Golden Globe Race: Rudern in der Flaute, erste Aufgabe wegen Einsamkeit – nach 1 Woche!

Zuviel des Guten?

golden GLobe Race

Der Niederländer Mark Slats ist schon in Rekordzeit über den Atlantik gerudert – und will folgerichtig beim GGR in den Flauten Vorsprung machen! © miku

Schon die ersten Tage der Weltumseglung im Retro-Modus bieten reichlich Unterhaltung. Stories von verspäteten Italienern, vom Rudern auf dem Segelboot, Heimweh nach den Lieben und bedecktem Himmel – suboptimal für die Navigation mit Sextant.

Es war zu erwarten, aber vielleicht dann doch noch nicht ganz so früh: Bei einer Einhand-Weltumseglungs-Regatta trennt sich irgendwann immer die „Spreu vom Weizen“. Das ist schließlich der Sinn eines Rennens. 

Die Einen zeigen dann, dass sie für alle Eventualitäten vorgesorgt haben und die dafür nötige Fitness mitbringen. Andere geben zu, dass ihrer Vorbereitung eine gewisse Rigorosität fehlt und Dritte stellen plötzlich fest, dass eine Einhand-Weltumseglung im Retro-Modus  per se eine ziemlich einsame Angelegenheit ist. 

Golden Globe Race

Die beiden “verspäteten Italiener” – damals und heute © ggr

Doch schön der Reihe nach. Als beim Start des Golden Globe Race (1. Juli, SR-Bericht) ein Boot im Hafen blieb, musste so macher Kenner der Globe-Historie ein wenig schmunzeln. Ausgerechnet der Italiener Francesco Cappelletti hatte seine „Endurance 35“-Ketsch nicht rechtzeitig fertig gebastelt, nachdem sie auf einem Schwertransporter im allerletzten Moment zu den Vor-Start-Feierlichkeiten nach Les Sables d’Olonnes huckepack geliefert worden war. Obwohl ihm ein Freiwilligen-Team junger „Preparateurs“ aus den umliegenden Profi-Rennställen bei den Vorbereitungen half, war er schlicht „zu spät dran“ – nicht zuletzt, weil ihm noch obligatorische Einhand-Meilen auf seinem Schiff fehlten. Also einigte sich Cappelletti mit der Regattaleitung auf einen verspäteten Start, was nach den Regeln des Rennens durchaus möglich ist. Muss er eben aufholen – sollen schon andere vor ihm geschafft haben. 

Was den Fall des Italieners jedoch im GGR so besonders macht, ist die Ähnlichkeit mit den Erlebnissen seines Landsmannes Alex Carrozzo: Der hatte vor 50 Jahren ähnliche Probleme und überquerte offiziell am letzten möglichen Tag des Sunday Times Golden Globe Race erstmal die Startlinie, um dann in einer nahegelegenen Bucht noch eine Woche an seinem Boot weiter zu basteln. Bevor er dann tatsächlich lossegelte, aber schon auf Höhe Spanien aus gesundheitlichen Gründen aufgeben musste. 

Dass nun dieser (heute 86-jährige) Alex Carrozzo in den Tagen vor dem Start andauernd bei seinem jungen Landmann Cappelletti abhing und Geschichten von damals und Ermahnungen für morgen zum Besten gab, mag von den meisten als „nett gemeint“ verstanden werden. Andere sagten sich aber: Das hält den jungen Italiener doch nur unnötig auf! 

Prompt trat Francesco Cappelletti während der ersten Rennwoche (die er freilich noch im Hafen lag) von einer offiziellen Teilnahme beim Golden Globe Race zurück. Begründung: „Ich schaffe die Qualifikationsmeilen nicht rechtzeitig!“ Aber er werde – mit Carrozzos Segen – auf eigene Faust hinter den Golden Globe-Racern um die Welt segeln. Wenn er und sein Boot endlich „fit genug“ für die Reise sind. 

Durch die Flauten rudern

In Sachen Fitness braucht sich ein anderer Teilnehmer der Regatta keine Sorgen zu machen. Der Niederländer Mark Slats ist so etwas wie ein Bilderbuchathlet – Kunststück, der Typ ist letztes Jahr beim Talisker Challenge solo in Rekordzeit über den Atlantik gerudert. Eine Erfahrung, die er jetzt bei seiner Weltumseglung gewinnbringend zum Einsatz bringen will. Slats ist sich sicher, dass er in den Kalmengürteln oder sonstigen Flautenregionen bis zu neun Stunden am Tag rudern kann und wird. Was ihm wiederum einen Vorteil von 20 bis 30 Seemeilen gegenüber seinen Konkurrenten bringen könnte.

