Inklusives Segeln: Betroffene Seglerin publiziert zum Thema eine erste Studie

„Auf dem Wasser sind alle gleich!“

Wie nehmen Segler mit und ohne Behinderung gemeinsames Segeln wahr? Wie verändert es die Menschen? Elke Paatz ist begeisterte Seglerin und selbst gehandicapt. In der bisher ersten Studie zum Thema hat die Studentin die Inklusion im Segelsport genauer untersucht und will damit auch Argumente für eine Wiederaufnahme des Segelns ins Programm der Paralympischen Spiele schaffen. Eine der Erkenntnisse: Positive Effekte gibt es gleich auf mehreren Ebenen – und für alle Beteiligten.

© meer-bewegen.de, Inklusionspiraten.de 

Text: Elke Paatz

Ich bin 29 Jahre alt, begeisterte Seglerin, Sportstudentin – und seit mehreren Jahren gehandicapt.

Mittlerweile kenne ich jede Struktur der Raufasertapete meines Zimmers; die Dachziegel des Nachbarhauses sind längst zigmal durchgezählt. An Segeln ist bei mir leider noch nicht zu denken. Aber die Vorstellung, durch die Möglichkeiten des inklusiven Segelns irgendwann wieder auf dem Wasser sein zu können, gibt mir Kraft weiterzukämpfen.

Die für das inklusive Segeln neu entwickelte SV 14-Jolle © S. Jürgensen

Wenn bei mir schon der Gedanke an das Segeln so viel verändert, wie muss es dann sein, trotz Handicap tatsächlich (wieder) zu segeln? Nicht nur ich halte Segeln für eine hochinklusive Sportart. Behindertenspezifische Anpassungen der Boote, sogenannte Adaptionen, ermöglichen Menschen mit Handicap nicht nur den Zugang zu dieser tollen Sportart, sondern kompensieren die Einschränkungen häufig auch so weit, dass eine Chancengleichheit gegenüber nichtbehinderten Seglern in Regatten erreicht wird.

Doch wie kann es sein, dass eine Sportart mit diesen Voraussetzungen nicht mehr Teil der Paralympics ist? Gibt es keine wissenschaftlichen Studien, die zeigen, wie gut die Inklusion im Segelsport funktioniert?

Segler mit und ohne Handicap gemeinsam in einem Boot © HSC

Meine Recherchen zeigten: Nein, es gibt erstaunlicherweise keine einzige publizierte Studie. Doch bei der Argumentation für die Inklusion im Segelsport hilft kein Konjunktiv. Fakten müssen her! Und da mein Kopf im Gegensatz zu meinem Körper noch ziemlich gut funktioniert, beschloss ich im Rahmen meiner Masterarbeit am Institut für Sportwissenschaft der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel selbst eine Studie zu diesem Thema durchzuführen.

Im Mittelpunkt stand die Frage, wie das inklusive Segeln von den teilnehmenden Sportlern erlebt wird und zu welchen Effekten es bei ihnen führt. Dafür befragte ich verschiedenste Segler mit und ohne körperliche Behinderung, die in Gruppen gemeinsam mit Menschen mit und ohne Handicap segeln.

„Beim Segeln lasse ich meine Behinderung an Land zurück“

Die Ergebnisse zum Erleben des inklusiven Segelns lassen sich mit einem Satz auf den Punkt bringen: Auf dem Wasser sind alle gleich! Durch die Adaptionen der Boote rücken für die Segler mit Behinderung ihre Einschränkungen während des Segelns in den Hintergrund und spielen keine oder fast keine Rolle mehr. Sie werden buchstäblich an Land zurückgelassen. Dadurch entsteht bei den Befragten durchweg der Eindruck, dass alle Segler auf dem Wasser gleich sind, chancengleich, ob mit oder ohne Behinderung.

Paralympics-Sieger Heiko Kröger mit seinem 2.4. © faber und münker

Umgekehrt sehen alle befragten Segler ohne Behinderung ihre Mitsegler mit Einschränkung als vollwertige Crewmitglieder an bzw. blenden bei Konkurrenten deren Behinderungen aus. Diese gegenseitige Wahrnehmung scheint die Interaktion zwischen den Seglern mit und ohne Behinderung zu prägen, die von beiden Seiten als Begegnung auf Augenhöhe auf dem Wasser und an Land beschrieben wird. Das Stichwort dabei ist „Normalität“. So wird keinerlei Sonderbehandlung , etwa in Form von Rücksichtnahme auf die Segler mit Handicap in Ausweichsituationen, wahrgenommen.

