Olympia 1972 Historie: Erstmals segelten zwei deutsche Teams mit eigener Flagge und Hymne

Silber für die DDR in Kiel

Ostdeutsche Aktive erinnern sich an die Olympischen Segelwettbewerbe von 1972 vor Kiel. Der Westen holte zweimal Bronze, der Osten einmal Silber. Ein DDR-Insider erinnert sich.

Hostessen säumen den Weg für die Ehrengäste. Dahinter das voll besetzte Olympiazentrum Schilkee. Foto: Friedrich Magnussen (1914-1987), Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, aus dem Stadtarchiv Kiel.

Mit Ausnahme von 1952 in Helsinki (Finnland), 1960 in Rom (Italien) und 1984 in Los Angeles (USA) waren sie in allen deutschen olympischen Segelteams der Nachkriegszeit vertreten: die Segler aus der Ostzone und Ostberlin, der DDR bzw. den neuen Bundesländern – je nach Sprachgebrauch in den vergangenen Jahrzehnten.

Der Einstieg in die Olympischen Spiele war holprig, der Auftritt dann umso erfolgreicher. Dabei kam es 1972 vor Kiel zum ersten Wettstreit zweier deutscher Olympia-Mannschaften mit jeweils eigenem Emblem, eigener Fahne und eigener Hymne. Erinnerungen an die olympischen Segelwettkämpfe von 1972 sowie die Zeit davor und danach aus dem Blickwinkel der Aktiven aus den neuen Bundesländern werden zum 50-jährigen Revival der Olympischen Segelwettkämpfe vor Kiel wach.

Vom 10. bis 21. August verbindet Kiel die Zukunft mit der Historie. Den Segel-Auftakt machen die Gemeinsamen Internationalen Deutschen Jugendmeisterschaften (GIDJM, 13 Klassen) vom 10. bis 16. August, bevor vom 17. bis 21. August die sechs olympischen Klassen von 1972 zeitlich gestaffelt zum Revival an den Start gehen gefolgt. Mit zahlreichen weiteren Veranstaltungen an Land und auf dem Wasser feiert Kiel vom 6. August bis 8. September das Jubiläum.

Nachdem es wegen des 2. Weltkriegs 1940 und 1944 keine Olympischen Spiele gegeben hatte, fanden die ersten Nachkriegsspiele 1948 in London statt – allerdings noch ohne deutsche Segler. Vier Jahre später durften die Sportler aus der Bundesrepublik dann wieder in das Geschehen eingreifen. Und 1952 gewannen Theodor Thomsen/Erich Natusch/Georg Nowka vor Helsinki/Harmaja (Finnland) Bronze im Drachen. Parallel dazu gab es das „Nationale Olympische Komitee des Saarlandes“, das 1952 fünf Frauen und sechs Männer zu den Olympischen Spielen nach Finnland entsandte. Das „Nationale Olympische Komitee der Deutschen Demokratischen Republik“ (der Staat DDR bestand seit 1949) kämpfte derweil um die Anerkennung durch das IOC, das jedoch nur das NOK der Bundesrepublik anerkannte und die Aufstellung einer gemeinsamen Mannschaft empfahl. Das lehnte die DDR zunächst ab.

Nachdem also 1952 nur westdeutsche Sportlerinnen und Sportler an den Spielen teilnahmen, einigten sich die beiden deutschen NOKs 1955 auf die Aufstellung einer gemeinsamen Mannschaft, die 1956 in Melbourne (Australien) antrat. Medaillen gab es jedoch keine. Das änderte sich in Rom 1960, wo es FD-Bronze für Rolf Mulka/Ingo von Bredow/Hamburg gab und in Tokio 1964, wo sich Willi Kuhweide/Berlin Finn-Gold und Peter Ahrendt/Wilfried Lorenz/Ulrich Mense/Rostock Drachen-Silber sicherten. Die harten deutsch-deutschen Qualifikationskämpfe um die Olympiaplätze waren spektakulär.

1968 gab es in Acapulco (Mexiko) dann zum ersten Mal zwei deutsche Mannschaften, die allerdings unter derselben Fahne (Schwarz-Rot-Gold mit den Olympischen Ringen) und mit derselben Hymne antraten. Ullrich Libor/Peter Naumann (West) holten FD-Silber, Paul Borowski/Karl-Heinz Thun/Konrad Weichert (Ost) Drachen-Bronze für die deutschen Mannschaften.

