Golden Globe Race: Windsteueranlagen „zicken rum“ – Australier will zurück in die Berge

„Wie auf dem Rücksitz eines führerlosen Autos“

Golden Globe Race

Das vielleicht schönste Boot in diesem Rennen: Der Original-Nachbau des Siegerbootes von 1968 – unter Indischer Flagge! ggr

Technische Probleme zwingen weitere Teilnehmer in den „Chichester Modus“. Die Ersten segeln auf Höhe Kapverden – jetzt nur noch 13 SeglerInnen im GGR. 

In unserem letzten Update zum Golden Globe Race versprachen wir unterhaltsame Tage mit den Einhand-Nonstop-Weltumseglern im Retro-Modus (SR-Artikel). Was sich mittlerweile durchweg bewahrheitete.

Denn schon beim ersten Navigationsgate vor den Kanarischen Inseln  – die Weltumsegler müssen von der Rennleitung festgelegte, virtuelle „Tore“ passieren – kam es zu einigen Aufregungen. 

Kein Besteck genommen

So versemmelte ausgerechnet der in Führung liegende Franzose Philippe Peché, ein Mann mit mehr als 200.000 Seemeilen im Kielwasser, auf seiner Rustler 36 die Ansteuerung der Navigationstonne. Er habe in den 48 Stunden zuvor kein ordentliches Besteck nehmen können – Kunststück: Der Himmel war bedeckt, die Sonne nur schwer oder gar nicht „zu schießen“ und der Sextant somit ziemlich unbrauchbar. Eine Nachricht, die man so schon seit einigen Jahren nicht mehr bei einem internationalen Event hören oder lesen konnte. Aber den GGR-Teilnehmern sind nun mal die vermeintlichen Freuden der modernen Technik größtenteils verwehrt. Entsprechend dürfen sie nur wie „anno 1968“ bei der ersten Ausgabe des Sunday Times Golden Globe klassische Navigationsmethoden benutzen. Und das Global Positioning System GPS wurde erst in den 70iger-Jahren entwickelt… 

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Der Australier Farebrother will lieber wieder zurück in die Berge, als noch länger die Ungewissheiten des Ozeans fürchten zu müssen © ggr

Peché verlor dabei vier Stunden Vorsprung auf seine beiden Verfolger Mark Slats – der Mann, der durch die Flauten rudern will! – und Jean Luc van den Heede, mit 73 Jahren ältester Teilnehmer des Golden Globe Race und mit sechs Weltumseglungen trotz des fortgeschrittenen Alters einer der Favoriten dieses Rennens. 

Doch es gibt Schlimmeres bei diesem Golden Globe Jubiläums-Rennen, als ein paar Stunden Vorsprung zu verlieren. Wie etwa, wenn des Einhand-Seglers wichtigster und (hoffentlich) treuester Freund, die Selbsteuerungsanlage, einfach nicht mehr mitmachen will. 

Windsteueranlagen machen Probleme

Tatsächlich entpuppten sich als bisher größte, technische Problembereiche die mechanischen Windsteueranlagen auf den per se relativ robusten Booten.

Alle Teilnehmer des GGR nutzen Pendel- und Doppelrudersysteme (meist jedoch die Kombination aus beiden Typen), um ohne elektronische Hilfe (weil nach den Rennstatuten verboten) auf Kurs zu bleiben. 

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Der Palästinenser Abil Namri, hier beim Navigations-Checkpoint noch “guter Dinge” © ggr

Doch die eigentlich Zehntausendfach auf allen Weltmeeren bei Blauwasserseglern bewährten Systeme „zicken rum“. So legte gestern der Franzose Antoine Cousot mit seiner „Biscay 36“ in der Marina Rubicon auf Lanzarote /Kanarische Inseln an, um seine Windsteueranlage zu reparieren. 

Mit ähnlichen Schwierigkeiten haben der Amerikaner mit ungarischen Wurzeln Istvan Kopar (auf Tradewind 35) und der Palästinenser Nabil Amra (Biscay 36)  zu bewältigen. Auch sie wollen auf halbem Weg zu den Kapverden entweder zu den Kanaren zurückkehren (Amra) oder in einem afrikanischen Hafen, vielleicht auch auf den Kapverden anlegen (Kopar), um sich dort mit nötigen Ersatzteilen von Land zu versorgen und eigenhändig eine Reparatur an ihren Windsteueranlagen vorzunehmen. 

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Susie Goodall: Welle von hinten in die Kajüte, aber sonst geht’s mir gut, danke! © ggr

Noch ist nichts Genaueres bekannt, welche Probleme derzeit so gehäuft an den Selbsteueranlangen auftreten. Von Nabil Amra weiß man, dass er bereits mehrfach versuchte, auf Hoher See und bei über 25 Knoten Windstärke Teile seiner Windsteueranlage zu schweißen. Ohne Erfolg.

Alle Teilnehmer, die nach dem Start des GGR einen Hafen anlaufen, um dort Hilfe von außen zu holen bzw. um dort einen Fuß an Land zu setzen, werden nach dem GGR-Regelwerk disqualifiziert. Das war damals so… und soll eben auch heute so bleiben. 

Im Chichester-Modus

Doch man hat den Teilnehmern eine Hintertür offen gelassen, indem eine neue Race-Variante ins Programm aufgenommen wurde. Unter dem „Chichester-Modus“ (Sir Francis Chichester beendete ein Jahr vor dem GGR-Sieger Robin Knox-Johnston die erste Einhand-Weltumseglung mit einem Stopp!) können alle, die ein Mal Hilfe an Land holten, auf den Spuren der Golden Globe-Racer weitersegeln. Nur eben nicht mehr um den güldenen Globus… 

Der Bergsteiger und mehrfache Mount Everest-Bezwinger Kevin Farebrother gab dagegen ganz andere Gründe für seine Aufgabe am 15. Juli an. Er übermittelte bei seinem wöchentlichen Sicherheits-Satelliten-Anruf den etwas verblüfften Organisatoren: „Ich bin nicht fürs Einhand-Segeln gemacht. Ich finde keine Ruhe auf meinem Boot, traue mich nicht nach unten, um zu schlafen. Fühle mich wie auf dem Rücksitz eines rasenden Autos, das keiner steuert. Ich gebe auf … und will zurück in die Berge. Mein Boot steht ab sofort zum Verkauf!“ 

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Istvan Kopar nach der Medien-Übergabe vor der Marina Robicon auf Lanzarote © ggr

Auch Susie Goodall klang diesmal bei ihrem wöchentlichen Sicherheitsanruf über Satellit nicht sehr begeistert. Es herrsche gerade viel Wind, sie sei permanent beschäftigt und am Vorabend sei eine fette Welle von achtern ins Cockpit eingeschlagen. „Aber sonst geht’s mir gut, danke!“ ließ sie bei schlechter Verbindung (hörte sich wirklich an wie in der guten alten Zeit der Übersee-Telefonate) noch wissen. 

Mittlerweile konnte sich Phillippe Peché zwar an der Spitze halten, wird aber eng bedrängt von Mark Slats und Jean Luc van den Heede. Auf Höhe der Kapverden liegen sie nur wenige Meilen auseinander und vertrauen der Robustheit und seglerischen Qualität ihrer Rustler 36. 

Wenn keine Flaute dazwischen kommt und Mark Slats den beiden Franzosen „auf und davon rudert“, dann dürfte diese Konstellation auch noch eine Weile genau so bleiben. Es sei denn, die Windsteueranlagen…  

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Das mit der Einsamkeit… das geht erst in ein paar Wochen los © ggr

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Michael Kunst

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