Konfliktforschung: Was 1973 mit 11 Menschen auf einem Floß wirklich geschah – Doku klärt auf

Ein Sex-Floß?

Sie meldeten sich freiwillig zu dem Sozial-Experiment, freundeten sich an, liebten sich und wären beinahe zu Mördern geworden: Wie 101 Tage auf einem Floß Menschen verändern. 

Die meisten Segler kennen das: Wer mit einer Crew auf einer Yacht ein paar Wochen nonstop unterwegs sein will – wie etwa bei einer Atlantik-Überquerung – muss sich früher oder später mit einem allzu menschlichen Problem auseinander setzen: Dem Umgang miteinander, in zugespitzter Form auch gerne „Lagerkoller“ genannt.

Ganz egal, wie komfortabel, vielleicht sogar luxuriös es auf der Yacht zugehen mag, egal wie freundschaftlich die Menschen an Bord miteinander umgehen (wollen), werden Konfliktsituationen auftreten, die untereinander gelöst werden müssen. Bevor sie in kleine oder große Katastrophen ausarten. 

Auf der “Acali” trieben 11 Menschen 1973 über den Atlantik – im zweifelhaften Dienste der Wissenschaft © lindeen

Dabei muss es ja nicht gleich zu Mord und Totschlag kommen, wie etwa 1981 auf der „Apollonia“ (SR-Artikel). Doch immer wieder gibt es Fälle, bei denen die Exekutive im Zielort einer Atlantik-Überquerung zu Untersuchungen herangezogen wird, weil ein Crew-Mitglied auf äußerst dubiose Weise „über Bord“ gefallen ist.

Grüße von Big Brother aus dem Dschungel-Camp

Womit wir bei der Konfliktforschung wären. Diese soziologische Disziplin interessiert sich seit jeher für interpersonelle Konflikte, die sich vor allem in latenten Stress-Situationen wie dem gemeinschaftlichen Leben auf engstem Raum, entwickeln. Dabei wurden und werden zum Teil höchst spannende, international bekannte Sozialexperimente durchgeführt, wie zum Beispiel das erst kürzlich beendete NASA-Mars-Experiment – sechs Wissenschaftler für ein Jahr in einem Habitat mit 11 Metern Durchmesser. Andere Experimente nahmen wiederum eher boulevardeske Auswüchse an und wurden medial international nachgestellt und ausgeschlachtet. Schöne Grüße vom Dschungel-Camp, Big Brother und im gewissen Sinne sogar Bachelor. 

Einer der Vorläufer solcher Experimente wurde 1973 von dem mexikanischen Anthropologen Santiago Genovés initiiert: Elf Menschen, die sich vorher noch nicht kannten, sollten monatelang auf einem Floß, also auf engstem Raum zusammen gepfercht und den Elementen ausgesetzt, über den Atlantik treiben. Als forschender Beobachter sah Genovés sich selbst vor. 

In der Diskussions-Wanne © lindeen

Der damals international anerkannte Wissenschaftler widmete seine Arbeit bereits seit Jahren der Friedens- und Konfliktforschung. Sein Anliegen: Er wollte dem Wesen der menschlichen Aggression auf die Spur kommen.

Genovés war thematisch vorbelastet.  Als Kind musste er miterleben, wie sein Vater im spanischen Bürgerkrieg zum Tode verurteilt wurde (woraus er mit seiner Mutter nach Mexiko floh). In Zeiten des Vietnam-Krieges sprach er mit heimgekehrten, psychisch schwer belasteten US-Rekruten. Die Initialzündung zu dem Experiment gab jedoch eine Flugzeugentführung, in die der Wissenschaftler persönlich geriet und während der er das Verhalten der Entführten und Entführer buchstäblich in „der ersten Reihe“ studieren konnte. Die Entführung ging unblutig aus, doch für Genovés war danach klar: „Wir brauchen das größte Gruppenexperiment der modernen Verhaltensforschung“ und das bitteschön „im Dienste des Weltfriedens“. 

