Segelmachereien: Produktion läuft trotz Corona – Betriebe könnten Termine halten, aber die Yachten sind nicht im Wasser

Hochdruck an der Nähmaschine

Die Türen sind zu, aber dahinter läuft die Produktion, und die Kundenaufträge werden bedient: Bei den Segelmachereien in Deutschland ist der Betrieb zwar auf die aktuelle Situation angepasst, aber von Stillstand kann in den Werkstätten keine Rede sein. Im Gegenteil: Die Betriebe arbeiten im Mehrschicht-System daran, dass aktuell alle Liefertermine gehalten werden, damit die Segler zumindest zum verspäteten Saisonstart zügig starten können.

In den Segelmachereien ist derzeit voller Betrieb. die Aufträge der Kunden sollen fertig sein, wenn die Saison tatsächlich beginnt. Foto: ra

Für die Betriebe aus der Allianz Deutscher Segelmacher, die komplett in Deutschland produzieren, ist jetzt die Hochphase der Segelfertigung, nachdem zu den Messen in Hamburg und Düsseldorf die Eigner ihre Aufträge erteilt haben. Daher kann es keine Pause geben. Umso mehr steht die Gesundheit der Mitarbeiter im Fokus. Um die Risiken zu minimieren, sind die Türen beispielsweise bei der Segelwerkstatt Stade und Faber und Münker in Kiel zu.

Jens Nickel setzt mit seinem Team auf getrennte Arbeitszeiten und wenig direkten Kundenkontakt. Foto: Segelwerkstatt Stade

Auf direkte Anlieferung und Abholung von Segeln und Zubehör sollte verzichtet werden, erklärt die Segelwerkstatt Stade, sichert indes eine Einhaltung der Liefertermine zu. Eine Zusendung der fertiggestellten Segel und Ausrüstungsgegenstände ist natürlich möglich. Per Telefon und Email werden weiterhin alle Fragen beantwortet und Angebote erstellt.

Christian Tinnemeier (links) und Ulrich Münker haben volle Auftragsbücher und passen den Betriebsablauf der Situation an, um das Risiko eines Betriebsausfalls zu reduzieren. Foto: Faber&Münker

So verfahren auch die Kieler Kollegen. Kundenkontakt per Telefon ja, persönlich derzeit nicht. Zur Auslieferung von Segeln wurde eine „Wechselzone“ eingerichtet, um direkten Kontakt zu vermeiden. Und die Belegschaft arbeitet in einem Zwei-Schicht-System; beide Arbeitsgruppen sind komplett voneinander getrennt. „Schließlich können wir uns im Falle eines Falles keinen hundertprozentigen Ausfall erlauben“, sagt Christian Tinnemeier von Faber und Münker. Das Lager ist sehr gut gefüllt mit den Materialien, so dass die Aufträge abgewickelt werden können. „Bis Juni können wir durcharbeiten“, so Tinnemeier. Schwierig kann es mit ausgemachten Terminen dennoch werden, da die Häfen in Schleswig-Holstein dicht sind und die Boote nicht im Wasser sind, um die gefertigten Segel anzuschlagen.

Simon Henzel von Jan-Segel prüft genau, wie sich die Situation in den häfen entwickelt. Foto: Jan-Segel

Bei Jan-Segel in Großenbrode, wo man ebenfalls in zwei Schichten arbeitet, beobachtet man dieses Szenario der Hafenschließungen ebenfalls sehr genau. „Bisher läuft bei uns alles sehr gut. Zu den Häfen auf Fehmarn soll es in der kommenden Woche eine Entscheidung geben. Bei uns in Großenbrode haben wir bisher als Betrieb Zugang zum Hafen. Privatleute dürfen hingegen nicht mehr herein“, erklärt Simon Henzel.

 

Florian Böhm kann am Starnberger See derzeit noch nach Plan arbeiten. Foto: segel-bilder.de

Am anderen Ende der Republik berichtet Florian Böhm von Ähnlichem: Der Segelmacher nah des Starnberger Sees kann derzeit ganz normal arbeiten, bekommt auch noch Lieferungen aus Österreich. Allerdings bemerkt er auch eine gewisse Nervosität bei den Kunden vor dem Hintergrund, dass die Häfen gesperrt werden und das Kranen damit nicht mehr möglich ist. „Das wird dann natürlich auch Anpass-Arbeiten vor Ort unmöglich machen und die Auslieferungen erschweren“, so Böhm.

 

Die Unternehmen mit internationalen Verflechtungen müssen einen besonderen Blick darauf haben, wie die Lieferketten funktionieren. Oliver Leu von Oleu, derzeit nach einem Skiurlaub in vorsorglicher Haus-Quarantäne, berichtet von einer Ausgangssperre im Produktionsstandort Sri Lanka: „Die soll allerdings am kommenden Montag wieder aufgehoben sein, und bisher hat alles geklappt – auch wenn es mal ein bisschen humpelt.“ Das Unternehmen aus Heiligenhafen hat ohnehin gut vorgesorgt. „Wir haben zwei Seefrachten bekommen, die Lager sind voll. In Zukunft werden wir wohl nur alle zwei Wochen statt wöchentlich eine Lieferung bekommen, aber das dürfte kein Problem werden.“

Teamzusammenkünfte mit den Designer ist für Oliver Leu und Sascha Schwarck derzeit nicht möglich. Foto: ra

Da Oleu trotz der Produktionsstätten in Asien eine voll ausgestattete Segelmacherei am heimischen Standort hat, bleibt der Firmen-Chef gelassen: „Wir können alles im eigenen Haus fertigen, fühlen uns save und haben genug Reserven.“ Innerbetrieblich werde durch entsprechende Vorsichtsmaßnahmen Vorsorge getragen, Kollegen aus der Risikogruppe abgeschottet, und für den Kundenverkehr gibt es eine Besucherschleuse.

