Traumyacht: Weltgrößter Gaffelrigg-Kutter „Lulworth“ für 10,3 Millionen Euro zu haben

Traum unter Segeln

Im Jahre 1920 in Southampton ihrem Element übergeben, segelte die „Lulworth“ zunächst in der britischen „Big Class“. Vollständig rekonstruiert und restauriert gilt sie heute als „Schönste unter den Schönen“.

„Segeln ist: eiskalt Duschen und dabei Tausend-Euro-Scheine zerreißen“. Dieser Merksatz gilt seit jeher unter Seglern, ganz egal in welcher „Liga“ sie unterwegs sind. Ob Regattasegler auf dem Laser, ob Blauwasser-Enthusiast mit Weltumseglungsambitionen oder Urlaubsskipper auf der Charteryacht – immer spielt Geld eine primäre Rolle und lässt sich einfach nicht ignorieren.

Einstündiger Film mit klassischen Aufnahmen und Fokus auf den Wiederaufbau der Yacht. Sehr informativ:

Dies betrifft im Besonderen die meist stolzen Besitzer klassischer Boote und Yachten. Denn neben dem enorm hohen zeitlichen und handwerklichen Aufwand, den die Schmuckstücke per se von ihren Skippern einfordern, schlagen hier vergleichsweise hohe finanzielle Aufwendungen zu Buche. Ganz zu schweigen von der Last, Boot oder Yacht so originalgetreu wie möglich zu erhalten.

Lulworth, Big Class, Traumyacht

Traumhaft schön, nicht nur aus der Mövenperspektive © lulworth

Gar nicht mal so teuer

Deshalb sei hier gleich klargestellt: 10.3 Millionen Euro sind für eine Yacht wie die „Lulworth“ zwar kein Schnäppchen, aber auch kein übertrieben hoher Preis. Im Gegenteil, in der Szene wird gemunkelt, dass der derzeitige Besitzer Johan van den Bruele wohl dringend Cash benötige, wenn er diesen spektakulären ehemaligen Big Class-Renner für solch eine Summe hergeben möchte.

Andrerseits sollten an dieser Stelle alle Interessenten vor den nicht gerade niedrigen Unterhaltskosten gewarnt werden. Bei einer Yacht wie der „Lulworth“, die standesgemäß mit einer 8-köpfigen festen Mannschaft plus Kapitän bewegt wird (bei Regatten packen dreimal so viele Crew-Mitglieder an), fallen ca. 500 – 750 Tausend Euro „Nebenkosten“ an. Per anno, versteht sich.

Lulworth, Big Class, Traumyacht

Hoch am Wind © lulworth

Da sollte man also schon neben prall gefüllten Portokassen und Brieftaschen auch eine große Portion Enthusiasmus mitbringen, wenn man sich an eine „Diva der Klassikerszene“ wie die „Lulworth“ heranmachen will. Wer deren betörende, nahezu perfekte Schönheit in vollen Zügen genießen will, muss ein Purist sein – allem Luxus, den man auf diesem einmaligen Schiff antrifft, zum Trotz.

Im Original mit Stahl-Mast

Die Rennyacht (Lüa: 46,3 m, Lwl: 28,64, 188 t Verdrängung) wurde 1920 in Southampton von Herbert William White gezeichnet und auch gleich in der Werft, die White und seine Brüder betrieben, auf Kiel gelegt. Der erste Eigner Richard H. Lee wollte einen Rennkutter, der die damals tonangebende „Big Class“-Riege aufmischen sollte (darunter „Westward”, “Britannia I” und “Shamrock“).

Lulworth, Big Class, Traumyacht

© lulworth

Ein Ansinnen, das zunächst gehörig schief ging. Denn kurz nach dem Ersten Weltkrieg waren Spruce-Hözer, die damals ausschließlich für den Bau hoher Masten verwendet werden konnten, Mangelware wenn nicht sogar unauffindbar. Also wurde kurzerhand ein Mast aus Eisen auf den Rennkutter gepflanzt, der sich fatal auf die Segeleigenschaften der Yacht auswirkte: Bei den ersten Regatten gegen die Big Class-Konkurrenz scheuchte das neueste Schiff der „Flotte“ die ungleich älteren, aber mit Holzmasten versehenen Konkurrenten, vor sich her.

