Eissegeln: Yacht mit Proa-Rigg – Deutscher in Schweden individuell unterwegs

Polynesisches Eissegeln

Segelschnitt und Rigg kennt man eigentlich eher von den polynesischen Südseevölkern. Doch warum sollte dass nicht auch auf dem eis klappen? 

Rechtzeitig mit den (gefühlt) ersten Polarluft-Zonen, die derzeit über dem nördlichen Europa den Sommer (der wirklich einer war) ganz schnell vergessen lassen… Vorhang auf für die etwas andere Eissegelyacht.

Seit zwei (Winter-)Saisons segelt der Deutsche Peter Adrian mit einem „Crab Claw“/Proa-Segel auf seiner klassischen „Isabella“, die er selbst baute und modifizierte. 

Viele Segler kennen das Rigg von den polynesischen Proas und Segelkanus im südlichen Pazifik. 

In einem der interessantesten (und von vielen mit bahnbrechend bezeichneten) Bücher über die Aerodynamik des Segelns macht C. A. Marhaj deutlich, dass es sich bei dieser Rigg- und Segelform um die vielleicht effizienteste überhaupt handelt. Ihr einziger Nachteil (auf flüssigem H2O) besteht vielleicht in einer eher suboptimalen Höhe am Wind. 

Das vielleicht beste Segel der Welt

Höhe ist beim Eissegeln nicht ganz so wichtig. Also könnte man auf gefrorenem Nass de einen oder anderen Vorteil „herausholen“, muss sich der Adrian gesagt haben. Und machte sich an die Arbeit… 

Nach SegelReporter-Anfrage antwortete er uns: 

„Als Deutscher hier in Schweden muss man Flagge zeigen und besonders dann, wenn es um die Entwicklung der schnell wachsenden, freien „Isabella“-Eisyacht-KISS-Klasse geht. KISS = keep it simple, stupid. 

Das heißt auch: Man nimmt was man hat, um eine gut funktionierende Eisyacht zu bauen. 

Grundprinzip ist die Isabella-Classic von Bernd Stymer  mit den Abmessungen von ca.4,20m x 2,2m und einem einfachen Windsurfing Rigg mit bis zu 6,5qm Segelfläche. 

Damit stehen Tür und Tor offen, die Yacht seiner Träume zu bauen und sich mit anderen zu messen.“

Eissegeln, Proa-Rigg

Die Isabella, ohne Korsett © adrian

Und genau das machen Eissegler sowieso immer, berichtet Adrian weiter. Auch dann, wenn gerade mal zwei aufeinander treffen: Gegeneinander segeln, sich messen, den Speed bis zum Letzten ausreizen.  Dabei habe man speziell in der „Isabella“-Klasse immer auf ein Höchstmaß an Individualität geachtet. Zwar sei der soziale Effekt in so einer Klasse enorm wichtig, auch weil so aus der Gemeinschaft heraus neue Ideen und Projekte in das Grundkonzept fließen. Jedoch habe man es bewußt vermieden, einen Klassenverband aufzubauen. Adrian: Einige haben das versucht und wollten ihre Plastik (!)-Yachten als“Isabellas“ ausgeben und sie in ein Korsett pressen. Glücklicherweise Fehlanzeige!“

 Ab- und aufgeriggt in fünf Minuten

Fünf Winter sei er auf einer verbesserten G-Flyer-Classic unterwegs gewesen, mit der er „sauber und sicher an die 90 km/h“ auf dem Eis segelte. „Mit dem Crabclaw-Segel bin ich nun zwar mit einer kleineren Segelfläche unterwegs, aber die Segeleigenschaften und sonstigen Vorteile überwiegen. Der Segelschwerpunkt ist deutlich niedriger und vor allem: Die Yacht ist bei Eiseskälte in fünf Minuten segelklar oder im gleichen Zeitraum auch wieder abgeriggt.“  Während andere mit ihrem Bermuda-Rigg zwanzig Minuten brauchen, um ihr steifes Plastik an den Mast zu bekommen… 

Eissegeln, Proa-Rigg

Schnell zusammengepackt © adrian

Zudem könne man den Eissegler mit angeschlagenem, aber eingepackten Segel einfach in die Box parken. Einfach die Segelpersenning abziehen, Segel setzen, fertig. 

„Für mich ist das Segel bzw. Rigg eine regelrechte Win-Win-Situation. Und mal ganz ehrlich: Nach dem Halsen geht das Ding ab wie ein Porsche!“ 

Im Laufe der Zeit habe er zwar einige Fortschritte beim Verständnis der Aerodynamik des Crab Claw-Proa-Segels gemacht, doch gebe es auch für ihn als ehemaligen Flieger noch einiges Unbekannte zu entschlüsseln. Das mache die Sache besonders spanned: „Es gibt immer wieder Neues zu entdecken!“

Eissegeln, Proa-Rigg

Ziemlich cooles Teil © adrian

Und auch finanziell sei das per se flach geschnittete CCS eine interessante Variante zum Bermuda-Rigg. Da es keine besonderen, schnitttechnischen Raffinessen brauche, kaufe er sich einfach ein Sonnensegel, das er dann umfunktioniere: „Alles nach dem KISS-Motto – auf der heimischen Nähmaschine einen Abnäher einnähen und schon ist das CCS fertig!“ 

avatar

Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier
Spenden

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *