Umwelt: NGO Peace Boat will Kreuzfahrt revolutionieren – 10 Prozent Vortrieb durch Segel

Auf Öko-Kreuzfahrt

Zehn schwenkbare Segel, Solarpanels und jede Menge Features zur alternativen Stromerzeugung: Das „Ecoship“ will ökologische Akzente in der  schmutzigen Kreuzfahrt-Industrie zu setzen.

 

Es steht außer Frage: Kreuzfahrtschiffe zählen zu den größten Umweltsündern auf unserem Planeten. Ihre Abgase – Feinstaub, Ruß, Stick- und Schwefeloxide – sind eine Gefährdung für die Gesundheit, für die Biodiversität und für das Klima. 

Saubere Energie oder dreckiges Schweröl?

Auch heute noch befährt ein Großteil der internationalen Kreuzfahrtflotte weiterhin mit schadstoffhaltigem Schweröl die Ozeane und Meere. Ein kleiner Teil der Flotte wird zwar durch neu eingesetzte Technologien sauberer, doch verzichten nach wie vor die meisten Kreuzfahrtriesen auf Abgastechnik. Und keineswegs alle Neubauten, die (auch deutsche) Werften verlassen, sind mit tatsächlich funktionellen Filteranlagen bestückt oder nutzen (zumindest hybrid) alternative Antriebe und sauberere Energieerzeugung. 

Dass sich die Großschifffahrt seit jeher gegen Umweltauflagen wehren konnte und immer noch wehrt, liegt an ihrer Internationalität. Denn Grenzwerte können zwar von den jeweiligen Regierungen in deren Hoheitsgewässern vorgeschrieben werden – richtig durchzusetzen sind sie jedoch nur global. Eine Karte, die von den meisten Kreuzfahrt-Reedereien gnadenlos ausgespielt wird. 

Form beim Wal abgeschaut © peace boat

Doch es gibt Bemühungen in der nach wie vor zukunftsträchtigen Branche, bei denen mehr als nur „der gute Wille“ zu erkennen ist. So fahren derzeit einige Neuzugänge in der Flotte mit Flüssiggas (obwohl auch dies ein fossiler Brennstoff ist, der mit erheblichen Umweltbelastungen gewonnen wird und zudem Methangas ausstößt), andere sind mit Elektro-Diesel-Hybrid-Antrieben unterwegs. 

Energiesparen mit alternativen Antrieben

Apropos Antrieb: Auf dem Papier respektive auf dem Bildschirm macht man sich viele  Gedanken darüber, wie der Energieverbrauch für den Vortrieb der Kreuzfahrtriesen reduziert werden kann. Dabei steht die Nutzung von Wind und Segeln logischerweise hoch im Kurs. Nicht zuletzt, weil es immer so schön „öko“ aussieht, wenn auf den Rissen der Projekte und Konzepte reichlich Segelflächen an hohen Masten gesetzt sind. 

Doch an einer Realisierung haperte es bisher meistens. Zwar gibt es einige, durchaus beliebte Segelkreuzfahrtschiffe (z.B. Royal Clipper, Sea Cloud, Le Ponant), die tatsächlich sehr häufig unter Segeln unterwegs sind und so einen relativ niedrigen Energieverbrauch vorweisen können. Bei den wirklich großen Kreuzfahrtriesen mit mehreren Tausend Passagieren an Bord sind Wind und der Einsatz anderer alternativer Energieträger jedoch nach wie vor nicht auszumachen.

Beim Wal abgekupfert

Wenn es nach der japanischen NGO „Peace Boat“ geht, könnte sich dies bald ändern. Die bereits 1983 von Yoshioka Tasuya gegründete Organisation will mit dem „Ecoship“, das nach Peace Boat-Angaben im April 2020 vom Stapel der finnischen Werft Arctech laufen soll, das „innovativste und ökologisch freundlichste Kreuzfahrtschiff unserer Zeit“ auf den Markt bringen. „Die Kreuzfahrtindustrie wächst so schnell, vor allem in Ostasien und die Notwendigkeit die Umweltauswirkungen solcher Expansion zu mildern ist sehr wichtig. Durch die technischen Eigenschaften von Ecoship hoffen wir, dass wir das „grüne“ Cruisen und weitere Innovationen für die Kreuzfahrtindustrie fördern können“, sagt Yoshioka Tatsuya von Peace Boat.

