Kenterung im Atlantik: Crew über Bord, Epirb unerreichbar – da kommt „Bertie“ zu Hilfe

Ying und Yang

Es gibt Situationen, aus denen scheinbar kein Ausweg mehr führt. Doch dann mischt sich das Schicksal in seinen verschiedenen Gestalten ein. Eine Story vom Glück im Unglück.

Den Gesetzen des chinesischen Dao zufolge ist alles ein Wechselspiel zwischen Ying und Yang, Licht und Schatten, Glück und Unglück. Ganz egal, ob es sich dabei um kleine Erlebnisse oder große Ereignisse handelt – nach der Welle kommt ein Wellental auf das wiederum eine Welle folgt. 

Wir wissen nun nicht, ob sich Peter Bailey und Heidi Snyder für den Taoismus interessieren. Tatsache ist jedoch, dass die beiden gestandenen Weltumsegler kürzlich eine Menge Glück im Unglück hatten. Nicht nur im Sinne der taoistischen Lehre!

Kenterung, Rettung,

“Bertie” in besseren Tagen © Bailey

 

Ihre Geschichte beginnt wie viele andere Langfahrt-Abenteuer. Peter Bailey baute über mehrere Jahre hinweg an seinem 55-Fuß Kutter „Bertie“ und vor drei Jahren stachen die beiden zu einer Weltumseglung in See. „Nichts Aufsehenerregendes, wir wollten einfach nur auf unserem schwimmenden Heim von Ort zu Ort segeln, andere Menschen kennen lernen, ein anderes Leben leben,“ beschreibt Peter später ihre Langfahrten unter Segeln. 

Bertie mit dem Dschunkenrigg

Sie befuhren den Pazifik und den Atlantik, „hüpften“ von Insel zu Insel, von Küste zu Küste und trauten sich durchaus auch lange Schläge über die Ozeane zu. Alles lief perfekt für die beiden: Das Boot mit seiner durchaus eigenwilligen Beseglung (Dschunkenrigg am Hauptmast, Dreieckssegel am Besan) hatte sie niemals im Stich gelassen, die Gesundheit des 72- und der 68-Jährigen spielte mit. „Wir beide und unser Boot Bertie, wir waren ein eingespieltes Team,“ sagte Heidi Snyder. „Wir verstanden uns gut mit Bertie und Bertie gut mit uns!“. 

Heidi konnte nicht ahnen, wie sehr diese Aussage noch auf ihr gemeinsames Schicksal zutreffen sollte. 

Kenterung, Rettung,

Hoffen auf weiteres Glück im Unglück © bailey

Ende Mai lichteten „die Drei“ Anker auf den Bahamas, um nonstop nach New York zu segeln.  Etwa 65 Seemeilen östlich von Atlantic City erwischte sie nachts ein fieser Sturm. „Wie immer in solchen Fällen reduzierten wir die Segelfläche auf ein Minimum und verschanzten uns in der Kajüte,“ erinnert sich Peter heute.

Doch diesmal war alles anders: Sie wurden von einer „White Squall“ erwischt, einer ohne Vorwarnung aufkommende Fallbö, die teilweise von Nebel, Sturzregen oder Schnee begleitet wird. “Das Boot legte sich abrupt auf die Seite, wir kenterten, sofort flossen bei dem relativ schweren Seegang Unmengen Wasser ins Boot, und unser „Bertie“ wollte und konnte sich nicht wieder aufrichten.“ 

Alles geschieht offenbar innerhalb weniger Sekunden. Heidi und Peter werden über Bord gespült, können sich knapp am durchgekenterten Boot festklammern, und klettern auf den Rumpf. „Mein erster einigermaßen klarer Gedanke ist: Ich muss irgendwie an den Epirb,“ erzählt Peter. Doch die Notfall-Bake war im Inneren des Bootes am Niedergang befestigt. Peter versuchte mehrfach, tauchend an die Bake zu gelangen, doch reichte seine Luft offenbar nicht aus, um bis in den Niedergang vorzudringen. 

Stockfinstere Nacht, hoher Wellengang, immer wieder erneut einsetzende Sturmböen, ein unbeschreiblicher Lärm und die beiden Blauwassersegler sind dem kalten Atlantikwasser ausgesetzt – ein Alptraum. „Ich dachte nur: Das ist das Ende,“ berichtet Heidi später. „Und ich war mir sicher, dass ich nun durch die Unterkühlung an einer Herzattacke sterben werde,“ ergänzt Peter. Er beginnt stark zu frieren und zu zittern und seine Partnerin wärmt ihn unter ihrer Jacke.

