Corona: Regelungen zum Wettkampfsport werden unterschiedlich ausgelegt

Ja – Nein – Vielleicht

Die Lage ist verworren: Segeln ja, Wettkampf nein – oder doch vielleicht ein paar Regatten? Mit der Lockerung der Corona-Maßnahmen scheint ein Wettstreit entbrannt, wie die Lage zu interpretieren ist.

Trotz der Lockerungen der Corona-Maßnahmen hagelt es Absagen im Mai. Einige wenige Events hoffen aber auf einen Start.

Mit den am 6. Mai in einem Bund-Länder-Beschluss beschlossenen und bis vorerst 5. Juni gültigen Lockerungen der Corona-Maßnahmen entwarf der DOSB zehn Leitlinien, mit denen auch der Breiten- und Freizeitsport wieder möglich sein sollte. Ein klarer Punkt darin: Veranstaltungen und Wettbewerbe unterlassen!

DOSB-Präsident Alfons Hörmann warb in einem Statement um Einhaltung dieser Regeln, damit der oberste deutsche Sportverband den weiteren Prozess mit der Politik abstimmen könnte. „Wir rufen alle Mitglieder auf, die sportspezifischen Regeln vorbildlich zu beachten, damit wir alle gemeinsam nun Schritt für Schritt in Richtung Normalität zurückkehren können“, so Hörmann. Dieser Aufruf wurde indes schnell unterlaufen. Wie sich zeigt, liegt die Entscheidungsgewalt nicht beim DOSB und nicht mehr beim Bund. Vielmehr breitet sich ein Flickenteppich aus, der auch in unmittelbarer Nachbarschaft zu völlig unterschiedlichen Entscheidungen führt.

Die Hoffnung des DOSB, gemeinsam für eine Linie im Sport zu Corona-Zeiten zu stehen, währte nicht lange. Foto: Screenshot DOSB

Während die DSV-Vizepräsidentin für das Wettsegeln, Katrin Adloff, auf Nachfrage von Segelreporter am Montag noch keinen Zeithorizont für die Wiederaufnahme der Regatta-Aktivität ausmachen konnte, gab es zeitgleich eine Sondergenehmigung für die Austragung der Baltic 500 – eine Doublehand Offshore-Regatta, die in diesem Jahr erst zum zweiten Mal ausgetragen werden soll. Von Strande aus soll es an Himmelfahrt zur Langstrecke auf die Ostsee gehen, allerdings nicht wie ursprünglich geplant in dänische Gewässer, da die Grenzsituation noch nicht geklärt ist.

In einem Medienbericht hieß es, der zuständige Projektleiter Eckhard Jacobs habe den Antrag des ausrichtenden Clubs nach Rücksprache im Ministerium unbürokratisch positiv beschieden. Diese Aussage überraschte, wurde doch nur zehn Kilometer Luftlinie von Strande entfernt und im gleichen Landkreis gelegen, in Surendorf, eine Hobie-Regatta für das Wochenende nach Himmelfahrt abgesagt. Auch in der Pressestelle des Innenministeriums Schleswig-Holstein zeigte man sich auf Segelreporter-Nachfrage überrascht über die angebliche Genehmigung aus dem eigenen Hause. Vielmehr wurde von der Pressestelle auf Nachforschung erklärt: „Das Innenministerium hat eine Genehmigung in Aussicht gestellt, da ein entsprechendes Hygienekonzept unter Einhaltung der vorgegebenen Abstände vorgelegt wurde.“ Zuständig für die Genehmigung sei aber die Kommune. Aktuell ist eine neue Verordnung zum Sportbetrieb im Lande in der Bearbeitung, worin dann der Rahmen abgesteckt und die Zuständigkeiten geklärt sein sollten.

