Drheam Cup Start: 100 Hochseerenner durch den Ärmelkanal – Ultim-Trimarane im Fokus

Krisengewinner und -verlierer

Der französische Drheam-Cup spielt dieses Jahr eine besondere Rolle. Als erste, zum regulären Termin ausgeführte Hochseeregatta im Ärmelkanal sollen den Teilnehmern hohe Aufmerksamkeitswerte beschert werden. Die Ultims haben es besonders nötig.

Die Class 40 sind diesmal mit 10 Booten vertreten © martinez/drheam cup

Eigentlich ist der Drheam Cup für die Franzosen nur eine unter vielen Seeregatten vor ihren atlantischen Küsten. Erst 2016 mit einem zweijährigen Turnus ins Leben gerufen, findet dieses Rennen zwischen dem bretonischen La Trinité Sur Mer dem Fastnet Rock und Cherbourg in der Normandie in diesem Jahr zum dritten Mal statt. Ursprünglich als eine Art Freundschaftsregatta, offen für alle Segler-Kategorien und seegängigen Bootsklassen gedacht, ohne großartige Ambitionen auf internationale Akzeptanz oder starke Medienpräsenz ausgerichtet, hat sich das Rennen mittlerweile nach erst zwei Ausgaben bereits zu einem „Muss“ im Regattakalender vieler Klassen gemausert. Kunststück: Der Drheam Cup findet abwechselnd mit dem Fastnet-Rennen, also in „geraden Jahren“ statt und zieht trotz Sommerpause eine Menge wettkampfwilliger Hochseeteams an.

Figaro in der Flaute – werden wir das auch dieses Jahr wieder öfters zu sehen bekommen beim Drheam Cup? © martinez

Zudem ist der Drheam Cup nur wenig an Sponsoren gebunden, weil er (abwechselnd) von Segelclubs und nicht von professionellen Agenturen organisiert und durchgeführt wird. Entsprechend frei kann das Regattateam agieren: Bei der letzten Ausgabe 2018 lud man beispielsweise im Besonderen die IMOCA-Klasse ein und ließ deren Skipper im Einhandmodus das Rennen segeln. So konnten sich noch einige Rennställe auf den letzten Drücker für die Route du Rhum qualifizieren – und Samantha Davies sowie Isabelle Joschke auf den Rängen 1 und 2 brillieren. 

100 Boote am Start

Dieses Jahr ist bekanntlich alles anders. Im französischen Hochseezirkus ist der Drheam Cup die erste teilnehmerstarke Seeregatta, die nach dem COVID19-„confinement“ (Lockdown) zu ihrem ursprünglich angelegten Termin stattfinden darf. Selbstredend mit entsprechenden Auflagen, insbesondere was den Feier-Modus vor und nach dem Rennen anbelangt. 

© drheam cup/martinez

Dieses Jahr wird der Drheam Cup in umgekehrter Richtung gesegelt: Gestartet wird in Cherbourg, danach werden die Segler auf ihren Yachten je nach Kategorie auf einen 428 sm, 736 sm und 1.100 sm langen Kurs in den Ärmelkanal und in die Irische See geschickt. U.a. sind Wolf Rock vor der englischen Südwestküste und der Fastnet-Felsen vor Irland zu runden. 

Auch die Wertigkeit des Rennens hat durch die Corona-Pandemie deutlich zugelegt. So haben etwa das „who is who“ der Figaro Szene (28 Boote) gemeldet, zehn Top Teams der Class 40,  25 IRC-Yachten die zweihand gesegelt werden, 15 Einrumpfyachten mit (teils großer) Crew, sieben Multi 2000, vier Multi 50 und last not least drei Ultim Trimarane mit jeweils sechsköpfiger Crews. 

Zeigt her Eure Qualitäten

Es liegt auf der Hand, was den Drheam Cup in diesem Jahr so spannend für die französische Hochseeszene macht: Man will und muss sich wieder zeigen! Zwar ist noch nicht vollständig einsehbar, in welchem Ausmaß die Pandemie die französische Regattaszene wirtschaftlich getroffen hat oder treffen wird. Doch bangen einige Rennställe bereits um die Verlängerung ihrer (traditionell nach Jahresfrist neu zu vereinbarenden) Sponsoren-Verträge oder haben bereits ihre Sponsoren verloren (wie z.B. „Macif“ bei Francois Gabarts Ultim-Trimaran/SR Artikel). 

Drei Kurse werden im Ärmelkanal und der Irischen See gesegelt – nur die Ultims müssen auch um die Isle of Man © drheam cup

Entsprechend gut besetzt sind die einzelnen Klassen-Kategorien. Bei den Figaristen sind tatsächlich (fast) alle dabei, die Rang und Namen haben. Darunter übrigens auch Erwan le Draoulec, jüngster Sieger der Serienwertung bei der Mini-Transat 2017. Er musste nach Umstieg auf Figaro 3 verletzungsbedingt fast die ganze Saison 2019 aussetzen und giert nun nach Regattameilen auf seinem nagelneuen Figaro-Foiler. 