Golden Globe Race

Angemessene Größe um eine Rustler durch Rudern zu bewegen – Mark Slats und seine Geheimwaffe für Flauten © ggr

 

Schon beim eher schwachwindigen Start „zeigte er Ruder“ und tauchte (wohl für die Medien) das eine oder andere Mal sein überdimensionales Blatt ein. Schon wenige Tage später muss er allerdings seinen Trumpf mitten in der Biskaya ins Spiel gebracht haben. Ganz offensichtlich ruderte er die eine oder andere Stunde seine Rustler 36 „Ohpen Maverick“ mit der Baunummer 1 durchs atlantische Öl. Ein Novum in der Geschichte der Einhand-Weltumseglungen…

Doch auch seglerisch hält sich Slats durchaus „auf der Höhe“: Heute Morgen hat er die „magischen“ ersten 1.000 Seemeilen hinter sich gebracht und liegt auf Höhe nördliches Marrokko auf Rang 3. Also: „Riemen und Dollenbruch und natürlich handbreit, weiterhin!“ 

„Dachte wirklich, das wäre einfacher!“ 

„Allein zu sein! Drei Worte, leicht zu sagen, und doch so schwer, so endlos schwer zu tragen!“ Adelbert von Chamisso, deutsch-französischer Naturforscher, brachte das Thema Einsamkeit mit diesen Versen schon im 18. Jahrhundert auf den Punkt. Er dürfte mit diesen Zeilen einem Teilnehmer des Golden Globe Race aus dem Herzen sprechen. Denn der Brite (mit türkischen Wurzeln) Ertan Beskardes hat das Rennen bereits nach einer Woche aufgegeben. Seine Begründung: „Ich ertrug die kommunikative Trennung von meiner Familie nicht mehr!“ Er habe sich das ganz anders vorgestellt, dieses Alleinsein auf See. Diese Einsamkeit habe ihn von den ersten Stunden an belastet und regelrecht erdrückt. Keinen Kontakt mit seiner Familie zu haben, entmutige ihn vollends. 

Eine merkwürdige, aber auch mutige Entscheidung in einem derart frühen Stadium des Rennens bereits wegen „Einsamkeit“ aufzugeben. Nicht das räumliche Alleinsein habe ihm zugesetzt, wird Beskardes in seinem Stopp-Hafen Gijon (Spanien) zitiert, sondern der Umstand, dass er mit keinem aus seiner Familie mehr sprechen durfte. „Ich war schon viel und lange einhand auf den Meeren unterwegs, habe aber immer meine Erlebnisse, Gedanken und Sorgen mit meiner Familie daheim geteilt. Jetzt war absolute Funkstille – das hielt ich einfach nicht aus!“ 

Golden Globe Race

Nach sieben Tage Einsamkeit aufgegeben © gggr

Die Teilnehmer dürfen einmal täglich eine schriftliche Nachricht an die Regattaleitung senden, dürfen wöchentlich eine Audio-Message abgeben und aus Sicherheitsgründen mit der Regattaleitung sprechen, erhalten aber strikt keine Nachrichten. Auch die Kommunikation soll eben (außer in Notsituationen) genauso sein wie anno 1968 – damals war Satelliten-Gespräche für Segler noch Science Fiction.

Bedeckter Himmel – ungenaue Navigation

In den nächsten Tagen dürfte es auch navigatorisch spannend werden. Vor den Kanarischen Inseln müssen die Teilnehmer in eines der über alle Ozeane verstreuten „Navigations-Tore“ einfahren. Von welcher Seite aus sie das erledigen, bleibt ihnen überlassen. Derzeit stellt sich hier allerdings ein typisches Retro-Problem, mit dem sich heutige GPS-Yachties kaum noch herumschlagen müssen: Der Himmel ist schon seit zwei Tagen bedeckt, so dass einige der Teilnehmer schon seit 48 Stunden keine Sonnenhöhe mehr mit dem Sextanten schießen konnten. Sie müssen sich mit Koppeln „durchschlagen“ – entsprechend schwierig wird es, das Tor vor den Kanaren zu treffen. 

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Sextanten-Navigation klappt meist nur bei Kaiserwetter. © ggr

Dort werden einige unter ihnen übrigens Filmmaterialien an die Crews in bereitstehenden Motorbooten übergeben , ohne jedoch einen Hafen anzulaufen. Fast so wie es vor 50 Jahren war – fast. Denn Bernard Moitessier erledigte das damals mit einer Steinschleuder, mit der er wasserdichte Dosen auf vorbeifahrende Frachter katapultierte. Aber dieser kleine Fortschritt sei den GG-Racern dann doch gegönnt… 

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Michael Kunst

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