Extremtörn: Belgier will mit Class40 zweimal nacheinander um die Welt – Verrückt?

Segeln, segeln, segeln...

Hochseeregattahäfen sind voll von Enthusiasten, Träumern und Machern, die nur das Eine im Kopf haben: So weit und so schnell wie möglich die Ozeane dieses Planeten bezwingen. Wie der 32-jährige Belgier Gaëtan Thomas – ein Porträt.

Seehäfen üben seit jeher eine besondere Faszination aus: Die Landeier können dort auf sicherem Boden träumen, wie es wohl wäre, einmal bis zum Horizont und wieder zurück zu fahren oder zu segeln. Für die Seeleute ist es nach wochen- oder monatelangen Törns auf Hoher See der Sehnsuchtsort, in dem die Lieben oder die Liebe, die Heuer und ein paar erholsame Tage auf sie warten. Bevor es dann wieder raus auf See geht, um welchen Job auch immer da draußen zu erledigen. 

Auch auf Hochseeregattahäfen trifft das im Prinzip genau so zu. Jedoch kommen hier noch einige Aspekte hinzu: Man kann tolle Boote bestaunen und trifft auf einen unvergleichlichen Pool mehr oder weniger erfahrener oder berühmter Segler, die von hier aus ihr tägliches Trainingspensum leisten oder gar zur großen Abenteuerfahrt starten.

Nur einen Fokus im Leben

Einer von diesen eher erfahrenen, aber noch nicht so richtig berühmten Seglern ist Gaëtan Thomas. Noch nie von gehört oder gelesen? Kein Wunder, denn der 32-jährige belgische Hochseeprofi ist bisher noch nicht so richtig ins Rampenlicht getreten. Obwohl er in seinem jungen Leben aus Seglerperspektive schon einiges geleistet hat, was einen Scheinwerferspot auf sein (heute) bärtiges Gesicht wert gewesen wäre. 

Gaëtan Thomas © Gaëtan Thomas

Schaut man sich Gaëtan Thomas’ Lebenslauf an, kann man durchaus annehmen, dass der Belgier nur einen Fokus im Dasein anpeilt: Segeln, segeln und nochmals segeln. 

Seit 2006 ist Gaëtan Thomas Segelprofi, doch mit dem Segeln hat er bereits als kleiner Steppke angefangen. Zuerst mit seinen Eltern auf einem 5.50 m Corsaire-Küstenkreuzer, später auf einer 35-Fuß Fahrtenyacht. Als Achtjähriger begann er mit der Regattasegelei auf dem Optimist, schaffte es später sogar bis in den belgischen 420er-Nationalkader. Im zarten Alter von 15 schmiss er – aus familiären und finanziellen Gründen – die Jollensegelei hin. Und einen Tag vor seinem 16.Geburtstag kehrte er auch der Schule endgültig den Rücken zu. 

Profiskipper, sonst nichts

Was sich hier wie der Beginn eines eher zweifelhaften weiteren Lebensabschnitts liest, war für Gaëtan Thomas jedoch nur der konsequente Umgang mit seinem Lebenstraum: Er wollte Profiskipper werden, basta. Also bevorzugte er die Schule des Lebens einer Schule, die ihn mit Schulfächern nervte, von denen er sich nichts für seine Zukunft versprach.

Zunächst arbeitete er als Trainée in einer Segelschule auf den bretonischen Glenan-Inseln. Dann trainierte er vor Korsika auf diversen Charter-Schiffen, zog für zwei Jahre nach Australien um sich dort als Crew-Mitglied auf verschiedenen Maxis die Hörner abzustoßen.

Egal wie alt – Class 40 sind coole Arbeitspferde der Meere © Gaëtan Thomas

Mit 18 war er soweit. Gaëtan Thomas hatte ein paar Skipperpatente in der Tasche, man vertraute ihm erste Yachten für Überführungen an und endlich standen Hochseeregatten auf dem Programm. Als Twen sammelte er erste Solo-Erfahrungen u.a. mit drei Transatlantik-Überquerungen solo innerhalb von 18 Monaten (Überführungstörns). Und mit Ende Zwanzig war er bereits auf dem vorläufigen Höhepunkt seiner Karriere angekommen: Als erster Belgier skipperte er 2017 eine der 70 Fuß Onedesign-Yachten beim Clipper Round the World Race 2017 (Team Garmin). Rang 5 von 12 gestarteten Yachten kann als ausgesprochen respektables Ergebnis bezeichnet werden. 

Lieber kleinere Brötchen backen

Doch was macht man nach so einem Erlebnis, nach so einem Erfolg? Wie Alex Thomson gleich in die IMOCA-Klasse einsteigen, nachdem der als 25-Jähriger das Clipper Race sogar gewonnen hatte? Schön wär’s gewesen, doch die Zeiten haben sich geändert. Gaëtan Thomas’ Traumregatta, die Vendée Globe war längst zu einem finanziell nur schwer zu stemmenden Weltsportereignis heran gewachsen. Und selbst wenn er einen Sponsor gefunden hätte, wäre der Zeitraum nach dem Finish des Clipper Race  2018 bis zur Vendée Globe 2020 zu kurz gewesen. 

Das zweite Weltumseglungsprojekt von Gaëtan Thomas © the race around

Also besann sich der junge Belgier auf das Wesentliche. Traum Nummer 1 war immer schon eine Weltumseglung – abgehakt mit dem Clipper Race. Traum Nr. 2 war eine Solo-Nonstop-Weltumseglung. Und das bitteschön nicht im Stil eines Bernard Moitessier, dem es in erster Linie um das Alleinsein auf See ging. Besser wäre ein Rundum-Törn auf einem möglichst schnellen und dennoch vertrauenswürdigen Regattaboot. Wie eine Class 40, zum Beispiel. 

