Lastensegeln: Schoner-Neubau „Votaan“ auf Kiel gelegt – „süße“ Transat-Routen

72 Fuß für Schokolade und Kaffee

Ein Neubau aus Aluminium soll die derzeit aufblühende Lastensegler-Szene revolutionieren. Fracht- und Stückgut von der Bretagne in die Karibik – Jungfernfahrt Herbst 2019.

Schokolade, „grüne“ Ideen und Segeln – kann es ein besseres Osterthema geben? Auch wenn vielen der Bogen zwischen Schoko-Ostereiern und einer 22-Meter-Alu-Ketsch etwas gewagt erscheinen dürfte, ist doch genau in diesem Zusammenhang eine gute Nachricht zu vermelden: Die „Votaan“ ist im Bau, der Kiel gelegt, der Rumpf nahezu fertig gestellt (SR-Bericht). 

Klartext. Seit mehr als einem Jahr werden in der französischen Szene einem buchstäblich süßen Projekt Vorschusslorbeeren verteilt, das seinesgleichen sucht. Die ursprüngliche Idee ist so simpel wie (heutzutage) exotisch. Da sind also ein paar enthusiastische Damen und Herren mit dem immer seltener ausgeübten Beruf „Chocolatier“, die sich in dem bretonischen Städtchen Morlaix zusammengetan haben, um außerordentliche Schokoladen zu produzieren und außergewöhnliches Naschwerk zu kreieren. 

Lastensegeln, Grain de Sail, transat,

Moderner Lastensegler für süße Fracht: Die 72 Fuß lange Votaan © grain de sail

Doch nicht nur die Liebe zum Süßen verbindet die kleine Gruppe, sie teilen auch zwei weitere Leidenschaften: Engagiertes Umweltbewusstsein und Segeln auf den Sieben Meeren unseres Planeten. 

Addiert man nun die Vorlieben für Schokolade, Segeln und die Natur, ist man ganz schnell bei einer besonderen Form der umweltbewussten Beförderung von Kakao- und Kaffeebohnen – auf einem Lastensegler, der Transat-Routen befahren soll!

Schokolade unter Segeln

So oder ähnlich ging die junge Manufaktur „Grain de Sail“ (typisch-französisches Wortspiel: grain de sel bedeutet eigentlich Salzkorn, das in französischen Schokoladen sehr beliebt ist. Und „sail“ deutet auf eine Passion fürs Segeln hin) an ihr Projekt mit dem etwas martialisch klingenden Namen „Votaan“ heran. 

Sei 2010 produziert „grain de sail“ bereits allerfeinste Confiserien aus Schokolade im bretonischen Städtchen Morlaix/Finisterre.  Und seit 2013 betreiben sie eine mittlerweile ausgesprochen „hippe“ Rösterei mit Kaffee-Ausschank direkt neben der Schleuse.  

Lastensegeln, Grain de Sail, transat,

Querschnitt der Laderäume © grain de sail

Schon seit einiger Zeit lassen sich die „grain de sail“-Chocolatiers einen Teil ihrer Rohwaren bzw. Grundstoffe per Lastensegler anliefern. 2011 ließen sie ihre erste Ladung noch auf einem 11-Meter-Fahrtenschiff transportieren, das ihnen immerhin eine Tonne grüne Kaffee- und Kakao-Bohnen und ablieferte.

Was auf der einen Seite sehr lobenswert ist, andrerseits aber auch ein wenig Neid bei den segelnden Chocolatiers hervorrief. Man wollte nicht zwingend mehr auf fremden Schiffen segeln lassen, sondern auf eigenem Kiel die Ware von A nach B segeln.

Und so hatte sich die segelverrückte Crew von „Grain de Sail“ auf die Fahnen respektive Stander geschrieben, dass sie die Welt des Lastensegelns, so wie sie derzeit gerade wieder aufblüht, weiter revolutionieren wolle. Im Gegensatz zu den meisten gängigen Lastensegler-Reedern, die ausschließlich auf renovierte klassische Schiffe setzen (Beispiele: Très Hombres des niederländischen Fairtransport und die deutsche Timbercoast), wollen die Bretonen nun einen anderen, innovativeren Weg beschreiten:

Den Bau eines neuen Lastenseglers mit modernem Riss und zeitgemäßer Ausstattung, der seine Ladung in Tea-Clipper-verdächtigen Zeiten von der Karibik und Mittelamerika nach Europa bringen soll. 