Segel sind zwar nicht der Hauptantrieb, schaffen aber 10 Prozent © Peace Boat

Tatsächlich ist das „Ecoship“ schon rein äußerlich ein spannendes Projekt. Die Form des Schiffes wurde einem Wal nachempfunden, was vor allem im Bugbereich deutlich zu erkennen ist. So soll die Antriebseffizienz essentiell verbessert und der Kraftstoffverbrauch um bis zu 5 Prozent reduziert werden. Außerdem soll ein Bett aus Luftblasen, das unter den Bug des Schiffes gepumpt wird, den Reibungswiderstand zwischen Bug und Wasseroberfläche verringern (Air-Lubrification). 

Zehn Segel, 12.000 qm Solarmodule

Weiter oben wird zudem reichlich optimiert. Auf dem Oberdeck sind zehn ein- und ausfahrbare Segel installiert, die durchschnittlich 4 Prozent der nötigen Antriebskraft erzeugen sollen. Bei idealen Windverhältnissen sollen sogar 10 Prozent möglich sein. Ausfahrbare Energieturbinen sollen bereits bei einer Windgeschwindigkeit von 12 m/s eine Leistung von 300 kW generieren. So können – im Hafen oder auf See –  30 Prozent der Stromversorgung gedeckt werden. 

Ebenfalls auf dem Oberdeck werden 6.000 qm Solarpanels installiert, um mit 750 kW die Energie für die Beleuchtung des Schiffes sicher zu stellen. Überhaupt soll der gesamte Strombedarf mittels 12.000 qm Solarmodulen gedeckt werden: Auf nahezu allen, dem Sonnenlicht ausgesetzten Flächen werden Solarpanels angebracht – inklusive der Segel. Mehr Energie wird mit kinetischen Bodenbelägen erzeugt: Bewegungsenergie wird in Elektrizität umgewandelt. 

Markante Schnauze © Peace Boat

Rein rechnerisch bleiben noch ca. 80 Prozent Kraftstoffbedarf, die vor allem für den Vortrieb des Schiffes eingesetzt werden müssen. Hierfür sollen nach Angaben von Peace Boat vor allem Kraftstoffe  aus nachwachsenden Rohstoffen verwendet werden, deren Herkunft vertrauenswürdig sei (vier verschiedenen Verbrennungssysteme: Flüssiggas LNG, Bio-Gas, Bio Diesel) .

Grüne Lunge an Bord

Weitere Öko-Features an Bord des „Ecoships“: Ein geschlossenes Abwasser- und Abfallsystem inklusive Wiederaufbereitungsanlagen an Bord sowie ein Onboard-Garten, der als die „grüne Lunge“ des Schiffs bezeichnet wird und mit Restaurant-Abfällen gedüngt werden soll. 

Segel helfen Energie zu sparen © Peace Boat

Die NGO Peace Boat versteht sich als interkulturelle Interessenvertretung, die durch Bildung auf Reisen und experimentelles Lernen Menschenrechte und nachhaltiges Umweltbewusstsein vermittelt.  1983 legte das erste Kreuzfahrtschiff der NGO zu einer ersten Bildungsexpedition ab; mittlerweile sind 6.000 Passagiere per anno auf den Peace Boat-Schiffen unterwegs und laufen Häfen in 80 Ländern an. 

Die erste Kreuzfahrt der Ecoship wird zu den Olympischen Segelwettbewerben in Japan führen. 

Abmessungen Ecoship: 

250 m Länge

750 Kabinen

2.000 Passagiere

Höchstgeschwindigkeit 21 Knoten

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Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier

2 Kommentare zu „Umwelt: NGO Peace Boat will Kreuzfahrt revolutionieren – 10 Prozent Vortrieb durch Segel“

  1. avatar Andreas Borrink sagt:

    Solarpaneele, Spielzeugsegel, 10% Energie erneuerbar, ein paar Pflänzchen für die grüne Deko…..wie schön. Aber am Ende fahren sie alle spätestens auf hoher See mit Diesel oder Bunker-C und emittieren mehr Stickoxide als eine ganze Großstadt. Die umweltfreundlichsten Kreuzfahrtriesen bleiben die, die nie gebaut werden.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 8 Daumen runter 1

  2. avatar Martin sagt:

    Mal abwarten, wie sich das Kreuzfahrtgeschäft in den nächsten Jahren entwickelt. So richtig Musik ist ja nur drin, wenn man auf Skaleneffekte setzt – die Schiffe werden immer größer, die Kabinen immer kleiner. Ob das der saturierte Erste-Welt-Bewohner noch spaßig findet? Zumal so ein Dampfer epidemiologisch schlecht handhabbar ist. Die Aida Perla lag in Rotterdam schon mal mit gesetzter Magen-Darm-Flagge.
    Wird man in Zukunft beim Publikum nur noch in Schwellenländern fündig?

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