1972 kam es vor Kiel zum ersten Wettstreit zweier deutscher Olympia-Mannschaften mit jeweils eigenem Emblem (mit Hammer und Zirkel umgeben von einem Ährenkranz als Symbol des Bündnisses von Arbeitern, Bauern und Intelligenz), eigener Fahne und eigener Hymne. Das Foto zeigt die Segelnationalmannschaft Ostdeutschland, so der offizielle Name der DDR bei den Olympischen Spielen. Foto: Archiv André Keil

Vor Kiel kam es 1972 dann zum ersten Wettstreit zweier deutscher Olympiamannschaften mit jeweils eigenem Emblem, eigener Fahne und eigener Hymne. Das Aufgebot der DDR musste sich „Ostdeutschland“ nennen.

Die olympische Geschichte der DDR-Segler

1956 im australischen Melbourne segelte Jürgen Vogler vom Ostberliner SC Einheit, dem heutigen Yachtclub Berlin- Grünau, im Finn-Dinghy auf den vierten Platz. Es war das beste Ergebnis des zehnköpfigen gesamtdeutschen Segleraufgebotes, zu dem als Ersatzmann für Jürgen Vogler mit dessen Clubkameraden Karl- Heinz Wegener noch ein weiteres Mannschaftsmitglied aus dem Osten kam. 1964 im japanischen Enoshima, bei den letzten Spielen mit einer gemeinsamen deutschen Mannschaft, gewannen die Rostocker Peter Ahrend/Ullrich Mense/Winfried Lorenz mit ihrer Silbermedaille in der Drachenklasse die zweite Medaille für das gesamtdeutsche Team nach Olympiasieger Willy Kuhweide im Finn.

Die nächsten olympischen Segelwettbewerbe fanden 1972 in Kiel statt – vor nunmehr 50 Jahren. Die DDR war mit Ausnahme des Tempest in allen Klassen vertreten. Das fünfzehnköpfige Aufgebot bildeten:

Hans-Christian Schröder (ASK Vorwärts Rostock) – Finn Dinhgy (7. Platz); nach Beendigung seiner aktiven Laufbahn Trainer, später Cheftrainer des ASK Vorwärts Rostock.

Herbert Weichert/Hans-Joachim Lange (SC Empor Rostock/ASK Vorwärts Rostock) belegten Rang 17 im Starboot. Nach seiner aktiven Zeit wird Weichert Finn-Trainer im SC Empor Rostock. Nach der Wende ist er u.a. Landestrainer Finn-Dinghy für Nordrhein- Westfalen.

Der Erfolgsdrachen „Mustafo“ mit der Segelnummer 37. 1964 im japanischen Enoshima gewinnen die Rostocker Peter Ahrend/Ullrich Mense/Winfried Lorenz bei den zunächst letzten Spielen mit einer gemeinsamen deutschen Mannschaft die Silbermedaille. Vier Jahre später in Mexiko traten zum ersten Mal zwei deutsche Olympiamannschaften unter einer gemeinsamen Flagge an. Hier gewinnen die Rostocker Paul Borowski/Konrad Weichert/Karl-Heinz Thun mit dem von der Ahrend-Crew übernommenen legendären Drachen „Mutafo“ Bronze. Vor Kiel holen Paul Borowski/Konrad Weichert/Karl- Heinz Thun (SC Empor Rostock) nach Bronze in Acapulco 1968 Silber in Kiel. Foto: Archiv André Keil

Herbert Hüttner/Dietmar Gedde (ASK Vorwärts Rostock), Platz 13 im FD. Hüttner wird zusammen mit Ulf Pagenkopf vom selben Klub  1974 Vize-Weltmeister im FD. Nach seiner aktiven Zeit wird er 470er Trainer im ASK Vorwärts Rostock. Gedde beendet 1972 seine aktive Laufbahn und wird ebenfalls Trainer (OK- Dinghy) beim ASK Vorwärts Rostock. Nach der Wende ist er bis zur Rente Nachwuchstrainer im Warnemünder SC.

Paul Borowski/Konrad Weichert/Karl- Heinz Thun (SC Empor Rostock) starten im Drachen. Nach der Bronze-Medaille in Acapulco 1968 wird es in Kiel die Silbermedaille. Mit dem Aus der Drachen bei Olympia beenden Weichert und Thun ihre leistungssportlichen Aktivitäten. Borowski wird Trainer im SC Empor Rostock, entwickelt  u.a. seine Söhne Jörn und Bodo zu Weltklasseathleten im 470 und FD. Jörn Borowski/Egbert Svensson gewinnen bei Olympia in Tallinn 1980 Silber im 470er. Paul engagiert sich bis zu seinem Tod 2012 in seinem Rostocker Yacht-Club und betreut das Flaggschiff des VSaW, den Zweimaster „Ebb-Tide“ in seiner Rolle als Startschiff des VSaW auf den Regattakursen der Kieler Woche bis in die 2000er Jahre.

