Hydroptère: Rekord-Trimaran vor dem Untergang gerettet – 8.500 Dollar für nacktes Wrack

Ikone der Raserei unter Segeln

Sie brach Geschwindigkeitsrekorde, wurde über die Ozeane gepeitscht, von ihrem Skipper im Stich gelassen und wäre zuletzt beinahe an einer Mooring-Boje vor Hawaii abgesoffen. Doch „Hydroptère“ hat wieder eine Zukunft!

Es ist eine seltsame, abstruse Geschichte rund um den Rekord-Trimaran „l’Hydroptère“. Doch es ist eine Geschichte, die das (Segel)-Leben schrieb und die jetzt allen Unkenrufen zum Trotz zu einem guten Ende kommen könnte. 

Jahrzehntelang war Alain Thébault der Speed-Guru bei den rekordgeilen Franzosen. Mit seinem futuristischen und vor allem in Sachen „Foiling“ durchaus wegweisenden Trimaran „l’Hydroptère“ katapultierte er förmlich den Segelsport in andere Dimensionen.

Sein 500-Meter-Rekord von 51,36 Knoten, mit Spitzenwerten um die 55 Knoten im Jahre 2009 vor Hyeres gilt bis heute als Initialzündung für foilende Trimarane der Ultim-Klasse. Zuvor hielt man es für unmöglich, ein 24 Meter langes und sieben Tonnen schweres Segelboot überhaupt auf Tragflächen (=Hydroptère) zu heben, um mit solch fantastischen Geschwindigkeiten umher zu rasen.

Doch als Thébault nach weiteren Sternen greifen und die Hochsee mit ihren Langstrecken-Rekorden angreifen wollte, setzte eine Pechsträhne ein, von der sich das Mann-Boot-Duo nicht mehr erholen sollte. (SR-Artikel „unter dem Hammer“).

Um es kurz zu machen: Zuletzt lag das Boot jahrelang an einer 50 Dollar-Mooring vor Hawaii und rottete zwischen anderen verlassenen, aufgegebenen oder vom Finanzamt an die Kette gelegten Yachten vor sich hin. 

Was nur sinnbildlich gemeint sein kann, denn ein Vollkarbonboot, dessen Rumpf zwei bis drei Mal so dick ist wie bei aktuellen Karbonbooten, kann nur als Sondermüll ein Ende finden. Und so eine Entsorgung kostet. 

Schwimmender Sondermüll

Also ließ Alain Thébault, der sich mittlerweile als Umweltschützer mit seinen Sea Bubbles (SR-Artikel) und einem Wasser-Bus profiliert, die gute alte Hydroptère erstmal da, wo sie ist. „Just another piece of plastic in the Pacific“ kommentierten bissig einige Umweltschutzorganisationen, während Thébault auf der anderen Seite der Weltkugel die Städte vom Verkehrssmog retten wollte.  

Vor zwei Jahren sollte es dann zu einer ersten Versteigerung der „l’Hydroptère“ kommen, weil der Hafenliegeplatz nicht bezahlt worden war. 20.000 Dollar sollte der Verkauf damals mindestens bringen. Thébault kratzte die nötige Summe zusammen, ließ das Boot danach an eine preiswertere Mooring legen. Wohl in der Hoffnung, doch noch einen Käufer für den früheren Stolz einer ganzen Segelnation zu finden.  

2019 dann das gleiche Szenario: Erneut wurden Beträge eingefordert, erneut sollte eine Auktion dem Trauerspiel ein Ende machen. 8.000 Dollar waren der Einstiegspreis und prompt meldeten sich eine Reihe Interessenten. 

Moment mal: 8.000 Dollar? Für ein Rekordboot, in das man zuvor über Jahre hinweg Millionen gesteckt hatte? Das sind doch schon die Winschen wertvoller! Der Grund für diese auf den ersten Blick lächerlich anmutende Summe war dann schnell gefunden: Der Trimaran, der einst die Segelwelt mit seinen fantastischen Geschwindigkeiten begeisterte, war nur noch ein nacktes Wrack, das sich mehr schlecht als recht an einer Boje festklammerte, um nicht jämmerlich abzusaufen. 

