Geisterschiff: Die Geschichte vom Ratten-Transporter „Lyubov Orlova“

Nager-Alarm

Das Geisterschiff in besseren Tagen © wikipedia

Das Geisterschiff in besseren Tagen © wikipedia

Ein russisches Geisterschiff soll Richtung Irland treiben. An Bord: Tausende ausgehungerte Ratten, die sich gegenseitig auffressen. Irische Küstenwache gibt jetzt Entwarnung.

Nein, wir zitieren nachfolgend nicht aus dem Drehbuch eines B-Movies, das dann doch keinen Produzenten gefunden hat. Wir berichten schlicht aus dem Leben, was nun aber nicht heißen soll, dass die Story deshalb weniger verrückt erscheint.

Vor zwei Jahren wurde das russische Passagierschiff „Lyubov Orlova“ ausgemustert, das vierzig Jahre lang auf den anspruchsvollen Routen rund um die Arktis und Antarktis seinen Dienst verrichtet hatte. Mal wurden Expeditionsteilnehmer samt Material damit ins ewige Eis transportiert, zumeist jedoch die sowjetische und russische Elite zu Pinguinen oder Eisbären kutschiert. Ein wenig in die Jahre gekommen, wechselte die 300 Fuß lange „Lyubov Orlova“ zuletzt öfters die Reederei um schließlich bei einer Gesellschaft zu landen, die wiederum der Begleichung ihrer Verbindlichkeiten eher schlampig nachkam.

Der Drift des Russischen Geisterschiffes © irish coast guard

Drift des russischen Geisterschiffes © irish coast guard

Als das Schiff vor zwei Jahren in Neufundland zum Bunkern anlegte, verließ die seit Monaten nicht mehr entlohnte Besatzung entnervt die „Lyubov Orlova“ und die kanadische Regierung legte das Schiff aufgrund eines internationalen Strafbefehls vorerst „an die Kette“.

Ein Geschäftsmann kaufte den Liner schließlich, um ihn in der Dominikanischen Republik abwracken zu lassen.

Losgerissen

Die Strecke runter in die Karibik schaffte die betagte und mittlerweile vom Rost ziemlich angenagte „Lyubov Orlova“ allerdings nicht mehr aus eigener Kraft. Im Januar 2013 ging sie schließlich im Schlepp auf „letzte Fahrt“ ; nach mehreren ereignislosen Tagen, riss sie sich bei aufziehendem Sturm jedoch los; ganz so, als ahnte sie, wohin diese Reise führen sollte. Das Wetter war so chaotisch, dass die Schlepper es bald aufgaben, das Schiff „einzufangen“. Die Notbesatzung wurde vom Schiff abgeborgen, man überließ es vorerst seinem Schicksal.

Am Pier auf Neufundland © wikipedia

Am Pier auf Neufundland © wikipedia

Die „Lyubov Orlova“ trieb weiter hinaus auf See, wurde vereinzelt von Fischereifangflotten geortet, aber irgendwie schien sich keiner mehr um sie zu kümmern. Das änderte sich, als sie auf Ölplattformen zutrieb – Schlepper der Mineralölgesellschaft „griffen“ sich das Geisterschiff und zogen es – mit dem Wind – raus aus kanadischen in internationale Gewässer. Nach uns die Sintflut.

Angenagtes Geisterschiff

Wochen später, im März 2013, meldete ein Epirp-Signal von einem der Rettungsboote, dass die „Lyubov Orlova“ offenbar bereits ziemlich weit im Osten des Nordatlantiks trieb und nur noch wenige Wochen von den britischen Inseln entfernt war.

Handelsschiffe hatten danach wohl noch zwei Mal ein Schiff von der Größe des Geisterschiffes auf dem Schirm, konnten aber nicht mit Sicherheit sagen, ob es sich um die „Lyubov Orlova“ handelte. Auch auf einem Satellitenbild vermutete man sie nordwestlich von Irland, doch Suchaktionen, auch seitens Abwracker, die in dem Schiff immerhin einen Wert von 600.000 Dollar Schrottwert vermuten, brachten kein Ergebnis.