Bei den Class 40 ist TJV-Sieger Ian Lipinski mit seinem Plattbug genauso am Start wie das Roesti-Team. Die Schweizer bereiten sich u.a. mit dieser Regatta auf einen Rekordversuch „rund Britische Inseln“ vor, den sie in diesem Sommer in Angriff nehmen wollen. Simon Koster, Valentin Gautier und Justine Mettraux dürften zudem auf ihrer neuen Plattbug-Class 40 gute Chancen auf einen Sieg beim Dhream Cup haben. Medienpräsenz und Aufmerksamkeitswerte inklusive. 

Im Fokus: Ultim Trimarane

Besondere Aufmerksamkeit haben bei dieser Regatta auch die Ultim Trimarane nötig. Der Schock, den die Ultim Rennställe durch den Ausstieg des langjährigen und finanziell eher potenten Sponsors Macif verspürten, sitzt immer noch tief. Bei den Ultim-Teams gelten derzeit fast die Gesetzmäßigkeiten der Börse: Durch den Ausstieg von Macif steht nun der gleichnamige Trimaran  von Francois Gabart zum Verkauf. Den will „Macif“ so schnell wie möglich loswerden, weil sie vertraglich gebunden den Ultim-Neubau (geschätzt 18 Millionen Euro) noch fertigstellen und finanzieren müssen. Entsprechend sind die Verkaufspreise im freien Fall – was sich wiederum auf die Sponsorentreue bei den anderen Teams auswirken könnte.

Trotz drei Ultim am Start, dürfte es nur zu einem Duell zwischen Sodebo und Gitana (Bild) kommen © gitana

So wird gemunkelt, dass der „gebrauchte“ Ultim-Trimaran Macif  – Rekordhalter einhand um die Welt und diverser Hochsee-Geschwindigkeitsrekorde – derzeit für 4 Millionen Euro zu haben ist. Zum Vergleich: Der ungleich ältere Ultim Trimaran „Actual“ (ohne Foils völlig chancenlos gegen seine Konkurrenz) wurde vor zwei Jahren für sechs Millionen Euro gekauft. 

Entsprechend sind die Ultim-Rennställe derzeit besonders auf Aufmerksamkeitswerte aus. Nicht umsonst haben „Sodebo“ (mit Thomas Coville) und Gitana (mit Franck Cammas und Charles Caudrelier) bereits einen Angriff auf die Jules Verne Trophy (nonstop um die Welt im Team in Rekordzeit) im Herbst angekündigt. Schließlich muss den Medien, Zuschauern und somit Sponsoren Spektakuläres auf den Trimaran-Monstern geboten werden. Auch damit die „Kurse“ der Ultim-Klasse wieder steigen. 

So haben denn „Sodebo“ und „Gitana“ mit der vorgesehenen „Jules Verne Trophy“-Crew beim Drheam Cup gemeldet. Womit ein höchst spannendes Duell zwischen den beiden foilenden Trimaranen zu erwarten ist. Auch, weil bei der spektakulären „Sodebo“ (Cockpit vor dem Mast!) erst kürzlich ein Foil-Schwert unter dem Hauptrumpf installiert wurde. Bisher „flog“ Sodebo, sobald sich der Trimaran auf die Foils hob, nur auf den beiden Schwimmern. Eine offenbar wackelige Angelegenheit, die für den Autopiloten so gut wie überhaupt nicht zu bewältigen war, ist aus den „Sodebo“-Kreisen zu vernehmen. Der Dhream-Cup ist somit der erste Einsatz von Sodebo mit der neuen Foil-Konfiguration.

Es darf auch “menscheln”

Yves Le Blevec, Skipper auf „Actual“ , hat sich verständlicherweise ein anderes Konzept ausdenken müssen, um Aufmerksamkeit auf seinen Trimaran ohne Foils und somit auf den Sponsor Actual zu ziehen. Actual ist im Personalmanagement tätig und hat angeblich stark unter der Pandemie gelitten. Le Blevec setzt also auf die „menschelnde“ Karte und gibt Hochsee-Nachwuchsseglerinnen in seiner Crew eine Chance.

Auf Actual werden drei Frauen und drei Männer unterwegs sein © drheam Cup

Neben den Salzbuckeln Alex Pella und Anthony Marchand holte sich Le Blevec Amelie Grassi (8. bei der letzten Mini Transat nach Havarie), Estelle Greck (Ministin, Figaristin, Class 40 Steuerfrau) und Amelie Riou (Spitzenseglerin in Olympischen Klassen,  nicht verwandt mit Marie Riou) an den Grinder. Eine Initiative, die sich im Vorfeld des Drheam Cup bereits medienspezifisch ausbezahlt hat: Die bislang meisten Veröffentlichungen in den lokalen Medien und im auch im französischen TV schafften le Blevec und seine paritätische Frauenquote an Bord der „Actual“. 

Spannung trotz wenig Wind

Auf alle Teilnehmer des Drheam Cup (Start Sonntag, 14 Uhr) kommen jedenfalls aufregende Tage zu. Zwar wird mit eher wenig Wind über die gesamte Strecke gerechnet, doch dürften einige Manöver zu bewerkstelligen sein, viele taktische Überlegungen und Entscheidungen auf der Suche nach den richtigen Winden anstehen. Was wiederum für die Zuschauer auch auf dem Tracker für eine gewisse Spannung sorgen wird. Dranbleiben! 

Tracker Drheam Cup

avatar

Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *