Fundstück: Mit dem Auto über den Atlantik – zwei Italiener auf einem unmöglichen Törn

Mit Passat und Taunus über den Teich

Man nehme: einen Ford Taunus, einen VW Passat, pimpe die beiden Fahrzeuge hochseetauglich und schon kann der Sohn die kühnen Träume eines verrückt-sympathischen Vaters realisieren. 

Abenteuer auf dem Wasser sind reine Kopfsache, nicht wahr? Die Einen fühlen sich schon reichlich abenteuerlich, wenn sie im Schlauchboot über den Baggersee treiben, auf der anderen Seite ein Picknick veranstalten und im Sonnenuntergang zurück paddeln. Andere wiederum brauchen die ganz große Herausforderung und segeln über den Atlantik, Pazifik, um die Welt. Und das gerne auch nonstop, ein, zwei Mal, mit oder gegen die vorherrschenden Windrichtungen. 

Hinzu kommen noch die Nuancen mit dem schwimmenden Untersatz: Manche schwören auf Großes und brettern alleine in Rekordzeit auf 30-Meter-Ultim-Trimaranen rundum. Andere suchen das Gegenteil und dümpeln in Drei-Meter-Nussschalen durch die Weltgeschichte. Wie gesagt, es ist eben alles Ansichtssache. 

Doch geben wir es ruhig zu: Was uns bei diesen Abenteuern am meisten fasziniert, sind die Extreme. Und das Verrückte, Einzigartige, das zuvor nie Dagewesene. Ganz egal ob die Boote und Schiffe aus Binsen (Kon-Tiki), „nur“ mit Luft gefüllt (mit dem Schlauchboot über den Atlantik) sind oder ob die Helden wie Diogenes im Fass über die Ozeane treiben – Hauptsache exotisch, verrückt, haarsträubend.

Selbst in unserer heutigen, durch und durch mediatisierten Welt lohnt auf der Suche nach solchen Abenteuern der Blick zurück in Zeiten, als noch nicht jeder „Pups“ von Bord per Video in die Wohnzimmer der Fans geschickt wurde. Oder anders formuliert: Schon mal was von den „Autonauten“ gehört? 

Mit VW und Ford den Atlantik befahren

So aberwitzig und irre sich das hier jetzt lesen mag, aber die beiden Italiener Marco Amoretti (damals 24) und Marcolino de Candia (21) haben 1999 in und auf einem abgewrackten VW Passat und einem Ford Taunus den Atlantik bezwungen. 119 Tage lang trieben sie über 3.100 Seemeilen von den Kanaren nach Martinique. Angetrieben wurden die Autos jedoch weder von Verbrennungs- noch von Elektromotoren, sondern wie es sich für richtige SeeFAHRER gehört – vom Wind! Wenn auch die „Segel“ und die Riggs“ eher rudimentär wirkten. 

Zunächst war das Duo jedoch ein Quartett. Marcos zwei jüngere Brüder wollten ebenfalls an dem Abenteuer teilnehmen. Doch schon nach wenigen Tagen auf See wurden die beiden Jüngsten derart seekrank, dass der große Bruder um ihre Gesundheit und gar um ihr Leben fürchtete. Er setzte einen Notruf ab und die beiden wurden von einem Rettungshubschrauber an Land gebracht. Für sie war das Abenteuer beendet – für die verbliebenen Autonauten sollte es überhaupt erst losgehen. 

Die beiden Fahrzeuge waren aneinander gebunden, so dass die Abenteurer immer wie auf der zweispurigen Autobahn nebeneinander blieben, egal welche Kapriolen das Wetter mit ihnen spielte. Nur die gegenseitigen Besuche, sozusagen mal eben schnell rüber zum anderen Auto wechseln, waren mitunter etwas problematisch. Denn den Schwimmern lauerten Haie auf, die tatsächlich über Tage die Geduld und den Jagdinstinkt besaßen, um auf die pendelnden Schwimmer zu „warten“. 

