50 Jahre Olympische Segelwettkämpfe: Wie sich Heinz Laprell den Tempest-Startplatz sicherte

Talent, Ehrgeiz und Zufälle

In Kiel werden im August Erinnerungen an die olympischen Segelwettkämpfe von 1972 wach, wenn die Revival-Veranstaltung „50 Jahre Olympische Segelwettkämpfe in Kiel“ stattfindet. Vom 10. bis 21. August verbinden die Veranstalter und die Stadt Kiel die Historie des Segelsports mit der Zukunft (Gemeinsame Internationale Deutsche Jugendmeisterschaften). Und für einige der damaligen Teilnehmer, Ehrenamtlichen und Hostessen werden persönliche Erinnerungen wach.

Zu denen, die 1972 für Deutschland um Medaillen segelten, gehört Heinz Laprell. Der heute 74-Jährige Arzt im Ruhestand ging für die Bundesrepublik Deutschland in der Tempest an den Start – in dem Boot, das nur 1972 in Kiel und 1976 in Montreal (Kanada) olympisch war und danach wieder dem Star weichen musste. Die seglerische Karriere des gebürtigen Bayern war bestimmt von Talent, enormem Trainingseinsatz und allerhand Zufällen. Einen sportlichen Höhepunkt erlebte er 1972 bei den olympischen Segelwettkämpfen vor Kiel.

Das Material muss stimmen: Heinz Laprell (l.) beim Kauf eines Pinnen-Auslegers bei Herbert Schneider vom Bootsservice Tutzing. © privat

Heinz Laprell hat nicht wie die meisten Segler im Opti angefangen, sondern gleich im sportlichen FD. Der Grund: Sein Vater Heinz Laprell brauchte bei einer Regatta auf dem ungarischen Plattensee ein Leichtgewicht im Trapez, und so kam der Sohn zum Einsatz. Bereits ein Jahr später wechselte er an die Pinne und war mit 17 Jahren der jüngste Steuermann im FD auf der Kieler Woche. Und zusammen mit seinem Freund Michael van der Sanden segelte er FD und Vaurien auf dem heimischen Tegernsee.

Eigentlich war Schnee in der Skifahrerfamilie Laprell beliebter als Wasser. Und während Schwester Christel 1968 bei den Olympischen Spielen von Grenoble in den Disziplinen Abfahrt, Slalom, Riesenslalom und Kombination startete, musste Bruder Heinz nach einer schweren Gelbsucht, die sich der damalige Medizinstudent zugezogen hatte, alle Ski-Ambitionen begraben. Ein dreiviertel Jahr lang war an Sport nicht zu denken. Und dann lenkte der Zufall einmal mehr die Geschicke des Tegernseers. Der Vater hatte eine Tempest gekauft, und Wolfgang Stadler, der viele Jollen und Yachten segelte und darüber auch in Fachmagazinen schrieb, hatte Interesse an einer Testfahrt. Heinz stieg an Bord, und die beiden hatten so viel Spaß, dass sie zusammenblieben und gleich die Leistungspass-Kriterien des DSV erfüllen. Damit hatten sie sich die Unterstützung des Verbandes gesichert. Selbst bei Eis auf dem Tegernsee waren die jungen Wilden fortan auf dem Wasser – ihr Ziel: die deutsche Spitze erklimmen.

Segelexperte Stadler war derweil aufgefallen, dass die Tempest mit den österreichischen Raudaschl-Segeln am schnellsten unterwegs waren. Und da Hubert Raudaschl bei den Olympischen Spielen selbst lieber im Finn starten wollte, gab er die Segel an die deutsche Tempest-Konkurrenz weiter.  Die Folge: Bei der Kieler Woche 1971 segelten Laprell/Stadler auf Rang vier und bei der folgenden WM vor Marstrand (Schweden) auf Platz neun. Zwar warf das Pfeiffersche Drüsenfieber Laprell erneut aus der Bahn, aber im Frühjahr 1972 starten die Tegernseer wieder durch, segelten fünf Serien im Mittelmeer (Frankreich und Italien) und sicherten sich den Kieler-Woche-Sieg. Die Süddeutsche Zeitung feierte die Bayern als den aufgehenden Stern am Segelhimmel auf Seite Eins.

Doch so viel Erfolg weckt die Konkurrenten. Raudaschl, der spätere Tempest-Olympiasieger Walentin Mankin und der Amerikaner Glen Foster monierten, dass die deutschen Mader-Tempestboote aus Epoxi seien und nicht aus Polyester. Zwar soll der DSV dem olympischen Status für die Tempest nur unter der Prämisse zugestimmt haben, dass auch die bis dahin gebauten Epoxi-Tempest zugelassen würden, aber das Dokument ließ sich beim DSV nicht mehr auffinden.