…und tschüss: Die Hydroptère bei den Winter-Training-Sessions © hydroptére

Denn mittlerweile hatten sich gewisse Ersatzteil-Piraten über die „Hydroptére“ hergemach. Alles, aber auch wirklich alles, was irgendwie abzuschrauben oder herausnehmbar war, wurde geklaut. Die gesamte Elektrik inklusive aller Kabel, Teile der Ruderanlage, die (noch angeschlagenen!) Vorsegel, Winschen, Blöcke, Motorteile und vieles mehr wurden einfach von Bord gebracht und auf Nimmerwiedersehen verhökert oder in anderen Yachten verbaut.

Im Inneren des Hauptrumpfes schwappte eine ätzende Lösung aus Diesel, Öl und Salzwasser. Lediglich der Rumpf schien unter einer zentimeterdicken Muschelschicht noch einigermaßen intakt. Wie gesagt: Vollkarbonrümpfe der ersten Generation! 

Zwei Enthusiasten tun sich zusammen

Vorhang auf für den Franzosen Gabriel Terrasse und den Kalifornier Chris Welsh. Terrasse bezeichnet sich selbst als ambitionierten Fahrten- und enthusiastischen Strandkatamaran-Segler – der Geschwindigkeit wegen. Als junger Mann hatte er auf dem Pariser Boots-Salon ein Bild von der “Hydroptére” in voller Fahrt gesehen und war seitdem begeistert. Von Thébault, seinem Trimaran und seinen Rekordambitionen. Eine zeitlang war Gabriel Terrasse sogar der offizielle Webmaster für Thébault, bis spätere Sponsoren dem jungen Segler dieses Privileg wieder abnahmen. 

Terrasse hatte den Werdegang der „Hydroptère“ weiter verfolgt und erfuhr von der erneuten Versteigerung. Er wusste zwar noch nicht, was er mit einem Rekordtrimaran anfangen sollte, zumal dessen Unterhalt deutlich über Terrasses finanziellen Möglichkeiten lag. Aber er kratzte links und rechts Geld zusammen und flog nach Hawaii. Irgendwas würde sich da schon ergeben. 

Am Abend vor der Auktion traf er auf den Amerikaner Chris Welsh. Die beiden kannten sich noch nicht, traten im Prinzip als Bieter-Konkurrenten an. Welsh hat in Kalifornien eine kleine Werft und wollte dort den Trimaran erstmal unterstellen. Mal sehen, was sich so ergibt. 

Hydroptère, Trans-Pac

Ein Trimaran für Rekorde: Hydroptère © hydroptere

Doch bei ein paar Bier gelang es dem Franzosen, den Amerikaner davon zu überzeugen, dass so ein Boot wieder zurück in seine Heimat muss. Komme was wolle. Und zu später Stunde einigten sich die beiden auf einen 50:50-Deal: Das Boot wird gemeinsam ersteigert, in Kalifornien restauriert und auf Vordermann gebracht, dort sollen erneute Rekordfahrten gestartet werden, bevor es in ein paar Jahren zurück nach Frankreich segeln wird, wo es von einer (offenbar noch zu gründenden) gemeinnützigen Gesellschaft gekauft und aufgenommen werden soll. 

Notdürftig für die Überfahrt präpariert

Am nächsten Tag dann der Schock: im Auktionsraum saßen Dutzende Personen, von denen einige nach richtig viel Geld aussahen. Wenn die den Preis nach oben treiben würden, wäre das ein klares „No-Go“ für die beiden Segelenthusiasten. Doch Terrasse und Welsh erhielten den Zuschlag bei 8.500 Dollar – die vermeintlichen Mitbieter waren wegen anderer Boote zur Auktion gekommen. 

Erst nach dem Kauf konnten die beiden das Boot erstmals betreten. Versuchen wir gar nicht erst ihre Enttäuschung und Wut angesichts des verwahrlosten Zustands zu beschreiben.