72 Fuß für Schokolade und Kaffee

Doch da es an verrückten Ideen in der französischen Segelszene bekanntlich nicht mangelt, die Realisierung derselben aber oft nicht zwingend stattfindet, gab es auch zu diesem Projekt einige Unkenrufe. Denn wer Lasten auf Segelschiffen transportieren will muss dieselben entsprechend groß bauen.

Und Größe am Schiff verursacht wiederum Kosten. Anders ausgedrückt: Die von Beginn an angepeilte Bootslänge von neu zu bauenden 22 Metern schlägt dann schnell mit 1,5 Millionen Euro zu Buche. Eine Summe, für die man ziemlich viele Schokoladeneier verkaufen muss.

Kurz, die Idee wurde zwar allenthalben erfreut wahrgenommen, an ihrer Umsetzung aber gezweifelt. 

Lastensegeln, Grain de Sail, transat,

Die Votaan-Routen © grain de sail

Nach einem nur mäßig erfolgreichen Crowdfunding-Kampagne waren jedoch die späteren Bemühungen der „Grain de Sail“-Macher bei einer Sponsorensuche für ihren Lastensegler-Neubau deutlich erfolgreicher. Jedenfalls wurde Anfang dieses Jahres, nach mehrfacher Terminverschiebung, tatsächlich die Kiellegung der „Votaan“ angekündigt. 

Mittlerweile hat die Yacht bei Alumarine Shipyards formschöne Gestalt angenommen und der Alu-Rumpf wurde bereits fertiggestellt. 

Einige technische Details:

72 Fuß (22 m) Länge

31 Tonnen Verdrängung (ohne Ladung)

35 Tonnen Lastaufnahme

Die Ladung wird auf speziellen Paletten gesichert im Bauch und an Deck des Schiffes untergebracht

Zwei gleich hohe Masten, Schoner-Rigg

Vir Personen profi-Crew

Kojen für zwei zahlende Passagiere

356 qm Segelfläche am Wind

495 qm vor dem Wind

Motor 115 PS

Tiefgang voll beladen: 3, 50 m

Alle Manöver sind vom Cockpit aus möglich

Sechs Segeltypen sind vorgesehen: Von der Sturmfock bis zum asymmetrischen Spi

Der Lastensegler soll mindestens vier Transats pro Jahr fahren

Stapellauf: Herbst 2019

Schon aus rein wirtschaftlichen Gründen versteht es sich, dass die „Votaan“ (Voilier Océanique de Transport trAns Atlantique iNnovant) nicht nur auf einer Strecke, also von West nach Ost, Waren transportieren wird. Vielmehr ist vorgesehen, dass der Schoner auch mit bretonischen Produkten an Bord Städte wie New York anfahren soll. 

Nur wenige Cents teurere Produkte

Apropos ökonomisch: „Grain de Sail“ hat schon mal durchgerechnet, wie hoch die Mehrkosten an ihren Produkten ausfallen werden, wenn man bald mit dem eher unkonventionellen Transportmittel unterwegs sein wird. Nicht mehr als 10 Cents pro Tafel Schokolade werde die Preiserhöhung ausfallen, versichern die Chocolatiers. Und eine 250-Gramm-Packung Kaffee werde dadurch nur zwischen 20 und 30 Cents teurer. 

Lastensegeln, Grain de Sail, transat,

© grain de sail

Eine Rechnung, der es zu wünschen wäre, dass sie aufgeht. Also jetzt schon mal vormerken: Die Ostereier im nächsten Jahr oder die herzallerliebsten Schokoladen-Nikoläuse auf weihnachtlichen Gabentisch könnten durchaus von den segelnden Chocolatiers aus der Bretagne sein. Hauptsache, sie wurden unter Segeln transportiert. 

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Michael Kunst

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2 Kommentare zu „Lastensegeln: Schoner-Neubau „Votaan“ auf Kiel gelegt – „süße“ Transat-Routen“

  1. avatar Jonas sagt:

    Für eine Tonne Aluminium brauch man ca. 16.000 kWh in der Herstellung. Super grün..

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 4 Daumen runter 4

    • avatar boatsailing sagt:

      Kann sein, Alu ist sicher auch energieintensiver zu produzieren als Stahl, aber hohe Energie- und Materialkosten fallen auch für den Bau herkömmlicher Frachtschiffe an, nur dann plus lebenslange Emissionen. Außerdem hat es womöglich Modellcharakter.

      Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 5 Daumen runter 0

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