Edles Riva-Buch: Was Braschos plötzlich mit Motorbooten am Hut hat

"Was, ein Mobo?"

Von Seglern ignoriert

Sämtliche Vorbehalte, die ich bislang gegen Motorboote hatte, erscheinen so irreal wie der unwirklich über dem Appenzeller Land thronende Säntis. Aber ich habe auch eine lange Reise vom Erstkontakt mit Pickeln zu einer vertieften Beschäftigung mit diesem mir bislang unbekannten Pläsier hinter mir.

Riva

Lustlaster: Auf diesem Magirus Deutz Rundhauber reist das Boot wieder durch die Weltgeschichte © Nicole Werner/ATP Verlag Berlin

Das eine oder andere Segelboot dümpelt in der Bruthitze auf dem See. Die Crews dösen apathisch unter flappenden Segeln. Manche haben Sonnenschirme aufgeklappt. Keine Idee, ob die auf den Eismann oder den Wind warten. Auf uns, die fröhlich winkenden Motorbootfahrer jedenfalls nicht. Man ignoriert uns Störenfriede, guckt indigniert weg.

Als verkniffene, nicht grüßende Böötler habe ich uns Segler noch nicht gesehen. Ich saß ja bisher auch nur drüben. Ein gefährlicheres Incentive hätte sich Börries für mich nicht ausdenken können. Seit diesem Ritt über den Bodensee verstehe ich, dass Riva Fahren im Hochsommer auf alpennahen Gewässern die einzig erträgliche Lebensweise ist, solange man keine Klimaanlage, keinen Wind und das nötige Spritgeld hat.

Fast aus der Halle geflogen

Irgendwo vor Bottighofen berichtet Börries dann, das mich Bootsrestaurator Jürgen Renken während der 18-monatigen Recherche des Buches genervt mehrmals beinahe aus der Halle geworfen hätte. Dabei hatte ich mich bloß normalgründlich für Frearson Holzschrauben aus Silikonbronze, ihre Schaftstärke und speziellen Kreuzschlitz interessiert.

Weil Carlo Riva, der italienische Signore Motoscafi damit damals die beste und täglich reproduzierbare Qualität einführte. Dass es so etwas wie Asuso Edelholzpulver überhaupt gibt oder Pasta Mogano wusste ich nicht. Wie man Schleifbretter für die elegante Hüfte dieser Sophie Loren unter den Booten anschmiegsam macht auch nicht.

Den Handschliff, die Lackiertechnik und das in eine Politur übergehende, mit 4.000er „Körnung“ endende Finish fand ich auch interessant. Ich bekam Einblick in eine handwerkliche Besessenheit und Hingabe, die ich so nicht kannte. Dabei bin ich eine Weile auf klassische Yachten und Handwerksthemen spezialisiert. Ich habe gelernt, wie sich eine Bordwand auf wenigen Metern vom kühn ausgekragten Bug zum rasant eingeschnürten, oben halb runden Heck formen lässt. Wie beim sogenannten „barrel back“ ursprünglich amerikanischer Runabouts.

Stille Fetischisten

Ich begegnete stillen Fetischisten und selbstbewusst sympathischen Workaholics aus der „Klappe halten Arbeit machen“ – Fraktion. Auch der Fotografin, einer sensiblen wie unnachgiebigen Frau, die in ihrem Handwerk ungern Kompromisse eingeht. Ich begleitete Nicole Werner zu Spezialisten in Norditalien, die richtig retro sind und einen echten Hau haben. Hockte bei Giovanni Morosini im Keller seines Spielzeuggeschäfts zwischen alten VDO Instrumenten am Iseo See, als ob die Zeiger seit Jahrzehnten stehen geblieben wären.

Ich lernte Karl Heinz Reichert im schleswig-holsteinischen Grevenkop als Behüter und Fahrer des betagten Magirus Bootslasters. Einst chauffierte er den Hamburger Modekaufmann Thomas Friese anlässlich des Admiral’s Cup über die Isle of Wight, damit der oben von der Kliffkante die flachen Stellen und Strömungsverhältnisse sehen konnte.

