Yacht-Porträt: Otto Happels Mega-Ketsch “Hetairos” ist Trendsetter bei den Superyachten

Clever gefaltete Aramid-Pappe

Gähnquotient mit  Butterdampfer-Effekt

Perini Navi Ketsch "Fidelis" mit 565 t Verdrängung 11 m kürzer und doppelt so schwer wie "Hetairos" © www.perininavi.it

Seit ihren Probeschlägen im Sommer im Bottnischen Meerbusen schlägt „Hetairos“ ein neues Kapitel im Segeln von Superyachten auf. Von wenigen Ausnahmen, wie dem Baltic Werftbau „Visione“ abgesehen, sind die meisten großen Yachten mit unübersehbarem Gähnquotienten unterwegs, weil sich der gefürchtete Kümo- oder Butterdampfer-Effekt einstellt.

Es wird so viel Luxus verwirklicht und derart viel Material verbaut, dass jedes Segelgefühl verloren geht. Die Breite der Schiffe und Deckshöhe kappt den Kontakt zum Wasser. Yachten vergleichbarer Länge wiegen mehr als das Doppelte, manchmal das dreifache der 230 Tonnen dieses yachtbaulichen Meilensteins. Eine 56 Meter lange Perini Navi Ketsch wie „Fidelis“ Baujahr 2011 verdrängt Werftangaben zufolge 545 Tonnen.  Leicht ist schwer.

“Segel einpacken kannst du immer”

"Hetairos" mit 1.700 qm am Wind © Baltic Yachts

Neben der Brückendurchfahrtshöhe bietet die zweimastige Takelage den Vorteil, die 1.700 Quadratmeter am Wind auf mehrere, etwas „handlichere“ Segel aufzuteilen. Denn auf schwere und seglerisch nachteilige Groß- und Besanrollanlagen wurde verzichtet.

Dykstra ist ein Freund der generösen Beseglung. „Einpacken kannst Du bei zunehmendem Wind immer“. Weit ausgestellte Achterlieksrundungen projizieren die Segelfläche oben, wo sie viel bringt.

„Hetairos“ wird mit doppelt ausgeführten losen Achterstagen gesegelt. Sie werden bedient wie ansonsten abgeschaffte Backstagen. Dank der nach achtern gepfeilten Salinge à la Bergström sind die beiden Karbonröhren des Schiffes zwar nicht so empfindlich wie ein Starboot Rigg. Vergessen werden sollten sie dennoch nicht.

83 Tonnen Hubkiel

50 Meter Wasserlinienlänge, auch der 83 Tonnen schwere Kiel, dessen Tiefgang teleskopisch beim Segeln von neuneinhalb auf sechs Meter reduziert werden kann – ein Beispiel seewassertauglichen Sondermaschinenbaues, das vorerst seinesgleichen sucht -, machen die beeindruckende Segelleistung der Superketsch möglich.

Dass solche Tiefgänge mit durchdachten Hubkielsystemen überbrückt werden können und auch über Jahre bei entsprechender Wartung und Umsicht etwa das doppelte Gewicht eines beladenen Tanklastzuges im anspruchsvollen Bordbetrieb (Erschütterungen, Krängung und Korrosion) zuverlässig handhaben können, ist seit der Ron Holland Slup „Mirabella IV“ bekannt.

Vorstag-Aufhängung hinter der “Knautschzone”

Wie man das Karbon so um den Kielkasten legt, dass er im Fall einer Grundberührung mit der erheblichen Punktbelastung fertig wird, haben sich die Strukturberechnungsingenieure von SP/Gurit in Südengland natürlich genau überlegt.

Laminiert wurde in fortschrittlicher Bootsbautechnologie mit minimiertem Epoxidharzanteil dank imprägnierter Karbon-Prepregs, meist über Waben als Kernmaterial bei 85 Grad Celsius. Solche Faserverbundboote, zu einer ultraleichten Baltic „gebacken“, sind eine Spezialität der finnischen Werft.