Die Haie warten schon

Doch wie bei fast allen Transat-Törns sahen die jungen Italiener weniger in der Ozean-Fauna die Gefahren, sondern eher im regen Schiffsverkehr. Und als dann irgendwann Funk und Satelliten-Telefon ausgefallen waren, hatten sie keine Möglichkeit mehr, die riesigen Containerschiffe und Tanker auf sich aufmerksam zu machen. Die natürlich gemäß Murphys Law immer wieder auf Kollisionskurs daher kamen (siehe auch Video). Mehrfach sei es ihnen passiert, dass sie einfach von der Bugwelle der Meeresriesen zur Seite gedrängt wurden, berichteten die Autonauten später. Tanker rammt und versenkt Auto – eine makabre, aber eben doch wahrheitsgemäße Headline wäre das geworden. 

Gegen Ende ihres Törns überlebten die beiden buchstäblichen Seefahrer den Tropensturm „Emily“ nur knapp und wenige Tage später sahen sie schließlich die ersten Vögel – sicheres Zeichen für den baldigen Landfall. Am 30. August erreichten Marco und Marcolino Martinique – nach vier Monaten Autofahrt über den Atlantik. 

An dieser Stelle sei ein kurzer Exkurs erlaubt. Zwei nicht als seegängig und schwimmfähig deklarierte Autos fahren über den Atlantik? Wie soll das funktionieren? Tatsächlich waren die Motor- und Kofferräume der Fahrzeuge mit Auftriebskunststoff gefüllt, so dass die Autos eben nicht untergehen konnten. Der Fahrer- und Fahrgastraum war als Schutzraum eingerichtet, auf dem Auto war ein Gummiboot mit einem Loch in der Mitte befestigt, durch das ein- und ausgestiegen werden konnte. Auf dem Gummiboot wiederum war ein Zelt aufgebaut, Segel und Solarbatterien für das Mobiltelefon und der Entsalzer, um Trinkwasser aus Meerwasser zu gewinnen. Weitere Ausrüstung, vor allem aber gebunkerte Nahrung befanden sich auf zwei Gummibooten, von den Autos geschleppt wurden. 

Am Anfang sah alles noch ziemlich cool aus © amoretti/autonaut

Letztendlich war es ein Glücksspiel, auf das sich die beiden Italiener eingelassen hatten. Keiner konnte ahnen, wie sich die Fahrzeuge im rollenden Seegang auf Dauer verhalten und vor allem ob sie lang genug Auftrieb behalten und somit schwimmfähig bleiben würden. 

Die etwas andere Art zu leben

Stellt sich die nächste Frage: Was treibt junge Menschen wie Marco und Marcolino an, so etwas Verrücktes auf die Beine zu stellen? Die Klassiker-Frage aller neugierigen Journalisten beantwortete vor Allem Marco als Initiator dieser Reise mit etwas seltsamen Argumenten. Er sei in eine westliche Welt hinein geboren worden, in der alles geplant, kontrolliert und auf etwas ausgerichtet sein muss. Als „Autonaut“ sei es sein Ziel gewesen, in einem „freien Raum“ wie dem Ozean mit den „Götzen“ unserer westlichen Welt, also mit Mitteln, die für die riesigen Wasserflächen gar nicht vorgesehen sind, so etwas wie ein Ausrufezeichen zu setzen. Und außerdem habe sein genialer Vater Giorgio Amoretti die „Autonauten“-Idee gehabt.

Später sah es eher nach “Waterworld” aus © amoretti/autonaut

Vorhang auf für einen Mann, der zumindest unter italienischen Abenteurern längst Kultstatus besitzt. Giorgio Amoretti, Jahrgang 1932, war so etwas wie ein Prototyp des Abenteurers, Weltenbummlers und Egozentrikers. Geprägt von dramatischen Kriegserlebnissen als Kind und Jugendlicher, machte Amoretti nie einen Hehl daraus, dass dieses Leben „viel zu kurz sei, um es nicht jeden Augenblick zu genießen“. Und unter Genuss verstand er in erster Linie Abenteuer – je verrückter, desto besser. Also fuhr Giorgio Amoretti mit der Vespa in den Fünfzigerjahren durch Europa, kreuz und quer durch Afrika, durch Kanada, die USA nach Lateinamerika. Später ließ er sich an einem Fallschirm von einem Auto durch die Sahara ziehen und mit dem gleichen Prinzip „eroberte“ er Alaska, Kalifornien, erregte enormes Aufsehen über San Francisco. 

