Braschosblog: Warum Fiat Boss Giovanni Agnelli bunte Segel mochte

Eine Frage des Geschmacks

"Agneta" mit Agnelli brauner Garderobe und Altair-Cream, macht gegen den weltgrößten Gaffelkutter "Lulworth" eine schöne Figur. © Haas International

“Agneta” mit Agnelli brauner Garderobe und Altair-Cream, macht gegen den weltgrößten Gaffelkutter “Lulworth” eine schöne Figur. © Haas International

Als der mächtige Fiat-Boss Giovanni Agnelli Ende der fünfziger Jahre die schwedische 25 Meter Mahagoniyawl „Agneta“ übernahm, ließ er bei der Camper & Nicholson Werft im südenglischen Gosport eine komfortable Eignerkajüte mittschiffs und ein paar gescheite Frischwassertanks für das Mittelmeer einbauen.

Die Winschen wurden neu verchromt. Außerdem bestellte der Enkel des Fiat-Gründers bei Ratsey & Lapthorn, jenem Segelmacher, der bereits für Horatio Nelsons siegreich absolvierte Schlacht von Trafalgar die Garderobe genäht hatte, einen Satz neuer Segel. Allerdings nicht die übliche moderne Persil-weiße Ware. Denn weißes Dacron setzte damals fast jeder.

So stilvoll segelt man an der Cote: "Agneta" mit weißem Besanstagsegel und Spi passend zu den hellen Pants. © Haas International

So stilvoll segelt man an der Cote: “Agneta” mit weißem Besanstagsegel und Spi passend zu den hellen Pants. © Haas International

Der Eigner im fernen Turin verlangte ausdrücklich braune Segel, wie bei den Arbeits- und Fischerbooten. Bei dunklem Segeltuch spielt es keine Rolle, wenn es dreckig wird. Außerdem wird es im Nebel eher gesehen. Dem Tagwerk manueller Tätigkeit enthobene Leute mögen den Bezug zum Handwerk und einfachen Leben besonders – und sei es bloß bei der Farbe der Segel. Als Ästhet meinte der Italiener auch, dass dunkles Tuch seiner maronenbraunen Mahagoniyawl am besten steht.

Aparter Renner mit “working class” Wäsche

Agnelli hatte viel Freude an seinem aparten Renner mit der „working class“ Wäsche. Obwohl er seine Flotte um die eine oder andere Motoryacht ergänzte, behielt er die schöne Yawl mit den dunklen Segeln 23 Jahre lang. Sie wurde oft in Porto Santo Stefano gesehen und im toskanischen Archipel. Oder an Riviera und Cote d’ Azur, wo die Thermik den schlanken 36 t Schlitten mit 215 qm Tuch flott laufen lässt. Gut machte sich der maronenbraune Renner auch im türkis schillernden Wasser der Costa Smeralda. Das Maddalena Archipel ist fast so schön wie die Heimat des Bootes, der Stockholmer Schärengarten.

"Agneta" Ton in Ton mit den Crewshirts passend zum Mahagoni und der "working class" Garderobe und weißen Shots passend zum Spi.  © Haas International

“Agneta” Ton in Ton mit den Crewshirts passend zum Mahagoni und der “working class” Garderobe und weißen Shots passend zum Spi. © Haas International

Als der Italiener dann später am großen Rad seiner „Extra Beat“ die typisch braunen Segel seines früheren Bootes im Dunst des Mittelmeeres entdeckte, brauste er mit seiner riesigen Slup heran und genoss schweigend den Anblick der aparten Yawl.

„Agneta“ ist ein Boot, das man sich aus verschiedenen Perspektiven ansehen kann, aber erst unter Segeln versteht. Dann zeigt sie, wie leicht und elegant sie durch die Wogen geht. Das vom klassischen Schärenkreuzer inspirierte Boot wiegt etwa die Hälfte vergleichbar großer Schiffe wie „Gitana IV“ oder „Nordwind“.

Die Geschichte von den gelegentlichen späteren Begegnungen hat mir Raffaella Steffani, die langjährige Eignerin des Bootes, erzählt. Zwar gibt es noch die eine oder andere Yacht mit braunen Segeln im Süden. Eigentlich sind diese Segel aber das Markenzeichen des 1950 bei der berühmten Pylm Werft in Neglinge bei Stockholm gebauten „24,80 m Havskryssare“. Und weil ich bezüglich solcher Schiffe ne Macke habe und bei Booten des Konstrukteurs Knud Reimers zugegebenermaßen einen Knall, wird die Geschichte von Agnetas Agnellibraunen Segeln hier zuerst erzählt.

Eigentlich entstand "Agneta" im Auftrag des schwedischen Turbinenfabrikanten Oskar Wiberg für eine Weltumsegelung, zu der es nie kam.  © Haas International

Eigentlich entstand “Agneta” im Auftrag des schwedischen Turbinenfabrikanten Oskar Wiberg für eine Weltumsegelung, zu der es nie kam. © Haas International

Übrigens wird der Brauch seit Agnellis Zeiten bis heute beibehalten. Sogar die Fendersocken und Crewshirts wurden in der Zwischenzeit farblich auf Agnetas Garderobe abgestimmt. Zwar schwitzt man in dunklen Hemden im Süden übel, speziell auf stickigen Raumschotskursen. Aber die Shirts zu den Tüchern sind ein Muß. Wenigstens sind die Shorts passend zum Besanstagsegel und Spinnaker schlicht weiß.