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Und dann drehte sich Bertie doch zur Seite © coast guard

Doch dann bringt sich ihre “Bertie” erneut ins Spiel. Als habe ihre Yacht die missliche Lage seiner beiden Skipper erkannt, dreht es sich plötzlich zur Seite – der Niedergang und somit das Epirb sind erreichbar! Peter greift mit letzter Kraft zu der Bake und schickt sein Mayday in den Äther. 

Von Rookies gerettet

Der Notruf wird von der Küstenwache in Atlantic City /North Carolina empfangen. Ein Helikopter mit sechs Mann Besatzung steigt nur wenige Minuten später auf, um zu der übermittelten GPS-Position etwa 65 Seemeilen entfernt im Atlantik zu fliegen. 

Zunächst finden die Retter nichts. Strom und Wellen haben das gekenterte Boot und seine Besatzung, die sich weiterhin mit letzter Kraft festklammert, vertrieben. In pechschwarzer Nacht ist es auch mit Nachtsichtgeräten schwer, die Havaristen zu lokalisieren. Und die Rettungscrew im Hubschrauber besteht diesmal zur Hälfte aus Neulingen. Aber plötzlich erkennt einer der Rookies mit bloßem Auge zwei Blinksignale. Es sind die Lichter an den Schwimmwesten von Peter und Heidi. 

Kenterung, Rettung,

Ob das Holzschiff doch noch geborgen werden kann? © US coast Guard

Kurz darauf wird ein junger Rettungstaucher an der Winde zu den Verunglückten herab gelassen – auch dies ein Ersteinsatz. Der Mann berichtet später: „Eigentlich war alles genau so, wie ich es schon x-Mal zuvor geübt hatte. Ich war mir aufgrund meiner Trainingseinheiten vollkommen sicher in allen Handlungen, die ich auszuführen hatte. Alles war total eingespielt – nur eben noch nie in einem echten Notfall durchgeführt worden!“

Peter und Susie berichteten später, dass sie extrem beeindruckt von der Professionalität ihrer Retter waren. Dass es sich dabei um junge Männer bei ihrem Ersteinsatz handelte, konnten sie nicht glauben. 

Wie geht’s weiter?

Die Rettungscrew fliegt die beiden Unterkühlten, ansonsten aber Unverletzten in das nächste Krankenhaus. Sie werden medizinisch versorgt dürfen sich ein paar Tage ausruhen. 

Doch wie war ist das mit dem Auf und Ab im Leben? „Erst im Krankenhaus wird uns klar, dass wir völlig mittellos sind. Alles was wir besaßen, inklusive aller Dokumente ist auf dem Boot geblieben,“ beklagt Heidi. „Klar, wir hatten unser nacktes Leben gerettet. Aber wie sollte es jetzt weitergehen?“ 

Wie gut oder schlecht und ob überhaupt das Boot „Bertie“ versichert ist, wird derzeit noch von den Versicherungsgesellschaften überprüft. Doch in der Zwischenzeit muss das Leben irgendwie weitergehen. 

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Es gibt immer ein erstes Mal © US Coast Guard

Also richten die beiden einen Spendenaufruf an die Blauwasserszene. Innerhalb weniger Tage wurden bereits 18.000 US-Dollar gesammelt. Heidi und Peter hoffen, dass ihr gesetztes Ziel von 50.000 Dollar für einen Neustart im Leben erreicht wird. Denn letztendlich hätten sie ja trotz allem Unglück immer wieder das nötige Glück gehabt. 

Nicht zuletzt, weil nach jedem Ab auch wieder ein Auf, nach jedem Tief ein Hoch, nach jedem Unglück auch wieder ein Glück kommt. Nicht nur im Dao.

Spendenkonto

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Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier
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Ein Kommentar „Kenterung im Atlantik: Crew über Bord, Epirb unerreichbar – da kommt „Bertie“ zu Hilfe“

  1. avatar Kugelfisch sagt:

    Auch wenn’s besserwisserisch klingt:
    Epirb im Inneren des Bootes am Niedergang – das ist dumm und hätte die beiden fast ihr Leben gekostet.
    Dabei lernt man doch schon beim SRC, wo das Ding hingehört. So hätte ein Notfall fast tödlich geendet, nur wegen dieses entscheidenden Details.
    Schön, dass die Rettung dann so gut funktioniert hat.

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