Yacht-Porträt: Otto Happels Mega-Ketsch “Hetairos” ist Trendsetter bei den Superyachten

Clever gefaltete Aramid-Pappe

Die 67 Meter lange `Hetairos´ gehört mit einem leichten Schrick in den Schoten zu den schnellsten Einrumpfyachten der Welt. © Tim Wright

Die 214 Fuß lange Superyacht “Hetairos” von Otto Happel sorgte mit ihrem Auftritt in der Karibik für Aufsehen. Das Traumschiff ist aber mehr als ein extravaganter Cruiser. Es ist ein Trendsetter der Luxusklasse geworden.

Das neue Denken

Anfang der neunziger Jahre, als die Rennyachten immer leichter, schneller und leistungsfähiger wurden, stand die Frage im Raum, wann das neue Denken denn auch im Speryachtbau Einzug halten würde. Warum entstanden nicht auch die großen Yachten in gewichtsparender Kompositbauweise.

Der Alinghi-Konstrukteur und zweimalige America’s Cup Sieger Rolf Vrolijk antwortete: „Solange die Boote wie gehabt mit schweren Kajütausbauten und üblichem Equipment aus dem Regal ausgestattet werden, lohnt sich der Aufwand nicht.

Denn der Bau von Rumpf, Deck und Aufbauten in Faserverbundwerkstoffen, wie das bei Regattabooten gemacht wird, ist nur einer von mehreren Beiträgen zu einem insgesamt leichten, gut segelnden Ergebnis. Erst wenn große Boote durchgängig, also komplett vom Rigg bis hin zu den Agregaten, Motor-Fundamenten, Leitungen und Auspüffen leicht konzipiert werden, macht das Sinn.“

Vrolijk skizzierte exakt das Anforderungsprofil, das Otto Happel später für seine neue “Hetairos” formulierte. Somit ist das Schiff in seiner Konsequenz eines der ersten seiner Art. 2011 lief es vom Stapel.

Anstrengendes Geheimhaltungs-Brimborium

Die elegante und traditionelle "Hetairos" Bj. 1993 unter Vollzeug © www.hetairos.info

Der Entstehungsgeschichte ging die alte “Hetairos” voraus, Baujahr 1993. Sie steht noch für die alte Schule des Yachtbaus. Dieses Schiff entstand in Lemwerder unter etwas anstrengendem Geheimhaltungs-Brimborium bei Abeking & Rasmussen. Eine 43 Meter Ketsch für den passionierten Blauwassersegler Otto Happel.

Entworfen hatte „Hetairos“ der amerikanische Traditionalist Bruce King mit verwegenem Klipperbug, geneigten Masten, antiquiert kastenförmigem Deckshaus, ovaler Sitzmulde und achteckig verglasten Skylights.

Die elegante Ketsch sollte aus emotionalen Gründen komplett aus Holz gebaut sein. Die Masten und auch die Maschine wurden auf einer stählernen Bodengruppe montiert. Aufwändig ist auch der 14 Meter lange, mit 68 Tonnen Blei gefüllte Kiel aus Marinebronze.

Im mittig eingearbeiteten Schlitz sitzt ein großes Klappschwert. Für Am Wind Kurse wird es von 3,20 auf 8,70 m abgesenkt. „Hetairos“ war und ist ein hinreißendes Schiff, bei allem Charme jedoch bereits damals etwas von gestern und halt ein schweres Geschütz.

(Wunderbare Fotosequenz der “Hetairos” Bj. 1993)

 

Konzeptionelle Diät

Etwa zur gleichen Zeit entwarfen Rolf Vrolijk und Torsten Conradi die 34 Meter Slup „Saudade“, die im Auftrag des Hamburger Immobilienkaufmanns Albert Büll bei Royal Huisman in Holland  ebenfalls unter der Bauaufsicht von Jens Cornelsen entstand.