PS: Nach dem Riva-Ritt traktiere ich meine Segelfreunde wochenlang mit diesem Erlebnis. Einige meinten, ich hätte was genommen oder zu viel Superbenzin geschnüffelt. Wahrscheinlich beides. Die Tatsache, das Riva Fahren komplett außer meiner Range liegt, hat die Rückkehr in die reale (Segler-)Welt erleichtert.

PSPS: Nächstes Jahr kommt Renken mit zum Segeln auf meinem Schiff. Börries hält sich zum Thema Nr 1 noch bedeckt. Wahrscheinlich weiß er, dass schärenkreuzern einen ähnlich an den Haken nimmt wie edelholzen mit einer restaurierten Tritone. Oder er findet segeln genau so fad und blöd wie ich bisher Motorboot fahren.

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Riva Tritone

Das Boot wurde 1966 als letztes Exemplar der Riva Tritone Serie mit der Baunummer 258 für 47.000 Mark (das Budget eines Mercedes 600) nach Berlin-Schwanenwerder geliefert. Es galt lange als verschollen, bis es in Rhumspringe bei Göttingen in einer stillgelegten Wasserstoffsuperoxid-Fabrik der Vierziger Jahre entdeckt wurde.

Bauweise: Bootsbausperrholz und dreilagig formverleimtes Sipo-Mahagoni über 27 Holzspanten und einigen Stringern. 8,03 m lang, 2,62 m breit, 0,54 m Tiefgang, mit halbvollen Tanks 2,8 t schwer. Zwei Chris-Craft 283 Small Block Achtzylinder mit jeweils 4,64 l (283 Kubikzoll) Hubraum und 185 PS bei 3.800 U/min, 23 kn Reisetempo, 41 kn Spitze.

Lagerung und Transport auf einem ehemaligen Postlaster Typ Magirus Deutz 90 7DL Rundhauber mit luftgekühltem Sechszylinder und historischem Kässbohrer Sattelauflieger.

 Das Buch zum Boot

Es ist in drei verschiedenen Ausführungen im Berliner Verlag Authentic Treasures Publications erschienen. Es wurde für den Deutschen Fotobuchpreis 2013 nominiert, kostet 225 € und ist in Kiel im Zentrum des Freundeskreises Klassische Yachten im Hamburger Hanse-Viertel bei der Fachbuchhandlung Wede, am Rödingsmarkt bei Yachtausrüstung-Hamburg, beim Auktionskontor Hamburg im Stadtteil Winterhude und in München bei der Kunstbuchhandlung Werner in der Residenzstraße anzuschauen.

Infos zum Buch über die Restauration der letzten Riva Tritone: Eine Liebesgeschichte

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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.

5 Kommentare zu „Edles Riva-Buch: Was Braschos plötzlich mit Motorbooten am Hut hat“

  1. avatar o nass is sagt:

    Also defintiv ein Mobo, das einen schwach machen könnte. Genau wie eine Boesch. Sollte man aber nur im dunklen Anzug oder Smoking fahren. Und das leichte Cary Grant-Grinsen vorher üben. Oder so…

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    • avatar SR-Fan sagt:

      Zustimmung. Wenn Mobo, dann sowas 😉
      Allerdings habe ich mich schon mal vom Spritverbrauch eines “normalen” V8 überraschen lassen – das vergisst man so schnell nicht.

      VG

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  2. avatar Hemlocke sagt:

    Ach Braschi-Baby, seit Jahren machste uns mit deinen Edelholz Geschichten heiß und privat juckelste auf nem schnöden Plastikkahn rum.
    Das ist doch Wein predigen und Wasser saufen!

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  3. avatar RVK sagt:

    Der Teufel kommt immer in seinen schönsten Kleidern… aber am Ende gilt doch immer wieder: Bratze bleibt Bratze!

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  4. avatar Sportbootjo sagt:

    Enteignet Spinger! Dann wäre das scharfe Riva Teil von Rudi Duschke, Dany le Rouge und Co über den Wannsee geprügelt worden, hoch nach Spandau und rüber in den Landwehrkanal bis zum Fundort von Rosa Luxenburg und Karl Liebknecht. Und dort zum Abschluß ein würdiges Wikingerbegräbnis für das Kapitalistenspielzeug aus Tropenholz!

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 7 Daumen runter 9

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