Inzwischen war auch die stärkste innerdeutsche Konkurrenz mit Skipper Berend Beilken/“Mücke“ Müncker im Glauben, dass die Epoxi-Tempest Grund für die Überlegenheit der deutschen Konkurrenten sei, auf ein Epoxi-Boot umgestiegen. Die beiden Crews lieferten sich ein hartes Duell um den einen Startplatz bei den Olympischen Spielen 1972 vor Kiel – den sich am Ende Laprell/Stadler, inzwischen mit North-Segeln unterwegs, sicherten. Nach der Ausscheidung entschied der DSV, dass Laprell/Stadler für die Olympischen Regatten auf ein Polyesterschiff umsteigen mussten. „Wir haben jeden Tag Manöver geübt und getrimmt. Aber als dann zu den Spielen Flaute dominierte, hatten wir als Stark- bis Mittelwindspezialisten keine Chance“, erinnert sich Laprell an den enttäuschenden elften Rang. „So sehr uns die Presse vorher gefeiert hatte, so sehr fiel sie jetzt über uns her. Die Erwartungshaltung war sehr groß, und dann zu erklären, dass das neue Boot, neue Segel und vor allem die Windstärke Einfluss gehabt hätten, war schwer zu erklären“, erinnert sich Heinz Laprell.

Bei den Erinnerungen an die Spiele von München und Kiel ist natürlich auch das Attentat vom 5. September bis heute präsent. „Wir haben es erst am Abend nach den Wettfahrten im Hafen erfahren. Es herrschte Schockstarre. Die Stimmung der Aktiven war auf dem Nullpunkt. Es herrschte eine rege Diskussion, ob man überhaupt weiter segeln könne. Zu den Offiziellen hatten wir wenig Kontakt. Eigentlich waren von Wolf und ich der Meinung, es würde nicht weitergehen“, so Laprell. Dann fiel die Entscheidung „The games must go on“, doch die Motivation und Anspannung war dahin..

Nach dem enttäuschenden elften Platz bei den Spielen schafften Laprell/Stadler zwar erneut die Leistungspass-Norm, lagen jedoch dieses Mal auf Rang zwei hinter Beilken/Münckner – und fielen aus der DSV-Förderung. Übrigens: Auch die Drittplatzierten wurden gefördert.

Großvater und Enkel an Bord: Heinz Laprell (1972 Tempest) mit seinem Enkel
Korbinian Grawe (Optisegler). © privat

Nicht alle Erinnerungen an den DSV sind damit gut, doch eine Erinnerung zaubert immer wieder ein Lächeln in das Gesicht von Heinz Laprell: die an die Zusammenarbeit und der Humor vor Trainer Albin Molnar. „Schon ganz gut heute, aber bleibt einfach zwischen dem Zweiten und der Ziellinie“, war der Tipp des langjährigen DSV-Trainers und späteren Coaches des Bayerischen Seglerverbandes nach dem Rennen. „Wenn wir uns mehr an die Vorgaben des Trainers gehalten hätten, hätten wir jetzt Gold“, ist sich Laprell sicher, der nach den Spielen aufs Dickschiff wechselte. 1973 segelte er auf der Swan 38 das Kapstadt-Rip-Transatlantik-Race und den ersten Platz in Klasse 2. Es folgten Einsätze auf dem ¾ Tonner „Flurschaden“ (Eigner war der Kieler Kultgastronom Lulu Ruge) beim Admiral‘s Cup und der „Duva“ des Kieler Klinikchefs Peter Lubinus, bei dem Laprell als Chefarzt arbeitete.

Mit 65 Jahren zog es den frischgebackenen Rentner zurück in den Süden, nach München. „Doch da habe ich mich nicht mehr eingelebt“, so der gebürtige Bayer, der jetzt wieder in Kiel lebt. „Natürlich werde ich mir die Erinnerungs-Regatten vor Kiel anschauen.“ Und auch bei der GIDJM wird Laprell emotional dabei sein, denn inzwischen segeln seine Enkel im Opti. „Meine älteste Tochter wird dann mit ihren vier Söhnen in Kiel sein. Und ein Enkel ist bei der GIDJM dabei“, freut sich der stolze Großvater auf das Familientreffen an der Förde. Sein Enkel Korbinian Grawe (Chiemsee-Yacht-Club und Kieler Yacht-Club) zählt dann mit zehn Jahren zu den allerjüngsten Teilnehmern, während der älteste Teilnehmer bei der Revival-Veranstaltung 82 Jahre ist. Generationsübergreifender kann eine Segelveranstaltung kaum sein.

Heinz Laprell hat seinen Lebensmittelpunkt also wieder nach Kiel verlegt. Und er bleibt hier dem Segelsport eng verbunden – als Fahrtensegler mit einer Carter 33, Heimathafen Kiel-Schilksee, und mit direktem Blick auf die GIDJM und das Revival der Olympischen Segelwettkämpfe von 1972.

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