Roland Schwarz/Werner Christoph/Lothar Köpsell (SC Berlin- Grünau) belegen im Soling den 14. Platz. Schwarz wird noch 1976 in Montreal als Ersatzmann im Soling dabei sein. Alle drei beenden 1976 ihre Leistungssportler-Karriere. Schwarz wird Kameramann und Fotograf für die Analyse im Turn- und Sportclub Berlin, nach der Wende in gleicher Funktion beim OSP Berlin. Christoph ist Mechanik-Spezialist in der berühmten FES, der Geheimschmiede der DDR und nach der Wende des bundesdeutschen Sports für Material und Ausrüstung in Berlin-Oberschöneweide.

Die erfolgreiche Drachen-Crew aus der DDR (v.r.): Paul Borowski/Konrad Weichert/Karl- Heinz Thun (SC Empor Rostock). Foto: Archiv André Keil

Vom Ersatzmann zum erfolgreichsten Trainer, vom Nachwuchstalent zum erfolgreichsten Segler

Als Ersatzleute vor Kiel fungieren Dieter Below (SC Berlin-Grünau) als Steuermann für Drachen und Soling sowie Michael Zachries (SC Berlin- Grünau) als Vorschoter für Drachen und Soling. Klaus-Eckart Meyer (ASK Vorwärts Rostock) ist Ersatz als FD-Vorschoter, Bernd Dehmel (SC Berlin-Grünau) Ersatz für das Finn-Dinghy. Below gewinnt 1976 zusammen mit Zachries und Olaf Engelhardt (SC Berlin- Grünau) in Montreal (Kanada) 1976 die Bronzemedaille im Soling. Alle drei beenden ihre Karriere nach den Olympischen Regatten in Tallinn 1980, die von 41 westlichen Ländern wegen des sowjetischen Einmarsches in Afghanistan boykottiert werden. Vier Jahre später bleiben 19 Länder des Ostblocks, darunter auch die DDR, den Spielen  in Los Angeles (USA) wegen feindseliger Stimmung fern.

Dieter Below wird stellvertretender Generalsekretär im Bund Deutscher Segler der DDR, nach der Wende ist er als Leistungssportkoordinator im Berliner Segler-Verband tätig. Michael Zachries wird hauptamtlicher Segelmacher im SC Berlin-Grünau und geht 1990 nach Bayern, wo er bis zur Rente als Clubmanager des Münchener Yacht Clubs tätig ist.

Bernd Dehmel beendet 1972 seine aktive Laufbahn. Er übernimmt nach seinem Trainerstudium die Trainingsgruppe Finn-Dinghy, später Soling im SC Berlin-Grünau, dem heutigen Yachtclub Berlin-Grünau. Als solcher führte er Jochen Schümann als besten deutschen Segler aller Zeiten an die Weltspitze. Dreimal Gold und einmal Silber bei Olympischen Spielen, dazu zahlreiche WM- und EM-Titel errangen Schümann und seine jeweiligen Crews unter Erfolgstrainer Bernd Dehmel. Zu seinen Schützlingen gehörten mit Frank Butzmann, Dirk Loewe, Heiko Birke, Helmar Nauck u. a. weitere Medaillengewinner bei internationalen Championaten. Insgesamt drei olympische Gold- und eine Silbermedaille sowie 35 WM- und EM-Medaillen sind das Ergebnis seiner Arbeit. Mehr als ein Jahrzehnt, von 1990 bis 2002, war Bernd Dehmel als Bundestrainer für die Soling- und 470er-Klasse tätig, ehe er 2002 in den Ruhestand ging.

Das offizielle DDR-Aufgebot von 1972 in Kiel ergänzten unter anderen zwei gerade einmal achtzehnjährige Nachwuchssegler vom SC Berlin-Grünau. Die Finn-Dinghy-Segler Detlef Schreiber und Jochen Schümann waren von der DDR als Auszeichnung für ihre bisherigen sportlichen Erfolge in das vom IOC organisierte internationale Jugendlager entsandt worden. Schümann sollte vier Jahre später in Montreal der jüngste olympische Goldmedaillengewinner im Finn-Dinghy werden und seine in Deutschland bis dato einmalige Weltkarriere im olympischen Segelsport starten.

