Golden Globe Race: Start zur Jubiläums-Weltumseglung – Regatta der Emotionen

Kommt bloß alle wieder!

Golden Globe Race, Vendée Globe, Start

Es ging eng zu – vor, bei und nach dem Start zum Golden Globe Race © miku

Selten war der Start zu einer Weltumseglung so anrührend, chaotisch und höchst sympathisch. Eindrücke von den letzten Stunden vor einer Reise in die Vergangenheit… und Zukunft!

Geht’s noch verrückter? Siebzehn Langkieler aus längst vergangenen Zeiten treiben bei eher flauen Winden und sengender  Hitze vor der Bucht von les Sables d’Olonnes auf dem französischen Atlantik. Sechzehn Männer und eine Frau, die auf teils alten, teils nach alten Plänen neu gebauten Booten einhand, nonstop um die Welt segeln wollen.

Mitten in einem Chaos aus Hunderten Oldtimern, Großseglern, Motorbooten und Ausflugsschiffen die ein letztes Geleit geben, umgeben von Dutzenden Gummi-Mobos, auf denen TV-Teams und Fotoreporter ihre Bilder schießen und Sponsoren letzte Luftküsschen verteilen, segelt die legendäre „Joshua“ von Bernard Moitessier die Startlinie von Lee nach Luv entlang.

Gerade eben schipperte Loick Peyron mit seinem bananengelben Vintage-Trimaran durchs Feld und winkte jovial mit dem  Strohhut. Die Expeditions-IMOCA „Innovations“ zieht ein paar Meter weiter in Luv am Großsegler „La Poule“ vorbei. Alain Gautier steht auf dem Bug eines pompösen Motorbootes und feuert seinen Kumpel Philippe Péché an.

Susie Goodall wird von ihrem Fanclub auf einem Motor-Katamaran grölend gefeiert. Jean Luc van den Heede schmettert ein Semmannslied und Robin Knox-Johnston wünscht allen Teilnehmern mit tränenerstickter Stimme ein „Farewell“ über Funk. Willkommen zum Start des Golden Globe Race!

Blick zurück nach vorn

Wozu sind Jubiläumsveranstaltungen überhaupt gut?  Sie sollen an das Vergangene erinnern, den nostalgischen Blick zurück ermöglichen. Längst Zurückliegendes kann unter ähnlichen Bedingungen und Umständen erneut erlebt werden – der perfekte Vergleich zwischen gestern und heute. 

Was liegt also näher, als das Golden Globe Race mit der Vendée Globe zu vergleichen? Die Mutter aller Einhand-Weltumseglungsregatten – einziger Start 1968, einziger Finisher Robin Knox-Johnston – dem derzeit größten Einhand-Hochseeevent gegenüberzustellen? Erst recht, wenn das eine Event ohne das andere wohl gar nicht erst möglich geworden wäre. Und beide am selben Ort starten und enden? 

Um es vorweg zu nehmen: Die Vendée Globe gehört sicher zum Coolsten, was die Hochsee derzeit zu bieten hat. Doch das Golden Globe Jubiläums-Race ist auf dem besten Weg, zum Sympathie-Träger der Einhand-Hochseesegelei zu werden.

Ähnlich wie bei der Vendée Globe, erhielten die Tage vor dem Start der Golden Globe Jubiläumsveranstaltung in Les Sables d’Olonnes eine ganz besondere Gewichtung. Am Hochseesteg wurden die 17 Teilnehmer-Boote aufgereiht und „nett“ mit Flaggen geschmückt – bereit, allen Interessierten ihre schönsten Seiten zu zeigen.  Über dem Steg thronte auf dem Kai das „Race Village“, flankiert vom obligatorische Freß- und Saufzelt, pardon: Restaurant mit örtlichen Spezialitäten,  in dem ab der Apèro-Zeit bis weit in den Abend hinein reichlich gefeiert wurde.