Stefan Voss hat bei den UK Sailmakers ebenfalls auf die Situation reagiert und kommt mit seinem Geschäftsführungspartner Dirk Manno derzeit nicht mehr zusammen. foto: UK

Auch in Flensburg hat man sich auf die veränderten Arbeitsbedingungen eingestellt. Die beiden Geschäftsführer von UK Sailmakers in Flensburg, Stefan Voss und Dirk Manno, vermeiden derzeit ein Face-to-Face untereinander, aber auch zu den Kunden. Sie sind jeweils für eine „Arbeitsgruppe“ im Betrieb zuständig und können so derzeit die Auslieferungen an die Kunden über einen neutralen Übergabepunkt gewährleisten. So ist auch die Produktion im eigenen Hause sichergestellt. Bisher gibt es indes auch keine Probleme mit der Zulieferung aus Hongkong. „Wir hatten zunächst befürchtet, dass es dort in der Produktion Einschränkungen geben könnte, aber das ist überhaupt nicht der Fall. Und auch die Lieferwege funktionieren“, berichtet Stefan Voss. In der Auftragsabwicklung sind die Flensburger derzeit sehr gut aufgestellt, aber Voss geht davon aus, dass in den kommenden Wochen das Tempo von behördlicher Seite rausgenommen wird: „Vor ein paar Tagen hatten wir noch ein paar ganz Eilige, die unbedingt ihr Boot fertig haben wollten, aber mit den Hafenschließungen sind auch die jetzt geerdet.“ Mit der Lage zu Dänemark müssen sich die Flensburger inzwischen auch mit den veränderten Bedingungen im Grenzverkehr auseinandersetzen. „Ich denke aber, dass das weiterhin möglich sein wird“, so Voss.

Die Kooperation zwischen Frank Simoneit (Mitte) und den dänischen Kollegen von elvström läuft derzeit bei Simoneit Sail&Service reibungslos. Foto: Simoneit

Das kann Kollege Frank Simoneit von der Simoneit Sail & Service GmbH nur bestätigen. Als Sailpoint von Elvström Sails in Dänemark pflegen die Neustädter einen intensiven Austausch mit den nördlichen Nachbarn. „Die Produktion bei Elvström läuft sehr gut, und die Auslieferung über einen Spediteur ist auch kein Problem. Als Privatperson wäre das sicherlich schwieriger“, sagt Frank Simoneit. Die Produktion der Epex-Membrane direkt bei Elvström in Apenrade ist laut Simoneit ebenso gesichert wie die Belieferung mit Segeltüchern von Dimension Polyant: „Die Lager sind voll und wir haben bisher noch keinen Termin ausfallen lassen müssen.“ Gleichwohl erhöht sich auch in Neustadt mit der Schließung der ancora-Marina für Privatpersonen irgendwann der Druck. „Die Termine an Bord für das Anschlagen der Segel und das Trimmen fallen jetzt natürlich erst einmal flach. Wir setzen darauf, dass der bisher gesetzte Termin für die Wiederöffnung des Hafens am 20. April gehalten wird. Sonst schiebt sich natürlich alles weiter nach hinten“, so Frank Simoneit.

Trotz der Möglichkeit von homeoffice vermeldet Stefan Matschuck bei North derzeit Business as ususal. Foto: North

Business as usual – zumindest fast – gibt es auch bei North Sails. Geschäftsführer Stefan Matschuck erklärt: „Wir gucken, was wir von zu Hause erledigen können. Ansonsten arbeiten wir normal an beiden Standorten in Hamburg und am Bodensee. Noch funktionieren die Lieferungen aus den USA und Sri Lanka, wir können die Termine halten. Das Meiste kommt per Luftfracht, und der Container mit den One-Design-Segeln ist auf dem Weg.“ Erhöhten Klärungsbedarf gibt es indes, wenn Arbeiten direkt vor Ort an den Booten nötig sind. Da müsse mit den Hafenbetreibern abgeklärt werden, was möglich ist – und die Distanz zu den Kunden wird gewahrt. Matschuck: „Wie sich die derzeitige Situation aber noch auswirkt, wird sich erst in ein paar Wochen zeigen. Wahrscheinlich wissen viele Kunden sogar erst im Juni oder Juli, wie ihre wirtschaftliche Lage ist. Dann sehen wir, ob sie neue Aufträge schreiben.“

 

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Ralf Abratis

... ist unser Mann aus der "Segelhauptstadt" Kiel. Mehr zu ihm findest Du hier.

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