Micro-Segeln: Auf 5,70 -Meter-Boot nach Neuseeland – doch dann kam COVID 19

Man muss eben Geduld haben!

Der Schwede Sven Yrvind (80) wollte eigentlich sein nächstes Micro-Boot-Abenteuer starten und ist nun von der Corona-Krise gestoppt worden. Er tüftelt weiter und versucht neben bei seine Chancen im Falle einer Erkrankung zu verbessern. Auf seine eigene Weise: „Ich bin über 80 Jahre alt. Ich laufe einmal pro Woche und mache jeden Tag 20 Minuten Sport. Ab morgen werde ich zweimal pro Woche laufen, in der Hoffnung, dass sich meine Überlebenschance dadurch auf 12 Prozent erhöht.“

Wir haben auf SegelReporter bereits von Sven Yrvinds mitunter etwas mystisch angehauchten Zahlenspielereien berichtet. Da wäre zum Beispiel „80, 5,7, 1,0 und 400“ – dieses Zahlenrätsel haben wir mit unserem letzten Artikel über den schwedischen Ausnahmesegler gelöst: Der 80 Jahre junge Blauwassersegler und erklärte Micro-Fanatiker will auf einem für seine Verhältnisse riesigen, 5,7 Meter langen und 1,0 Meter breiten Boot in rund 400 Tagen von Irland nach Neuseeland segeln.

5,7 Meter lang, 1 Meter breit.

Nun ist Blauwassersegeln auf einem fünfeinhalb Meter Boot heutzutage nicht unbedingt eine spektakuläre Angelegenheit. Schon gar nicht, wenn man bedenkt, dass der Golden Globe-Organisator MayIntyre kürzlich sogar eine Einhand-Weltumseglungs-Regatta auf Booten ausgeschrieben hat, die gerade mal zehn Zentimeter länger sind (SR-Bericht).

Die alte Exlex mit der es nach Neuseeland gehen sollte.  © yrvind

Doch schon beim ersten Blick auf Sven Yrvinds Boot fällt auf, dass man den Unterschied der jeweiligen Bootsmodelle nicht unbedingt an der Länge des Bootes festmachen sollte. So kann man heutzutage durchaus segelbare Boote im fünfeinhalb-Meter-Längenbereich bauen, die rein optisch betrachtet auch als „Segelboote“ bezeichnet werden können. Das zeigt nicht zuletzt auch der Bausatz, den erwähnter MacIntyre potentiellen Teilnehmern seiner Regatta gleich für den Selbstbau eines Bootes anbietet. Zumindest auf dem Papier machen solche Projekte einen durchaus leistungsfähigen Eindruck. 

Vorbereitung der etwas anderen Art: gerne “Verbotenes”, aber nur ein Mal täglich essen © yrvind

Sven Yrvind hat jedoch ein ganz anderes Verständnis von seegängigen, kleinen Booten. Da der 80-jährige Schwede seit Jahrzehnten nichts Anderes gemacht hat, als mit Micro-Booten in der Drei-Meter-Längen-Klasse über den Atlantik zu schippern, konnte er sich für sein Altersprojekt auf einem nahezu doppelt so langen Boot selbstredend nicht mit einem herkömmlichen Riss zufrieden geben. 

Um es kurz zu machen: Yrvinds „Exlex“ (lateinisch: vogelfrei, gesetz- und rechtlos) ist nur einen Meter breit und erinnert eigentlich eher an die Rettungsboote, die man auf den großen Dampfern seitlich oder am Heck auf einer Rutsche hängen sieht und auf denen ganze Schiffsbesatzungen im Seenotfall wochenlang auf See überleben sollen. 

Doch Sven Yrvind ist eben ein Mensch, der viel in seinem seglerischen Leben ausprobiert, vor allem aber gelernt hat. Wobei er immer wieder klarstellt: Auf See geht es immer in erster Linie ums Überleben.  Und wenn man viel auf Drei- bis Vier-Meter-Untersätzen auf dem Atlantik unterwegs gewesen ist, dann weiß man, wie sehr einen die Elemente durchschütteln können. Ganz zu Schweigen von der Kraft der Wellen, die solche Nussschalen je nach Laune der Wind- und Wettergötter erbarmungslos knacken können. 

