Covid19: Ab Montag wird in Frankreich gesegelt – Erstaunlich wenige Einschränkungen

Raus aus dem Bau

Es gab Gerüchte, Warnungen und heiße Diskussionen, wie in Frankreich die erhoffte Lockerung beim Segeln definiert werden könnte. Doch jetzt heißt es lapidar: 1 Meter Abstand, Hände waschen, Maske empfohlen! 

Große Regatten wie Spi Ouest sind längst gestrichen © spi ouest

Der kommende Montag dürfte für die meisten Franzosen der vielleicht wichtigste, in jedem Fall am heißesten ersehnte Tag des Jahres werden: Am 11. Mai werden in Frankreich die strikten Restriktionen des „confinement“ teilweise gelockert. Für viele Menschen wird dies so etwas wie eine Entlassung aus dem Knast – zwar mit Fußfessel, aber endlich raus aus dem Bau und so lange an der frischen Luft, wie man will. 

Das ist nicht sprichwörtlich gemeint, sondern Tatsache: Nach acht Wochen Isolation mit nur einer Stunde Ausgangsmöglichkeit pro Tag in einem Umkreis von einem Kilometer erscheinen die neuen, ab Montag geltenden Regeln nahezu paradiesisch. Bis zu einem Radius von 100 km darf man sich „bewegen“ und kann jetzt, ohne harte Strafen befürchten zu müssen, so lange wie man will der Wohnung und dem Haus den Rücken kehren. Was in Deutschland nie eingeschränkt war, kommt den Franzosen jetzt wie eine Verheißung vor (SR-Artikel)

Freigang mit Fußfessel

Wie in anderen Ländern auch, wird der Knackpunkt dieses neuen Umgangs mit dem Virus das Verhalten des Einzelnen sein: Werden im Land der „bises“ (Küsschen links, Küsschen rechts) wirklich die Abstandsregeln eingehalten, die Masken rigoros ins Gesicht gezogen? Unterbleibt der körperliche Kontakt zu Menschen, die nicht zur Familie oder als Partner zählen?

Präsident Macron ermahnte die Bürger zu größter Vorsicht und warnte vor weiteren Pandemie-Wellen, die bei falschem Verhalten zu erwarten seien. Zwar gebrauchte Macron diesmal keine martialischen Schlagworte a la „Krieg, Kampf und Front“ wie in den vergangenen Reden, doch seine rhetorisch an De Gaulle erinnernde, aufgesetzt väterliche Art nahm man ihm auch nicht ab. Immerhin verzeichnete der Präsident bei seiner Ansprache mit 37 Millionen Zuschauern die höchste TV-Einschaltquote, die jemals in Frankreich gemessen wurde. 

Solche Bilder von eng beieinander liegenden Regattayachten wird es in Frankreich wohl erst gegen Ende August wieder geben. © solitaire figaro

Erst hinterher wurde den meisten Zuschauern klar, dass sie zwar ein lang ersehntes Datum für ihr „deconfinement“ erhalten haben, letztendlich aber über die näheren Umstände der Lockerungen nur rudimentär Bescheid wissen. Nur eines war klar: Sollte die Nation nicht spuren, können sämtliche Lockerungen ruckzuck wieder zurück genommen werden. 

Was erwartet die Segler?

Zwar wurde beteuert, dass es Freigang geben wird, doch wie genau der aussehen soll? Fragezeichen! Beispiel Segelsport. Da in Frankreich alles zentralistisch aus und in Paris gesteuert wird, sind Departements mit Segel-Hochburgen wie etwa das Morbihan (Lorient, La Trinité, Port la Foret) oder Vendée (Les Sables d’Olonnes), Charente Maritime (La Rochelle), Cote d’Azur oder Bouches du Rhone (Marseille) auf Order angewiesen, die direkt aus der Hauptstadt kommen.

Zwar haben die jeweils zuständigen Präfekten ein gewisses Mitspracherecht bei der Definition bestimmter Maßnahmen und können sie so regionalspezifisch interpretieren. Doch der Spielraum hierfür ist eng begrenzt. Hinzu kommt eine notorisch diffuse und bis auf den letzten Drücker unklare Kommunikation aus Paris. 

In den großen Regattahäfen wie hier in Lorient dürfte es kaum Probleme mit dem Abstand geben. Aber wie sieht es in den Freizeithäfen aus? © bretagne.com

Diese mitunter als willkürlich empfundene Kommunikation heizt natürlich Gerüchte an. Es wurde viel spekuliert, diskutiert und fabuliert. Entsprechend wenig Konkretes war bis  Donnerstag (7.5.) darüber bekannt, was die Segler ab Montag den 11.5. erwartet oder was sie erwarten können. Zwar wurde der 11. Mai als Tag einer ersten Lockerungswelle definitiv festgelegt, doch gab es zunächst nur unklare Aussagen darüber, wer überhaupt segeln dürfe. Nur die Profis? Oder auch die Freizeitskipper?  Hierzu gab es seitens der Präfekturen unterschiedliche Aussagen.

Mit Stand 7. Mai 2020 abends wurde nun bekannt gegeben: 

Ab dem 11. Mai sind maritime Wassersportaktivitäten entlang der französischen Küsten wieder erlaubt.

Um die Verbreitung des COVID19-Virus einzudämmen, soll mindestens ein Meter Sicherheitsabstand zu anderen Personen eingehalten werden. 

Das Tragen von Masken wird empfohlen. Insbesondere, wenn der Abstand von einem Meter NICHT eingehalten werden kann.

Die Hände sind regelmäßig zu waschen.

 

Geht’s noch lapidarer? Nach all’ den Diskussionen, harten Restriktionen und vor allem vergleichsweise vielen Toten, die der Pandemie in Frankreich zum Opfer gefallen sind, sollen nun ein Sicherheitsabstand von einem Meter und die Empfehlung zum Tragen von Masken eine weitere Ausbreitung des Virus verhindern?

Mal eben schnell auf eine der beschaulichen bretonischen Inseln segeln? © tourismebretagne.com

Zum Beispiel die französischen Strände. Tausende Kilometer Erholungsgebiet mit schier endlosem Potential, um Abstand von einander zu halten, dürfen ausnahmslos nicht betreten werden. Andererseits gibt es Überlegungen, Solosportarten wie  Kite- oder Windsurfen zu erlauben. Nur wie kommen die aufs Wasser, wenn nicht über die Strände? Korridore für die Sportler sind im Gespräch – doch wie verklickert man das nun dem Wellenreiter? Der ist nämlich (noch) nicht explizit mit Ausnahmeregelungen erwähnt. 

Segeln ist nicht das Problem…

Lasersegler, die etwa ihr Boot auf der Clubwiese liegen haben, wissen noch nicht, ob und wann ihr Club öffnen wird. Oder sollen sie eine der öffentlichen Slipstraßen benutzen, die es in nahezu jedem Küstenörtchen in Frankreich gibt, die aber oft genug über einen Strand verlaufen. 

…sondern die Größe der Steganlagen!

In großzügig angelegten Häfen wie etwa in La Base/Lorient oder La Trinité ist die Einhaltung der Abstandsregeln  zumindest für den Hochsee-Regattabereich mit ein wenig Organisationstalent durchaus machbar. Doch wie man den Mindestabstand in den hunderten Freizeithäfen mit teils tausenden Booten, Skippern und Crews einhalten will, kann und soll, ist noch nicht bekannt. Man überlässt die Organisation den Betreibern der Häfen und Steganlagen. Klar ist nur: bei Menschenansammlungen gibt es Ärger! 