Effekte auf drei Ebenen

Von diesem Erleben des gemeinsamen Segelns beeinflusst, führt das inklusive Segeln bei den befragten Menschen mit Handicap zu Effekten auf drei Ebenen: Auf körperlicher Ebene stehen bei den Befragten eine wahrgenommene Verbesserung der Rumpfstabilität und des Gleichgewichtsgefühls im Vordergrund. Auf psychischer Ebene werden vor allem ein gesteigertes Selbstbewusstsein und eine positivere Stimmung durch das inklusive Segeln erlebt. Diese Veränderungen zeigen, dass die Studienteilnehmer mit Behinderung durch das inklusive Segeln ein positiveres Körper- und Selbstbild gewonnen haben.

Im sozialen Bereich, der dritten Ebene, ist zum einen das entstandene Zugehörigkeitsgefühl zu einer sozialen Gruppe von Bedeutung. Außerdem ist zentral, dass die Segler mit Handicap das Gefühl haben, von ihren nichtbehinderten Mitmenschen viel positiver wahrgenommen zu werden, seit sie segeln.

Abbau sozialer Vorurteile

Doch nicht nur bei den Seglern mit Handicap zeigt die Studie Effekte durch das inklusive Segeln, auch bei den Seglern ohne Handicap. Bei allen Studienteilnehmern, die zuvor keinen Kontakt zu Menschen mit Behinderungen hatten, hatte das gemeinsame Segeln Einfluss auf ihre sozialen Reaktionen gegenüber Menschen mit Behinderung:

Zum einen wandelte sich die Einstellung der Studienteilnehmer gegenüber Menschen mit Handicap durch den Abbau sozialer Vorurteile. Es entwickelten sich Anerkennung und Respekt für Menschen mit Behinderung.

Zum anderen veränderte sich das Verhalten der Studienteilnehmer ohne Handicap gegenüber Menschen mit Einschränkungen. Zuvor war ihr Verhalten überwiegend meist vom sogenannten „Helfersyndrom“ geprägt, ohne den Wunsch behinderter Menschen nach Selbstständigkeit zu berücksichtigen. Durch die Teilnahme am inklusiven Segeln erwarben die Segler ohne Handicap die Fähigkeit einzuschätzen, wann Menschen mit Behinderung wirklich Hilfe benötigen und wann nicht.

Die ganze Studie: Inklusion im Segelsport – Eine qualitative Studie Zusammenfassung

5 Kommentare zu „Inklusives Segeln: Betroffene Seglerin publiziert zum Thema eine erste Studie“

  1. avatar Stephan Bode sagt:

    Sehr schöner Bericht.
    Es kommt halt auf den Grad Behinderung an.
    Hier muss man sich das richtige Boot /Bootsklasse suchen.
    Ich habe 50% (rechte Seite 1. Halswirbel bis zum Zeh), da geht dann halt kein 470er, FD oder Finn.
    Fighter und H-Boot geht bei mir.
    2.4er würde auch gehen. (Ist man bei uns aber allein)
    Segeln ist viel Kopfsache. Trimmeinrichtungen muss man dann anpassen.

    Danke für so einen Bericht.

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  2. avatar Elke Struve sagt:

    Ich bin sehr beeindruckt von diesem Artikel! In Selbstreflexion und großer Empathie für Menschen mit und ohne Hadicab wie auch dem außenstehendem Leser wurde dieses Thema erstmalig nahe gebracht. Ein guter Anreiz für Segelsportler, gegenseitiges geben und nehmen in die Tat umzusetzen und somit noch mehr Freude und Anerkennung für diesen großartigen Sport zu fördern!
    Ich durfte die Verfasserin dieses Artikels, Elke Paatz, persönlich kennenlernen und ein wenig in ihr Leben schauen. Ihr und ihrer großartigen Familie gehört mein größter Respekt!

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  3. avatar Klaus Arndt sagt:

    Eines der größten Segeltalente die ich kennen lernte. Elke kämpft , hat eine tolle Familie und hat dieses Thema hervorragend aufgearbeitet. Sie bringt es auf den Punkt und für die Bootskonstrukteure sollten da ihre Ideen freien Lauf lassen.

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  4. avatar Karin Misdorf sagt:

    Toller Artikel👍🏼
    Die eigentliche Kraft des Menschen liegt nicht in seinen beweglichen oder unbeweglichen Körper sondern in seinem Herzen. Ich hoffe, dass viele, mit oder ohne körperlichen Beschränkung, jetzt ermutigt sind, über das bisher Mögliche hinaus zu schauen.

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  5. avatar Achim Struve sagt:

    Ein großartiger und sehr beeindruckender Artikel. Ich finde es toll, wie die Autorin sich für Menschen mit Einschränkungen einsetzt. Die Arbeit von Elke Paatz wird sicher einiges im Segelsport und darüber hinaus in Bewegung bringen.

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