Flüchtlingsdrama: Afghane auf Segel-Floß gerettet

Auf sechs Brettern ins "Paradies"

Bretter, Matratze, Betttuch und Angel… damit wollte ein 33-jähriger Afghane von Frankreich nach England segeln. Mitten auf der Fährenroute wurde er entdeckt – und gerettet.

Afghane, Segel Flüchtling

Der Afghane wird auf seinem Floß “aufgebracht” und gerettet © französische Küstenwache

Wir alle wissen um die Flüchtlingsdramen, die sich derzeit auf den europäischen Meeren abspielen. Zu Tausenden flüchten die Menschen aus ihrer Heimat, weil dort ihr Leben in Gefahr ist: Bürgerkriege, Hunger, unvorstellbare Armut treiben sie unter dramatischen und strapaziösen Umständen in Richtung unserer sozial und wirtschaftlich ungleich besser gestellten Gefilde.

Die für uns Wohlbehütete kaum nachvollziehbare Verzweiflung dieser Flüchtlinge wird immer dann besonders deutlich, wenn man sich die maroden, überfüllten, meist schon halb abgesoffenen Kähne anschaut, mit denen sich die Menschen übers Meer wagen. Oder in die sie von Schleppern verfrachtet werden.

Dabei gilt die makabre Regel, dass möglicherweise mehr Menschen auf See sterben, als letztendlich an den Stränden Europas ankommen.

Seit 14 Jahren auf der Flucht

Einen ähnlich einzuordnenden Akt der Verzweiflung, gemischt mit einer gewissen Portion Tollkühnheit, einer Prise Naivität, vor allem aber Unkenntnis in Bezug auf die Gefahren der See vollzog kürzlich ein afghanischer Flüchtling am und auf dem Ärmelkanal.

Asif Hussainkhil (33) war schon lange auf der Flucht. Vor 14 Jahren kehrte er seiner von den Taliban terrorisierten Heimatstadt Kabul den Rücken und floh auf dem Landweg in Richtung vermeintlicher Paradiese. Der Iran, die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Kroatien, Slowenien, Italien und die Schweiz waren seine bisherigen Stationen. Mal legal, mal illegal, mal halb legal… irgendwie schlug er sich immer durch.

Und nun campte er seit eineinhalb Monaten irgendwo in den Dünen in der Nähe von Calais.

Doch dies war nicht irgendeine Station auf seiner Odyssee, sondern die letzte vor seinem ganz persönlichen Paradies. „Ich wollte immer schon nach England,“ erzählte Hussainkhil französischen und englischen Medien. „England ist ein starkes Land, dort ist man in Sicherheit. Außerdem leben dort mein Onkel und meine Cousins. Hier war es die ganzen Jahre über so hart – da drüben soll es wunderbar sein!“

Mit dem Mut der Verzweiflung beschloss also Asif Hussainkhil, dass er auf einem selbst gebauten Floß „die paar Kilometer“ über die Wasserstraße ins Land seiner Träume segle.

Gedacht, gesagt, getan. Er sammelte Treibgut, suchte im Abfall der Campingplätze, fand am Strand größere, angeschwemmte Bretter. Und begann zu bauen.

Abenteuerliches „Floß“

Asif Hussainkhil zimmerte zunächst ein Dreieck aus Holzlatten – den Rumpf, sozusagen – nagelte drei kürzere Bretter (zur Stabilisierung?) quer, unter denen er als Auftrieb und als Sitz eine Matratze bzw. ein größeres Sitzkissen band.

Auf dem Bug, also auf der Spitze des Dreiecks, befestigte er einen Tischfuß (oder einen Sonnenschirmständer?), in den wiederum eine gefundene Angel gesteckt wurde. Schließlich das klassische Flucht- und Segeltuch = Bettuch gehisst… fertig ist der Fluchtkreuzer.

Dass vor einigen Tagen, als Asif Hussainkhil spontan auslief – „es war ein guter Tag, mir war danach, ich konnte nicht mehr warten“ – die Wasser der am meisten befahrenen Seeroute der Welt nur 10 Grad Celsius kühl waren, zwei Meter Seegang herrschten und es mit 5-6 Beaufort wehte… geschenkt. Schließlich hatte sich Hussainkhil ja einen Windblouson übergezogen.

Wurde bereits erwähnt, dass sein Floß nicht mit einem Ruder ausgestattet war? Von einem Kompass hatte Asif Hussainkhil noch nicht einmal etwas gehört, war ja auch  unnötig, schließlich wollte er ja nur „da rüber!“

Erstaunlich ist, dass der Afghane mit seiner abenteuerlichen Konstruktion unter diesen Bedingungen bis in die Fährrouten des Ärmelkanals trieb, wo er dann glücklicherweise von der Besatzung einer Schnellfähre gesichtet wurde, die offenbar sogar ausweichen musste.

Die alarmierte französische Küstenwache fand den Flüchtling dann auch mehr oder weniger wohlbehalten. „Nachdem er uns gefragt hatte, ob wir Engländer oder Franzosen seien, zeigte er sich bei unserer Antwort sichtlich enttäuscht. Als wir ihn darüber aufklärten, welches Schicksal ihn erwartet hätte, war Herr Hussainkhil dann aber doch erleichtert, ausgerechnet von einer französischen Küstenwache gerettet zu werden!“ berichtete der verantwortliche Rettungsoffizier.

Wer bringt ihn rüber?

Unterm Strich schien Asif Hussainkhil dann tatsächlich zufrieden. Er habe „richtig viel gelernt dabei, weiß jetzt, dass man ein Segelboot (!) immer mit einem Steuer versehen muss und dass es sicherer sei, wenn das Boot größer ist. Wahrscheinlich müssen die Latten einfach zwei Meter länger sein! Ich werde es bestimmt nochmals versuchen. So kurz vor dem Ziel gebe ich nicht auf!“

Vielleicht erbarmt sich ja auch irgendein Segler vor Ort und nimmt ihn „einfach“ mit. Legal, illegal, scheißegal.

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Michael Kunst

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