Braschosblog: Eagle 44, Boote müssen schön anfangen und ebenso aufhören

Betörend schöne Bonsai J-Class

Zwei Tiefgang-Versionen

Damit die Schönheit in den pappflachen Gewässern Hollands nicht bloß Liebhaber, sondern auch Käufer findet, gibt es sie mit ganzen 1,35 m Tiefgang und für Tiefwassersegler mit einem optionalen zwei Meter Kiel. Für den Fall, dass man mit dem 72 Quadratmeter Renner mal in eine dieser normalüblen Gewitterböen brettert, ist das Boot mit der großen Plicht mit einem selbstlenzenden Cockpit unterwegs.

Die 39 Prozent Ballastanteil erscheinen bei dem schlanken Boot, das bei viel Wind maßgeblich auf das Kielgewicht angewiesen ist, etwas mager. Vorbilder wie die historische J-Class oder Meterklassen vergleichbarer Größe sind mit bedeutend mehr, oft sechzig Prozent unterwegs. Ich habe die „Eagle 44“ nicht gesegelt, bin aber sicher, daß sie den tieferen Kiel braucht.

Man könnte über das prominente Steuerrad (klassische Yachten dieser Größe haben eine Pinne) und die flämische Polstergarnitur mit der Herrenseglerbank achtern schmunzeln. Der in den üblichen Nutzwertkategorien gefangene Fachjournalist könnte das Platzangebot unter Deck in Relation zum Preis setzen und bemerken, dass es mehr Koje und Klo für’s Geld gibt.

Aber jetzt mal im Ernst: Kein klar sehender Mensch guckt sich einen Maserati an und stellt fest, daß in einen Touran mehr reingeht, oder? Es ist doch ganz einfach. Boote müssen schön anfangen und ebenso aufhören. Dazwischen darf es ein paar, nur ganz wenige und clevere Kompromisse für das Bordleben geben.

Uralte Idee neu aufgelegt

Übrigens ist das Konzept ziemlich alt. 1916 und lange vor dem Drachen entwarf der Norweger Johan Anker bereits ein sogenanntes N-Båd. 1932 entstand in der Faul Werft am Zürichsee mit dem „Gugger“ ein auf 10,65 x 2,16 m vergrößerter Drachen. Das 3 Tonnen schwere Boot geht mit 50 Quadratmetern am Wind und ist eines der schönsten Boote nicht nur der Trave, sondern der westlichen Ostsee einschließlich der gesamten dänischen Südsee. 1939 versuchte Anker einen etwas größeren, komfortableren Drachen, den sogenannten Stordrak zu lancieren. Der Vorabend des zweiten Weltkriegs war aber nicht die richtige Zeit dazu.

Es brauchte Gerard Dykstra, der sich in jungen Jahren mal einen Sechser für IJsselmeer anpasste, mit der „Old Salt“ weite Reisen machte. Und die Werft, um das Nachmittagsboot-Konzept frisch gemischt und mit pfiffigen Details gespickt zu lancieren.

Die auf den ersten Blick bescheidene, für ein Boot dieser Kategorie aber beachtliche Stückzahl mehrerer Exemplare in den vergangenen Jahren bestätigt die Kühnheit, heute ungeachtet der üblichen Nutzwertkategorien einfach mal ein richtig schönes und auch ein klein wenig praktisches Boot zu bauen.

Das große Plus gegenüber klassischen Meteryachten wie dem Sechser ist schon mal, dass man von den Bodenbrettern an Deck der „Eagle 44 keine Leiter braucht, es eine ringsum gemütliche Plicht gibt, man sich anlehnen kann und ein ausgebautes Vorschiff mit zwei Kojen dabei ist.

