Braschosblog: Wer hat die wahre Schäre? Ärger bei den 30ern

Der 30er Schären-Fight

Fight mit harten Bandagen

Übrigens kneift die 1952 gegründete „Internationale Vereinigung der 30 qm Schärenkreuzerklasse“ beim Europa Cup auf dem Heimatrevier mit der Zulassung aller 30er regelmäßig ein Auge zu. Da gewinnt dann die beste Mannschaft mit einer Konstruktion, die mit den Windverhältnissen und Wellenbedingungen am besten zurecht kommt. 2006 beispielsweise war es die französische Mannschaft der „Pinchgut“, ein 1990 in Australien gebauter Becker-Riss bei 4-6 Windstärken vor Bregenz vor starker Konkurrenz im lokalen Bijou-Typ und schwedischen Teilnehmern.

Ansonsten verweist die IKV auf Klassenintern bei Ihrer alljährlichen Versammlung demokratisch gefasste Beschlüsse, wonach Boote, die nicht ihrem Reglement entsprechen, von der Teilnahme an allen sonstigen Dreißiger Regatten in Süddeutschland ausgeschlossen sind. Es dürfen nur seit 1925 gebaute Klassiker, Neubauten bis 1984 und Bijou-Risse segeln.

Davon sind „Gerd 6“ von 1924, die „Blithe Spirit“ von 1986 und der Neubau „Kaa“ betroffen. Es läuft auf ein Kräftemessen zwischen den rivalisierenden süddeutschen Klassenvereinigungen hinaus. Die Frage ist, wer den längeren Atem hat, wie viele Mitglieder bei wem bleiben oder halt wechseln.

Der Fight um die Zukunft der Klasse geht also mit harten Bandagen weiter. Die Alteingesessenen und die Renegaten ziehen fleißig Strippen zugunsten oder gegen den neuerdings vom Schwedischen Dachverband angestrebten Status einer „recognized class“. Dann wären alle Dreißiger wieder Konstruktionsklasse.

Wie auf dem Wasser legen sich die Kombattanten mit unterschiedlichen Strategien und unbedingtem Siegeswillen ins Zeug. Ein sehenswertes Ergebnis dieser Konkurrenz ist das schön gemachte Bilderbuch „Schärenkreuzer im Herzen Europas. Geschichte und Geschichten der Schärenkreuzer in Bayern, am Bodensee und in der Schweiz“. Da wird auf 320 Seiten informative, unterhaltende, clevere Klassenpolitik gemacht und für den Dreißiger als großen Drachen, als preiswertes One Design geworben, was völlig in Ordnung ist. Man erfährt eine Menge darin. Ein Geburtstag- oder Weihnachtsgeschenk nicht nur für Schärennarren.

Neue Form, neues Glück?

2006 digitalisierte die Bootskonstrukteurin Juliane Hempel im Auftrag der Klassenvereinigung den Bijou-Riss. Die Hamburger Schiffbauversuchsanstalt fräste einen millimetergenauen, wirklich symmetrischen Kern zur Abnahme einer bei Thomas Bergner angefertigten Form, aus der zwei Rümpfe entstanden, von denen bislang einer ausgebaut ist. Das Konzept der Klassenvereinigung, mit einer preiswerten Form Eigner für möglichst zahlreiche Neubauten zu gewinnen, ging in den vergangenen sechs Jahren nicht auf.

So bleibt die Frage, warum die IKV beharrlich am Bijou-Typ bei Neubauten festhält und eine Rückkehr zur Konstruktionsklasse kategorisch ausschließt. Im genannten Buch wird Klaus Röder von Carpe Diem Yacht Design auf Seite 114 mit der Behauptung zitiert, es sei möglich einen auf allen Kursen etwa fünf Prozent schnelleren 30er Schärenkreuzer zu zeichnen.

Während eines Telefongesprächs erklärt Röder lachend, er wäre stolz, wenn ihm das gelänge. Er sei aber falsch zitiert worden. Röder meint, es wäre unterstützt von CFD (computational fluid dynamics), sprich rechnergestützter Strömungsoptimierung, auf bestimmten Kursen möglich, einen marginal statt pauschal viel schnelleren  Renndreißiger als den Bijou-Typ zu entwickeln, „wobei sich dieser Geschwindigkeitsvorteil eher unter als bei einem Prozent abspielt“. Obwohl die Klassenvereinigung das seglerische Potential der „Contra“ bereits maßlos überschätzt hat, hält sie mit diesem (bewußt?) falschen Zitat an ihrer bisherigen Politik fest.

