Phänomen: Neue Strömungsrichtung in der Nordsee nachhgewiesen – mit Holz-Driftern

Strom ändert Richtung

Und nun treibt mal schön – Holzdrifter kurz nach dem Aussetzen © Thomas Badewien/ Universität Oldenburg

Es gibt nichts, was es nicht gibt: Extreme Windverhältnisse können ganze Meeresströmungen beeinflussen. Läuft jetzt in der Nordsee alles falsch rum?

Die Strömungen in den Meeren sind wichtige Klimafaktoren. So sorgt etwa der warme Golfstrom dafür, dass an der Nordwestküste Irlands oder der Südwestküste der Britischen Insel Palmen wachsen und gedeihen. 

Aber auch die Entstehung von Wüsten auf dem Festland kann von Meeresströmungen verursacht werden – auch wenn dies auf den ersten Blick paradox erscheint. So sind zum Beispiel für die Atacama -Wüste in Südamerika der kalte Humboldtstrom im Pazifik und für die Namib-Wüste in Westafrika der ebenfalls „eisige“ Benguelastrom verantwortlich. Diese Strömungen kühlen die Luft über dem Meer ab, wodurch nur wenig Feuchtigkeit aufgenommen werden kann, die später über dem Kontinent für Regen sorgen könnte. Anders formuliert: Meereströmungen beeinflussen unser Leben an Land viel stärker als bis vor Kurzem noch angenommen.

Klima verändert Strom

Umgekehrt kann das Klima aber auch dafür verantwortlich dafür sein, dass sich große und kleine Meeresströmungen verändern. Mittlerweile ist wissenschaftlich belegt, dass sich das Golfstromsystem seit Mitte des 20. Jahrhunderts bereits um 15 Prozent verlangsamte. Die Ursache hierfür ist mit hoher Wahrscheinlichkeit der von den Menschen verursachte Klimawandel. Dass sich im Laufe der Zeit neue Strömungen entwickeln, die buchstäblich nachhaltige  Auswirkungen auf unser gesamtes Ökosystem haben können, sorgt bei einigen Wissenschaftlern bereits für reichlich Kopfschmerzen. 

Mitarbeiter der Uni Oldenburg lassen GPs-Drifter zu Wasser © Thomas Badewien/ Universität Oldenburg

Entsprechend wichtig erachten mittlerweile internationale Wissenschaftlerteams die Erforschung und Beobachtung großer Meeresströmungen, die von renommierten Umweltforschern als Indikatoren für den Gesundheitszustand unseres Blauen Planeten gelten.

Derartige Forschungen werden mittlerweile auf nahezu allen Weltmeeren durchgeführt und sind somit auch in der Nordsee längst Standard. In den letzten Jahren hat sich allerdings neben der klimaspezifischen Notwendigkeit für die Beobachtung der Strömungsverhältnisse „vor unserer Haustüre“ ein weiteres, von Menschen verursachtes Übel hinzugesellt: Der der durch die See treibende Makro- und Mikro-Plastikmüll.

Im Frühjahr 2018 wurde nun beobachtet, dass die Strömung in der Nordsee für eineinhalb Monate umdrehte. Die Forscher, die auf das Phänomen  gestoßen waren, wollten eigentlich die Verteilung von Plastikmüll in der Nordsee berechnen. 

Plastik treibt in die falsche Richtung

Die Wissenschaftler des Oldenburger Instituts für Chemie und Biologie (ICBM) bedienten sich dabei einer Methode, die im Computerzeitalter etwas „klassisch“ anmutet, letztendlich ihren Zweck hervorragend erfüllt. Vorausgesetzt, Strandspaziergänger in den Nordsee-Anrainerstaaten erweisen sich als verlässliche Naturfreunde. 

Im Februar setzten ICBM-Forscher 800 sogenannte Holzdrifter vor den Inseln Borkum und Sylt aus. Diese (unbehandelten) Holzstücke, versehen mit einem Info-Aufdruck treiben normalerweise so lange mit den Strömungen, bis diese an einem Strand anlanden, von Strandläufern gefunden und gemeldet werden. 

In der Regel treiben die Hölzer von Borkum aus ost- und später nordwärts, also entlang der friesischen Inseln. 

Strömung, Plastikmüll

Links: so sehen die beschrifteten Driftkörper aus. Rechts ein Treib-GPS © uni oldenburg

Doch statt der gewohnten Rückmeldungen von deutschen Stränden aus, meldeten sich in den folgenden Wochen Bewohner der britischen Ostküste. Die vor Borkum ausgesetzten Plättchen trieben zwischen 450 und 560 Kilometer weit an die Küste zwischen Burniston, nördlich von Scarborough, und Peterlee in Nordostengland. Die vor Sylt ausgesetzten Drifter legten sogar 600 Kilometer zurück und erreichten die Küste weiter nördlich zwischen Lynemouth, Northumberland, und Dunbar in Südschottland.

Gleichzeitig mit den Hölzern hatten die Wissenschaftler einen GPS-Drifter ausgesetzt, der über 400 km weit und über einen Zeitraum von mehr als zwei Monaten verfolgt werden konnte. Auch dieser GPS-Drifter, der sich halb unter Wasser treibend tatsächlich nur mit Strömungen fortbewegt und weitgehend unabhängig von Windrichtungen agiert, führte in nordwestliche Richtung. 

Als Ursache für diesen Richtungswechsel von „gegen“ zu „im Uhrzeigersinn“ machten die Wissenschaftler nach Auswertung meteorologischer Daten überdurchschnittlich lang anhaltende und starke Ostwinde aus. Für die wiederum einige Meteorologen die sich verändernden Klimaverhältnisse verantwortlich machen. Was bleibt, ist das Erstaunen darüber, dass (im Vergleich) kurze Windextreme relativ lange Strömungsrichtungen grundlegend verändern können. 

Gleichmäßig auf allen Länder verteilt

Interessant ist, dass dieses Phänomen keine Premiere war. Im Laufe der letzten 40 Jahre hat sich das Strömungsverhalten immerhin vier Mal noch stärker verändert. Über die Gesamtzahl der Strömungsveränderungen in diesem Zeitraum wurden allerdings keine Angabe gemacht. 

So weit driftete die GPS-Boje © uni oldenburg

Doch eigentlich ist es egal, warum diese Richtungsänderungen auftreten. Wichtig ist zu wissen, dass dem so ist und wir höchstwahrscheinlich eine Mitschuld daran tragen. Was die Mikroplastikteile anbelangt, sind solche Erkenntnisse allerdings ein echtes Desaster. Denn würden irgendwann einmal Clean-Up-Systeme wie das von Boyan Slat funktionieren, hätten sie in der Nordsee bei den häufig wechselnden Strömungsrichtungen einen besonders schweren Job zu erledigen. Denn derzeit kann man davon ausgehen, dass der Plastikmüll in der Nordsee„gerecht“ und gleichmäßig verteilt wird. Oder wie sang Grönemeyer noch? „Es tut gleichmäßig weh!“ 

Vollständiger Report (in Englisch) bei Science direct / als PDF

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Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier

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