Corona-Regelungen: Unterschiedliche Verordnungen sorgen für Verwirrspiel im Wassersport

Nur gucken, nicht anfassen?!

Das Wetter lockt, Corona stoppt: Mit der wärmenden Sonne steigt auch die Lust auf das Segeln. Doch was ist erlaubt? Darf Wassersport betrieben werden oder nicht?

Die Promenaden sind offen, die Stege vielerorts gesperrt. Das heißt für viele Eigner derzeit beim eigenen Boot am Steg: Nur gucken, nicht anfassen! foto: ra

 

 

 

Die Fragen bei Behörden, den Verbänden und auch bei Rechtsanwälten mehren sich. Die Auslegungen der Regelungen schwanken. Zwischen dem Untersagen von Vereinsaktivitäten, der Schließung von Hafeninfrastruktur und dem Recht, weiterhin Individualsport zu betreiben, breitet sich ein weiter Grauzonen-Teppich aus.

Während Surfer und Kiter, Kanuten und Jollensegler, die ihre Boote über frei zugängliche Stellen (z. B. Strände) ins Wasser bringen, ihren Sport ausüben können, sitzen die auf Häfen angewiesene Segler weitgehend auf dem Trockenen. Aber das eben auch nicht überall. Die Rechtsverordnungen sind von Bundesland zu Bundesland sehr unterschiedlich, werden dann auch in den Gemeinden verschieden angewendet.

Vorteil Kiter, Surfer etc.: Sie kommen direkt über den Strand an das Wasser und können ihren Sport ausüben. Foto: ra

Andreas Löwe, DSV-Vizepräsident mit dem Geschäftsbereich Recht, würde gern allgemeingültige Informationen an die Segler rausgeben, kann es aber nicht: „Ich beschäftige mich seit drei Wochen mit eigentlich nichts anderem mehr als mit den Corona-Regelungen. Das Problem ist, dass die sich nicht nur ständig ändern, sondern auch in Deutschland sehr unterschiedlich sind“, sagt Löwe und führt das Beispiel Baden-Württemberg an.

So hat das Landratsamt Konstanz entschieden, dass Yachthäfen zwar Sportstätten im Sinne des § 4 Abs. 1 Nr. 5 Corona-Verordnung seien und ihr Betrieb damit untersagt ist, Segeln ist an sich aber nicht ausgeschlossen. In der Praxis heißt das, die gesamte Infrastruktur (Wasser, Strom, Absauganlagen, WC, Duschen) bleibt geschlossen, Sportveranstaltungen etwa in Segelvereinen sind damit ebenfalls untersagt.

DSV-Vizepräsident Andreas Löwe muss sich mit den unterschiedlichsten Bestimmungen in ganz Deutschland auseinandersetzen. Foto: DSV

Aber Bootsliegeplätze, die von einer öffentlichen Straße zugänglich sind, sind keine Yachthäfen und damit keine Sportstätten. Und es besteht kein generelles Betretungsverbot für die Hafenanlagen. Also kann man unter Einhaltung der Kontaktsperren auf den Steg, an Bord gehen und Segeln gehen. „Auf der anderen Bodenseeseite, beim Landratsamt Bodenseekreis, sieht man das ganz anders. Während also hier Segeln möglich ist, ist wenige Kilometer weiter das Bojenfeld gesperrt.“

Und was nicht mal am Bodensee einheitlich geregelt ist, kann an den Ländergrenzen kaum geglättet werden. So ist die Rechtsverordnung in Schleswig-Holstein sehr kurz gefasst und auf touristische Zwecke ausgelegt. Damit wurde eine strikte Linie eingeführt, die weitgehend die Schließung der Häfen für Privatpersonen vorsieht. Nur Unternehmen können hier noch ihren Betrieb ausüben. In Hamburg dagegen gibt es viele Ausnahmeregelungen.

Der Flickenteppich der Regelungen sorgt daher nicht nur für Verwirrung, sondern auch für Verärgerung. Auf Facebook sind zum Teil intensive Diskussionen entstanden, ob Segeln an sich ein Problem in der Corona-Infektionskette darstellt oder nicht genauso wie Joggen oder Spazierengehen zu sehen ist.