Erfahrungen waren mittlerweile genug gesammelt worden. 120.000 Seemeilen hatte der junge Profiskipper im Kielwasser, darunter eben die eine Weltumseglung in Etappen, acht Atlantiküberquerungen mit Crew und drei Transats solo.

Weltumseglung auf Class 40

Irgendwann stieß Gaëtan Thomas auf die Geschichte des Chinesen Guo Chuan. Der hatte 2013 auf einer Class 40 in der südlichen Hemisphäre mit 137 Tagen einen Solo-Nonstop-Rekord aufgestellt. Später segelte Chuan Rekordfahrten auf Ultim Trimaranen (u.a. mit dem Deutschen Boris Herrmann als Navigator). Chuan fiel 2016 bei einer Solo-Rekordfahrt im Pazifik über Bord und ertrank. (SR-Artikel)

Die Schlüssel-Elemente für Gaëtan Thomas: Mit der Class 40 sind Weltumseglungen nicht nur machbar, sondern auch noch in guten Zeiten zu realisieren. Und Rekorde sind nunmal dazu da, gebrochen zu werden.

Also besorgte er sich eine Class 40, um damit um die Welt zu segeln. Mit der Nr. 55 hatte er zwar nicht ein Exemplar der neuesten Generation erworben, doch für die Langstrecke rund um den Globus scheint sie wie geschaffen. Das Boot ließ Giovanni Soldini 2007, gerade mal zwei Jahre, nachdem die Class 40-Klasse überhaupt gegründet worden awar, bei FR Nautisme in Lorient bauen. Bis 2010 konnte der Italiener damit einige Rennen für sich entscheiden oder zumindest immer gut abschneiden; später zeigte sich die „55“ vor allem als robuste und verlässliche Transat-Rennkiste. 

136 Tage sollen unterboten werden © Gaëtan Thomas

Mit einem Budget von 200.000 Euro (inkl. anstehender Umbauten für die harten Bedingungen im Southern Ocean) will Gaëtan Thomas damit nun ab Oktober 2020 auf ein geeignetes Wetterfenster warten, um den Rundum-Törn nonstop in Rekordzeit zu schaffen. 

Losgehen soll es vor der bretonischen Insel Ouessant, wo dann folgerichtig auch die Ziellinie gezogen wird. Da sich die erwähnte Weltumseglungs-Rekordzeit von Chuan, der in der südlichen Hemisphäre segelte, nicht unbedingt mit der potentiellen Rekordroute von Gaëtan Thomas vergleichen lässt, visiert der junge Belgier eher eine Zeit an, mit der die ersten Vendée Globe-Sieger die Erdumrundung geschafft haben. Je näher man an die Hundert Tage heran kommt, so Gaëtan Thomas in mehreren Interviews mit lokalen Tageszeitungen, umso stolzer werde er sein. 

Frühe Vendée Globe-Siegzeiten im Visier

Doch damit nicht genug mit Prestige-trächtigen Projekten in der 40-Klasse. Nach seiner Rückkehr vom Rundum-Törn will Thomas gleich eine neue Class 40 bauen lassen, mit der er im Anschluss an seine erste eine zweite Weltumseglung in Angriff nehmen will. Diesmal in der Flotte der Regatta „The Race Around“ – eine Zweihand-Regatta, die in maximal fünf Etappen wieder an den großen Kaps vorbei um den Globus führen soll  (SR-Artikel über „Globe 40“ und „Race Around“). Zwei Mal rundum innerhalb von vier Jahren – ein gleichermaßen sportliches wie ehrgeiziges Projekt.

Beides will Gaëtan Thomas mit einer Crowd Funding Kampagne finanzieren. Für seine Einhand-Weltumseglung kam so immerhin schon genug Geld zusammen, um die Arbeiten am Boot, Rigg und einen neuen Segelsatz zu bezahlen. 

homas auf seiner Website: „Der Name meines Bootes lautet “Be the drop“. Die Idee besteht darin, das Bewusstsein für die täglichen Handlungen zu schärfen, die den Planeten sauberer machen. Hochseeregattasegler engagieren sich immer häufiger für den Schutz der Meere und Ozeane, und das ist ein Schritt in die richtige Richtung. Segler leben auf dem Meer, dank und mit den Elementen – ein Thema also, das uns besonders am Herzen liegen sollte“.

Gaëtan Thomas © Gaëtan Thomas

Mit steigender Aufmerksamkeit vor allem in Frankreich und Belgien hofft Gaëtan Thomas auf weitere Unterstützung, auch durch ökologisch ausgerichtete Sponsoren. 

Doch das ließ der Belgier vor der Corona-Pandemie auf seiner Website durchblicken – wie „willig“ sich potentielle Geldgeber für sein schon im Herbst startendes Weltumseglungsprojekt zeigen werden, bleibt abzuwarten. 

Noch ist der belgische Segler „nur“ ein Class-40-Segler unter Dutzenden anderen in seinem Heimathafen Lorient. Die kommenden Wochen werden zeigen, wie und ob sein Bekanntheitsgrad und somit sein finanzielles Polster steigen werden. Damit ab Oktober wieder ein Weltumsegler von einem Regattahafen aus den Horizont ansteuern kann. Und viele Zurückgebliebene sich virtuell mit ihm auf die lange Route rund um den Globus machen können.  

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Michael Kunst

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