Ortstermin Lorient: Karbon-Spezialistin Marianne Moullec, erste Adresse für die Profi-Teams

Ein Händchen für Karbon

Marianne Moullec, Karbon, Bootsbau

Klein, zierlich und ziemlich effizient – nieder mit dem Klischee! © miku

Wenn’s richtig klemmt, rufen die großen französischen Rennställe nach Marianne. Sie findet immer eine Lösung – Besuch bei einer begnadeten Handwerkerin und unermüdlichen Geschichtenerzählerin.

Ortstermin im Fischereihafen von Lorient. Hinter einem enormen Wellblechtor sind laute Arbeitsgeräusche zu hören. Es wird mit Maschinen geschliffen und gehämmert, der Lärm ist schon von draußen ohrenbetäubend. Wie soll da mein Klopfen zu hören sein?

Als ich doch noch einen Klingelknopf finde und zaghaft drücke, ertönt ein erschreckend lautes Hupsignal aus dem Inneren und sofort erstirbt jeglicher Arbeitskrach. Ich höre Flipp-Flopp-Schlurfen, das auf mich zukommt, eine leise Stimme sagt „Moment noch“ und dann öffnet sich quietschend eine Tür im Tor: Vor mir steht Marianne Moullec.

DIE Marianne, sollte man besser sagen, denn nach einhelliger Meinung der Regatta-Bootsbastelszene in Lorient ist diese zierliche, aber irgendwie doch energiegeladen wirkende Frau so etwas wie das Maß der Dinge, wenn es um den Bau von kniffligen Karbonteilen geht.

Wie war das noch mit dem Klischee? Wer die Bastelei an modernen Regattayachten zum Beruf gemacht hat, wer mit Werkstoffen wie Karbon umgeht, als sei es Knetmasse aus dem Kinderbaukasten, den stellt man sich groß, kräftig gebaut und vor allem ziemlich maskulin vor.

Nun, vor mir steht freundlich lächelnd das genaue Gegenteil dieser Vorstellung. In Flipp-Flopps, mit säuberlich lackierten Zehnägeln, wohlgemerkt.

Das ist also Marianne, die von den großen, finanzstarken Rennställen und von den kleinen Einhand-No-Budget-Kampagnen gleichermaßen immer dann gerufen wird, wenn es richtig „klemmt“ respektive „die Sch… am Dampfen“ ist. Die gewissermaßen zuständig ist für all’ die Arbeiten, an die sich die anderen, durchaus zahlreichen Bootsbastler nicht so richtig rantrauen oder die dieses eine, ganz besondere Teil nicht rechtzeitig liefern können.

Marianne Moullec, Karbon, Bootsbau

Marianne vor der Museumswand in ihrer Werkstatt © miku

Nieder mit dem Klischee!

Sie geht mit federndem Schritt vor mir in ihre Werkstatt, scheint zunächst etwas missmutig, weil sie mit dem deutschen Schreiberling ja doch nur ihre Zeit verschwendet, „taut“ aber rasch auf, als sie mir stolz ihr Atelier zeigt und erklärt. Überraschend aufgeräumt und unchaotisch wirkt es hier, ganz im Gegensatz zu den meisten anderen Bastelstätten, die sich rund um den Regattahafen „La Base“ in Lorient angesiedelt haben.

Sie habe noch ein paar Räume von benachbarten Werkstätten hinzugenommen und ausgebaut, erklärt Marianne. Die Auftragslage werde immer besser, da seien Platz und Raum keine schlechte Basis. Normalerweise würden hier immer irgendwelche Mini 6.50 unter der Decke hängen, aber da gerade die Vorbereitungen für die Vendée Globe laufen, habe sie alles, was nicht nach IMOCA aussieht oder von einer IMOCA kommt, vorerst verbannt.

Obwohl, so ein paar kleinere Arbeiten, die gutes Geld bringen, werden natürlich gerne „dazwischen geschoben“. Wie zum Beispiel die Pinne einer größeren, offenbar nagelneuen Rennyacht, deren Besitzer bei den ersten Probeschlägen festgestellt hat, dass sie ungefähr zehn Zentimeter länger sein müsste, um bequem zu steuern. „Oder sein Arm ist zehn Zentimeter zu kurz,“ grinst Marianne, zündet sich eine Selbstgedrehte an und schenkt Kaffee ein.