Die rechtliche Situation ist für den Sportbetrieb bundesweit in der Schwebe. So erklärte Ulrike Spitz, Pressesprecherin des DOSB, auf Segelreporter-Nachfrage: „Der DOSB hat mit seinen 10 Leitplanken und den Übergangsregeln der Fachverbände die Grundlagen zur Rückkehr ins vereinsbasierte Sporttreiben gelegt. Sie dienen als Orientierungsrahmen und ersetzen nicht die spezifischen Maßnahmen vor Ort. Die alleinige Verantwortung für die landesspezifischen Verordnungen zur Öffnung liegt bei den Ländern. Dies gilt sowohl für die konkrete Ausgestaltung des nun bundesweit zugelassenen Sporttreibens im Freiluftbereich als auch für weitere Öffnungsschritte.“

Welche Behörde für die Zulassung von Regatten zuständig ist, ist bundesweit nicht einheitlich zu klären. „Nur mit ‚grünem Licht‘ von der Politik ist vereinsbasiertes Sporttreiben im Verein also möglich. Daher ist es eine Aufgabe der Verantwortungsträger/innen vor Ort und in den Vereinen, die jeweilige Verordnung zu kennen“, sagt Ulrike Spitz und fährt fort: „Jegliche Ausnahmegenehmigungen von den Landesverordnungen oder den kommunalen Verordnungen sind mit den jeweiligen Behörden abzustimmen – das kann überregional (wie im Fall der DFL) die Bundesregierung mit den Regierungschef/innen der Länder sein, oder regional die entsprechende Behörde.“ Die Wasserschutzpolizei in Mecklenburg-Vorpommern sah sich in einem Update vom 13. Mai immerhin gefordert, die Situation in ihrem Entscheidungsbereich zu klären: Regatten und gemeinschaftliche Ausfahrten stehen dort auf der deutlichen Verbotsliste.

Wie unterschiedlich die aktuelle Lage ansonsten interpretiert wird, lässt sich vielerorts an Absagen oder Hoffnungen auf Regatten festmachen. So erklärt die Nordseewoche, das Pantaenius Rund Skagen Rennen nicht nur virtuell, sondern auch in einer Doublehand-Version von Cuxhaven nach Kiel segeln zu wollen. Dann würde es an Pfingsten sogar durch dänische Gewässer gehen. Der Störtebeker Opti-Cup, der im Juli auf Helgoland gesegelt werden sollte, sagte hingegen heute die Veranstaltung ab: „Nach dem heutigen Stand der Vorschriftenlage könnte er nicht stattfinden, und es ist nicht abzusehen, ob und wann dies sich ändert“, heißt es in der Mitteilung.

Wo sind die Optis? Der Störtebeker Opti-Cup wurde heute wegen der ungeklärten Situation abgesagt. Foto: segel-bilder.de

Ob gerade Jugendregatten mit einem besonderen Fokus bedacht werden sollten, darüber gibt es ebenfalls keine Einheitlichkeit. Die Seglerjugend des DSV hat jedenfalls die in ihrer Verantwortung liegenden Jugend- und Jüngstenmeisterschaften bis zum 31. August abgesagt und auch danach mit einer Teilnehmerbegrenzung von 80 Aktiven belegt. Der Hintergrund: Die Vielzahl von Betreuern und Begleitern macht aus den Jugendevents schnell größere Veranstaltungen. Diese Sorge teilt man dagegen in Warnemünde nicht. Gerade wurde der Laser Europa Cup auf Ende September terminiert. Erwartet werden zu der Nachwuchsregatta hunderte Segler.

Die Warnemünder Woche kündigt für September die Austragung des Laser Europa Cups an.

Und am anderen Ende der Republik feiern Selbstbeschränkung und Sorglosigkeit ein enges Nebeneinander. Der Münchner Yacht-Club sagte gerade die geplante Deutsche Meisterschaft der J/70 für September ab, um für seine Mitglieder eine vernünftige Saison zu sichern. Der direkt benachbarte Münchener Ruder- und Segelverein schrieb dagegen ganz andere Schlagzeilen. Der Münchner Merkur berichtete, dass auf dem Gelände des MRSV eine Grillparty gefeiert wurde, die erst nach dem Einsatz der Polizei beendet wurde. Gastgeber soll der neue Pächter der Vereinsgaststätte gewesen sein, der nun gegenüber dem Club in erheblicher Erklärungsnot ist.

Die neue Wirt beim MRSV hat die Corona-Lockerungen wohl überinterpretiert. Foto: Screenshot Münchner Merkur

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Ralf Abratis

... ist unser Mann aus der "Segelhauptstadt" Kiel. Mehr zu ihm findest Du hier.

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