Frachtsegler: Neoline kooperiert mit französischem E-Werk – Ersparnis von 600.000 MWh

Rückenwind vom Energieriesen

Kommt der erste, effiziente Fracht-Segler-Neubau aus Frankreich? Die Chancen stehen gut für „Neoline“ und seine 136-Meter-Frachter, die hauptsächlich vom Wind angetrieben werden sollen.

Es gibt mittlerweile Dutzende Konzepte für den Neubau großer Frachtsegler, die möglichst sauber über die Meere und Ozeane fahren sollen. Die aussichtsreichsten dieser Projekte setzen mittlerweile auf einen Antriebsmix aus Wind (über Segel oder das Flettner-Rotor-Prinzip) und ein Hybrid-System aus Verbrennungs- und Elektro-Motoren. Bei den neueren Konzepten sollen teils enorme Segelflächen sogar für den größten Teil des Vortriebs sorgen.

Doch bis heute ist festzustellen, dass es nur wenige Projekte gibt, die deutlich über den Planungsstatus hinaus gelangen. Zwar werden fleißig Design- und Umweltpreise an die innovativen und visionären Vordenker dieser teils spektakulären Konzepte und Entwürfe verliehen, eine Umsetzung verläuft dann aber meist aus finanziellen Gründen im Sande. (siehe auch SR-Artikel über das Windschiff/Vindskip)

Noch scheint die Lobby für deutlich sauberere Transporte auf den Ozeanen nicht stark genug, um ein paar Dutzend Milliönchen in die Hand zu nehmen und erste Schiffe zu bauen. 

Nur eine vernünftige Lösung: Segel!

Auch wenn sich die Franzosen in Sachen Umweltschutz häufig hinter anderen Europäern einreihen, haben sie seit einigen Jahren einige vielversprechende Projekte angestoßen, von denen zumindest eines in naher Zukunft realisiert werden könnte. 

So könnte bald aus der Mini-6.50-Perspektive die Begegnung mit einem Frachtsegler auf Hoher See aussehen © neoline

Über das Projekt Neoline haben wir bei SegelReporter bereits mehrfach berichtet (Artikel). Dieser Art „Thinktank“ aus erfahrenen Offizieren der Handelsmarine, relativ jungen Technikern und visionären Umweltschützern wurde vor fünf Jahren ins Leben gerufen und propagierte zunächst – neben den „üblichen“ Entwürfen spektakulär wirkender, neuer Frachtsegler – eine simple Botschaft an Reeder und Politiker: „Um den Schadstoffausstoß auf den Weltmeeren zu verringern und um Ressourcen zu schonen, gibt es für den umweltverträgliche Transport zur See nur eine vernünftige Lösung: den Vortrieb durch Segel!“ 

Ein Bekenntnis, das aus den Mündern von Handelsmarine-Kapitänen und -Offizieren, die oft 30 Jahre lang dicke Pötte mittels Schweröl-Verbrennung über die Ozeane kutschierten, umso mehr Beachtung verdient. 

So verpflichteten sich in Vorverträgen bereits der Automobilhersteller Renault dazu, Exportfahrzeuge nach Übersee u.a. mit den Neoliner-Schiffen zu transportieren. Und in Seglerkreisen erhielt Neoline gebührende Aufmerksamkeit, als Beneteau, die größte Serienbootswerft der Welt,  ankündigte, seine Boots-Transporte in die USA in Zukunft ebenfalls mit den neuen Frachtseglern zu absolvieren – falls die Schiffe gebaut werden. 

Container, Autos, Boote… alles kann transportiert werden © neoline

Denn auch Neoline hatte, allen Beteuerungen, Zuneigungen und Glückwünschen aus Industrie und Politik zum Trotz mit der Realisierung eines ersten Frachtseglers deutliche Probleme. Zwar bewarben sich unterschiedliche Werften entlang der französischen Atlantikküste mit offenbar annehmbaren Preisen für den Bau eines Prototypen. Doch mit der Finanzierung wollte es einfach nicht klappen.

So unterzeichnete man im Juli 2019 mit der französischen Werft Neopolia in St. Nazaire zwar im Beisein des Französischen Wirtschaftsministers einen Vertrag für den Bau von zwei 136 Meter langen Neoline Cargo-Schiffen. Doch war die Finanzierung für den Bau alles andere als „in trockenen Tüchern“.

