SR-Interview: “Peter von Seestermühe” auf Heimaturlaub – Wie hart die Krise zuschlägt

Helgoland statt Helsinki

Die Corona-Pandemie hat die Törnpläne von Eignern, die Kojencharter anbieten, gehörig durcheinandergewirbelt. So auch die von Christoph von Reibnitz. Er nutzte nun den Lockdown, um mit seiner Yawl “Peter von Seestermühe” erstmals nach 29 Jahren in den Heimathafen einzulaufen. SR hat ihn besucht.

2014 auf der ARC-Ziellinie in der Karibik. © Tim Wright/ARC

Kaum zu glauben, aber wahr: Die Yawl “Peter von Seestermühe” hat zum ersten Mal, seit sie im Besitz von Christoph von Reibnitz ist, in ihrem deutschen Heimathafen Seestermühe festgemacht. Seit 1991 segelt sie eigentlich auf dem Weg zu neuen Törnzielen, Regattastarts oder Rallye-Teilnahmen an der Elbe-Krückau-Mündung bei Elmshorn vorbei. 2014 gewann sie die Atlantik Rallye for Cruisers in der Fahtenyacht-Division und wiederholte das Kunststück 2018.

Aber in diesem Jahr fiel bisher der ganz große Törn aus. Deshalb blieb dem Eigner coronabedingt mehr als genug Zeit, den Hafen gründlich auszuloten und dabei festzustellen, dass ein Einlaufen bei Hochwasser kein so großes Problem darstellt, wie bis dato geglaubt.

Sehr zur Freude der Hafenbesucher liegt der attraktive Zweimaster schon seit Wochen in der Krückau, aber sehr zum Leidwesen des Eigners. Der wäre lieber längst wieder auf Tour, wenn es die Restriktionen nicht gäbe. SR traf den Skipper an Bord für ein Gespräch.

SR: Corona trifft viele hart, aber besonders strengen Reglements sind Touristikunternehmen unterworfen, darunter auch Charterfirmen und Yachteigner, die Mitsegeltörns anbieten. Sie kämpfen mit einer Vielzahl von Widrigkeiten und Unsicherheiten hinsichtlich Einreise-Vorschriften und Corona-Schutzmaßnahmen. Welche Auswirkungen hat Corona bislang auf Ihre Firma gehabt?

Christoph von Reibnitz (m.) 2018 beim ARC-Sieg mit “Peter von Seestermühe” in der Cruising-Kategorie © WCC / Clare Pengelly

Christoph von Reibnitz: Durch die lange Wartezeit konnten wir einige Arbeiten erledigen, die wir sonst nicht geschafft hätten. Ohnehin führen wir alle sechs Jahre ein großes Refit durch, dazu zählen obligatorische Überholungsarbeiten wie Rumpf lackieren, Rigg überholen etc.

Diesmal ist die Renovierung allerdings besonders umfangreich ausgefallen, denn das Schiff hat ein neues Teakdeck bekommen. Das war notwendig geworden, weil die Konservierung des Stahldecks nicht mehr gehalten hat. Glücklicherweise konnten wir viel selbst machen, was wir der Yachtwerft Glückstadt zu verdanken haben, die die übrigen Arbeiten ausgeführt hat. Aber als wir schließlich fertig waren, durften wir nicht segeln und haben uns weiterhin mit der Verschönerung und Wartung des Peter beschäftigt.

SR: Mit anderen Worten: Das Schiff strahlt in neuem Glanze und wartet auf Kundschaft.

v. Reibnitz: Ja, die allerersten Törns sind ausgefallen, aber zwei kurze Touren haben wir inzwischen durchgeführt. Beide führten uns nach Helgoland. Der erste fand über Himmelfahrt statt. Um den zu dieser Zeit geltenden Corona-Auflagen gerecht zu werden, haben wir nur drei Personen aus einem gemeinsamen Haushalt mitgenommen und allen anderen Gästen abgesagt. Trotzdem durften wir Helgoland nicht betreten. Also haben wir vor der Insel geankert und von Bord aus Fotos gemacht.

Beim zweiten Törn hatten wir mehr Glück und konnten die Insel besuchen. Längere Touren, wie z. B. unseren beliebten Mittsommertörn nach Dänemark, mussten wir leider canceln. Und es sind natürliche alle Veranstaltungen wie Klassikerregatten und -treffen abgesagt worden.

SR: Wie haben Ihre Kunden auf die Absagen reagiert?

v. Reibnitz: Großartig! Unsere Mitsegler unterstützen uns wunderbar. Keiner wollte sein Geld zurück, einige haben sogar schon pauschal für die nächste Saison gebucht, um uns zu helfen.

Der Zweimaster Peter von Sestermühe bei seinem ARC-Sieg 2018. © Peter v. Sestermühe

SR: Wie oft ist der Törnplan des Peter bisher umgestaltet worden?

v. Reibnitz: Im Augenblick wird er permanent der Situation angepasst. Bekanntermaßen ist Dänemark jetzt wieder offen, sofern man sechs Tage bucht. Also ist Dänemark eine Option für die nähere Zukunft. Der geplante große Sommertörn, der uns über Schweden ins Baltikum bis nach Helsinki führen sollte und einen Crew-Wechsel in Stockholm vorsah, ist nicht zu halten.