Zwölf auf sieben Meter

Vorhang auf für „das Sexfloß!“. Welches natürlich zu Beginn des Experiments noch gar nicht so hieß. Tatsächlich ließ Genovés, finanziert von mehreren mexikanischen und US-amerikanischen Universitäten, zunächst ein neues Floß bauen, dessen Outfit abenteuerlich genug an Thor Heyerdahls „Ra“ erinnerte und taufte es auf den Namen „Acali“. Zwölf auf sieben Meter maß das Gefährt, und es sollte tatsächlich nur von einem Behelfssegel angetrieben werden. Das Floß hatte keinen Motor an Bord und mit dem Ruder konnten nur kleinere Kurskorrekturen im Strom und vor dem Wind vorgenommen werden. Wäre ein Crew-Mitglied etwa über Bord gefallen wäre ein Umkehren zu seiner Rettung kaum möglich gewesen. 

Nichts anderes als eine große WG auf dem Wasser? Von wegen! © lindeen

Den eigentlichen Zündstoff für die spätere Bezeichnung „das Sex-Floß“ legte Genovés bereits mit dem Anheuern der Floß-Crew, die ja gleichzeitig Studienonbjekt für seine Sozialforschungen sein sollte. Zwar hatte er in internationalen Medien mehrere Anzeigen aufgegeben, in denen er nach „jungen, abenteuerlustigen Menschen für ein soziales Experiment“ suchte und auf die sich hunderte „Willige“ bewarben. Doch tatsächlich hatte der Mexikaner zu diesem Zeitpunkt bereits die Crew nach seinem Gusto ausgesucht. Wichtigste Augenmerk dabei: Hohe Attraktivität der weiblichen Crew.

Als Skipperin wählte er eine Schwedin, die damals weltweit erste Frau mit einem international anerkannten Kapitänspatent. Eine Französin kam an Bord, die bald darauf schon zu Genovés persönlicher Gespielin auserkoren wurde, eine US-Afro- und eine weiße Amerikanerin, eine Algerierin, ein japanischer Fotograf, der alles im Bild festhalten sollte, ein griechischer Kneipenwirt, der zuvor in England lebte und ein angolanischer Priester. 

Attraktive Frauen für die Publicity

Nun muss man Genovés zugestehen, dass er Sinn für eine publicityträchtige Personalwahl hatte. Jedenfalls interessierten sich schon vor dem Start internationale Medien brennend für das Projekt, wobei höchstwahrscheinlich gezielt lancierte Bikini- und Sixpack-Fotografien einen gewissen Anteil hatten. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass man sich in den Zeiten der gerade erst entdeckten „freien Liebe“ auch durchaus offen über Themen wie Sex und häufig wechselnde Partnerschaften äußerte. 

Wie „hoch“ es dann tatsächlich auf dem Floß während seiner immerhin 101 Tage andauernden Reise herging, wird wohl nie eindeutig geklärt werden. Zwar meldete ausgerechnet Projektleiter Genovés schon bald „gute Kontakte“ zur Französin, doch merkte er auch an, dass bei vielen anderen selbst nach 14 Tagen auf See die Seekrankheit noch für ein eher „unsexy Verhalten“ sorgte.

Alle waren unter ständiger Beobachtung der anderen – selbst auf der Freiluft-Toilette © lindeen

Überhaupt wurde Genovés offenbar schnell klar, dass die von ihm erhofften Konfliktsituationen zwischen den bunt zusammen gewürfelten Crewmitgliedern noch nicht mal im Ansatz auftauchten. Ganz im Gegenteil: Mann und Frau verstanden sich hervorragend, auch wenn (oder weil?) es offenbar nicht allerorten zu sexuellen Beziehungen kam. Also begann der Wissenschaftler, gewisse Situationen „anzuregen“. So bestimmte er zum Beispiel, wer neben wem schlafen sollte oder animierte die Gruppe, Fragebögen auszufüllen, mit denen das Verhalten der anderen eingeschätzt werden sollte und las dann die Antworten allen vor. Sein erklärtes Forscher-Ziel: Der Zusammenhang zwischen sexuellem Verhalten und Aggression. 

Der nervt! Der muss weg!