Entsprechend ist Yrvinds „Exlex“ ein Boot, das sich unumwunden als die Summe der Erfahrungen eines Seglers und Seemannes bezeichnen lässt, der sein Leben weit jenseits der (Längen-)Normen vor allem in Micro-Maßen fristete.

Ungemütlicher Kentertest

Yrvind ist in Micro-Segler-Kreisen schon seit Jahrzehnten dafür bekannt, dass seine Eigenbauten zwar in der Linienführung mitunter etwas eigenartig wirken, die Arbeiten am Boot jedoch umso präziser ausgeführt werden. Yrvind ist eben ein Handwerker, der etwas auf sich hält. Außerdem wird er von begeisterten, vor allem aber Langfahrt-erfahrenen Freunden und Fans beim Bau und der Planung seiner Törns tatkräftig unterstützt. 

Zwei Masten hatte Sven Yrvind auf dem Bötchen gepflanzt (später finden sogar drei Masten darauf Platz)), an denen relativ kleine Segel hängen, die wiederum in nullkommanix gerefft werden können. Wichtig dabei: Die proportional niedrige Masthöhe erlaubt es, bei Sturm noch relativ lange Segelfläche „stehen“ zu lassen. So bleibt das Boot besser manövrierfähig und wird erst relativ spät zum Spielball der Wellen. 

Was übrigens wörtlich zu nehmen ist. Das Video (oben) mit den Kenter-Test gibt zumindest eine Ahnung davon, was in solchen Nussschalen los ist, wenn es draußen auf See mal so richtig kachelt. Sven Yrvind ließ sich bei der „Eskimorolle“ im Inneren des Bootes filmen. Und was man da sieht, macht keinen gemütlichen Eindruck . Schon gar nicht wenn man bedenkt, dass der Mann 80 Jahre alt ist! Autsch… 

Auf einigen weiteren Videos dokumentiert Yrvind seine Fortschritte beim Bau des Bootes und bei den ersten Segelversuchen. Alles macht dabei einen ziemlich seriösen Eindruck, scheint klar durchdacht und vor allem robust und somit seefest zu sein – inklusive dem alten Salzbuckel, der auf seine „alten Tage nochmal das ganz große Abenteuer wagen will“. Und danach, „nach heutigem Stand der Dinge“ (wie er auf seinem Blog schreibt) wohl „mal so langsam“ aufhören will mit der Segelei in engen Sardinenbüchsen. 

Starttermin? Schon vor zwei Jahren!

Sven Yrvind mag also zwar ein bisschen „durchgeknallt“ sein, was die Größe seiner Boote anbelangt – in Sachen Sicherheit, Seriösität und Selbstvermarktung macht ihm aber so schnell keiner was vor. 

Obwohl auch er, trotz bester Planung, feinstem Bootsbau und vorsichtigem Handling im Laufe seiner Karriere schon reichlich Rückschläge einstecken musste. Der letzte ist gerade mal zwei Jahre her; am 30. Mai 2018 machte sich der 79-jährige auf seiner „Exlex“ zum ersten Mal auf den Weg nach Neuseeland, das er irgendwann im März 2019 erreichen wollte. 

Schon Anfang Juli war er  jedoch gezwungen, seinen Versuch abzubrechen: Wegen „Konstruktionsfehlern“ war das Boot in der See des Atlantiks zu instabil und nur schwer zu steuern. Yrvind segelte die „Exlex“ nach Porto Santo, 27 Seemeilen nordöstlich von Madeira und ließ sie später nach Schweden zurückbringen. Dort begann er „im Prinzip mit dem Bau eines neuen Bootes“, wie er die folgende Baustelle in seinem Blog beschrieb. 

Im Sommer 2019 segelte er die „neue“ Exlex erstmals vor Schweden probe und war vom Segelverhalten des Bootes begeistert – auch wenn er weitere signifikante Änderungen durchführen wollte: Ein dritter Mast mit Segel soll das Boot vor dem Wind stabiler halten. 

„Eigentlich steht nun meiner Abfahrt Richtung Neuseeland im Mai nichts mehr im Wege,“ schrieb Sven Yrvind noch im Januar.”Die Iren Erwarten mich schon!” 

Doch dann kam Corona. 

Wie viele andere auch, winkte Yrvind erstmal ab. Wird schon nicht so wild werden, schrieb er vor Monaten in seinem Blog. Schließlich machten von einem Tag auf den anderen die Häfen zu. Ablegen wurde unmöglich, geschweige denn eine Überführung des Bootes von Schweden nach Irland. 