Hirngespinste? Oder belastbare Fakten?

Zu groß waren die Bedenken seitens potentieller Geldgeber, dass es sich auch bei Neoline um eines dieser Hirngespinste handeln könnte, die auf dem Computerbildschirm zwar recht nett aussehen, in der Realität jedoch versagen oder doch zumindest nicht halten, was sie einst versprachen. 

Doch das könnte sich mit der Ankündigung einer neuen Partnerschaft nun drastisch ändern. Denn der weltweit zweitgrößte Stromerzeuger, die staatlich dominierte französische Elektrizitätsgesellschaft EDF, ist eine offizielle Zusammenarbeit mit Neoline eingegangen. 

Diese Partnerschaft ist nicht unbedingt aus finanziellen Gründen interessant – EDF ist mit 158.000 Mitarbeitern zwar riesig, aber auch riesig verschuldet (knapp 40 Milliarden im Minus) und dürfte wohl eher wenig Geld in den Schiffbau investieren wollen. 

Noch dieses Jahr soll mit dem Bau begonnen werden © neoline

Doch in Frankreich hat das Wort von EDF vor allem in der Industrie enormes Gewicht. Und wenn EDF-Fachleute nun mit mehreren hochoffiziellen Studien und Berechnungen nachweisen, dass die  von Neoline angepriesenen Emissions- und Brennstoff-Ersparnisse sinnbildlich eben NICHT heiße Luft sind, hat das einen enormen Wert in der französischen Wirtschaft.

Zudem ist auch in der französischen Industrie mittlerweile die Notwendigkeit zum Umdenken in Sachen Umweltschutz und eine entsprechende Transformationsbereitschaft angekommen.

Entsprechend feierte die Neoline-Crew die Veröffentlichung der EDF-Berechnungen in einigen, höchst wohlwollenden Berichten in französischen und internationalen Wirtschaftsmagazinen. Die offizielle Partnerschaft war dann sozusagen noch die „Kirsche auf der Sahnetorte“. 

Die EDF-Spezialisten berechneten Verblüffendes: “Auf der Grundlage seiner Forschungs- und Entwicklungsstudien hat EDF die Energieeinsparungen quantifiziert, die an Bord dieses Neoliner mit 4.200 m² Segelfläche erzielt werden können. Dieses Schiff ermöglicht, über 15 Jahre hinweg 600.000 MWh einzusparen. Das entspricht der Produktion von drei 6-MW-Windturbinen oder dem Verbrauch einer Stadt mit 9.000 Einwohnern über zehn Jahre“. Neoline gibt zudem an, dass der Schadstoffausstoß auf Neoline-Frachtern um 90 Prozent reduziert werden kann.

90 Prozent weniger Schadstoff-Ausstoß

Grund genug für einen weiteren, von Neoline offenbar lang umworbenen Partner, ins Frachtsegler-Geschäft einzusteigen. Sogestran ist ein in Le Havre ansässige Beratungsunternehmen, das sich auf maritime Projekte spezialisiert hat und nun für Neoline neue Investoren ins Boot holen will. Mit großen Aussichten auf Erfolg: Das 72 Jahre alte Familienunternehmen Sogestran gilt in der französischen maritimen Branche als besonders stabil und seriös. 

„Wir werden noch 2020 mit dem Bau der beiden Schiffe beginnen!“ ist aus Neoline-Kreisen zu vernehmen. 

Die Neoliner sind 136 Meter lange Ro-Ro-Frachtsegelschiffe (roll on – roll off) mit einer theoretischen Kapazität von 286 Containern (TEUs). Die Kosten für jedes Schiff werden auf jeweils 35 Millionen Euro geschätzt. Diese Schiffe sollen mit einer Geschwindigkeit von 11 Knoten fahren, so dass sie den Atlantik in 13 Tagen überqueren. Bei einem konventionelle Antrieb-System werden acht Tagen veranschlagt. 15 Besatzungsmitglieder sind erforderlich, um die 4.150 Quadratmeter große Segelfläche zu bedienen. Das Projekt basiert auf bestehenden Technologien wie einem unter Brücken kippbaren Duplex-Rigg, aber auch Vorrichtungen zur Verminderung der Abdrift.

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Michael Kunst

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