Porträt: Cossutti Yacht Design – Bavarias neue Handschrift

Bavaria all‘italiana

Mit Kimmkanten und V-Bug haben Maurizio Cossutti und Alessandro Ganz Bavarias C-Line neues Profil verpasst. Ein Porträt der erfolgreichen ORC-Designer und ihrer Arbeit für die bayerische Großserienwerft.

Seit 2013 führen Alessandro Ganz (links) und Maurizio Cossutti das Design­büro als gleichberechtigte Partner © Cossutti Yachtdesign

Sie haben es schon wieder getan: Nach dem Raumwunder C42, das Bavaria auf der boot 2020 in Düsseldorf vorgestellt hatte, haben der italienische Yachtkonstrukteur Maurizio Cossutti und sein Partner Alessandro Ganz mit ihrem Team im Herbst die fast ebenso voluminöse Bavaria C38 vorgelegt. Die C42 beeindruckte unter anderem mit der Möglichkeit, zwei volle Achterkabinen mit je einer Doppelkoje von 1,60 Meter Breite unterzubringen. Während man sich noch fragt, wie die Designer das geschafft haben, wiederholen sie ihren Coup nun auf einem kleineren Rumpf.

Maurizio Cossutti segelt oft Regatten mit den Eignern der Yachten, die er entworfen hat © Cossutti Yachtdesign

Der größere Teil der dafür nötigen Puzzlearbeit steckt in der Entwicklung der C42, sagt Maurizio Cossutti im Videogespräch. „Dieser Entwurf war gutes Training für uns. Es war nicht einfach, die Ansprüche von Bavaria zu erfüllen: auf der einen Seite viel Volumen unter Deck, auf der anderen Seite gute Segeleigenschaften.“ Die Lösung dieser Aufgabe steckt zum einen in den charakteristischen Kimmkanten. Der Knick in der Spantform führt zu einem flacheren Unterwasserschiff und zu steileren Bordwänden, was unter anderem Platz im Rumpf schafft.

Die C42 ist die erste Bavaria-Yacht mit diesen auch Chines genannten Kanten. Das zweite typische Merkmal ist ebenfalls ein Novum für die Boote aus Giebelstadt: der V-Bug. In Höhe der Wasserlinie ist der Vorsteven noch scharf, Richtung Deck wird er breiter und runder. Von vorne sieht er aus wie ein V. Dieser Verlauf zieht die Linien über Wasser auseinander, was Raum bringt. In der C38 wiederholen sich Chines und V-Bug, nur ist sie eine Nummer kleiner. Neue Markenzeichen? Bavaria-Sprecher Marcus Schlichting schweigt über zukünftige Projekte.

Kimmkanten und V-Bug sorgen jedenfalls nicht nur für Platz unter Deck, sondern sie sind auch für die Segeleigenschaften wichtig. Die Chines bringen Auftrieb nach außen, was bei Krängung die Formstabilität erhöht. Das Boot kann mehr Segel tragen. Allerdings würde ein breites Heck in Verbindung mit einem schmalen Vorschiff dazu führen, dass der Bug bei Krängung ins Wasser gedrückt wird. Das Volumen, dass der V-Bug der Cossutti-Bavarias ins Vorschiff bringt, sorgt hier für einen Ausgleich. So sollen die Boote bei Krängung balanciert segeln.

Die Siegerin der Barcolana 2015 Canibale, eine Bonin 358 von Cossutti Yacht Design © Barcolana/Studio Borlenghi

Balance ist das Leitmotiv im Yachtdesign. Immer geht es um den Ausgleich. Zum einen in rein physikalischem Sinn um das Gleichgewicht der Kräfte. Tiefgang, Breite, Segelfläche, Ballast und viele Faktoren mehr stehen in einem komplexen Zusammenhang. Verändert man einen dieser Faktoren, hat man die Auswirkungen auf die anderen zu berücksichtigen. Zum anderen geht es in einem übergreifenderen Sinn um die jeweilige Balance zwischen den Segeleigenschaften und den Komfortansprüchen.