Was also tun? Einfach bei Nacht und Nebel raus auf den angeblich ja virenfreien Ozean? Könnte klappen, wäre nur in Sachen Sponsorship eher kontraproduktiv. Und was wäre, wenn er unterwegs wegen Schäden anlegen müsste? Ein vermeintlicher erster Etappenstopp auf Madeira fällt wegen der Corona-Krise sowieso aus. Die Azoren? Geschlossen! Kanaren? Dicht. Kapverden? Erstmal hinkommen!
Also nonstop zumindest mal runter in die südlichen Hemisphären segeln. Doch selbst bei sehr asketischer Lebensweise wäre für die 10.000 Seemeilen lange Reise kaum genug Platz für die notwendigen Lebensmittel an Bord. Auch wenn Yrvind aus Erfahrung lediglich einen Liter Süßwasser pro Tag berechnen würde.

Die überarbeitete “Exlex” soll den Anforderungen besser gewachsen sein. © yrvind

So heißt es also auch für den schwedischen Micro-Segler Sven Yrvind „Geduld haben, bis die Häfen wieder öffnen“. Seinen ursprünglichen Plan, von Irland aus zu starten, hat er vorsorglich aufgegeben. Lieber aus einem Fjord der norwegischen Nordseeküste heraus schippern. Doch da seien immer so viele Fischerboote und sonstige Berufsschifffahrt unterwegs. Trotz diesem „neumodischen“ AIS sei ihm da jetzt schon ganz schön mulmig. 

Noch gut für weitere 80 Jahre!

Und so langsam macht Yrvind auch die Gefahr einer Ansteckung mit COVID 19 zu schaffen. Er habe neulich diese furchtbaren Bilder von italienischen Ärzten gesehen, die über Leben und Tod entscheiden mussten, weil Beatmungsgeräte fehlten, schreibt der Schwede auf seinem Blog. 

Und weil er schließlich zur Risikogruppe gehöre, richtete er gleich eine Bitte an seine Fans und Freunde: „Wenn ihr irgendwann hören oder lesen solltet, dass ich in ein Krankenhaus eingeliefert wurde, dann sagt den Ärzten bitte, dass dieser Yrvind noch für weitere 80 Jahre gut sei! Und schließlich habe ich ja noch was Größeres auf meiner „Exlex“ vor!“ 

Doch bisher fühlt sich Macro-Micro-Segler Sven Yrvind noch pudelwohl in seiner Haut. Nur ein bisschen Gewicht müsse er abnehmen, der Winter sei voller Versuchungen gewesen. Aus psychologischen Gründen wolle er auf eher fetthaltiges Essen aber lieber nicht verzichten – dafür isst er aus Gewichtsgründen nur ein Mal täglich.

Yrvind, Micro Segeln

Die Strecke: Erst in den Süden, dann links abbiegen © yrvind

Und um dem Virus im Falle einer „Begegnung“ gut gewappnet entgegen treten zu können, hat Sven seine Bewegungseinheiten erhöht. „Ich habe gehört, dass 20 % derjenigen, die wie ich über 80 Jahre alt sind, sterben werden, selbst wenn sie eine gute Krankenhausbehandlung erhalten. Ich bin über 80 Jahre alt. Ich laufe einmal pro Woche und mache jeden Tag 20 Minuten Sport. Ab morgen werde ich zweimal pro Woche laufen, in der Hoffnung, dass sich meine Überlebenschance dadurch um 12 % erhöht.“

Entsprechend findet er die lockere Haltung der schwedischen Regierung in Bezug auf das Virus COVID 19 ziemlich riskant und fast schon verantwortungslos. 

„Aber ich vertraue auf meine gute körperliche Konstitution und auf die nächstbeste, sich bietende Möglichkeit, hinaus aufs Meer zu kommen! Man sollte eben Geduld haben!“

Zur Not müsse er eben ein wenig länger für seine Reise nach Neuseeland einplanen. Vielleicht zwei Jahre und nicht nur 400 Tage, wie zunächst vorgesehen. „Ein paar zusätzliche Stopps haben älteren Herrschaften schließlich noch nie geschadet.“

Eine alte Blauwassersegler-Regel, die in Zeiten einer weltweit grassierenden Pandemie vielleicht ihre Gültigkeit verlieren könnte! 

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Michael Kunst

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