverhaltens überarbeitet. Auch wurde mit mehreren Maßnahmen gezielt Gewicht aus dem Gefährt genommen: Materialwechsel von Alu zu Karbon am Ruder, Generator statt Motor. Dank verlängerter Vorsegelbasis der „l’Hydroptère DCNS“ wie das Boot neuerdings heißt, lässt sich im Leichtwindrevier mehr Tuch vor dem Mast mit einem Gennaker und Code 0 unterbringen.

DCNS ist eine französische Werft, die Wachboote, Fregatten, Zerstörer, Flugzeugträger und U-Boote baut. Der Konzern mit Sitz in Paris bemüht sich neuerdings auch um Märkte in der zivilen Nutzung der Nuklearenergie, der erneuerbaren Energien im maritimen Bereich und der Industrie. Da scheint die seit Jahrzehnten mit beeindruckendem Drive von Alain Thébault vorangetriebene Entwicklung der Segelflugbootes als Imageträger zu passen.

Der Traum vom Segelfliegen

1975 entwickeln der französische Hochsee Segelstar Eric Tabarly, Alain de Bergh, André Sournat und François Lefaudeux die Idee zu einem Trimaran mit seitlich angebrachten Tragfügeln. Damals unterbieten französische und englische Mehrrumpfsegler einander mit immer neuen Atlantikrekorden. 1980 quert Tabarly mit dem 16,50 Meter langen und 7 Tonnen schweren Aluminium Trimaran „Paul Ricard“ den Atlantik mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 11,93 Knoten.

Die winklig unter den Schwimmern sitzenden Tragflächen dienen damals noch nicht dazu, das Gefährt bei zunehmendem Tempo komplett aus dem Wasser zu stemmen. Es geht lediglich um die Reduzierung des Wasserwiderstands des leewärtigen, vom Winddruck ins Meer gedrückten Schwimmers.

Seit gut zwei Jahrzehnten beschäftigt sich der Bretone Alain Thébault mit der Entwicklung und Probeläufen des ersten hochseetauglichen Tragflächen-Trimarans. Der 18 Meter lange Hightech Karbon Dreirümpfer wiegt einschließlich fünfköpfiger Besatzung 6,5 Tonnen, nimmt im windwärtigen Schwimmer zusätzlich eine halbe Tonne Wasserballast auf und steigt ab 12 Knoten aus dem Meer.

Ab zehn Knoten erzeugen die mit einem 45 Grad Winkel ins Wasser greifenden Tragflächen Auftrieb für den Take off in den Tiefflugmodus. Das „Boot“ schwebt dann auf ganzen 2,5 Quadratmetern wasserbenetzter Fläche fünf Meter über den Meeresspiegel. Bei idealen Bedingungen beschleunigt das Gefährt in zehn Sekunden von 20 auf 45 Knoten. Mit der erheblichen Beanspruchung der Tragflächen soll die Bauweise aus Epoxidharz-verklebten Karbongelegen fertig werden. Sie sind die gezielt mit Titan Einlagen verstärkt. Etwa hundert Sensoren überwachen die Lasten innerhalb der Konstruktion.

Guten Flug!

Derzeit warten die französischen Tiefflugsegler in Kalifornien auf das geeignete Wetterfenster für den flotten Trip von Los Angeles nach Hawaii. Wenn nichts dazwischen kommt, sprich alles hält und den Tieffliegern bei dem gut vier Tausend Kilometer Trip kein größeres Stück Treibgut vor die Tragflügel kommt, dürfte das “Hydroptère” ein neues Kapitel im Hochseesegeln aufschlagen.

Skipper Alain Thébault und seine Copiloten werden wissen, wie man das Geschoss nachts segelt. Das Video gibt eine Vorstellung, was an Bord abgeht. Wasser ist achthundert Mal dichter als Luft. Guten Flug!

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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.
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Ein Kommentar „Braschosblog: Hydroptère DCNS Video: Die Geschichte des fliegenden Foilers“

  1. avatar chris sagt:

    guter Artikel!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 9 Daumen runter 1

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