Auch wenn es für das DDR-Team der erste Auftritt mit eigener Flagge und Nationalhymne bei Olympischen Spielen war, so waren die DDR-Segler in Kiel bestens bekannt, hatten sie doch schon vorher häufig an der Kieler Woche oder dortigen EM-bzw. WM-Events teilgenommen. Und das setzte sich auch nach 1972 fort. Im deutsch-deutschen Sportvertrag vom 8. Mai 1974 wurde der Besuch der Kieler Woche und der Internationalen Ostseewoche (heute Warnemünder Woche) für den jeweils anderen Seglerverband sogar verpflichtend vorgeschrieben.

Allein zehn der fünfzehn Kiel-Olympioniken der DDR waren nach Beendigung ihrer aktiven Laufbahn in einem der Leistungszentren in Berlin, Schwerin und Rostock als Trainer oder in anderen Funktionen tätig. Und Kiel war auch nach den Spielen noch oft das Reiseziel von DDR-Seglern, Trainern und Betreuern.

Treffpunkt im Drachen-Appartement – Seit 1992 wieder gemeinsam für Deutschland

Gewohnt hat die DDR-Mannschaft 1972 im Olympiahotel in Kiel-Schilksee. Interner Mittelpunkt war das Appartement der Drachen-Crew um Paul Borowski. Hier wurden auch alle Mannschaftsbesprechungen abgehalten. Immer wieder wurde – meistens initiiert von der Presse – ein besonderes „deutsch-deutsches Verhältnis“ thematisiert.

Heute wie damals sind die Aktiven der Ansicht, dass das „Besondere“ aus ihrer Sicht darin bestand, dass man die gemeinsame Muttersprache sprach. Natürlich kannte man sich sehr gut, waren doch einige der Aktiven 1964 noch gemeinsam in einer Mannschaft angetreten. Aber natürlich richtete man den Fokus auf sich selbst. Genauso natürlich war es aber auch, am Steg oder beim Rausfahren miteinander zu sprechen, sich auszutauschen. Das war aber auch vor und nach 1972 so. Die gemeinsame Sprache, derselbe Sport verbindet auch Konkurrenten.

Eröffnungsfeier der Segelolympiade 1972 in Schilksee: Avery Brundage, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC, vorn), Willi Daume, Präsident des Nationalen Olympischen Komitees (NOK, rechts dahinter), sowie der Vorsitzende des Segelausschusses des NOK, Berthold Beitz (hinter Brundage, links) flanieren in Begleitung weiblicher und männlicher Hostessen durch die Menge auf dem Hafenvorfeld. Foto: Friedrich Magnussen (1914-1987), Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, aus dem Stadtarchiv Kiel.

Was Funktionäre, nicht die Trainer, dachten und worauf sie zu achten hatten, das war eine andere Sache. Jedenfalls waren sie klug genug, ihre Aktiven nicht damit zu behelligen. Im Vordergrund stand für die ostdeutschen Sportler allein die Teilnahme an den Olympischen Spielen. Bis heute haben Herrmann, Below und Dehmel ein besonderes Verhältnis zu Kiel. Bis zur Pandemie war ein Dreitageausflug zur Kieler Woche und der Besuch im Begegnungszelt des Norddeutschen Regatta Vereins aus Hamburg und des Berliner Vereins Segler-Haus am Wannsee festes Reiseziel im Frühsommer.

Bis 1988 segelten die Aktiven beider deutscher Staaten noch getrennt, ehe es 1992 auch zur olympischen Wiedervereinigung kam. Bis dahin hatten die Segler (erst seit 1980 waren auch Frauen am Start) zweimal Gold, einmal Silber und zweimal Bronze für die Bundesrepublik und zweimal Gold, zweimal Silber und einmal Bronze für die DDR geholt.         

Text: Dr. Klaus Müller/Hermann Hell   

Zum Co-Autor dieses Berichtes

Dr.Klaus Müller, ist ein Insider der Segelwelt der ehemaligen DDR und der heutigen neuen Bundesländer. Seit fast zwei Jahrzehnten gehört Müller einer zehnköpfigen, monatlichen Frühstücksrunde im Yachtclub Berlin-Grünau Müggelsee an.

Mit Roland Schwarz, Dieter Below und Bernd Dehmel waren drei seiner heutigen Stammtisch-Kollegen 1972 in Kiel dabei. Dazu kommt mit Horst Herrmann ein Tokio-Starter von 1964. Das Stichwort „Kiel 1972“ in diese Runde geworfen, lässt die Erinnerungen der rüstigen, samt und sonders über Achtzigjährigen immer wieder aufleben. Und nach ihren Erzählungen glauben am Ende alle Zuhörer, selbst dabei gewesen zu sein, so Müller.

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