Vor Gericht: Seekranker wird aggressiv, fällt über Bord – Skipper verweigert die Rettung

"Dann geh doch"

 

Kriminalfall, Totschlag, seekrank, Mann über Bord

Die Cimarron. Auf ihr lebt Rick Smith, mit ihr fuhr er Chartergäste… doch während des tödlichen Überführungstörns musste keiner zahlen © Cimarron Yacht Charter

Freispruch für den amerikanischen Skipper, der seinem Crewmitglied offenbar nicht zu Hilfe eilen wollte. „Die Gefahr sei zu groß für die restliche Crew,“ soll Smith gesagt haben. Wurde tatsächlich Recht gesprochen?

Der Fall des 65-jährigen Skippers „Richard Rick Smith“, der vor allem die US-amerikanische, aber auch die Internationale Blauwasserszene mittlerweile drei Jahre lang beschäftigte, ist nun durch einen Freispruch beendet worden.  

Smith wurde vorgeworfen, für den schwer seekranken Mitsegler David Pontious (54), der nach einer offenbar im Delirium ausgeführten Attacke gegen Skipper Smith über Bord gesprungen war, keinerlei Rettungsmaßnahmen durchgeführt zu haben. Die Anklage lautete auf Totschlag. 

Kriminalfall, Totschlag, seekrank, Mann über Bord

Richard Rick Smith: Freispruch in einem spektakulären Fall, bei dem Seekrankheit der Auslöser war © cimarron yacht charter

Bundesrichter Curtis Gomez vom U.S. District Court of the Virgin Islands gewährte einen Antrag auf Freispruch, der am Vortag von Smiths Anwalt eingereicht worden war, bevor das Verfahren offiziell einer „Jury“ überstellt werden konnte. Zuvor wurden zwei weitere Crewmitglieder als Zeugen vernommen. 

Der Richter sah es als nicht erwiesen an, dass für Smith eine Anklage wegen „Totschlags auf See“ gerechtfertigt sei (seamman’s manslaughter, etwa: „Totschlag auf See“). Die entsprechende Gesetzgebung gelte nur für die kommerzielle Schifffahrt, argumentierte auch die Verteidigung. Und Smith konnte nicht nachgewiesen werden, dass er von einem der Crew-Mitglieder für den Unglückstörn Charter- oder Kojengebühren verlangt habe.

Der Vorfall ereignete sich bereits im Jahre 2015. Smith wurde damals nach Ankunft auf den Jungferninseln von den Behörden befragt, aber nicht angezeigt bzw. angeklagt. Erst im November 2018, nachdem Smith erneut auf den Virgin Islands mit seiner Yacht „Cimarron“ anlegte, wurde er nach einer anonym erfolgten Anzeige in Untersuchungshaft genommen.

Auslöser Seekrankheit 

Was in der Nacht vom 24. auf den 25. Oktober 2015 tatsächlich passierte (oder eben nicht passierte), wird wohl niemals vollständig aufgeklärt werden. Und doch sprechen die Zeugenaussagen, Indizien und Untersuchungen (u.a. durch die US-Küstenwache) dafür, dass Rick Smith eine schwere Schuld auf sich geladen haben könnte.

Nach Anhörung und Befragung der beiden weiteren Mitsegler und somit Zeugen, berichteten lokale Medien von einer höchst dramatischen, in ihrem Verlauf tragischen Situation auf der „Cimarron“, die von nichts anderem als Seekrankheit ausgelöst wurde. 

Demnach gilt es als erwiesen, dass Richard „Rick“ Smith, wie bereits in vielen Jahren zuvor, seine 43-Fuß-Yacht „Cimarron“ im Oktober 2015 von Maine auf die Virgin Islands überführen wollte. Als Crew waren ursprünglich vorgesehen: Candace Martin, eine erfahrene Hochseeseglerin, (die, wie sich später herausstellen sollte, eine kurze Affäre mit Smith hatte), Jacob Pepper (ein Segelanfänger) und Heather Morningstar, die zwar schon einige Segelerfahrung hatte, aber noch nie bei einem mehrtägigen Törn dabei gewesen war. 

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Richard Rick Smith: Freispruch in einem spektakulären Fall, bei dem Seekrankheit der Auslöser war © cimarron yacht charter

Gemäß ihrer Angaben während der Zeugenbefragung musste Martin den Törn unterbrechen und konnte nicht wie vorgesehen bis zum Ziel Virgin Islands mitsegeln. Sie organisierte über einen Online-Dienst ihres Clubs einen Ersatz – David Pontious. 

Bevor Skipper Smith mit seiner neu zusammengesetzten Crew in North Carolina ablegte, sind offenbar keinerlei Sicherheitsmaßnahmen besprochen worden. „Es sollte ja nur ein ganz normaler Törn runter in die Karibik werden,“ sagte Smith später als Angeklagter aus. 

Er ging unter und kam nicht wieder hoch

Drei Jahre nach dem tödlichen Vorfall widersprachen sich die beiden Zeugen Pepper und Morningstar in einem Punkt: Pepper behauptete, Pontious sei mehr oder weniger sofort nach dem Ablegen schwer seekrank geworden, Morningstar hingegen berichtete, dass sich Pontious zwar bald seekrank gefühlt habe, er aber noch Wache gehen und Nahrung aufnehmen konnte. 

Am Samstag Abend begann sich nach Aussagen von Morningstar die Situation jedoch zu verschärfen. Während die Seekrankheit-typische Übelkeit bei Pontious offenbar nachließ, begann er, in Wahnvorstellungen und Halluzinationen abzugleiten. So behauptete er, dass die Crew ihn entführt habe, um Lösegeld von seinem Vater zu erpressen. Er sah „ein Portal im Himmel“, durch dass er nur gehen müsse, um wieder in die Realität zu gelangen. 

Skipper Smiths Wache begann um Mitternacht und laut Morningstar gebärdete sich Pontious zunehmend aufgeregter, nachdem ihm Smith den Zugang zur Rettungsinsel oder zum Dinghy verweigert hatte, von wo aus Pontious offenbar zum „Himmelsportal“ gelangen wollte. 

Es wurde schnell handfest zwischen Smith und Pontious. Morningstar beobachtete, wie Pontious mit Smith rang, um ans Steuerrad zu gelangen. Er schlug Smith, ging ihm an die Gurgel. Daraufhin soll Smith ihn angezischt haben: „Wenn du das nochmal machst, schneide ich Dir die Kehle durch!“ Und Pontious sagte wohl: „Ich gehe trotzdem zum Himmelstor!“ 

„Dann gehe doch,“ soll laut Morningstar der Skipper daraufhin gesagt haben. Eine Aussage, die sie erstmals vor dem Richter machte, zuvor bei anderen Befragungen durch die Behörden aber niemals erwähnte. 

Ein „dann geh’ doch“, das der halluzinierende Pontious wörtlich nahm: Er sprang über Bord, ging unter und tauchte nicht wieder auf. 

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Smith vercharterte seinen Klassiker am liebsten vor den Virgin Islands © cimarron yacht charter

Morningstar berichtete, dass sie und Pepper mit Taschenlampen nach dem über Bord Gegangenen gesucht haben, aber kein Lebenszeichen von ihm entdecken konnten. Sie sagte zudem, dass Skipper Smith sich weigerte, einen Rettungsring auszuwerfen, das Boot aufzustoppen oder irgendein Rettungsmanöver einzuleiten und nur behauptete, dass Pontious „sowieso eine viel zu große Gefahr für die Crew gewesen sei“.

Nachdem sie zuvor Angst vor der körperlichen Gewalt eine Pontious gehabt habe, sei sie nun wie erstarrt gewesen angesichts der Aggressivität und Gleichgültigkeit des Skippers. 

Smith sagte später, er habe eben gesehen, dass Pontious nicht wieder aufgetaucht sei. 

Nach Aussagen von Smiths Rechtsbeistand sei der Skipper nun nach unten gegangen, habe die Koordinaten des Unfallortes abgelesen und einen Mayday-Notruf abgesetzt – ohne Erfolg.

Falschaussagen, Lügen oder nicht als die Wahrheit?

Die behördliche Untersuchung ergab jedoch eindeutig, dass weder die VHF Emergency Bake noch die EPIRB-Bake ausgelöst wurden. 36 Stunden nach dem dramatischen Ereignis nahm Smith schließlich Kontakt mit seinem Wetter-Router über Kurzwelle auf, der wiederum die Küstenwache alarmierte.

Die schickte ein C 130 Rettungsflugzeug zu dem Boot, das einen Funkkontakt herstellte und schließlich nach Pontious suchte. Nachdem das Flugzeug wieder außer Sichtweite war, soll Smith laut Morningstar einen Rettungsring mit den Worten über Bord geworfen haben: „So sieht es wenigstens danach aus, als habe ich so etwas wie eine Rettung versucht.“ 

Nach Ankunft auf den Virgin Islands wurde Smith von den Behörden zu den Vorgängen befragt. Und auch Candace Martin, die ursprünglich vorgesehene Mitseglerin, meldete sich bei Smith. Als Zeugin gab sie an, Smith habe damals zu ihr gesagt, er habe stundenlang nach Pontious gesucht.  Später soll er ihr gegenüber aber gesagt haben, dass er Pontious mitten auf dem Ozean gelassen habe. Was Smiths Anwälte wiederum als den Racheakt einer enttäuschten Liebhaberin deuteten. 

Auch der Vater und der Bruder des Toten reisten nach der Todesnachricht sofort zu den Virgin Islands. „Wir wollten genau wissen, was da passiert war und wandten uns an Smith,“ sagte Bruder Andrew. Smith nahm die beiden im Dinghy mit an Bord der „Cimarron“ und erzählte erneut von der langen Suche nach David. „Dann bedauerte er noch, dass er dabei einen so teuren Rettungsring geopfert habe.“ 

Nach dem Freispruch war Smith offenbar von den lokalen Medien zu keinem Statement zu bewegen. In den Sozialen Medien postete er ein Wort: „Freedom!“  Stunden später bedankte er sich bei seinen Facebook-Freunden, die es überhaupt erst möglich gemacht haben, so tolle Anwälte zu engagieren… 

Mit Material von

 knoxvillage

pressherald

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Michael Kunst

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