Also ran an die Arbeit. Zunächst wurde der Trimaran von der Mooring wieder in den Hafen geschleppt. Die Hafengebühren mussten allerdings im Voraus bezahlt werden. Dann wurde das Boot fit genug für einen 2.000 Seemeilen langen Törn zurück nach Kalifornien gemacht. Ein neuer, leichterer Motor mit einem verhältnismäßig großen Tank wurden eingebaut, eine völlig neue Elektrik installiert.

Das Großsegel war zu sehr von UV-Strahlen angenagt und unbrauchbar geworden. Also kauften die beiden stolzen Trimaran-Besitzer zwei viel zu kleine, gebrauchte Vorsegel, und ein altes Groß, das auf einem acht Meter kürzeren Katamaran zuvor jahrelang gedient hatte. Neue Backstagen mussten angebracht, alle Schoten und Fallen neu eingezogen werden.

An Foilen bzw. an den Einsatz der Tragflächen war nicht zu denken, auch weil das Backbord-Foil-Ruder „unauffindbar“ war und man den Systemen, die eher an ein Flugzeug, als an einen modernen Trimaran erinnern, nicht hundert Prozent Vertrauen schenkte.

Schnell wie der Wind

Doch wie das immer so ist: Selbst Baustellen, bei denen man ein Gefühl von „das wird nie enden“ hat, sind irgendwann fertig. Zumindest so weit fertig im Sinne von segelbar, dass man mit der “Hydroptère” den Sprung über den Pazifik zwischen zwei Tiefs wagen konnte.

Zunächst motorte die Crew rund um den Profi-Überführungsskipper und Segelmacher Mike Price den Trimaran in nahezu völliger Windstille sechs Tage lang, dann fand sie nördlich von Hawaii stabilen Wind. 

Hydroptère, Trans-Pac

Alain Thébault mit James Spithill, AC-Sieger, bei einer Promo-Fahrt © hydroptere

Und sogar in seinem „kastrierten“ Zustand, schien der Trimaran überzeugen zu wollen. Price berichtet, dass er bei bis zu 10 Knoten Wind auch tatsächlich so schnell wie der Wind segelte. Bei stärkeren Winden habe man eher vorsichtig agiert und früh das Groß gefiert und gerefft, um das offenbar anfällige Rigg und die Segel nicht allzusehr zu fordern. Es sei eben darum gegangen, das Boot heil nach Kalifornien zu bringen. Rekorde könne man später segeln, berichtete Price auf der US-Website „Sailing Anarchy“. 

Er sei überrascht gewesen, wie die Ausleger des Trimarans in die Wellen schnitten. Wie sanft so ein Boot selbst bei Seegang eintauchen könne. Im Weiteren sei die Überfahrt jedoch eine permanente Bastelei gewesen. Man habe andauernd irgendwas austauschen, reparieren, sichern und beobachten müssen. 

Wassertaxi, Foil, Umwelt

Alain Thébault auf Hydroptère in seinem Element © hydroptere

Price, seine Crew und “Hydroptère” schafften es schließlich tatsächlich auf dem Pazifik bis nach Port Richmond/Kalifornien. Dort soll der Trimaran ein Jahr lang von Grund auf restauriert werden. Dabei steht der Werft von Chris Welsh übrigens VPLP, die heute so berühmte, französische Bootsdesign-Agentur zur Seite. Deren Know-how war es zu verdanken, dass “Hydroptère” überhaupt zu solch sinnbildlichen und buchstäblichen Höhenflügen abheben konnte. 

Es könnte also durchaus sein, dass eine Ikone des Rasens unter Segeln doch noch vor dem sicheren Untergang gerettet wird. Endlich mal ein französisch-amerikanisches Projekt mit reichlich Potential! 

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Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier

2 Kommentare zu „Hydroptère: Rekord-Trimaran vor dem Untergang gerettet – 8.500 Dollar für nacktes Wrack“

  1. avatar Olli sagt:

    Toller Bericht.
    Danke

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 9 Daumen runter 0

  2. avatar oh nass is sagt:

    Ja, wäre schön, wenn das Boot erhalten bliebe. War damals immer wieder spannend, wenn diese “Verrückten” los gefahren sind…

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 4 Daumen runter 0

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