Als die 1968-Generation ihre Hippie-Freiheiten einforderte, war Giorgio Amoretti längst ein völlig frei lebender Visionär. Nachdem seine Partnerin Lucia den ersten, gemeinsamen Sohn zur Welt gebracht hatte, machten die Drei gleich eine monatelange Reise in kleinen Geländefahrzeugen durch die Sahara. Unerkannt war auch schon Marcos jüngere Schwester mit dabei, die bereits in Mamas Bauch heranwuchs. 

Die Amoretti-Kids wurden im Laufe ihrer Kindheit und ihrer Jugend nie auf eine Schule geschickt – „sie sollen vom Leben lernen, nicht von irgendwelchen Lehrern!“ wurde Giorgio damals in Zeitschriften zitiert. 

Im Käfer nach New York

Ende der Siebzigerjahre spinnt schließlich Giorgio Amoretti die Idee von der „Seestraße“ und dem Seefahrzeug“.  Er verpasste einem VW-Käfer genug Auftrieb und wollte damit über den Atlantik nach New York „fahren“. Doch dann die Diagnose: Magenkrebs! 

Giorgios Lebenserwartung wurde damals auf drei Monate geschätzt. Lächerlich, fand Giorgio, und zeigte der Welt jahrelang, was ein richtiger Überlebenskünstler so alles drauf hat. 

Als Autonaut über den Atlantik segeln © amoretti/autonaut

Als Marco schließlich den Traum seines Vaters realisiert hatte und in Martinique mit dem Ford und VW anlandete, rief er sofort aseine Eltern in Italien an. Seine Mutter antwortete: „Ich kann Dir leider Deinen Vater nicht ans Telefon holen – er ist vor einer Woche gestorben!“ Doch er sei sich sicher gewesen, dass sein Sohn ein echter Autonaut sei und das Abenteuer sicher zu Ende bringen werde. Die richtigen Gene habe er ihm ja schließlich mit auf den Weg gegeben. 

Der fährt doch glatt über den Atlantik © amoretti/autonaut

Epilog. Seit zwei Jahren sucht Marco nun eine Filmproduktionsfirma, die das Abenteuer „Autonauten“ filmisch umsetzen soll. Halb Dokumentation, halb Fiktion sollen vor allem Marcos stundenlange Videoaufnahmen, Fotografien und Gespräche über Satelliten-Telefon in das Projekt einfließen. Nach Fellini, Pasolini und Visconti nun eben ein Amoretti – das Zeug zu einem Abenteuer-Klassiker wäre vorhanden! 

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Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier

3 Kommentare zu „Fundstück: Mit dem Auto über den Atlantik – zwei Italiener auf einem unmöglichen Törn“

  1. avatar Christof sagt:

    Und heutzutage hängt man in den Betrieben eine “Betriebsanweisung nach §14 Gefahrstoffverordnung” über den Desinfektionsspender. Wo gibt´s nochmal die Auftriebskörper für Autos? Ich muss hier weg…..

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  2. avatar netineti sagt:

    Und …. sprang der Motor wieder an ?

  3. avatar Kevin sagt:

    Wow, Danke für diese Beitrag. Das ist wirklich unglaublich aber auch echt verrückt. Die beiden haben echt ihr Leben aufs Spiel gesetzt. Aus meiner Sicht hat das nichts mit Mut zu tun! Aber jeder muss wissen was er macht und wenn man der Meinung ist, seine Autos zu einem unsinkbaren Boot umzubauen, dann muss man das eben tun. Ich bin auch extrem Sportler und bin bei einige Snowboard Touren auch ans Limit gegangen. Jedoch liebe ich das Leben zu sehr, um es so töricht aufs Spiel zu setzen.
    Viele Grüße
    Kevin Hartmann

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