Als zusätzliches Problemchen haben die französischen Behörden noch eine Art Zufahrtsbeschränkung eingebaut. Bis voraussichtlich Ende Juni haben Skipper, die weiter als 100 km von ihrem Boot entfernt wohnen, kein Zugangsrecht. Es sei denn, man ist Profi in irgendeinem Bereich der maritimen Szene. Doch das muss man bei den (häufigen) Kontrollen jeweils mit entsprechenden Papieren belegen können. Auch für Ausländer bleibt die Anreise erschwert und nur unter erschwerten Bedingungen möglich. Auf den entsprechenden Online-Formularen ist allerdings (noch?) keine “Freie Durchfahrt” für Sportler vorgesehen. 

So sehen die Maßnahme-Regeln der Sellor-Häfen (Profi- und Freizeit) in und um Lorient/Bretagne aus © sellor

Einmal auf dem Wasser kann man sich von dem Gedanken verabschieden, Törns etwa in andere Häfen zu organisieren. Noch ist unklar, ob Gerüchte stimmen, dass in den ersten Wochen des „deconfinement“ nur Tagesausflüge auf See erlaubt sein werden, die wieder im Starthafen enden.

So wollte man noch bis vor Kurzem verhindern, dass etwa auf den bretonischen Inseln oder in kleinen Naturhäfen mit sehr eingeschränktem Platzangebot am Abend die Boote „Schlange treiben“, weil auf den Stegen nicht mehr genügend Platz für den Mindestabstand sein wird. Nach heißen Diskussionen zwischen dem Französischen Dachverband FFVoile, den Tourismusverbänden und der Politik, wird in  den Pressemitteilungen der Präfekturen das Thema dagegen nicht mehr angesprochen.

Ob man mehrere Tage und Nächte – alleine, wohlgemerkt – auf seinem Boot auf See bleiben darf, ist ebenfalls nicht explizit geklärt. Alles deutet darauf hin, dass man auch diesen Diskussionspunkt einfach unter den Tisch fallen lassen wird.

Alleine, zu Zweit oder alles egal?

Bleiben wir noch ein wenig beim „gemeinsam einsam“. Wie in anderen europäischen Ländern auch, war bis gestern noch nicht eindeutig geklärt, wieviele Personen auf einem Boot segeln dürfen. Zwar steht auch hier die Abstandsfrage als oberste Prämisse fest, aber kommt man sich in Manövern selbst auf einem 60-Fuß-IMOCA nicht unweigerlich näher? 

In den Vorankündigungen der Präfekturen sind nun jedoch keine Maximalzahlen auf den Booten vorgeschrieben. Lediglich der Abstand von einem Meter (!) soll gewährleistet sein! Und falls dieser nicht eingehalten werden kann – z.B. am Grinder? – wird eine Maske empfohlen, aber nicht ausdrücklich Pflicht.

Wenig erstaunlich ist, dass in Frankreich Segeln als eine Art Vorzeige-Sportart für den Umgang mit der Corona-Pandemie propagiert und genutzt wird. Was unter Seglern mit gemischten Gefühlen gesehen wird. Denn nur sie selbst scheinen zu wissen, dass jeder Wassersport nun mal an Land beginnt und dort wieder endet.

Soll heißen: Nicht auf dem Wasser, also beim Segeln ist die Ansteckungsgefahr am größten, sondern am Strand, auf den Stegen, auf der Kaimauer. Da stößt die simple Aufforderung,  mindestens einen (1!) Meter Abstand auf den Stegen und Pontons und beim Kranen etc. zu halten, bei einer Sportlergruppe, die bis Sonntag wegen des COVID19 Virus noch eingesperrt sein wird, auf eine gewisse Skepsis.

Immer noch in er Schwebe: Wird die Vendée Globe nun gestartet oder nicht? © imoca

Ansonsten nimmt die französische Segelszene zumindest nach außen hin die derzeitigen Restriktionen, Einschränkungen, aber auch die Unklarheiten über die anstehenden Lockerungen der Ausgangssperre gelassen.