Mehrfach versuchte man damals, durch Änderungen am Segelplan die „Lulworth“ schneller zu machen. Doch erst als America’s Cup-Designer Charles Ernest Nicholson 1924 dem riesigen Rennkutter ein neues Rigg aus Holz verpasste und zudem die Kiel-Balance anglich, erwachte der 46-Meter-Renner aus seinem Dornröschen-Schlaf. Zwischen 1920 und 1930 nahm der Gaffelkutter an 258 Regatten teil, von denen er 59 gewann. 47 dieser Siege wurde nach 1924 eingefahren.

Lulworth, Big Class, Traumyacht

Gemeinsam mit Tuiga (im Hintergrund © lulworth

J-Class verdrängt Big Class

Als in den Dreißiger-Jahren die legendären J-Class-Designs den America’s Cup zu beherrschen begannen, ging es für alle gaffelgetakelten Rennyachten der damaligen Zeit bergab. Die „Lulworth“ wurde im Laufe der folgenden Jahre nur noch sporadisch gesegelt und kam kaum noch zum Regatta-Einsatz. Ein britisches Paar rettete den Rennkutter 1947 vor dem Abwracken, ließ die „Lulworth“ in ihrer Geburtswerft umbauen und nutzte sie fortan als Hausboot auf dem Fluß Hamble.

Lulworth, Big Class, Traumyacht

Von Grund auf wieder neu aufgebaut – originalgetreu © lulworth

1990 wurde ihr Rumpf von Klassik-Enthusiasten nach Italien gebracht, wo in spezialisierten Werften eine Restaurierung vorgenommen werden sollte. Doch fehlte es jahrelang an Geldgebern für das ehrgeizige Projekt. Zudem ergaben sich endlose Rechtsstreitereien rund um die „Lulworth“.

Ende der Neunziger Jahre schrieb Erdmann Braschos in einem „Nachruf“ für den Freundeskreis Klassischer Yachten, u.a. weil das Schiff so lange auf dem Trockenen stand: „Die vergangenen neun Jahre schadeten der Yacht mehr als der zweite Weltkrieg und 30.000 Tiden im Hamble zusammen!“

Äufwändigster Wiederaufbau aller Zeiten

Erst 2002 begann man bei „Classic Yacht Darsena“ an der „Lulworth“, bei der mittlerweile nichts mehr vom Glanz vergangener Jahre zu erkennen war, mit einer der aufwändigsten Rekonstruktionen, die jemals an einer Segelyacht durchgeführt wurden. Ein Großteil der Innenausstattung und die tragenden (Stahl)-Elemente des Rumpfes blieben erhalten, alles andere wurde penibel orginalgetreu neu aufgebaut.

2006 übergab der neue Eigner Johan van den Bruele seine „Lulworth“ wieder dem Meer. Mehr als 15 Millionen Euro soll den holländischen Makler der Wiederaufbau und die Restaurierung der Yacht gekostet haben. Er und seine Crew segelten fortan bei allen großen Klassiker-Regatten mit und zeigen bis heute häufig Flagge im Mittelmeer.

2012 wurde der Rennkutter erneut überholt, seitdem steht er (sporadisch) immer mal wieder zum Verkauf. Doch diesmal scheint es dem Eigner ernst zu sein. Er stellt allerdings eine wichtige Bedingung: Der neue Besitzer der „Lulworth“ müsse ein überzeugter, wenn nicht sogar fanatischer Klassiker-Segler sein. Denn nur wer sich an das Original halte, und sei dies noch so schwierig und kompliziert zu realisieren, sei es wert, die „Lulworth“ zu besitzen.

Lulworth, Big Class, Traumyacht

Macht sich auch als Gemälde gut: Die Lulworth vor der italienischen Küste © lulworth

 

Lulworth

Britischer Big Class Rennkutter

Rumpf: Mahagoni-Planken im Stahlrahmen

Gaffelrigg: Hauptmast 52 Meter (längster Spruce-Holzmast der Welt)

Baum: 27,6 Meter

Länge über alles: 46,3 Meter

Deckslänge: 36,8 Meter

Länge Wasserlinie: 28,6 Meter

Tiefgang: 5,5 Meter

Verdrängung: 188 Tonnen, davon 80 Tonnen Ballast

Segelfläche: Großsegel 465 qm, Spinnaker 500 qm, diverse Vor-, Top- und Fliegersegel.

 

 

 

 

 

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Michael Kunst

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