Gewusst? Die erste Olympia-Goldmedaillen-Gewinnerin war eine Seglerin – 1900 auf der Seine!

Goldene Helène

Helène, hier NICHT im Segeldress © wikipedia

Sie guckte die Tricks beim America’s Cup ab und segelte mit ihrem Mann und Neffen acht französischen Booten davon. Die Seglerin Hélène de Pourtalès (28. April 1868 – 2. November 1945) war die erste Frau, die bei den Olympischen Spielen Medaillen gewann. 

Frauen und Leistungssport. Das ist heute eine Selbstverständlichkeit, war aber vor nicht allzu langer Zeit noch die Ausnahme, wenn nicht sogar ein Tabu. Das vermeintlich starke Geschlecht, vulgo: die Herren der Schöpfung wollten es einfach nicht zulassen, dass Frauen in den Domänen der Körperertüchtigung mitmischten oder ihnen gar den Rang moderner Helden im Wettkampf streitig machten. Triumphierende Sieger konnten nur Männer sein – basta. 

In der Antike war Frauen sogar das Zuschauen und sowieso die Teilnahme an Olympischen Spielen verboten und erst Rousseau forderte im 18. Jahrhundert sportliche Ertüchtigung für Frauen. Allerdings nicht für deren körperliche Fitness, sondern damit sie einen kräftigeren und gesunderen Nachwuchs zur Welt bringen.

Im 19. Jahrhundert wurde jegliche Form sportlicher Betätigung bei Frauen als unästhetisch empfunden und entsprechend unterbunden. Erst bei den zweiten Olympischen Spielen der Neuzeit im Jahre 1900 waren Frauen als Teilnehmerinnen zugelassen, jedoch nur für bestimmte, für das „weibliche Geschlecht zumutbare“ Sportarten wie etwa Golf, Fechten, Bogenschießen, leichte Gymnastik, Tennis und – Segeln! 

Noch bis in die Sechzigerjahre des letzten Jahrhunderts durften Frauen noch nicht einmal an Marathonveranstaltungen teilnehmen. Unvergessen die Bilder, als ein Organisator des Boston Marathons 1967 versucht, Kathrin Switzer gewaltsam aus dem Rennen zu schubsen. Die Amerikanerin hatte sich heimlich unter die durchweg männlichen Starter gemischt und letztendlich das Rennen „illegal“nach 4:20 h beendet. Sie wurde damit zur Ikone für Millionen Läuferinnen auf der ganzen Welt.

Züchtige Auftritte

Heute kann frau die Organisatoren der Olympischen Spiele als die historisch wichtigsten Förderer des Frauensports bezeichnen. Wenn auch die ersten Olympionikinnen nur aus „rein ästhetischen Gründen“ an den Start gehen durften. Olympia-Vater Coubertin versprach sich so für die zweiten Olympischen Spiele der Neuzeit im mondänen Paris deutlich mehr Publikum. Bei der Erstausgabe vier Jahre zuvor in Athen waren Frauen – Tradition verpflichtet – am Start noch verpönt.

Das Boot der Gräfin – die “Lerina” © wikipedia

Apropos Ästhetik. Darunter verstand man damals züchtige Auftritte der Frauen in langen Gewändern, die möglichst in mehreren Lagen übereinander getragen wurden. So sind auf Fotografien der damaligen Zeit etwa Golf- und Tennisspielerinnen kaum von Spaziergängerinnen zu unterscheiden. 

Leider können wir heute nicht mehr nachvollziehen, welche Kleidung Gräfin Hélène de Pourtalès trug, als sie bei besagten olympischen Spielen zur vorletzten Jahrhundertwende als Olympische Seglerin in der 1-2-Tonnen-Klasse an die Startlinie schipperte. Denn es gibt weder Fotografien von diesem – später mit „historisch  bezeichneten – Ereignis, noch genaue Beschreibungen über den Verlauf der Regatta. 

Sicher ist nur, dass die 32-jährige Hélène de Pourtalès nicht nur eine der ersten Teilnehmerinnen der zweiten Olympischen Spiele in der Moderne war, sondern vor allem die erste Medaillengewinnerin.  

Gemeinsam mit ihrem Gatten Herrmann und ihrem Neffen Bernard gewann sie den ersten Lauf der Regatta auf der Seine, kurz darauf wurde sie bei der zweiten Regatta Zweite. Dafür gab es – später – die Gold- und Silbermedaille. 

In vielen älteren Enzyklopädien und sporthistorischen Statistiken wurde zwar die Tennisspielerin Charlotte Cooper als erste Goldmedaillengewinnerin bezeichnet, doch steht heute fest  (und wurde entsprechend korrigiert), dass Hélène de Pourtalès diese Ehre gebührt. 

Tatsächlich war der Sieg der unter Schweizer Flagge segelnden Amerikanerin (ihr Ehemann war Deutscher/Schweizer, Helene hatte einen Schweizer und amerikanischen Pass) lange Zeit in Vergessenheit geraten. Was wiederum am Verständnis für Mannschaftssport der damaligen Zeit lag. Und erst Recht an der Rolle der Frau in der Gesellschaft. 

Zuständig für die Taktik

Denn kaum jemand konnte sich vorstellen, dass Helene an Bord der „Lerina“ eine aktive Rolle übernehmen würde. Man sah sie eher als attraktiven Ballast oder als Quotenfrau an (wenn es auch damals den Begriff noch nicht gegeben haben dürfte), deren einzige sportliche Betätigung der Wechsel bei der Wende von einer Seite zur anderen war. 

Olympisches Segeln auf der Seine im Jahre 1900 © world sailing

Doch mittlerweile sind sich Historiker sicher, dass der Anteil der ersten olympischen Medaillengewinnerin am Sieg deutlich höher war als angenommen. 

Denn die 1868 in New York geborene Helen war schon früh mit Sport im Allgemeinen und Segeln im Besonderen in Berührung gekommen. Ihr Großvater Pierre Lorillard, ein reicher Tabakmagnat, hatte den berühmten Tuxedo-Club gegründet, in dem auch Frauen den gleichen Sportarten wie die Männer nachgehen durften. Außerdem war Grandpa begeisterter Segler und hatte als Ostküsten-Magnat hervorragende Kontakte in die America’s Cup-Szene. Wie aus Tagebucheinträgen der jungen Hélène hervorging, muss sie bei verschiedenen AC-Rennen vor New York auf Begleibtbooten dabei gewesen sein und dabei viel über Regatta-Taktik und -Strategie gelernt haben. 

Es ist also keineswegs abwegig, dass Hélène de Pourtalès sogar mitunter das Ruder in die Hand nahm, als sie am 22. und 25. Mai im 40 km von Paris entfernten Meulan zwei Wettfahrten segelte. 19 km betrug die zu segelnde Strecke und als die „Lerina“ als Sieger vor acht französischen Booten ins Ziel kam, saß wieder Ehemann Herrmann an der Pinne – Ehrensache! 

Beim zweiten Rennen wenige Tage später festigten die Pourtalès jedenfalls ihre Vormachtstellung, indem sie Rang Zwei belegten. Eine Gesamtbilanz, die später von einigen Franzosen als ihr „erstes Waterloo im Segelsport“ bezeichnet werden sollte. 

Medaillen erst später

Übrigens erhielten weder Hélène de Pourtalès noch ihr Mann und ihr Neffe für ihren Sieg zunächst eine Goldmedaille. Denn die war damals noch nicht üblich: für einen Sieg vergab Coubertin eine silberne, für einen zweiten Platz eine bronzene Medaille. Das teurere Gold wurde erst später eingeführt und nachträglich an die ersten Sieger der modernen Olympischen Spiele vergeben. 

Werbung für die Pariser Weltausstellung 1900 © wikipedia

Dass Hélène de Pourtalès und ihre Mitsegler in der damaligen Presse kaum gefeiert wurden und auch in ihrer Schweizer Heimat am Genfer See zunächst als Olympiasieger völlig unbeachtet blieben, lag auch am allgemein chaotischen Verlauf dieser Olympischen Spiele 1900 in Paris. 

Nach dem großen Erfolg der ersten Spiele der Moderne in Athen vier Jahre zuvor, war man auf die Pariser Spiele besonders gespannt. Doch der vermeintlich geniale Schachzug, Olympia im Rahmen der Weltausstellung auszurichten, sollte sich als Reinfall erweisen, der beinahe das Ende der Olympischen Spiele bedeutet hätte. Denn die Veranstalter der Weltausstellung weigerten sich, die sportlichen Wettkämpfe unter dem Namen Olympische Spiele zu promoten. So wurden die einzelnen Wettkämpfe und Rennen über vier Monate hinweg als eine Art Beiwerk und nettes Animationsprogramm der Weltausstellung betrachtet. Oder eben nicht betrachtet, denn viele Veranstaltungen fanden mangels Zuschauer unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Entsprechend mangelhaft war die Berichterstattung in den örtlichen Medien – entsprechend wenig weiß man heute über den Verlauf mancher Wettkämpfe gewisser Randsportarten. Überhaupt soll es einige Wettkämpfer gegeben haben, die noch nicht einmal wussten, dass sie an  Olympischen Spielen teilgenommen hatten. Manche erfuhren dies erst Jahre später durch Berichterstattungen von den nachfolgenden Olympischen Spielen.

Für Hélène de Pourtalès ergab sich jedenfalls keine Chance mehr, um Olympisches Edelmetall zu segeln. Ihr Mann starb im Alter von 57 Jahren bereits vier Jahre nach ihrem gemeinsamen Olympiasieg. Sie heiratete erneut in Adelskreise, wo man sich offensichtlich nicht mehr ums Segeln scherte. Hélène de Pourtalès starb 1945 im Alter von 77 Jahren in Genf. Ob sie auf dem Genfer See mitunter stolz am Ruder stand und den heimischen Regattacracks als erste Olympische Medaillensiegerin gehörig um die Ohren segelte, ist nicht bekannt. 

 

Segel-Olympia 1900 in Paris

Der Veranstaltungsort Meulan, eine kleine Stadt nahe Paris, war Gastgeber für 6 der 8 olympischen Klassen, die anderen beiden segelten vom 1. bis 5. August vor der Küste von Le Havre.

Die International Yacht Racing Union (IYRU), der internationale Dachverband, aus dem World Sailing werden sollte, wurde erst sechs Jahre später gegründet.  Dies bedeutete, dass es kein internationales Regelwerk für das Olympische Segeln gab, so dass die 150 Teilnehmer aus sechs Nationen ihre lokalen Regeln befolgten  – was zu einiger Verwirrung auf dem Wasser geführt haben dürfte. Es bedeutete auch, dass die Boote nicht wie heute genormt waren und stattdessen nach der Godinet-Regel, die Verdrängung, Länge und Gesamt-Segelfläche berücksichtigte, in verschiedene ‘Ton-Kategorien’ eingeteilt wurden.

Trotz des fehlenden Aufbaus und der suboptimalen Windverhältnisse war der Wettbewerb ein relativer Erfolg. Die Franzosen waren die großen Gewinner und dominierten mit 24 der 39 verfügbaren Medaillen. Doch trotz des heimischen Goldrausches war es eine Schweizer Seglerin, der die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich zog. 

World Sailing

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Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier

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