Haben nahezu alle Sportarten, die in Frankreich populär sind, mittlerweile mit Verweigerungs-, Protest- und Leugner-Aktionen immerhin auf sich aufmerksam gemacht, zeichnen sich populäre Segler durch besonnene Interviews (SR-Artikel), solidarische Aktionen und vernünftige Statements aus. Dafür gab es bereits mehrfach Lob aus den Conseils Generales und Präfekturen der Departements: „Man sieht, dass Menschen, die auf den Ozeanen zu Hause sind, anders ticken!“ 

Scheitern erste Kampagnen?

Hinter den Kulissen rumort es dennoch. Vor allem die Hochseeregattasegler, die mit ihren teils sehr kostspieligen Kampagnen derzeit „auf Messers Schneide“ sitzen, sind besorgt. Nicht wegen etwaig zu voller Stege oder einer durchaus möglichen Maskenpflicht auf dem Ultim-Trimaran. Nein, man stellt sich eher grundlegende Fragen, wie sie auch im allgemeinen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bereich derzeit formuliert werden. Wie soll und kann dieses Geschäft weitergehen? Werden bzw. können mir meine Sponsoren treu bleiben? Ist meine Sportart angesichts all’ der Probleme, die auf der Welt noch zu lösen sind, nicht viel zu aufwändig und dick aufgetragen? 

Mittlerweile sind bereits nahezu alle Regatten mit hohen Meldezahlen annulliert (z.B. Spi Ouest), medienträchtige Klassiker wie die Einhand-Regatta Solitaire du Figaro wurden auf den frühen Herbst verlegt. Und für wichtige Qualifikationsregatten wie etwa New York-Les Sables, die wegen Corona auf beiden Kontinenten längst abgesagt wurde, ist noch keine Alternative bekannt gegeben worden. 

Figaro

Solche Startbilder erst wieder ab August © classe figaro

Noch sind keine Absagen seitens großer Sponsoren bekannt, die eventuell zu einem Scheitern von Kampagnen führen könnten. Doch die Szene weiß, dass bereits der eine oder andere Teammanager ins Stammbüro des Hauptsponsors gebeten wurde. Wo mit Sicherheit nicht über das Wetter geredet wurde. Vielmehr sei zu befürchten, raunt man unter den Seglern, dass viele der französischen Firmen einfach nicht mehr weiter bezahlen können. Laufende Kosten sind zwar im Gesamtbudget der kleinere Faktor, in Zeiten wie diesen zählt aber jeder Euro im Marketingbudget eines Konzerns oder mittelständischen Betriebs.

Vendée Globe – ja oder nein?

In diesem Zusammenhang ist auch zu sehen, dass man weder von den IMOCA-Klassenhäuptlingen noch von den Organisatoren der Vendée Globe konkrete Informationen in Bezug auf den Start der Vendée Globe erfährt. Zwar wird immer wieder beteuert, dass der Start der Solo-Weltumseglungsregatta Anfang November plangemäß stattfinden wird.

Doch keiner weiß, ob es bis dahin erneut Einschränkungen geben wird, die den sowieso schon massiv gestörten Trainings- und Qualifikationsbetrieb zum wiederholten Male lahm legen. Immer wieder heißt es, dass die höchsten Aufmerksamkeitswerte sowieso während der Regatta erzielt werden. Und man gegebenenfalls eben ohne Zuschauermassen vor Les Sables d’Olonnes starten könne. Doch verneinen dies immer mehr Sponsoren, die etwa mit Ständen im Race-Village oder durch Incentive-Maßnahmen bei ihren Mitarbeitern auf einen direkten menschlichen Kontakt gebaut haben. 

Es bleibt also spannend in der französischen Segelszene – auch vorerst ohne Regatten oder Hochseerekorde. Eines ist jedoch sicher: Die kommenden Wochen werden für Frankreichs Segler entscheidender sein, als die vergangenen acht Wochen Ausgangssperre. 

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Michael Kunst

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Ein Kommentar „Covid19: Ab Montag wird in Frankreich gesegelt – Erstaunlich wenige Einschränkungen“

  1. avatar Looploop_andy sagt:

    Merci Miku…

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