Braschosblog: Berking hält Kurs – Zwölfer “Jenetta” wird neu aufgebaut

Das Boot zum Kiel

Jenetta, Zwölfer,

Zu diesem Bleikiel des Alfred Mylne Zwölfers ‘Jenetta’ von 1939 bauen die Flensburger in den kommenden beiden Jahren ein Boot © Robbe & Berking Classics

Die Flensburger Werft Robbe & Berking Classics hat mit dem Bau des nächsten Zwölfers begonnen, der 74 Jahre alten “Jenetta”. Ein Projekt für das es zwar einen Kiel aber – noch – keinen Kunden gibt. Ein kühnes wie cooles Vorhaben.

Man muss sich seiner Sache richtig sicher und ziemlich verrückt sein, um in Zeiten, in denen Werften schließen, zu Marken geschrumpfte Betriebe weitergereicht werden wie Sauerbier, ausgerechnet eine Werft zu gründen. Einen Bootsbaubetrieb für absolute Exoten. Einen Spezialisten für Kunden mit Geld, die auch noch segeln können oder es ganz schnell in einem Kompaktkurs auf der Regattabahn unter Gefechtsbedingungen lernen. Eine spezielle Zielgruppe innerhalb einer Nischenbranche also, die seit einer Weile arg eiert, mit „Einparkhilfen“ und ähnlichen Weltneuheiten um Kunden, Stückzahlen, um die blanke Existenz ringt.

Mein ganzer Stolz, ein Boot aus Holz?

Seine 2008 gegründete Werft „Robbe & Berking Classics“ ist abonniert auf enge, langkielige, naß segelnde Meterklassen und ringsum unpraktische Holzboote. Dabei

Jenetta, Zwölfer

“Jenetta” mit der Segelnummer ‘Kingdom One’ damals auf den Solent © Beken of Cowes/Robbe & Berking Classics

wurde Holz, dieses pflegeintensive Bootsbaumaterial in den siebziger Jahren endgültig durch praktischen Kunststoff ersetzt. Der Spruch „mein ganzer Stolz, ein Boot aus Holz“ war mal das Motto sämtlicher Sparbrötchen, die sich kein modernes, geräumiges, komfortables Boot aus Plastik leisten konnten und wollten. Die sich im klammen Winterlager mit Dreikantschaber in der dämmrigen Bootsbaustelle an die Instandhaltungsfron machten.

Anscheinend wollen alle die multioptionale Nutzwert-Datsche mit Nespresso Maschine und Flachbildschirm im Deckssalon und Tiefgarage fürs Beiboot im fährenbreiten Heck. Ein Blick in unsere Clubs, Häfen, Marinas und Seglerpostillen zeigt, wo der Törn hingeht. Es zählen Komfort- und Kostengesichtspunkte. Wie viele Kojen, Klos und Gadgets kriege ich für den Euro? Die nächste Bootsmesse wird diese Frage Ende des Monats in Düsseldorf wieder ganz aktuell – derzeit mit Falz in der Bordwand – beantworten.

Keine Kreidefelsen

In den Staaten wird die Massenware zum Meerwassercampen  schon länger als AWB, als „average white boat“ bezeichnet. In Flensburg wird die Modellpalette der alljährlich mit ein paar Bar mehr aufgeblasenen, verbreiterten und hochbordigen Wochenendhäuser achselzuckend „Kreidefelsen“ genannt.

Mittlerweile hat sich die Wertschätzung alter, klassischer Holzboote geändert, zumindest bei denen, die sich ein ansehnliches Boot leisten können. Schwimmende Tupperware ist was für Wohnmobil fahrende Sparbrötchen. Ein klassischer Sechser, Achter, oder Zwölfer, von den größeren Exemplaren (15er und 19er) erst gar nicht zu reden, sind Schiffe für Ästheten und richtige Segler. Vor zwanzig Jahren, als ich meine ersten Artikel über Meterklassen und Schärenkreuzer schrieb, zeichnete sich dieser Wandel bereits vage ab.

Zwölfer, Jennete

Kompromisslos, apart und wie aus den dreißiger Jahren: der 9 m ‘Commuter’ mit pagodenartigem Aufbau © Robbe & Berking Classics

Berking gründet vor fünf Jahren seine Werft, stattet sie mit allem aus, was man zum Bootsneubau, zu Reparaturen und für die Winterlagerung großer Pötte braucht. Er stellt ein charmantes Neun-Meter-Motorboot vor und nennt seine Rennpagode ein klein wenig großspurig „Commuter“.