Plädojer für die „bella figura“

Ich würde, hätte ich 275 Tausend Euro übrig, gern „Eagle 44“ segeln. Vor allem würde ich mir wünschen, dass sich weitere Segler für den eleganten Retroschlitten mit Übernachtungsoption entscheiden. Denn dieses Boot hat einen entscheidenden Nachteil. Vor der Schönheit des Großen und Ganzen, dem Appeal des ein paar Fuß zurückgenommenen Vorsegelansatz zum Löffelbug, dieser ganzen „bella figura“ haben andere, in hässlichen Booten hockende Segler mehr.

Es sollte also mindestens noch ein weiteres richtig schönes Boot nachmittags nebenan mit dem Bug durch das Wasser schneiden. Kennt man vom Drachen. Dieses Boot macht immer Spaß, selbst wenn es grade mal nicht so gut läuft, weil ein Drachenfeld einfach herrlich anzuschauen ist.

„Du musst die Boote so bauen, daß Muddi mitkommt“, erklärte Hanse Werftgründer Michael Schmidt einmal in seiner schnodderig direkten Art. Also Herr „Schmiddl“ Schmidt: meine „Muddi“ wendet sich bei der neuen „Varianta 44“ oder allerneuesten Hanse, die angeblich in jeder Hinsicht mehr bietet – wahrscheinlich auch volle Stehhöhe im Ankerkasten – vor allem aber erschütternd viel Freibord zeigt, mit Grausen ab.

Eagle 44, Traumboot für den gepflegten Tagestörn. © Leonardo Yachts

Bei der „Eagle 44“ würde sie versonnen lächelnd an Bord steigen. Haben die anderen, die solche Nutzwertbomber fahren, die falschen „Muddis“ oder wissen die, dass sie ihre Schiffe eh nicht von außen angucken, weil Eigner, „Muddi“ Kind & Kegel beim Seh- und Geschmackstest an Bord hocken? Leute, kauft und segelt bitte mehr schöne Schiffe!

 

 

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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.

4 Kommentare zu „Braschosblog: Eagle 44, Boote müssen schön anfangen und ebenso aufhören“

  1. avatar Minifahrer sagt:

    Ja, das Boot ist schön. Und da gibt es schon länger auch Alternativen. Siehe Spirit Yachts. Da gibt es ab 37″ was Schickes. Durfte auf einer 45 öfter mal mitfahren (die gibt es offenbar nicht mehr neu? Die war wie die 37″, nur länger). War sehr nett, wenig Komfort, aber toll anzusehen und schön zu handeln.
    Und ja, der Tritt aufs Boot vom Steg war etwas abenteuerlich.

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  2. avatar Backe sagt:

    Wieder so ein schöner Bericht, der auf dieser bisweilen doch recht regatta- und ulk-orientierten Seite eine wichtige Dimension unseres Sportes hinzufügt: Stil … Danke Erdmann!

    P.S.: Das Ding von Schmiddel mit Muddi und dem Klo ist übrigens ein fataler Trugschluss. Wenn eine Yacht suggeriert, ein Hotel zu sein, die Kloschüssel dann aber plötzlich zu wackeln anfängt und sich zwanzig Grad zur Seite neigt, bleibt Muddi das nächste mal dann doch verschreckt zuhause.
    Mädels, die Erdmanns Anspielung auf den Drachen-Eimer verstehen, kommen immer mit! Wohl dem, der solch ein Weib sein Eigen nennt! ;.)

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  3. avatar Ostnordost sagt:

    Danke, Braschos! Ihre Geschichten sind immer eine Bereicherung.

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  4. avatar richter sagt:

    Bei uns im Salzkammergut ist die Sonderklasse noch immer das “Nachmittagsboot”: schnell, elegant, leicht zu segeln und Motor braucht man auch nicht. Regattasegeln ist in der eigenen Klasse möglich (heuer 14 sonderklassen), auch bei Sauhaufenregatten (yardstik) kann man moderne “Joghurtbecher” ärgern.

    So ein Ding macht einfach Spaß!

    P.S. meine Teenagermädels segeln auch damit (von wegen K..)

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