Neubau für 250.000 Euro

Den Aufwand für diese Optimierung schätzt Röder „über den Daumen und ohne ein entsprechendes Angebot erstellt zu haben, auf etwa 200 Tausend Euro, wenn wirklich alle Register des Möglichen gezogen werden, ansonsten auf eher 40 Tausend“. Die Kosten für den Neubau eines regattaklaren Dreißiger Einzelbaus sieht Röder bei 250 Tausend Euro.

Dies bedeutet einen Aufwand von bis zu einer halben Million Euro für einen marginalen Geschwindigkeitsvorteil. Stimmt diese Annahme, könnte die Klassenvereinigung ihre Festlegung auf den Bijou-Typ unbesorgt aufgeben. Denn jeder Segler weiß, dass sich derart marginale Geschwindigkeitsunterschiede wenn überhaupt, dann bei einer professionellen Leistungsdichte bemerkbar machen. Eine einzige taktische Fehlentscheidung oder einen Augenblick zu spät auf einen Winddreher reagiert, eine einzige Wende zu viel und der teuer erkaufte Vorteil von 0,06 Knoten bei angenommenen sechs kn ist Makulatur.

Viel spricht für den süddeutschen Sonderweg der Klasse, wo abgesehen von den Klassikern mit identischen Bijou-30ern zu fairen Bedingungen mit annähernd identischen Booten reell Regatta gesegelt wird. Noch ist es nicht gelungen, mit dem deutlich günstigeren 30er aus der neuen Form für 125 statt 183 Tausend Euro (Preisbeispiele Beck Werft, die Zahlen gelten angesichts des handwerklichen Aufwands für den Ausbau als außerordentlich günstig) neue Eigner für die Klasse zu gewinnen.

Genau so viel spricht aber – nicht zuletzt aus Respekt vor der ursprünglich schwedischen Erfindung des Bootstyps – dafür, beim 30er Schärenkreuzer als Konstruktionsklasse zu bleiben. Wie langlebig und produktiv eine Konstruktionsklasse sein kann, ist von den 5,5ern  zu lernen.

DER Bodensee-Evergreen

Der 30er ist ein wunderschönes, sensibles Regattaboot, eine Klasse, wo betagte Schiffe und Neubauten miteinander starten. Ein Daysailor mit Übernachtungsoption für Junggebliebene wie gelenkige Menschen. Ein, nein, DER Bodensee-Evergreen. Abgesehen von den bedenklichen Auswüchsen menschlichen Ehrgeizes muss man sich um den 30er keine Gedanken machen.

Wo so eifrig auf dem Wasser und an Land die Strippen gezogen werden, da ist Leben. Der Fight der schwäbischen Dreißiger-Szene um Einheits- oder Konstruktionsklasse hält jung. Die Kombattanten bleiben dran und denken sich das nächste Scharmützel aus. Kennt man ja vom America’s Cup.

Demnächst, wenn vom 20. Juli bis 5. August in Nynäshamn mit einer Zusammenkunft vieler klassischer Yachten an die olympischen Regatten von 1912 erinnert wird, sind alle wieder nett zueinander.

Man kennt das von Familienfeiern, runden Geburtstagen oder Weihnachten. Da verträgt man sich, selbst wenn dann wieder so ein forscher Ungarn mit seinem Plattenseekreuzer, ein schwedischer, süddeutscher oder französischer Eigner mit seiner Konstruktionsklasse beim Europacup die eingefahrene Hackordnung frech vorne herumfahrend stören sollte.

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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.

6 Kommentare zu „Braschosblog: Wer hat die wahre Schäre? Ärger bei den 30ern“

  1. avatar wm sagt:

    der 30er ist eben ein Boot bei dem das Prozessieren mehr Spaß macht als das Segeln. Trotzdem mit ‘nem Tennisball am Bug – das hat schon was.