Von „Sphinx“ zur Werft

Er gibt mit „Goose“ eine sehenswerte, kurz- statt langweilige Kundenzeitschrift heraus. Der Betrieb baut zwei Sechser, ausnahmsweise einen semimodernen 50 Fuß Seekreuzer von Georg Nissen und stellt gerade einen Johan Anker-Entwurf von anno 1939 fertig.

Nissen, 50-Fuss

Wenn es sein muß, bauen die Flensburger auch semimoderne Holzboote wie diesen Georg Nissen 50-Füßer © Robbe & Berking Classics

Nach dem ehemaligen Marine-Ausbildungsschiff „Sphinx“ ex. „Ostwind“ ist das der zweite Zwölfer, den die Flensburger herrichten. Die vielbeachtete Restaurierung des Marinezwölfers war der Werftgründung 2006-8 vorausgegangen. Sie war de facto ein Neubau auf historischem Kiel und daraus abgeleitetem Namensführungsrecht. Das ist mit modernen Materialien wie Epoxidharz, Spachtel und einer schützenden Beschichtung der Bordwand die günstigste und pflegeleichteste Variante.

Der richtige Weg?

Nach 'Sphinx' stellen die Flensburger gerade mit Johan Ankers letztem, nie gebautem Entwurf Nr. 434 den zweiten Zwölfer fertig  © Robbe & Berking Classics

Nach ‘Sphinx’ stellen die Flensburger gerade mit Johan Ankers letztem, nie gebautem Entwurf Nr. 434 den zweiten Zwölfer fertig © Robbe & Berking Classics

Man kann darüber diskutieren, ob Berkings Umgang mit altem Gebälk richtig ist. Eigentlich ist der quasi-Neubau in Epoxid-gekapseltem Holz ein Systemwechsel, eine Modernisierung und im strengen Sinne keine Wiederherstellung eines traditionell geplankten Klassikers. Man könnte Berking entgegen halten, dass er sich zu wenig für die vorgefundene Substanz interessiert. Als ich ihn auf in Schweden nachgemachte Grinder im Stil der 1930er Jahre aufmerksam machte, war die moderne Hardware von Harken für „Sphinx“ schon bestellt. „Vielen Dank, aber wollen ja bald segeln“ antwortete Berking damals wie gewohnt freundlich.

Anker, Zwölfer

Blick auf die Stringer, Bodenwrangen und den Heckbalken des weit gediehenen Johan Anker Zwölfers von 1939 © Robbe & Berking Classics

Die im Auftrag des Modekaufmanns Patrizio Bertelli von der italienischen Cantiere Navali dell’ Argentario aufwendig zurechtgemachte „Nyala“ oder die „Vim“ sind handwerklich eine ganz andere Liga. Das waren „carte blanche“-Restaurierungen ohne Termindruck. Federico Nardi sagt mir in Porto Santo Stefano einmal wörtlich und ziemlich wütend: „Es ist schlimm, was ihr Norddeutschen aus den alten Meterklassen macht!“

Dennoch ist die elegante dunkelblaue „Sphinx“ eine Bereicherung unserer Gewässer. Berking, seine Flensburger Segelfreunde und Projektleiter Kai Wohlenberg fackelten damals nach der Ersteigerung nicht groß. Sie hatten das Schiff in zwei Jahren segelklar.

Letzter Anker-12er wird fertig

Mittlerweile ist das Projekt „Anker 434“, der Neubau jenes Zwölfers, den Johan Anker 1939 zeichnete, und mit dem sich Berkings Werft nebenher beschäftigt, zur Hälfte fertig. Das Boot entsteht seit einer ganzen Weile im Auftrag eines dänischen Eigners, der alle Zei

t der Welt zu haben scheint. Dieses Jahr soll das Schiff aber mal aufgetakelt werden.

Ungeachtet aller Berking zur Verfügung stehenden Marketingpower für seinen hübschen „Commuter“-Präsentationen auf Messen und Vorführungen in Gewässern wie Marstrand oder dem Comer See, erweist sich die Rennpagode als Ladenhüter. Das kann daran liegen, dass man mit der aparten Barkasse zwar eine bella figura macht, aber nicht an Bord übernachten kann. Es ist das Boot zum privaten Bootssteg, fürs Wassergrundstück. Berkings Idee, seinen 16 Mann Betrieb mit dem Bau des einen oder anderen aparten Motorboots auszulasten, ist bisher nicht aufgegangen.