Womit offenbar unsere Konversation beginnen kann. Das heißt, eigentlich ist es kein klassisches Gespräch im Sinne eines Dialogs. Vielmehr erzählt Marianne nach einigen eröffnenden Fragen ohne Punkt und Komma in einem fort. Ich solle sie unterbrechen, wenn es zuviel wird, sagt sie immer wieder. Ich werde mich hüten…

Marianne Moullec, Karbon, Bootsbau

Bei der Arbeit © miku

 

Von den Wörtern zum Karbon

Angefangen hat alles mit Bernard Stamm. Der baute im Jahre 2000 in einem Hinterhof an seiner ersten IMOCA „Superbigou“ und hatte immer Bedarf an jungen, arbeitswilligen Typen, die mit ihm zusammen an dem riesigen „Open“ basteln wollten. Marianne studierte damals Französisch und war ein bisschen unzufrieden mit ihrem Dasein: Zuviel Theorie, zu viele Buchstaben… wo blieb die Arbeit mit den Händen?

Irgendwann stand sie neben dem Rumpf der „Superbigou“ von Stamm. Der Freund eines Freundes, den sie besuchen wollte, half dem Schweizer aus; Marianne hatte noch nie irgendwas mit Schiffen zu tun gehabt und… war fasziniert vom ersten Moment an. „Es dauerte nur ein paar Minuten und Bernard gab mir irgendein Teil, das ich abschleifen sollte.“ Von da an war es um sie geschehen…

Stamm erkannte nach ein paar Stunden, dass in der zierlichen Frau reichlich Talent schlummerte. Beide verstanden sich gut, es stand also einem „Test“ in einer für Marianne neuen Domäne nichts im Wege.

„Aus diesem „lass-es-uns-mal-versuchen“ wurden Monate der Zusammenarbeit,“ erzählt Marianne. „Und danach war ich dermaßen infiziert, dass ich mir ein anderes Leben als die Bastelei an den großen Yachten überhaupt nicht mehr vorstellen konnte.“

Wie viele andere begeisterte und begnadete Handwerker auch, zog sie als „Söldnerin“ (Marianne besteht auf dieser Bezeichnung) jahrelang von einer Werft und Baustelle zur anderen. Dabei spezialisierte sie sich immer mehr auf den Umgang mit Karbon, und schon nach wenigen Jahren umgab sie der Ruf, eine Art „glückliches Händchen“ im Umgang mit Kohlefasern zu haben. Anders formuliert: Egal was gebraucht wird – Marianne liefert. Und zwar schnell…

Marianne Moullec, Karbon, Bootsbau

Manchmal hängen auch Minis in ihrer Halle © moullec

Alle rufen bei ihr an

„Im Prinzip habe ich für fast alle großen Rennställe oder großen Namen bereits gearbeitet,“ erinnert sie sich, die x-te Fluppe rauchend. „Nach Bernard waren das zum Beispiel Michel und Hubert Desjoyeaux, Alain Gauthier, fast alle Banque Populaire-Boote, Yves Parlier, Jean-Pierre Dick, Bestaven , Arnaud Boissier, Thomas Ruyant, Kito de Parvant, PRB, Arkema und und und…“ eine Liste, die sich wie das „Who is Who“ des Hochseeregattasport anhört.

Rundrufe, um irgendwelche Aufträge zu erbetteln, habe sie schon nach kurzer Zeit in der Szene nicht mehr nötig gehabt. „Es gab so einige Referenz-Arbeiten, nach denen ich bekannt war wie ein bunter Hund. Seitdem werde ich angerufen. Und wenn dann der erste Satz am Telefon lautet: Marianne, wir sitzen in der Sch… , dann weiß ich, dass es wieder Spannendes zu tun gibt.“

Dabei ist Karbon im buchstäblichen Sinne das verbindende Element. Für alles, was aus den Kohlefasern hergestellt wird, fühlt sich Marianne zuständig.

