Geisterschiffe: Unbemannte Sonar-Boote – Für Rettungsmissionen und Wracksuche

Die Roboter-Armada

Suchen, finden, analysieren: Mit Hilfe von State of the Art-Sonargeräten soll bald eine Armada von Ocean Infinity-Roboterschiffen die Ozeane durchkämmen.

Wenn man sich auf Kollisionskurs befindet, und sich auf dem anderen Schiff nichts regt, muss man in Zukunft nicht unbedingt mehr nervös werden. Denn das heißt nicht zwingend, dass es sich um ein Geisterschiff handelt, oder der Skipper betrunken unter Deck liegt. Vielmehr werden bald immer mehr unbemannter Boote auf dem Wasser unterwegs sein. Entweder unter Segeln (SR-Artikel) oder mit anderen emissionsarmen Antrieben.

Eine neue Initiative hat das Unternehmen Ocean Infinity auf den Weg gebracht. Es will noch in diesem Jahr gleich 15 Schiffe zu Wasser lassen –  unter dem Label „Armada“ . Sie sollen in Zukunft spezielle Vermessungs-, Kontroll- und Suchfunktionen mittels HighTech-Sonar-Geräten auf und in den Ozeanen der Welt durchführen. 

Roboter-Schiffe für Shell – und für Rettungseinsätze!

Ocean Infinity ist ein Unternehmen, das sich auf die Belange der Offshore-Industrie spezialisiert hat. Mit „innovativen, nachhaltigen und technologieorientierten Ansätzen“ will man mit den Armada-Schiffen  „präzise und qualitativ hochwertige, geophysikalische Daten in bis zu 6.000 Metern Wassertiefe erfassen und analysieren“, verspricht die Website des Unternehmens. Neben einer reinen geophysikalischen Datenerfassung (sprich: Wo liegen welche Bodenschätze auf dem Meeresgrund und wie können die abgeschöpft werden)  übernimmt das Unternehmen offenbar auch Kontrolltauchgänge für Seekabel und nimmt an großen Rettungsaktionen teil etc. 

Die unbemannten Armada-Roboter-Schiffe zeichnen sich nach Angaben von Ocean Infinity dadurch aus, dass sie „an die entlegensten Orte der Welt rasch transportiert werden können“ – sogar per Flugzeug oder über den Landweg. Im weiteren Verlauf ihrer „Armada“-Beschreibung verfallen die Ocean Infinity-Betreiber in einen Tonfall, der an die militärische Bedeutung des Begriffs „Armada“ erinnert: Man könne so extrem schnell auf jede Situation reagieren, durch den Einsatz der Flotte schnellstmöglich Informationen sammeln und dieselben via Satellitenkommunikation in Echtzeit an die Experten in den Kontrollzentren schicken.

Diese Kontrollzentren befinden sich übrigens in Austin/Texas und Southampton am britischen Solent. 

Kontrollzentren in Austin und Southampton

Die Armada-Roboterschiffe sollen von Seeleuten von Land aus gesteuert werden. Man benötige schließlich für diese Aufgaben keine Menschen an Bord und könne so „unter strengen Sicherheitsvorkehrungen in die extremsten Gebiete der Ozeane gelangen.“ 

Angetrieben werden die Schiffe mit einem Hybrid-Motorensystem, das angeblich bis zu 90 Prozent weniger Emissionen im Vergleich zu anderen Schiffen dieser Art produzieren soll. 

Länge, Breite, Verdrängung etc. der Armada-Schiffe wurden in Pressemitteilungen und auf der Website von Ocean Infinity noch nicht bekannt gegeben. 

Die unbemannte Roboter-Armada – so könnte sie uns auf den Weltmeeren begegnen © ocean infinity

Nun könnte man angesichts solcher vorerst oberflächlichen Informationen annehmen, dass es sich hier um eine weitere „marine-technologische Vision“ handelt, die kurz nach Proklamation derselben wieder in der Versenkung verschwindet. Doch Ocean Infinity ist ernst zu nehmen: Ihre Erfolgsliste bei Einsätzen mit Roboter und unbemannten Sonar-U-Booten auf den Ozeanen unseres Blauen Planeten ist beeindruckend. Vor allem mit dem in Norwegen konstruierten „Seabed Constructor“-Mutterschiff, von dem aus unbemannte U-Boote Sonar-Aufnahmen bis in Tiefen von 6.000 Metern unternehmen können, haben die Aufmerksamkeit von Unternehmen und Wissenschaftlern auf der ganzen Welt geweckt. 

Es liegt auf der Hand, dass Technologien, wie sie von Ocean Infinity eingesetzt werden, von großem Nutzen für Öl- und Gas-Giganten wie Shell sind (für die das Unternehmen mehrfach in unzugänglichen Seegebieten arbeitete). Doch auch (oder besonders) bei Such- und Rettungsaktionen profilierte sich das Unternehmen auf internationaler Ebene. Und hier macht dann auch die oben erwähnte „schnelle Einsatzfähigkeit“ der Armada-Flotte Sinn.

Auf der Suche nach verschollenen U-Booten und Flugzeugen

U.a. war Ocean Infinity an der Suche im Indischen Ozean nach dem (immer noch verschollenen) Flugzeug MH 370 der Malaysian Airlines beteiligt. In 138 Tagen wurden 125.000 qkm Meeresboden mit den unbemannten U-Booten observiert.
Ebenso war die Seabed Constructor bei mehreren wissenschaftlichen Expeditionen im Weddell-Meer als Mutterschiff aktiv. 

Das Ocean Infinity-Mutterschiff im Forschungseinsatz im Weddell-Meer © ocean infinity

Im November 2018 fand Ocean Infinity das verschollene U-Boot der Argentinischen Marine. Zuvor hatte die Marine mit eigenen Mitteln monatelang vergeblich nach dem vermissten U-Boot gesucht. 

Im März 2019 geriet der Tanker „Grande America“ zwischen Frankreich und Spanien in Brand und sank 15.000 Fuß tief in den Golf von Biskaya. Die 27 Menschen an Bord wurden gerettet, aber ein Ölteppich begann sich in Richtung der französischen Küste zu bewegen. Ocean Infinity setzte ihre hochmoderne Unterwasser-Technologie ein, um den Zustand des Wracks zu inspizieren und zu überwachen.

Die Überwachungszentren der ferngesteuerten , unbemannten Armada-Schiffe sind in Austin und Southampton © ocean infinity

Auch wenn bisher nur wenig über die Technologie und die Ausmaße der Armada-Flotte bekannt ist, kann man doch davon ausgehen, dass sie große Chancen auf eine Realisierung hat. Ocean Infinity gibt sich jedenfalls optimistisch: Schon Ende dieses Jahres soll die Armada-Flotte einsatzbereit sein. Stellt sich die Frage, ob ein Einsatz unbemannter Schiffe, die (wie im Video gezeigt) in breiter Formation durch die Ozeane pflügen und eben nicht von einem begleitenden Mutterschiff aus kontrolliert und manövriert werden, überhaupt mit dem internationalen Seerecht vereinbar ist? 

In jedem Fall: Ein spannendes Projekt, das weitere Beobachtung verdient 

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Michael Kunst

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