Sechser, apache

Der Sechser ‘Apache’ mit voller Stehhöhe in der Steuermannsplicht und dem vorderen Crewausschnitt entstand für einen Kunden aus Kopenhagen © Robbe & Berking Classics

Aber Berking, hauptberuflich Inhaber der 170 Leute beschäftigenden Flensburger Tafelsilberschmiede “Robbe & Berking“ weiß erstens, das er seiner Klientel einfach nur überzeugend eine schöne Geschichte, die des gediegen glückenden Lebens mit der richtigen Hardware auf dem Tisch und auf dem Wasser erzählen muss. Zweitens hat er

einen langen Atem. Sein Betrieb verarbeitet jährlich 20 Tonnen Silber. Berking hält unbeirrt Kurs. Und jetzt legt er mit dem dritten Zwölfer noch einen drauf.

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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.
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7 Kommentare zu „Braschosblog: Berking hält Kurs – Zwölfer “Jenetta” wird neu aufgebaut“

  1. avatar Malte sagt:

    Ich habe schon vor ein paar Jahren, als ein Freund mir erste Bilder von der im Bau befindlichen Sphinx zeigte, nicht gewusst in welche Schublade ich dieses Projekt einordnen sollte. Heute, einige Schönheiten weiter, ist mir klar das in Flensburg etwas ganz besonderes entstanden ist. Aufrichtiger Neid, aber keine Missgunst, an meinen noch immer dort arbeitenden Freund. Nicht Größenwahn, sonder schlicht und einfach Sinn für Stil und Klasse.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 16 Daumen runter 0

  2. avatar Wilfried sagt:

    schöne Boote aber keine Klassiker. Ne Portion altes Blei unter einem neuen Schiff dann als Klassiker zu bezeichnen ist schon weit hergeholt. Ist ungefähr so als wenn ich aus nem Autowrack die Fahrgestellnummer rausnehme und dann in ein neus Auto einbaue.

    Scheinbar scheint der Wert und das Prestige dieser Schiffe für ihre Eigner zwingend eine Historie zu benötigen. Ich finde es sind einfach tolle Schiffe die beim Segeln und am Steg klasse aussehen.

    Ich ziehe aber den Hut vor den Eignern die wirkliche alte Schiffe in ihrer historischen Form erhalten.

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  3. avatar Günter sagt:

    Na Herr Braschos, da habe Sie es dem Berking aber gegeben! Nur leider trieft aus fast jeder Zeile Missgunst und Neid. Weshalb nur?
    Ich jedenfalls, auch ein Holzboot – Liebhaber, bewundere den Mut zum Schönen und den Weitblick der dazugehört, in heutiger Zeit eine Werft zu gründen, um diese alten Schönheiten, deren Eleganz auf dem Wasser und auch an Land unvergleichlich sind, zu erhalten oder wieder auferstehen zu lassen.
    Dazu gehört, den Leuten, welche das Handwerk noch beherrschen und an künftige Generationen weitergeben können, in Lohn und Brot zu halten !
    Mit ein wenig Epoxy statt Schellack als Bindemittel zwischen den Hölzern, oder Gebälk, wie Sie es so schön nennen, kann ich mich gut abfinden. Das hätte schon der alte Capt. Herreshoff liebend gerne benutzt, wenn es das damals schon gegeben hätte. Da können Sie sicher sein! Dafür hatte der aber Hölzer von einer Qualität, die man heute nicht mehr bekommt.
    Deshalb kommt man um Epoxi oder vergleichbare Bindemittelheute nicht mehr herum, wenn das Ganze noch bezahl- und haltbar bleiben soll.
    Was tun Sie denn dafür, um diese Traditionen zu erhalten, ausser sich darüber süfffisant zu mokieren?

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 3 Daumen runter 7

  4. avatar Erdmann sagt:

    Es geht bei journalistischer Arbeit darum, eine Neuigkeit zu liefern und diese einzuordnen. Anlaß war der Neubau des 12ers „Jenetta“ als kühnes Spec-Projekt. Ebenso darum, dem Leser eine Orientierung zu bieten, wie beispielsweise das in Flensburg angebotene Handwerk im weiten Spektrum von Restaurierung bis Modernisierung einzuschätzen ist. Zu zeigen, wie clever die Objekte ausgesucht werden.

    Ein Neubau in moderner Mischbauweise, unter den abschließend das historische Blei gebolzt wird, ist handwerklich Welten einfacher und günstiger als die Restaurierung eines klassisch geplankten Bootes. Siehe den 12er „Trivia“ bei Camper & Nicholson vor vielen Jahren.

    Es geht auch um einen differenzierten Blick, von der dargestellten Skepsis von Kennern gegenüber der Modernisierung bis hin zur Bewunderung für die beeindruckend schönen Neubauten.

    Solche Beiträge haben meist einen langen Vorlauf und sind eben nicht „paste & copy“ vorgefertigter Presse-Mitteilungen. Wäre schön, wenn das verstanden und goutiert wird.