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 6 Daumen runter 7

  2. Also den Artikel selbst und den Kommentar beurteile ich mal lieber nicht. Da weiß ich zu genau bescheid über die Klasse und Klassen und die Details. Über die Preise meiner Boote weiß ich noch besser bescheid.
    Die genannten Preisbeispiele stammen nicht von mir oder wurden am Telefon falsch verstanden. Die Preise “aus der neuen Form” kenne ich übrigens auch nicht.
    Ein Kunststoff-Rumpf mit Holzausbau kostet bei mir 100 000,00 EUR. Mit Mahagoni-Rumpf 165 000,00 EUR. Beides ohne Segel und Ausrüstung. Aber inklusiv 19% MwSt. Bitte Angebote anfordern.
    Die Beschreibung der Klassenregeln der I.V. ist auch nicht korrekt wiedergegeben. Sie ist auf der Internetseite der I.V. aber zu lesen. Die Neubauten müssen keine Bijou-Typen sein und die „Blithe Spirit“ von 1986 segelt bei den Regatten der I.V. mit. Sie entspricht den Regeln der I.V.
    Also, wenn so viel über etwas berichtet wird, ob falsch oder richtig, dann kanns nur gut sein.
    Am nächsten Wochenende segeln wir den Bodensee-Cup in Radolfzell. Es sind bis jetz 22 Meldungen auf der Liste. Es gibt wieder ein riesiges Seglerfest. Das ist das Gute an der Geschichte.

    Viele Grüße und dass es so weiter geht.

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 17 Daumen runter 24

  3. avatar Erdmann sagt:

    Ausweislich Ihrer Mail vom 15.2.12 kostet ein 30er mit Kunststoffschale 98.000 Euro inkl. Mwst, ein formverleimtes Schiff 165.000. Da man mit einem Boot ohne Segel schlecht Regatta segeln kann, habe ich 27.000 Euro (sie nannten 25 bis 30 Tausend Euro für einen Segelsatz) hinzu gerechnet. So kommen die im Artikel erwähnten Preise zustande. Was, Herr Winterhalter, war daran nun falsch?

    Nach Auskunft der SESCA sind die genannten drei Schiffe nicht bei den üblichen Wettfahrten der Internationalen Vereinigung der Int. 30 Klasse zugelassen (vom Europa Cup abgesehen): Schiffe der Baujahre 1925 bis 1984 und Bijou-Typen (=Reimers 1952) oder Neubauten von alten Rissen gehen. Es ist bewußte Politik der IKV, Schiffe, die nicht ihrem Reglement entsprechen, auszuschließen. Ob das richtig ist, darüber kann man streiten oder nachdenken. Letzteres ist Sinn dieses Beitrages.

    22 Meldungen für eine 30er Regatta auf dem Untersee sind schön. Mögen weitere hinzu kommen. Viel Spaß beim Segeln!

    Sollten Sie als Insider = versierter 30er Bootsbauer und Regattafuchs am Bodensee Unschärfen oder Unwahrheiten in meinem Beitrag entdecken, so benennen Sie sie möglichst klar. Als langjähriger Beobachter und Chronist der Szene bin ich für jeden Hinweis dankbar. Es ist durchaus möglich, daß sich durch den Abstand Hamburg – Bodensee Unschärfen ergeben. Ich lerne gerne dazu.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 36 Daumen runter 11

    • avatar mike sagt:

      Als langjähriger Beobachter und selbsternannter Fachmann wäre es angebracht, sich VOR dem
      Schreiben solcher Artikel so zu informieren, daß keine falschen Informationen in Umlauf gebracht
      werden.
      Offensichtlich wurde dieser Artikel nur erstellt um einer völlig unwichtigen und belanglosen
      Vereinigung von Quertreibern (SESCA) eine Stimme zu geben.

      Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 9 Daumen runter 3

      • avatar Erdmann sagt:

        Hallo Mike,

        es würde den “selbsternannten Fachmann”natürlich interessieren, was an meinem Beitrag falsch ist.

        Ich lerne immer gern dazu und vielleicht bringen Deine Hinweise Erkenntnisse, die mir bei meiner weiteren Arbeit helfen.

        Viele Grüße, Erdmann

        Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 6 Daumen runter 3

  4. avatar Felix sagt:

    Einige 30er Segler sollten sich vielleicht weniger über die Reglen und streitereien der KV informieren und diskutieren als viel mehr (bestenfalls noch vor dem anstehenden Bodensee Pokal) über die Int. Wettfahrtregeln der ISAF nachdenken und lernen!

    Damit wäre der Klasse ebenso wie dem Regattasport sicher geholfen!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 11 Daumen runter 7

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