Maurizio Cossutti sagt, die nördliche Adria mit ihren oft schwachen Windverhältnissen habe ihn dabei geschult, für seine Entwürfe die richtige Balance zu finden. Bei Sturm segelt auch der sprichwörtliche Strohballen auf dem Dorfteich. Um hingegen bei Flaute voranzukommen, muss man nicht nur segeln können, sondern auch die Widerstände von Rumpf und Rigg minimiert haben. Cossutti scheint ein Händchen dafür zu haben. Seine M37 etwa ist bis heute die erfolgreichste Yacht nach ORC mit drei Weltmeistertiteln und diversen europäischen Titel zwischen 2009 und 2014.

Die neue Bavaria C38 mit V-Bug, der von der Wasserlinie nach oben hin breiter und runder wird und so Platz unter Deck schafft © Bavaria

Schon als Junge tüftelte Cossutti an seiner Jolle herum, um sie schneller zu machen. „Das Problem war allerdings nicht das Boot, sondern der Steuermann“, sagt er dazu. Doch die Leidenschaft war geweckt. Geboren in Udine, ging der junge Mann nach der Schule ins nahe Triest, um Schiffbau zu studieren. 1986 trat er in das dortige Designbüro von Roberto Starkel ein. Später arbeitete er auf eigene Rechnung und zeichnete Rennyachten in Zusammenarbeit mit diversen norditalienischen Bootsbauern, bis er 2003 selbst die Werft Marine Technologies gründete.

Nachdem dort 2005 ein Partner eingestiegen war, verließ Cossutti 2008 die inzwischen umgetaufte Werft 2M Marine, um sich mit dem Designstudio selbstständig zu machen, das er bis heute führt. Seine Zeit als Werftchef stellt er als ausgesprochen lehrreich dar. Mit dem Bau von Booten Geld zu verdienen, sei nicht einfach, sagt er. Leicht fallen mehr Arbeitsstunden an, als abgerechnet werden können. Die Bau- und Laminatpläne, die ein Designbüro liefert, spielen eine wichtige Rolle dabei, ob ein Design am Ende profitabel gebaut werden kann oder nicht.

„Kann man ein guter Yachtdesigner sein, ohne Segler zu sein? Vielleicht, aber wir glauben nicht!“

Alessandro Ganz genießt das Fahrtensegeln in Kroatien, wenn er nicht im Büro arbeitet © Cossutti Yachtdesign

Die in dieser Hinsicht auf der Werft gesammelten Erfahrungen halfen Maurizo Cossutti bei der Arbeit für Italia Yachts, die 2013 begann. In diesem Jahr wurde der junge Yachtdesigner Alessandro Ganz von einem Mitarbeiter Cossuttis zu seinem Partner. Das erste gemeinsame Projekt der Partner war die Italia 10.98 für die frisch gegründete Werft in der Nähe von Venedig. Auch wenn der Betrieb vergleichsweise geringe Stückzahlen absetzt, ist er doch eine Serienwerft mit einer entsprechend rationalisierten Fertigungstechnik zum Beispiel in den Negativformen.

Die Arbeit für den Regattazirkus spielte und spielt weiterhin eine große Rolle. Dabei lieferte das Studio von Cossutti und Ganz auf der einen Seite eigene Entwürfe wie die Bonin 358 und die Next 37. Auf der anderen Seite optimierte man auch Kiele von Serienyachten unter den Bedingungen des ORC-Ratings für Leichtwindverhältnisse. Doch nach Italia Yachts interessierten sich zunehmend auch andere Serienwerften für Performance Cruiser von Cossutti. Am oberen Ende der Größenskala steht hier etwa die More 55 von 2015. Ein Beispiel vom unteren Ende ist die Salona S380 von 2016.