    Ich habe mich Buch „Riva Tritone 258“ (https://segelreporter.com/panorama/edles-riva-buch-was-braschos-ploetzlich-mit-motorbooten-am-hut-hat/) in einem Essay mit der Frage, wie man Yachten oder Motorboote restaurieren sollte, ausführlicher beschäftigt. Bei klassischen Autos oder Motorbooten liegt die Latte hoch. Da reicht „Hauptsache Holz“ nicht. Da wird genau auf das Handwerk, die naheliegenden und wie immer begründeten shortcuts geguckt. Wenn es Sie interessiert: Da ist das alles auf vielen Seiten genauer begründet erörtert als hier möglich.

    Auch in den Heften 4/2011 und 4/12 des FKY-Mitgliedermagazins „Klassiker!“ habe ich die Unterschiede, das Für und Wider, die dem Bezahl- und Machbaren und auch der seglerischen Praxis geschuldeten Zugeständnisse beschrieben.

    Es gibt übrigens ein cleveres Rezept für die richtige, authentische Bootsrestaurierung. Einfach einen Bootstyp wählen, der zu einem passt, wo man es konsequent = weitgehend wie damals machen kann. Siehe die Schweriner Einheitsjolle „Libelle Juna“, die Detlef Huss mustergültig wiederhergestellt und eben nicht modernisiert hat.

    Dennoch ist das was Oliver Berking in Flensburg macht, einen 16 Mann Betrieb an die Förde stellen und regelmäßig Holzboote mit klassischen Linien aus der Halle schieben und jetzt einen ganzen 12er zunächst auf eigene Rechnung kühn und grundsätzlich toll. Gar keine Frage. Auch das steht im Artikel.

    Meine Mitwirkung besteht – und erschöpft sich – in der Information, der Diskussion und der Sensibilisierung für den Umgang mit klassischen Yachten.

    Wäre schön, wenn Sie meinen nächsten Beitrag in Ruhe und ein wenig genauer lesen.

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  5. avatar Günter sagt:

    Lieber Herr Braschos, sicherlich ist Ihnen nicht entgangen, dass unsere Flotte unter Segeln ganz anders beansprucht wird und größtenteils auch weit älter ist, als die niedlichen Riva “streichel” Spielzeuge!
    Das kann man beim besten Willen nicht miteinander vergleichen.
    Welche der alten Yachten ist schon noch so ausgerüstet wie sie es am Tage ihres Stapellaufs war. Welche Yacht finden Sie denn noch mit stehendem oder laufendem Gut aus verzinktem Draht, oder Schoten aus Baumwoll Yachtzwirn, oder mit handgenähten Segeln aus Maco (mit Ausname der Libelle Juna und da auch nur teilweise) Und wer möchte noch mit dem alten Material zur See fahren? Das fängt doch schon beim Oelzeug und GPS an!
    Weil längst moderne Materialien und Ausrüstung ihren Platz auf Yachten gefunden haben, werden sie heute meist härter beansprucht als zu ihrer Geburt und als geplant. Das fängt bei der Jolle an und hört bei der “J” Klasse auf !
    Also haben wir nach Ihren Kriterien keine Klassiker mehr?
    Und zur bewunderswerten Widerherstellung der Sphinx kann ich Ihnen sagen, dass sie genau so aufwändig wieder aufgeplankt wurde, wie ’39 bei A&R, jedoch mit Spanten aus nichtrostendem Stahl, welches A&R zu der Zeit aus bekannten Gründen nicht für solche Zwecke bekommen konnte, und eben Epoxy zwischen den einzelnen Planken statt der “A&R Spezialmixtur”. Im Überwasserbereich könnten Sie übrigens noch jede Menge der original Planken finden, wenn man Sie denn nach Ihrem Aufsatz noch an Bord lässt. Da ist nix mit Billig oder einfacher!
    Ich gehe davon aus das die Werft den 12 Jenetta ähnlich verantwortungsvoll wieder aufbauen werden und freue mich schon darauf, sie unter Segeln zu sehen.
    Und wenn Sie nun beigehen unsere Scene mit der im Mittelmeer und Milliadär Bertelli, mit seinen von Profis bewegten 12ern Spielzeugen Nyala oder Vim, welche auch beide in ihrem Leben grosse Wandlungen erfahren haben, zu vergleichen, dann werden Sie völlig unglaubwürdig.

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 3 Daumen runter 6

  6. avatar Erdmann sagt:

    Zunächst einmal bleibt die Frage, welcher Teufel Sie eigentlich geritten hat, mich in Ihrem ersten Kommentar derart anzugreifen.