Verzweifelt berichtete Conradi von langen Diskussionen um seglerisch nachteilige Gadgets wie beispielsweise die hydraulisch bewegte Heckklappe. „Man kann alles machen, darf sich aber nachher nicht ärgern, wenn das Schiff nicht mehr so läuft, wie es der anspruchsvolle Eigner erwartet“ mahnte Conradi die dringend gebotene „konzeptionelle Diät“ an.

Zwei Jahrzehnte für das neue Denken

Eigentlich war es schon damals höchste Zeit für ein neues Denken beim Bau großer Yachten. Führende Konstrukteure wollten Anfang der neunziger Jahre schon anders zeichnen und bauen. Aber sie müssen sich den Vorgaben der Auftraggeber anpassen.  Deren Berater sind arg auf konventionelle Lösungen aus Stahl, Alu, Mahagoni und generös verbauter Marinebronze abonniert.

Immerhin machten die Eigner mit ihren altbackenen Schiffen im Vergleich zu einer neuen, seit Ende der 90er Jahre gebauten neuen Generation leichter Cruiser-Racer dann ihre eigenen Erfahrungen auf dem Wasser. Deshalb segeln sie heute deutlich leichtere, agilere und schnellere Boote. Siehe Albert Bülls neue „Saudade“. Der Wally Werftbau von 2008 ist 45 m lang, verdrängt laut Werftangaben 150 Tonnen und ist mit 920 qm am Wind unterwegs.

15 Knoten Reisetempo

Hetairos im März 2012 in der Karibik © Tim Wright

Der Paukenschlag der Megayachtszene erfolgte nach einer Ausschreibung beim finnischen Kompositspezialisten Baltic Yachts. Die neue, insgesamt 67 Meter lange „Hetairos“ putzte neulich die 3.079 Meilen von Teneriffa nach Virgin Gorda in der Karibik in acht Tagen und annähernd 11 Stunden mit einem 15 Knoten Schnitt weg.

Das ist für einen im Verdrängermodus segelnden Cruiser Racer eine respektable Reisegeschwindigkeit. Möglich machte es die konsequente Leichtbauweise und 50 Meter Wasserlinie. Länge läuft.

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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.

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6 Kommentare zu „Yacht-Porträt: Otto Happels Mega-Ketsch “Hetairos” ist Trendsetter bei den Superyachten“

  1. avatar Capitan Futuro sagt:

    Faszinierender Irrsinn.

    Übrigens: Wer hat mit dem Blödsinn begonnen, Der Anfang der Bildlegende bereits beim vorherigem Bild zu schreiben?

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 7 Daumen runter 1

  2. avatar uli_s sagt:

    Super Überschrift!

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  3. avatar ? sagt:

    bitte mehr von solch interessanten ausführlichen artikeln!!!!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 7 Daumen runter 1

  4. avatar Christian1968 sagt:

    Faszinierend.
    Am beeindruckensten ist in der Bildergalerie die Aufnahme des Ruderblattes…sowas fahren wir andersherum als Segel 😉

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 6 Daumen runter 0

  5. avatar Heini sagt:

    Wenn euch solche Bomber interessieren, solltet ihr vielleicht mal die BOOTE EXCLUSIV lesen.
    Dort bekam man z.B. über ‘Visione’ oder auch über ‘Hetairos’ in lockerer Reihenfolge, von der Planung bis zum ersten Törn über einen Zeitraum von mehreren Jahren, viele spannende Informationen.

    Kostet aber 8 Euro das Heftchen, also nix für geizige Nur-Online-Leser 😀

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 3 Daumen runter 9

    • avatar Heini sagt:

      Wie, erst 3 x “Dislike” ?
      Da geht doch noch was. 😀

      Übrigens: Im aktuellen Heft (seit vorgestern im Handel) gibt es erneut einen Bericht über die „Hetairos”. Vielleicht gibt Oma euch ja 5 Euro dazu?

      Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 4 Daumen runter 6

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