Kannibalische Rattenimp.php

Als ob dieses Szenario eines monatelang über die Weltmeere driftenden Geisterschiffes nicht schon Horror genug wäre, nahmen sich nun irische und britische Boulevard-Medien erstmals der Story an und brachten echten Schwung in die Sache.

Plötzlich war nicht mehr das Schiff als solches von Interesse, sondern dessen Besatzung! Irgendein ein „Kenner der Szene“ vermutete, dass noch reichlich Ratten auf dem Schiff sein müssten, die sich bekanntlich rasch vermehren, andrerseits aber kaum Nahrung an Bord finden dürften.

Also malte man sich Szenarien von Rattenhorden aus, die über das Schiff streichen und sich gegenseitig anfallen und auffressen. Und was würde das erst werden, wenn die „Lyubov Orlova“ an Land trieb: Die Nager hätten dann einen Mordshunger – wehe, wenn sie über die Insel herfallen würden! Sogar von Epidemien, eingeschleppt von den kannibalischen Ratten war die Rede.

„Mit hoher Wahrscheinlichkeit gesunken!“

Nachdem es vor allem in den Küstenregionen Westirlands aufgrund der starken Stürme aus Nordwest und West in den letzten Wochen zu einer regelrechten Hysterie (zumindest in Blogs und in den lokalen Tageszeitungen) kam, fühlte sich nun Chris Reynolds, Direktor der irischen Küstenwache bemüßigt, „die Bevölkerung zu beruhigen!“

Geisterschiff © free republic

Geisterschiff © free republic

Man habe trotz intensiver Suche, auch durch die Handelsschifffahrt, kein adäquates Objekt im Meer treibend gefunden. Alle Spekulationen über die bevorstehende Invasion der Rattenkannibalen seien hanebüchen, die  „Lyubov Orlova“ sei mit hoher Wahrscheinlichkeit gesunken.

Und was, wenn sie doch noch durch den Atlantik treibt? „Dann würden wir den Besitzer des Schiffes auffordern, endlich dafür zu sorgen, dass die „Lyubov Orlova“ zum Abwracker gebracht wird!“ erklärte Reynolds den irischen Medien. Und was dann mit den Ratten passieren würde? „Kein Kommentar!“ war die lapidare Antwort.

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Michael Kunst

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4 Kommentare zu „Geisterschiff: Die Geschichte vom Ratten-Transporter „Lyubov Orlova““

  1. avatar Thomas sagt:

    Ich hatte gelesen, dass die Lyubov Orlova gut versichert war während sie sich im Schlepp befand. Wenn sie unter diesen Bedingungen gesunken wäre, hätte die Versicherung zahlen mïssen. Deshalb auch der Schlepptermin im Januar. Der Nordatlantik ist ja gerade zu der Zeit besonders stürmisch. Leider hat sie sich losgerissen und die Versicherung ist in diesem Fall aus dem Schneider laut Bericht. Wie geht man mit einem solcehn Fall um?

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  2. avatar Marcus sagt:

    Ahhh, schöne Geschichte, irgendwo aus dem Niemandsland zwischen Seemannsgarn und Fachsimpelei. Ich sehe schon den nächsten Kinohit nach “All is lost” und “Solitaire”— “Adrift – zwei Gauern haben sich im Boot versteckt, ernähren sich von übrig gebliebenen Kaviardosen der russischen Touristen, die Ratten machen den Abwasch und irgendwann gibt’s streit, weil da noch andere (hübschere) blinde Passagiere drauf sind. Und der NSA mischt auch mit.” Kinostart 2015.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 11 Daumen runter 4

  3. avatar sven sagt:

    da der Bericht schon etwas älter ist,

    der Eigner sucht nun wieder nach dem Seelenverkäufer, der Schrottwert ist seit dem verschwinden von 250.000 auf ca 1 Million € gestiegen ist. Ein Artikel in der Welt befasste sich vor kurzem mit dem Thema.

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    • avatar Christian1968 sagt:

      Sehr amüsant, je länger sie treibt, desto höher scheint der (Schrott)Wert zu werden….
      In 10 Jahren ist das treibende Wrack dann 1000000000000000000000000000000.- € wert 😉

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