Ob das nun ein neuer Crashbox-Aufbau nach einer Havarie der MOD 70 von Jean-Pierre Dick ist oder ein kleines Teil, das für eines dieser 25-Meter-Mast-Ungetüme speziell gebaut werden muss. Ob sie für eine knifflige Reparaturarbeit von einer größeren Baustelle bei Kito de Pavant am Mittelmeer für zwei Tage mal eben schnell nach Dünkirchen „abgezogen“ wird, ob sie ein Jahr im französischen America’s Cup-Team in Valencia die Boote bearbeitet oder in den Karbonmast von PRB über Dutzende Meter Länge hinein gezogen wird, um innen das eine, absolut wichtige Teil anzubringen… Marianne ist sozusagen die letzte Hoffnung und eigentlich immer auch die letzte Rettung.

Marianne Moullec, Karbon, Bootsbau

Crashbox-Umbau am MOD70-Schwimmer Virbac © moullec

Zugang mit der Axt

Auch in den heißen Startphasen der großen Hochseeregatten ist sie fast immer vor Ort und entsprechend gefragt. Wie etwa bei der letzten Transat Jacques Vabre, als Yannick Bestaven und Pierre Brasseur auf ihrer Class 40 während der Überfahrt zum Startort le Havre die Rudere abrissen. Es drang viel Wasser ins Boot, so dass die offenbar nicht ausreichend geschützte Elektrik ein Feuer an Bord verursachte. „Die Feuerwehr verschaffte sich Zugang mit der Axt,“ erzählt Marianne grinsend. „Kannst du Dir vorstellen, wie das Boot ausgesehen hat, fünf Tage vor dem Start?“

Für Marianne galt es, in aller Eile zwei neue Ruder zu bauen. „Als die Dinger dran hingen, sahen sie sowas von ätzend aus, ich hatte ja keine Zeit für das Finish.“ Egal, die Teile hielten bombenfest und Schiff und Crew gewannen die Regatta.

Doch wahrscheinlich war es ihre wertvollste Aktion, als sie 2008 für ihren alten Kumpel und Förderer Bernard Stamm die „Kartoffeln aus dem Feuer“ holen konnte. Der Schweizer raste schon kurz nach dem Start zur Vendée Globe mit seiner IMOCA in einen Frachter, brach den Bugspriet und Teile der Crashbox im Bug.

Marianne Moullec, Karbon, Bootsbau

IM Mast, bei der Arbeit © moullec

Als er nachts wie ein gerupftes Huhn wieder an dem mittlerweile verwaisten, berühmten Steg von les Sables d’Olonnes anlegte, stand dort nur eine einzige, zierliche kleine Person, die auf ihn wartete. Und auf genau diese eine Frau hatte Stamm gehofft.

Sie organisierte und leitete die handwerkliche Rettungsaktion in Zelten direkt auf dem Steg, die drei Tage und zwei Nächte dauerte. Es war Ehrensache für Marianne, dass sie in dieser Zeit für ihren ersten Auftraggeber (gefühlt) kein Auge zumachte, sondern ackerte, was das Zeug hielt. Als Stamm dann ablegte, um hinter dem VG-Feld herzuhetzen, schien es, als winke er nur Marianne zu.

„Morgen packe ich meinen Kram und fahre auch runter nach Les Sables,“ sagt Marianne später zum Abschied in Lorient. „Könnte mir vorstellen, dass beim einen oder anderen IMOCA dort nach den Überfahrten wieder Reparaturbedarf besteht,“ sagt sie schmunzelnd. „Auch wenn Bernard diesmal nicht am Start sein wird!“

Marianne Moullec, Karbon, Bootsbau

Marianne, wir sitzen mal wieder in der Sch… © miku

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Michael Kunst

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2 Kommentare zu „Ortstermin Lorient: Karbon-Spezialistin Marianne Moullec, erste Adresse für die Profi-Teams“

  1. avatar Sag ich Niescht sagt:

    Superduper.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 22 Daumen runter 0

  2. avatar Addi sagt:

    Wieder ein packender Bericht! Viele Dank Miku

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