Großer Unterschied GGR zum Vendée Globe: Im Gegensatz zu den mitunter etwas allzu professionell und asketisch wirkenden VG-Protagonisten, feierten die GGR-Helden gleich mit. Unter dem Motto „Wer bald schon im Idealfall weit über 200 Tage nonstop alleine um die Welt segeln wird, darf kurz vor der Abfahrt gerne nochmals so richtig die Sau rauslassen“. Am liebsten mit besten Freunden und Familie.

Überhaupt trifft der mitunter etwas allzu stark strapazierte Begriff „familiär“ die Stimmung während der Tage vor dem Rennen am besten. Jeder der 17 Teilnehmer hatte einen relativ großen Anhang an Freunden, Kumpels und Verwandten mitgebracht. Und alle fanden in den Tagen irgendwie zueinander.

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Genug von dem ganzen Fotografen-Gerdöns: Susie Goodall blickt ab sofort nur noch zum Horizont © miku

Und das übrigens nicht nur zum Feiern, sondern auch für so Profanes wie letzte Vorbereitungen am Boot, Tipps beim Bunkern von Proviant („echt? Du nimmst wirklich Corned Beef in Dosen mit? So wie Robin Knox-Johnston damals?“) und der eine oder andere eher jüngere Golden-Globe-Racer war im Mast seines etwas betagteren Nachbarn zu finden, um dort noch schnell die Birne vom Topplicht auszutauschen oder ein verhuddeltes Fall zu klarieren.

Familiäre Stimmung

Was bei jeder einzelnen Vendée Globe-Kampagne heutzutage von professionellen Shore-Team erledigt wird, war vor dem Start zum Golden Globe Race Aufgabe der Skipper. Sie kümmerten sich höchstpersönlich um die tausendundeine Dinge, die vor einer Weltumseglung zu erledigen sind. Mangels Geld, aber auch aufgrund eines Ehrenkodex: Alles, wirklich alles sollte so ähnlich ablaufen wie beim Golden Globe Race vor 50 Jahren. Und damals hatten ein Robin-Knox-Johnston oder Bernard Moitessier höchsten den einen oder anderen Kumpel, der mal für ein paar Stündchen bei ihnen vorbei schaute und Hand anlegte.

Wie meistens bei solch lange im Voraus geplanten Anlässen, wurden Unmengen wichtiger Dinge bis zum letzten Moment aufgeschoben: Noch am Vorabend des Starts stapelten sich wahre Berge an allerwichtigsten Dingen, die noch unbedingt im Boot verstaut werden müssen, auf dem Hochseesteg. Und nichts, aber auch wirklich gar nichts blieb davon zurück. 

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Tränen flossen reichlich beim Abschied © miku

Womit es an der Zeit ist, von einem zu reden, den der Autor dieser Zeilen als ganz persönlichen Helden deklarieren möchte: Jean Luc van den Heede. Der 73-jährige Franzose hat bereits sechs Mal die Welt umsegelt, wurde u.a. Zweiter bei der Vendée Globe und hält den Weltrekord einhand gegen die vorherrschenden Windrichtungen rund um die Welt.

Vor van den Heedes „Matmut“ lag genau nichts mehr auf dem Steg, weder am Vorabend des Rennens noch in den Tagen zuvor. Denn „der Meister“, wie er selbst von den aktuellen Vendée Globe-Helden wie Francois Gabart oder Armel le Cleac’h genannt wird, wollte so wenig wie möglich dem Zufall überlassen und achtete darauf, dass seine Rustler 36 schon zwei Wochen vor dem Start… tatsächlich startbereit ist. 

Der Meister

„Ich weiß doch genau, wie das hier in les Sables abläuft,“ sagt van den Heede während eines Gesprächs am Steg. „Die Tage vor dem Rennen sind ein unglaubliches Durcheinander an Emotionen. Du willst dich von allen verabschieden, du willst es allen recht machen. Und dann fällt dir kurz nach dem Start auf, dass etwas verdammt Wichtiges vergessen wurde! Nee, aber nicht mit mir“. 

