Braschosblog: Eagle 44, Boote müssen schön anfangen und ebenso aufhören

Betörend schöne Bonsai J-Class

Exponierter Bug im Schlachtgetümmel

Nüchtern betrachtet hat so ein spitzer Bug manchen Nachteil. Die scharfe Bugspitze gefährdet im Schlachtgetümmel der Regatten nicht nur das Nylon des eigenen Spinnakers. Das Anlegemanöver sollte klappen, sonst kann das exponierteVorschiff hässliche Spuren hinterlassen. Auch der Schritt vom schmalen Bug an Land will überlegt sein.

Auch verschenkt der vordere Überhang wertvolle Wasserlinienlänge und damit Geschwindigkeit. Das über Wasser schwebende Gewicht lässt das Boot tiefer eintauchen und eher stampfen. Olin Stephens hat einmal erklärt, dass sich der Löffelbug nach seiner Auffassung nur in recht steiler, mit aufgerichteter Stevenform für seegehende Schiffe eigne. Das hat er bereits bei „Dorade“ so gemacht.

Nun quert der Nachmittagssegler selten Ozeane, er kämpft sich nicht bei Wind gegen Strom Bedingungen durch den Golfstrom nach Bermuda oder die Elbe hinaus. Die „Eagle 44“ ist eher für moderate bis angenehme Bedingungen auf dem Ijsselmeer, der Kieler Förde, für den Starnberger See, den Golf von Saint Tropez oder die Bucht von Rapallo gemacht. Da sollte das Schiff in erster Linien richtig und schön anfangen.

Die „Eagle 44“ der holländischen Leonardo Werft in Sneek östlich des IJsselmeers wurde vor einigen Jahren vom Amsterdamer Yachtarchitekten Gerard Dykstra gezeichnet, der sich nach wiederholter Beschäftigung mit den 40 Meter langen Segelsauriern der dreißiger Jahre zu dieser Bonsai J-Class inspirieren ließ.

Look alike Klassiker

Mit ihrem modernen Unterwasserschiff, bestehend aus einem modernen Flossenkiel vor einem ebensolchen Spatenruder achtern ist die „Eagle 44“ natürlich keine richtige klassische Yacht, sondern ein look alike. Aber erstens ein betörend schöner, zweitens einer der sich zu zweit gut handhaben lässt. Drittens ist das Boot aus pflegeleichtem Kunststoff und genau dort, wo es wichtig ist, wo man es sieht, mit einem ansehnlich verlegten Teakdeck und einem Mahagoniausbau veredelt.

Die abgeflachte Spritzkappe erinnert ein wenig an die Hutze des Drachen. Sie steht dem Boot vor dem umlaufenden Süllrand ausgezeichnet. Die Segelgeometrie mit der leicht überlappenden Fock macht eine bella figura. Mit dem gestreckt flachen Achterdeck, das bis zum traditionell geneigten Heckspiegel über einem wunderbar niedrigen Freibord geführt ist, endet die „Eagke 44“ wie eine Yacht.

Die „Eagle 44“ hat all das, was die vergangenen Jahrzehnten durch den von Nutzwertgesichtspunkten geprägten Serienyachtbau abgeschafft wurde. Damit auch die möglicherweise weniger segel-affine Begleitung bei passendem Wetter gerne mitkommt, bietet der 2,76 m schmale Schlitten den nötigsten Komfort, also Bordtoilette, Badeleiter, Handbrause, Waschbecken und Kühlbox. Es gibt sogar eine Einbaumaschine für Bugspitzenschonende Anlegemanöver und die Flaute am Sonntagnachmittag.

Für den Fall, dass die Nacht freiwillig und nüchtern auf dem Wasser verbracht wird, gibt es eine Doppelkoje im Vorschiff, eine Batterie für das Ankerlicht und Leselampen. Stehhöhe wäre schon, ist aber, wenn das Boot bei 1333 Zentimetern Länge gescheit aussehen soll, nicht drin. Stehhöhe zum An- oder Umziehen, oder für eine Katzenwäsche bietet die Plicht mit dem großen Tisch, wo Spüle und Kühlbox pfiffig unter glänzend lackiertem Mahagoni versteckt sind. In der Plicht gibt es, wie beim Drachen, Lacustre, Folkeboot oder Schärenkreuzer volle Stehhöhe bis zum Sternenhimmel.

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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.

4 Kommentare zu „Braschosblog: Eagle 44, Boote müssen schön anfangen und ebenso aufhören“

  1. avatar Minifahrer sagt:

    Ja, das Boot ist schön. Und da gibt es schon länger auch Alternativen. Siehe Spirit Yachts. Da gibt es ab 37″ was Schickes. Durfte auf einer 45 öfter mal mitfahren (die gibt es offenbar nicht mehr neu? Die war wie die 37″, nur länger). War sehr nett, wenig Komfort, aber toll anzusehen und schön zu handeln.
    Und ja, der Tritt aufs Boot vom Steg war etwas abenteuerlich.

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  2. avatar Backe sagt:

    Wieder so ein schöner Bericht, der auf dieser bisweilen doch recht regatta- und ulk-orientierten Seite eine wichtige Dimension unseres Sportes hinzufügt: Stil … Danke Erdmann!

    P.S.: Das Ding von Schmiddel mit Muddi und dem Klo ist übrigens ein fataler Trugschluss. Wenn eine Yacht suggeriert, ein Hotel zu sein, die Kloschüssel dann aber plötzlich zu wackeln anfängt und sich zwanzig Grad zur Seite neigt, bleibt Muddi das nächste mal dann doch verschreckt zuhause.
    Mädels, die Erdmanns Anspielung auf den Drachen-Eimer verstehen, kommen immer mit! Wohl dem, der solch ein Weib sein Eigen nennt! ;.)

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  3. avatar Ostnordost sagt:

    Danke, Braschos! Ihre Geschichten sind immer eine Bereicherung.

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  4. avatar richter sagt:

    Bei uns im Salzkammergut ist die Sonderklasse noch immer das “Nachmittagsboot”: schnell, elegant, leicht zu segeln und Motor braucht man auch nicht. Regattasegeln ist in der eigenen Klasse möglich (heuer 14 sonderklassen), auch bei Sauhaufenregatten (yardstik) kann man moderne “Joghurtbecher” ärgern.

    So ein Ding macht einfach Spaß!

    P.S. meine Teenagermädels segeln auch damit (von wegen K..)

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