    Sehen Sie sich den insgesamt wohlwollenden und anerkennenden Beitrag doch einmal an. Was ist denn der Skandal daran? Sind Sie durch die generell akklamierende „Fach“presse so schon konditioniert, das Sie ein ansatzweise kritischer Artikel zu einer derart polemischen Reaktion hinreißt? Oder ertragen Sie keine Grautöne, kennen nur Schwarz und Weiß?

    Die Arbeit an der „Riva Tritone 258“ (http://www.atpberlin.de/) ist ein Beispiel dafür wie eine Wiederherstellung (Restaurierung nicht Modernisierung) aussehen sollte. Im Essay des Buches werden auch die nötigen Kompromisse diskutiert. Ihr Einwand zeigt, dass sich jede Argumentation ad absurdum führen lässt. Diese Rhetorik ist aber leicht zu durchschauen.

    Ihrer Logik zufolge kann man es mit dem Bemühen um Originaltreue und Authentizität gleich ganz lassen, weil jeder Segler auch klassischer Yachten beispielsweise mit modernen Hilfsmitteln wie Goretex und GPS segelt. Das ist schon endlos oft vorgetragen worden, sehr deutsch, weltfremd gedacht und langweilig. Es geht um folgende zwei Fragen: was möchte der Auftraggeber einer Restaurierung und für welches Handwerk steht eine Werft.

    Klassiker-Liebhaber interessieren sich für die Stimmigkeit, ein bestimmtes Lebensgefühl. Wer kann treibt sehr viel Aufwand dafür.

    Oliver Berking war so liebenswürdig, mir die Baustelle der „Sphinx“ damals ausführlich zu zeigen. Ich kenne das Schiff ganz gut.

    Aber nun stellen Sie sich doch bitte einmal für einen Augenblick vor, es hätte die Eigner, Sensibilität, Interessenlage und auch das zusätzliche Budget für eine ungleich aufwendigere „carte blanche“ Restaurierung a la Fairlie („Mariquita“ oder „Tuiga“) oder a la Cantiere dell Argentario (Nyala, Vim und andere Boote) gegeben. Mit stimmiger, ggf. sogar nachgemachter Beschlagsausrüstung. Jeder Klassiker-Liebhaber würde sich für die aufwändigere Variante entschieden. Und nun kehren wir wieder – hätte, hätte Fahrradkette! – in die Realität zurück.

    Restaurieren heißt in der handwerklichen Machart wie damals wiederherstellen. Mit genau begründeten und dokumentierten Zugeständnissen und Änderungen. In Italien wird in Anlehnung an die Restaurierung von Häusern von „philologischen Restaurierungen“ gesprochen.

    Die Verwindungssteifigkeit und beeindruckende jahrzehntelange Dichtigkeit klassisch geplankter Rümpfe wurde damals im Billiglohnland Deutsches Reich durch präzisen Bootsbau erreicht. Da saßen die Planken fugenlos übereinander und endeten Intarsien-gleich ebenso in der Sponung. Das konnten reiche Amerikaner bezahlen und bei den großen Schiffen (den Zwölfern) deutsche Eigner wie der Reeder John T. Essberger, der Zigarrettenhersteller Reemtsma oder der Margarinefabrikant und Walfänger Rau.

    Wenn man mit Epoxid arbeitet und den Rumpf nachher eh farbig anmalt, muß der damalige Aufwand nicht mehr getrieben werden. Die Festigkeit kriegt man mit Elefantenkleber hin, das Finish mit Spachtel. Das ist ziemlich weit weg vom klassischen Bootsbau der zwanziger und dreißiger Jahre, oder?

    Auch ich freue mich auf den Neubau der „Jenetta“. Auch wenn es außer dem Bleikiel nichts mehr zu erhalten gibt. Jeder Zwölfer mehr, wie „Sphinx“ oder „Anker 434“ ist eine Bereicherung unserer Gewässer.

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    • avatar Günter sagt:

      Lieber Herr Braschos, Sie möchten offensichtlich, dass wir mit einem Museum zur See fahren.
      Wollen Sie dafür nicht auch die Rechnungen übernehmen?
      Im Übrigen reitet mich der Teufel nicht mehr. Ich gebe diese zwecklose Diskussion auf. Sie haben Ihren etwas weltfremden, weil hier kaum von jemanden zu finanzierenden Standpunkt, und ich den meinen, der sich mehr an der Praxis und den Möglichkeiten orientiert.
      Vielleicht treffen wir uns ja einmal auf irgendeiner Regatta, und dann können wir bitte über ein anderes Thema schnacken!

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