Also hat JLvdH (er wird tatsächlich von den Franzosen so abgekürzt) reichlich von dem, was andere in den letzten Stunden vor dem Start so schmerzlich vermissen: Zeit. Völlig entspannt und lässig macht er seine Ponton-Rundgänge von einem Konkurrenten zum anderen oder empfängt auf seiner Rustler 36 seine vielen Kumpels, Freunde oder solche, die sich dafür halten. 

Nach anfänglichem Schwelgen in Erinnerungen an seine Weltumseglungen, geht irgendwann sein Blick nach oben. Ob der Herr aus Deutschland denn gemerkt habe, dass der Mast seiner „Matmut“ um 1,5 Meter verkürzt wurde? So könne er davon ausgehen, dass er über lange Strecken weniger Krängung fahre und höchstwahrscheinlich auch später reffen muss, als die anderen Boote in der Flotte.

„Das Großsegel habe ich mir von einem talentierten Segelmacher hier in Les Sables neu schneidern lassen. Es ist im oberen Bereich jetzt abgerundet, wobei die Original-Segelfläche der Rustler 36 wie vom GGR vorgeschrieben beibehalten wurde.“ Ein schickes Detail, das viel mit Erfahrung zu tun habe und auf das er richtig stolz sei, fügt der Meister hinzu. 

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Der wunderschöne Suhaili-Nachbau des Inders Abilash Tomy © miku

Sechs Monate habe er mit den Umbauten der „Matmut“ verbracht, und jetzt stehe sie einfach „topp“ da. Es sei ein gutes Gefühl, wenn man auf seine alten Tage nochmals die Welt umsegeln will und das Boot letztendlich einen beherrschbaren Eindruck macht. „8,21 m lang und 3, 35 m breit – so kann ich mich schon nicht auf dem Boot verirren,“ sagt der Mann, der seine vorherigen Weltumseglungen auf Rennern gemacht hat, die ungleich größer und bedingungslos auf Geschwindigkeit ausgerichtet waren. 

Frau im Mittelpunkt

Ganz wie bei der Vendée Globe, gibt es auch beim Golden Globe Race eine Person, um die sich alle reißen: Die Engländerin Susie Goodall, einzige Frau unter den Teilnehmern (SR berichtete) und  erfrischende 29 Jahre jung. Wie einst ihre Landsfrau Samantha Davies bei der vorletzten Vendée Globe, ist sie der unumstrittene Liebling der Medien. Im halbstündigem Rhythmus sieht man TV-Teams, Fotografen und Journalisten über die Reeling ihrer Rustler 36 „DHL Starlight“ steigen. Um dann – „ach ist das gemütlich hier!“ – die immer gleichen Fragen zu stellen: „Ist das nicht ein etwas  gewagtes Projekt für eine Frau?”

Und dann: “Sie sind noch so jung und sehen blendend aus, hahaha, was treibt sie da hinaus in die Einsamkeit?“ Susie Goodall erträgt jedes einzelne dieser „Interviews“ mit dem stoischen Lächeln einer Seglerin, die weiß, dass schon bald das genaue Gegenteil dieses Tohuwabohus auf sie wartet: Schonungsloses Alleinsein, ohne Gesprächspartner weit und breit. Mehr als 200 Tage lang, wenn alles gutgeht. 

Doch natürlich gibt es noch einen weiteren Grund, warum Frau Goodall all diesen Medienhype über sich ergehen lässt. Sie ist die einzige im Rennen, die mit dem Logo eines größeren Sponsors unterwegs sein wird. Da muss man eben der japanischen TV-Reporterin erklären, warum ihr Großsegel ausgerechnet leuchtend gelb ist. Nein, das habe eben nichts mit dem „bunten“ Geschmack einer jungen Frau zu tun, sondern sei schlicht der „brand-color“ des Hauptsponsors geschuldet. 