„Altaïr“ Cream

Als der Baseler Fabrikant Albert Obrist Ende der 80er Jahre in Southampton den Fife Schoner Altair restaurieren ließ, wollte er allen Ernstes einen Satz Baumwollsegel haben. 600 Quadratmeter. Schön in schmalen Bahnen. Handgenäht. Wie früher. Es interessierte Obrist kaum, das es kein Segeltuch aus der besten, im Sudan gewachsenen Baumwolle mehr gibt, auch keine Webstühle zum Herstellen des Tuchs.

Es kümmert ihn kaum, dass Baumwolle generell, ganz gleich ob aus der etwas härteren sudanesischen Faser oder ägyptischem Mako, unpraktisch ist. Der Liebhaber hatte sich in das Thema vertieft. Der Ferrari- und Kunstsammler hatte sein Faible für das Authentische viele Jahre bei seiner viel bewunderten Autosammlung mit akribischen Wiederherstellungen des seinerzeitigen Stands der Technik ausgelebt.

Schöner segeln in Altair-Cream. Der Fife Schoner, der den neuen alten Segeltuchstandart einführte. Persil-weiß geht ja hier nicht.  © Ocean Independance

Schöner segeln in Altair-Cream. Der Fife Schoner, der den neuen alten Segeltuchstandart einführte. Persil-weiß geht ja hier nicht. © Ocean Independance

Irgendwann, nach langem Reden sah Obrist ein, daß er mit schnödem Polyestertuch, unter dem Markennamen Dacron bekannt, vorlieb nehmen müsse.  Natürlich kamen Persil-weiße Segel für den Connaisseur nicht in Frage. Also mußte das Tuch in genau jenem Ton gefärbt sein, den Baumwollsegel nach einer Weeile draußen auf dem Wasser annehmen.

Ich habe diese schrullige, in der Klassikerszene kolportierte Anekdote über den detailversessenen Schweizer erst geglaubt, als Mark Ratsey-Woodroffe sie mir schmunzelnd, teils mit verdrehten Augen und auch stolz erzählte und ich sie später von Obrist selbst nocheinmal bei einem Gespräch in Gstaad hörte.

Cremefarbig oder violett?

Natürlich war ein eine spezielle Herausforderung, künstlich patiniertes Polyestertuch hinzukriegen. Die ersten Proben kamen in schrillem Violett aus dem Bad (im Kingdom ist alles möglich) und wurden dem Ästheten Obrist rücksichtshalber nicht gezeigt.

Die Segel passend zum Wasserpaß: Das ist mal was neues, bleibt aber gewöhnungsbedürftig. © Classic Boat Meet

Die Segel passend zum Wasserpaß: Das ist mal was neues, bleibt aber gewöhnungsbedürftig. © Classic Boat Meet

Der Wunsch nach handvernähten Segeln aus extraschmalen Bahnen wie in der „guten alten Zeit“ wurde dem Liebhaber und späteren Gründer von Fairlie Restorations  auch erfüllt. Es sah sehr schön aus und seit dem Debüt des viel bewunderten William Fife Schoners an der Cote ist das sogenannte Altaïr-Cream zum Standard in der Klassikerszene geworden. Mancher Tuchhersteller und Segelmacher bietet diese Qualität an, oft unter anderem, eigenem Markennamen. Denn damit scheinen die Klassiker direkt aus dem Sepia der Geschichte in unsere Zeit zu segeln.

Also, wenn man nicht grade eine moderne 0815-Vollplastikschüssel mit sparsamen Holzapplikationen segelt, wo Persil-weiße Garderobe nicht so schmerzt, oder einen Colin Archer, einen Cornish Crabber, einen ollen Elbewer, einen Torfkahn im Teufelsmoor oder „Agneta“ im sönnigen Süden, wo working-class braun pflicht ist, geht eigentlich nur Altaïr-Cream. Wer grad kein Millionär ist, kann die Segel auch mit der Maschine nähen lassen. Schöne Leder-Applikationen trösten den Liebhaber über die seelenlos maschinelle Verarbeitung hinweg.

Himmelblau passend zum Wasserpaß

Tja, bleiben noch die himmelblauen Segel dieser an sich schönen klassischen Ketsch, der stilvoll patiniertes Hellbeige a la Obrist eigentlich am besten stehen würden. Also, die Segel Ton in Ton mit dem Wasserpaß, da hat jemand nachgedacht und mal was neues ausprobiert. Nun ist es eine bewährte und praktisch immer – also auch diesmal zu beherzigende – Journalistenregel, sich in Geschmacksfragen zurück zu halten.

Dennoch erlaube mich mir den Hinweis, daß das Bild vom Classic Boat Meet vergangenen Sommers in den Stockholmer Schären stammt und das Boot mit den blauen Tüchern in ferne finnische Gewässer verkauft wurde. Wir mussten ja lange Jahre die erste „Alexander von Humboldt“ mit den feld- wald- und wiesenfarbigen Tüchern, passend zur Becksgrünen Bordwand, aushalten.

“Agneta” steht bei Haas International für 1,3 Millionen Euro zum Verkauf

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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.
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