Zumindest die Betriebe dürfen arbeiten und dafür sorgen, dass die Hafenanlagen und Zufahrten zugänglich sind, wenn die Saison beginnt. Foto: ra

In Berlin kam es über das Wochenende zudem zu einigen Fehlinterpretationen, die den Segelsport zu erlauben schienen. So erklärte die Wasserschutzpolizei in ihrem Infoblatt am 3. April, dass Arbeiten an den Schiffen und das Slippen sowie Wassersport auf den Berliner Gewässern (unter Auflagen) ab sofort wieder erlaubt seien.

Die 12.000 Segler/innen der 108 Berliner Segelvereine freuten sich schon. Doch bereits am Folgetag kam das Dementi durch den LSB Vize-Präsidenten Leistungssport: „Die Verlautbarung der WSP war mit der Senatsinnenverwaltung nicht abgestimmt, die Senatsverordnung untersagt weiterhin den Vereinssport und erlaubt nur wenige Ausnahmen des Leistungssports auf Antrag. Daran hat sich nichts geändert. […] Der LSB verhandelt aktuell mit dem Senat über Öffnungsklauseln, da wird der Wassersport mit dabei sein. Diese Verhandlungen sollten wir aber abwarten.“

Andreas Löwe sieht die Wassersportler derzeit in der Zwickmühle, die nur durch die politischen Entscheider gelöst werden kann: „Man kann sicherlich beide Aspekte verstehen: die Landräte, die derzeit ganz andere Probleme zu lösen haben, als sich um die Sorgen der Segler zu kümmern, aber auch das Unverständnis der Wassersportler, die die gefüllten Uferpromenaden sehen, aber nicht auf das Boot dürfen, obwohl von dort keine Ansteckungsgefahr ausgeht. Wir sind hier in einer außerordentlich misslichen Situation, zumal es auf vielen Revieren diverse Schnittstellen der Zuständigkeiten gibt – vom Bund, der für die Bundeswasserstraßen zuständig ist, bis hin zu den Gemeinden oder privat betriebenen Häfen.“

Infos und Verlinkungen gibt es auf der Seite der Kreuzer-Abteilung. Foto: Screenshot

Andreas Löwe erklärt daher: „Der Rat kann nur lauten: Die Sachlage ist bei der jeweiligen Ortspolizeibehörde bzw. dem Ordnungsamt zu klären!“ Eine knappe Übersicht zu den einzelnen bekannten Landesverordnungen mit entsprechenden Verlinkungen gibt die Kreuzer-Abteilung des DSV auf ihrer Seite.

Schleswig-Holstein: In Schleswig-Holstein sind alle Sportboothäfen für die Beherbergung gesperrt. Der Betrieb und Zusammenkünfte in Segelvereinen sind untersagt. Touristische Reisen auf die Inseln und Halligen sind verboten.

Niedersachsen: Der Betrieb und Zusammenkünfte in Segelvereinen sind untersagt. Touristische Reisen auf die Inseln und Halligen sind verboten.

Hamburg: Der Betrieb und Zusammenkünfte in Segelvereinen sind untersagt.

Mecklenburg Vorpommern: Der Betrieb und Zusammenkünfte in Segelvereinen sind untersagt.

Bremen: Der Betrieb und Zusammenkünfte in Segelvereinen sind untersagt.

Bayern: Der Betrieb und Zusammenkünfte in Segelvereinen sind untersagt.

Berlin: Der Betrieb und Zusammenkünfte in Segelvereinen sind untersagt.

 

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Ralf Abratis

... ist unser Mann aus der "Segelhauptstadt" Kiel. Mehr zu ihm findest Du hier.

Ein Kommentar „Corona-Regelungen: Unterschiedliche Verordnungen sorgen für Verwirrspiel im Wassersport“

  1. avatar Horst Seeholzer sagt:

    Es ist absolut unverständlich, um nicht zu sagen lächerlich, dass ich noch nicht einmal allein auf dem vereinseigenen Bootsliegeplatz am Baldeneysee an meinem Boot arbeiten darf, vom Segeln in meiner O – Jolle, einem Einmannboot ganz zu schweigen ( der ganze See ist Sperrzone) , anderseits keine 10 m entfernt von mir die Leute auf dem Rundweg radeln, joggen, wandern, scaten etc. ohne teilweise wegen der Menschendichte das Abstandsgebot einhalten zu können.

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