Den Emotionen freien Lauf lassen

Erst am Morgen der Abfahrt, etwa eine Stunde vor dem Ablegen, wird es Susie Goodall augenscheinlich alles zuviel. Mit Tränen in den Augen schnauzt sie einige allzu Aufdringliche vom Steg vor ihrem Boot, um gleich darauf ihrer Mutter Rotz und Wasser heulend in die Arme zu fallen. Shit, eigentlich hätte das alles viel cooler ablaufen sollen… aber irgendwann läuft selbst das dickste Fass einmal über. 

Überhaupt wird in den letzten zwei Stunden vor dem Ablegen jedem vor Augen geführt, warum das Golden Globe Race schon jetzt – kurz vor dem Start – so einen erstaunlich hohen Sympathiefaktor verbuchen kann. Denn wenn die Protagonisten der Vendée Globe zu diesem Zeitpunkt immer ein Höchstmaß an reservierter Coolness und zur Schau gestellter Sicherheit zum Besten geben, sind die Golden Globe Racer gnadenlos emotional und lassen ihren Gefühlen freien Lauf.

Überall liegt man sich in den Armen, die Tränen fließen in Strömen, die Segler drücken sich noch einmal, der Inder Abilash erzählt dem Palästinenser Nabil noch schnell einen Witz, der Niederländer Mark Slats will sich von seiner betagten, ebenfalls weinenden und zutiefst gerührten Mutter kaum trennen, Alain Gautier (Sieger der 1. Vendée Globe) besteht darauf, alle Festmacherleinen seines Freundes Philipe Péché höchstpersönlich zu lösen („soll Glück bringen“).

Tapio Lehtinen wird von seiner feierlustigen, aber äußerst effizient arbeitenden Freundes-Shore-Crew lauthals skandierend verabschiedet, Jean-Luc van den Heede singt zum x-ten Mal in dieser Woche grölend irgendein bretonisches Seemannslied und der US-Amerikaner mit ungarischen Wurzeln Istvan Kopar flüstert lässig seiner Frau noch schnell ein wenig Liebesgesäusel ins Ohr, bevor er seine Yacht selbst vom Steg abstößt.

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Igor Zaretskiys “Esmeralda”, eine Endurance 35 © miku

Nur beim Russen Igor Zaretsky ist es – im Gegensatz zu den Tagen zuvor, – beim Ablegen auffällig ruhig. Erst als er, mit gespielt schlechter Laune, Fluppe im Mundwinkel, in Richtung des legendären „Chenal“ von les Sables d’Olonnes tuckert, ertönt plötzlich russisches Geschrei: „Seine“ Gang wartet im Schlauchboot auf ihn – die Wodka-Gläser noch oder schon wieder randvoll. 

Angriff am Kap Hoorn

Folgt ein würdiger Abschied durch 30.000 Zuschauer (offizielle Zahl) entlang des Kanals von les Sables d’Olonnes und ein unüberschaubares Chaos aus Hunderten Booten, die beim Start so nah wie nur möglich bei ihren neuen/alten Helden sein wollen. Etwa sieben Seemeilen fährt und segelt diese quirlige Flotte neben den Golden Globe Racern her, decken die Regattasegler gnadenlos mit ihren teils riesigen Segelflächen ab und lassen die Ordner in ihren Schlauchbooten nahezu verzweifeln.

Doch JLvdH winkt nur lässig ab, als ihn eine große Luxusyacht in Luv mit ihrer enormen Segelfläche zum zeitweiligen Stillstand verdonnert. „Ich hab ja noch Zeit, die Jungs da vorne wieder einzuholen. Spätestens nach Kap Hoorn greife ich dann richtig an!“ 

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Michael Kunst

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Ein Kommentar „Golden Globe Race: Start zur Jubiläums-Weltumseglung – Regatta der Emotionen“

  1. avatar Chantal sagt:

    Wunderbar geschrieben. Danke!!!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 6 Daumen runter 0

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