2017 meldete sich dann Bavaria in Udine. „Cossutti Yacht Design war bekannt für schnelle und formschöne Yachten. Außerdem besaßen sie schon Erfahrungen im Serienyachtbau“, sagt Marcus Schlichting. So kam man schnell ins Geschäft und die Bavaria C57 als erstes Projekt entstand. Bald folgten die C45 und C50 und in diesem Jahr die C42 und C38. Parallel wuchs das Designstudio von zwei auf inzwischen fünf Personen an – alles Segler. Die Philosophie: „Kann man ein guter Yachtdesigner sein, ohne Segler zu sein? Vielleicht, aber wir glauben nicht.“

Die Bavaria C42 von Cossutti Yacht Design ist das erste Modell aus Giebelstadt mit Kimmkanten © Bavaria

Die Arbeit für Bavaria stellte die Italiener noch einmal vor neue Herausforderungen. „Die Werften, die wir bis dahin gewohnt waren, sind Handwerksbetriebe. In Giebelstadt waren wir zum ersten Mal in einer Werft, die industriell Boote baut. In den kleineren Werften können wir im Prinzip mit jedem Mitarbeiter direkt reden. Bei Bavaria übergeben wir die Pläne ans technische Management und von da ab muss jeder das Material selbst lesen und umsetzen können, das wir liefern“, sagt Maurizo Cossutti. Aber nicht nur das Prozedere, auch der Inhalt der Pläne unterliegt anderen Anforderungen.

Damit eine Großserienwerft wie Bavaria zum Verkaufspreis gewinnbringend produzieren kann, müssen die Kosten im Rahmen bleiben. Für das Designbüro heißt das zum Beispiel, Laminatpläne zu erstellen, mit denen der Rumpf in möglichst kurzer Zeit mit möglichst geringem Materialeinsatz gebaut werden kann. Im Fall von Bavaria kommt noch die Gleichteilestrategie hinzu, die dafür sorgt, dass bestimmte Bauteile in mehreren Modellen eingesetzt werden. Auch das müssen die Designer in ihren Plänen in Zusammenarbeit mit den hauseigenen Ingenieuren berücksichtigen.

Das Designbüro legt Wert darauf, dass alle fünf Mitarbeiter aktive Segler sind © Cossutti Yachtdesign

Cossutti schätzt, dass bei vergleichbarer Größe in einer Italia etwa dreimal so viele Mannstunden stecken wie in einer Bavaria. Das bedeutet allerdings nicht, dass der Aufwand seines Büros für eine Bavaria kleiner wäre. Er ist nur anders. Gleich hingegen sind die Ziele, mit denen die Designer an ihre Yachten herangehen. Sie sollen möglichst schnell segeln, Spaß machen und leicht zu bedienen sein. Alessandro Ganz sagt, dass auch die Kunden ihrer Fahrtenyachten von der Erfahrung des Designbüros mit Rennyachten profitieren. Einfaches Handling ist auf beiden Feldern wichtig.

Jedenfalls decken sich die Ansprüche von Cossutti und Ganz an die eigene Arbeit mit den Erwartungen von Bavaria an sie. Die Aufgabe bestand und besteht laut Marcus Schlichting darin, „moderne und gut segelnde Yachten zu zeichnen – und dabei die Bavaria-DNA zu erhalten: also hohe Qualität, viel Platz für Familie und Freunde, einfache Bedienung.“ Dabei kommt den Designern zugute, dass auch unter ihnen Regattasegler und Fahrtensegler gleichermaßen vertreten sind. Maurizio Cossutti sagt zum Beispiel von sich: „Ich war nie ein großer Fahrtensegler.“

Cossutti besitzt gar kein eigenes Boot und segelt in der Regel mit den Eignern auf Yachten, die er für sie entworfen hat, um die Wette. Alessandro Ganz hingegen bringt eine andere Erfahrung in die gemeinsame Arbeit ein. Er segelt viel mit der Yacht seiner Eltern, am liebsten in Kroatien. „Das Revier liegt vor der Haustür. Durch die vielen Inseln hat man jede Stunde ein neues Panorama. Mag sein, dass es schönere Reviere gibt. Aber das Wichtigste ist doch ohnehin, auf dem Boot zu sein und das Meer und den Wind zu spüren.“

Ein Kommentar „Porträt: Cossutti Yacht Design – Bavarias neue Handschrift“

  1. avatar Ulli Jäger sagt:

    Auch ein italienischer Designer wird aus einer Bavaria keine JPK machen, Kimmkanten hin oder her. 😂😂

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