Fazit der Gruppe nach ein paar Wochen: „Genovés ist ein Macho mit einem riesigen Ego. Der uns alle nur nervt.“

In den Gesprächsgruppen, die meistens in einer Art „Diskussions-Liegewanne“ auf dem Kajütdach des Floßes stattfanden, machte sich bald bedrohlicher Unmut gegen Genovés breit. Immer heftiger wurde die Kritik an seinem manipulativen Verhalten, immer öfter sah sich der Wissenschaftler mit den Früchten der von ihm angewandten Manipulationen konfrontiert. Was jedoch nichts an seinem Macho-Verhalten änderte. 

In der Doku wurde das Floß fürs Studio nachgebaut. Hier zwei der Original-Crewmitglieder im Gespräch © lindeen

Als ein Sturm im letzten Viertel der Reise das Floß bedrohte und die Kapitänin Schutz hinter einer karibischen Insel suchen wollte, sah Genovés seine Stellung in der Gruppe  und sein Experiment bedroht und ernannte sich selbst zum Kapitän und verhinderte ein Anlanden.

Für die Schwedin war dies Meuterei im klassischen Sinne und Grund genug, eine Allianz gegen Genovés zu bilden. Kurz darauf litt der Wissenschaftler jedoch an einer schweren Blinddarmentzündung, die er nur mit Hilfe der Bordärztin Edna Jones (die später nach Deutschland zog und dort heute noch als 78-Jährige Notärztin Drogenkranken hilft) überlebte. 

In dieser Zeit übernahm die schwedische Kapitänin erneut das Kommando über das Floß. Es wurde aber offensichtlich zudem ernsthaft über eine „Entsorgung des Übels Genovés“ nachgedacht. In den Diskussionsrunden kam es, nach Erinnerung einiger Crew-Mitglieder, zu intensiven Beratschlagungen, ob man Genovés – Blinddarm hin oder her– nicht einfach über Bord werfen soll. 

Wohl nur aufgrund der Blinddarmentzündung und der damit verbundenen Genovés-Auszeit für die Crew, wurde der Gedanke an Mord und Totschlag wohl verworfen. Ob sie ihn unter anderen Umständen umgebracht hätten, wird wohl nie eindeutig geklärt werden 

Vielleicht hätte Genovés darauf eine wissenschaftlich fundierte Antwort geben können. Doch klar äußerte er sich bis zu seinem Tod im Jahre 2013 nie darüber. Insgesamt hatte er während der 101-tägigen Reise nahezu 50 Fragebögen von den Crew-Mitgleidern ausfüllen lassen. Deren Auswertung er u.a. in einem Buch publik machte. 

Was von damals übrig blieb – die Doku soll klären © lindeen

Während des Törns über den Atlantik griffen immer wieder Medien das Experiment auf und veröffentlichten teils hanebüchene Stories über das wilde Sex-Leben auf dem Floß. Der mexikanischen Uni-Fakultät wurde das zuviel und man stieg offiziell noch während des Törns aus dem Experiment aus.

Doku soll klären

Was tatsächlich damals auf dem Floß geschah, ob Sex wirklich das alles beherrschende Thema war, wie weit die Crew bei der Genovés-Meuterei tatsächlich gegangen wäre, welche Freund- und Feindschaften entstanden und ob der hundertundeinstägige Törn die Crew für ihr restliches Leben beeinflusst hat, all’ das will die Dokumentation „The Raft“ klären. 

Ein prämierter Doku-Film, der derzeit in deutschen Programm-Kinos läuft © lindeen

Der schwedische Regisseur Marcus Lindeen hat mit „the Raft“ eine Doku realisiert, die Original-Filmausschnitte aus den Siebzigerjahren mit Interviews und Erinnerungen von sechs noch lebenden Crewmitgliedern des Experiments mischt. Dazu hat Lindeen ein maßstabsgetreues Modell des Floßes nachbauen lassen und in ein Filmstudio gestellt. Dort erinnern sich die damaligen Protagonisten und kommen dabei zu erstaunlich unterschiedlichen Reflexionen. In einem sind sie sich jedoch alle einig: Das Verhalten eine Genovés während dieses Törns wäre einer gesonderten Forschungsarbeit würdig gewesen. 

„The Raft“ läuft bereits seit mehreren Monaten in deutschen Programmkinos und wurde auf mehreren Doku-Festivals ausgezeichnet. In Kürze soll ein Download des vollständigen Films bei Wide House bereit stehen. 

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Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier

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