„Herkömmlicher“, einfacher zu reparierender und etwas schwererer Schaum kam nur dort zum Einsatz, wo Beschädigungen des Laminats erwartet werden. Beispielsweise bei der Opfer Ecke am Übergang vom Rumpf zum senkrechten Vorsteven. So wird es schon länger bei Regattabooten gemacht. Die Gelege zur Aufhängung des Vorstags sind so hinter der „Knautschzone“ versteckt, das bei einer Kollision mit Treibgut der Mast stehen bleibt.

Die neunköpfige Stammcrew um den „Mari Cha III“ erprobten Skipper Vincent Fauquenoy, wird bei Regatten um eine fußballmannschaftsgrosse Besatzung erweitert. Sie hat unterwegs und abends beim Einpacken der Segel natürlich eine Menge zu tun.

Etwa sechshundert Quadratmeter dachpappenzähes Großsegel auf einem 15 Meter langen Baum zusammenlegen ist kein Zuckerschlecken. Die praktischen, aber klobig schweren Rollbäume der Vorgängeryacht wurden aus Gewichtsgründen ebenso wie die bei großen Yachten üblichen Ofenrohr-dicken Baumniederholer weggelassen.

Vom Romantiker zum Trendsetter

"Hetairos" bei der Inbetriebnahme im Juli 2011 © Baltic Yachts

Die neue „Hetairos“ ist so schwer wie ihre Vorgängerin von 1993. Sie ist bloß etwas länger und mit mehr Ballast in neun statt drei Metern Tiefe und deutlich mehr Garderobe unterwegs. Na, geht doch. Man muss bloß groß genug bauen, ein paar „nice to haves“ an Land lassen und die abgefahrene seglerische Fidelity bezahlen können.

So beeindruckend wie die Weiterentwicklung des Yachtbaues, wie ihn die finnische Baltic Werft im vergangenen Jahrzehnt übrigens auch mit mancher Judel/Vrolik & Co – Konstruktion vorgeführt hat, ist der Weg von Happel. Mit seinem Yachtberater entwickelte er den Plan fort von der Mahagoni- und Marinebronze-Romantik zu dieser High Tech Ketsch aus clever gefalteter Aramid-Pappe, Karbon und dünnem Edelholzfurnier. Happel ist mit seiner „Hetairos“ in der Version 2011 zum Trendsetter der Superyachtsegler geworden.

LOA: 66.9 m
LWL: 49.8 m
Breite: 10.5 m
Tiefgang: 9.5 m
Gewicht: 220 t
Am-Wind Segelfläche: 2.620 qm

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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.

6 Kommentare zu „Yacht-Porträt: Otto Happels Mega-Ketsch “Hetairos” ist Trendsetter bei den Superyachten“

  1. avatar Capitan Futuro sagt:

    Faszinierender Irrsinn.

    Übrigens: Wer hat mit dem Blödsinn begonnen, Der Anfang der Bildlegende bereits beim vorherigem Bild zu schreiben?

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 7 Daumen runter 1

  2. avatar uli_s sagt:

    Super Überschrift!

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  3. avatar ? sagt:

    bitte mehr von solch interessanten ausführlichen artikeln!!!!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 7 Daumen runter 1

  4. avatar Christian1968 sagt:

    Faszinierend.
    Am beeindruckensten ist in der Bildergalerie die Aufnahme des Ruderblattes…sowas fahren wir andersherum als Segel 😉

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 6 Daumen runter 0

  5. avatar Heini sagt:

    Wenn euch solche Bomber interessieren, solltet ihr vielleicht mal die BOOTE EXCLUSIV lesen.
    Dort bekam man z.B. über ‘Visione’ oder auch über ‘Hetairos’ in lockerer Reihenfolge, von der Planung bis zum ersten Törn über einen Zeitraum von mehreren Jahren, viele spannende Informationen.

    Kostet aber 8 Euro das Heftchen, also nix für geizige Nur-Online-Leser 😀

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 4 Daumen runter 9

    • avatar Heini sagt:

      Wie, erst 3 x “Dislike” ?
      Da geht doch noch was. 😀

      Übrigens: Im aktuellen Heft (seit vorgestern im Handel) gibt es erneut einen Bericht über die „Hetairos”. Vielleicht gibt Oma euch ja 5 Euro dazu?

      Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 5 Daumen runter 6

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