Die momentanen Quarantäne-Vorschriften für Schweden sprechen dagegen. Statt in Stockholm wollen wir den Crewwechsel jetzt in Danzig durchführen. Dort kommt man alternativ, falls es keine passenden Flüge gibt, auch mit dem Auto oder der Bahn hin. Eine weitere Schwierigkeit bei der Ausarbeitung von Törns liegt in der Ungewissheit, ob und gegebenenfalls welche speziellen Corona-Auflagen für Unternehmen gelten, die kommerzielle Segeltörns durchführen.

Aktuell gibt es dazu keine konkreten Aussagen. Fest steht: 10 Leute dürfen sich privat treffen, 10 Leute dürfen sich ein Bareboat chartern. Aber wie es aussehen soll, wenn zehn Leute unter professioneller Leitung segeln, darauf gibt es keine Antwort. Weder von der Wasserschutzpolizei noch von den Ländern. Durch diese ungeklärte Sachlage erleben wir deutliche wirtschaftliche Nachteile, was nach unserem besonders aufwändigen Refit hart ist. Um Ihnen eine Vorstellung zu geben: In die Renovierung sind über 2.000 Arbeitsstunden geflossen.

SR: Und eine komplett andere Route einzuschlagen, zum Beispiel Richtung Holland, wäre das eine Alternative?

v. Reibnitz: Holland ist leider keine Option, denn mit 2,70 Metern hat das Schiff einen zu großen Tiefgang für die Wattenmeer-Häfen. Ich überlege ernsthaft, die Route für die Sommerreise weitgehend offen zu lassen. Darauf müssten sich die Gäste allerdings einlassen. Mal schauen, ob sich diese Idee verwirklichen lässt.

SR: Wie sieht es mit besonderen Corona-Schutzmaßnahmen unter Deck aus? Wurde der Peter umgestaltet?

v. Reibnitz: Nein, ein spezielles Corona-Konzept für eine klassische Yawl wie unseren Peter gibt es nicht. Und ich fange nicht an, unter Deck Plexiglas-Trennwände anzubringen. Schön wäre es, wenn ich möglichst zeitnah wüsste, welche Häfen wir in welchen Ländern anlaufen und wie viele Gäste mitsegeln dürfen. Dass wir segeln, steht fest. Die Gefahr, sich innerhalb einer Yachtsegel-Crew anzustecken, ist nicht höher einzuschätzen als die üblichen Risiken beim Segeln, denke ich.

PETER VON SEESTERMÜHE – die Story

Vieles an diesem hübschen Klassiker ist außergewöhnlich, darunter auch ihr Geschlecht, denn entgegen der eigentlichen Sprachregelung, wonach Schiffe weiblich sind, wird diese Yawl “der Peter” genannt, und das seit nunmehr 84 Jahren.

Seine Existenz verdankt er einer Gruppe enthusiastischer Studenten vom Akademischen Seglerverein zu Danzig. Die begeisterten Segler wollten unbedingt an der Zubringerregatta, die anlässlich der Olympischen Spiele 1936 von Newport, USA, nach Kiel führte, teilnehmen. Da sie kein geeignetes Schiff hatten oder leihen konnten, fassten sie den Plan, eines bauen zu lassen.

Um diesen Traum verwirklichen zu können, mussten sie diverse Hürden nehmen, denn es mangelte an Geld, Material und Zeit. Mit großem Engagement gelang es ihnen schließlich, Henry Gruber davon zu überzeugen, die Schiffs-Pläne zu zeichnen und die Bremer Burmeister-Werft für die Fertigung der Masten, Spieren und Beschläge zu begeistern.

Wirklich brillant war die Überzeugungsarbeit, die sie bei der Schiffswerft Danzig leisteten. Bis dato hatte diese Werft noch keine Yacht gebaut, doch sie ließ sich vom Elan der Studenten mitreißen und schaffte sie es, das Schiff nach nur 52 Tagen Bauzeit segelfertig auszuliefern.

Gebaut wurde mit Stahl, weil die zur Verfügung stehende Zeit so knapp war. Ohne Ausbauten und Feinschliff wurde der Peter von Danzig gerade noch rechtzeitig auf den amerikanischen Frachter Capulin geladen und huckepack zum Starthafen transportiert.

Während der Überfahrt bastelten die mitreisenden Studenten ein zweckdienliches, rudimentäres Interieur und verpassten ihrem Traumschiff ein glattes Unterwasserschiff. Hierbei scheinen sie besonders gründlich vorgegangen zu sein, denn die Regatta beendeten sie als Sechste.

1991 bis heute

1991 übernimmt Christoph von Reibnitz den Peter von Danzig. Er bringt den heruntergekommenen Rumpf auf Vordermann und sorgt für einen wohnlichen Ausbau, der sich für Törns mit zahlenden Gästen eignet. Seither ist er mit dem nach seiner neuen Heimat benannten Peter zu Seestermühe nahezu ununterbrochen auf Tour. Er hat diverse Atlantiküberquerungen unternommen, und weil alle zwei Jahre die Karibik besucht wird, kennt er sich gut in den skandinavisch-europäischen Gewässern aus. Außerdem hat er etliche Ostseeumrundungen absolviert. Gute 300.000 Seemeilen liegen bis heute im Kielwasser der Yawl.

Konstrukteur: Henry Gruber
Rumpf: Stahl
Deck: Teak
Länge: 17,98 m
Breite: 4,16 m
Tiefgang: 2,70 m
Verdrängung: 30 t
Kojen: 12
Segelfläche am Wind: 143 m2
Website Peter von Sestermühe

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