IMOCA: Alex Thomson bleibt der „Boss“ – „lieber nonstop das Volvo Ocean Race segeln!“

Laune? Bestens!

Hugo Boss, alex thomson, Interview

Fast schon ein Klassiker – Weihnachtsfoto von Alex auf seiner Boss © thomson racing

Seit sieben Jahren segelt er aufs Treppchen des internationalen Hochseezirkus. Im Interview mit den Vendée Globe-Machern zeigt Thomson entsprechend viel Selbstbewusstsein. 

Alex Thomson hat bei der Route du Rhum 2018 mal wieder bewiesen, dass er derzeit der „Boss“ in der IMOCA-Szene ist. Und das nicht nur, weil sein Hauptsponsor genau so heißt. Zwar hat er seinen karbonschwarzen Renner stilvoll aufgrund eines klassischen „Verschlafens“ wenige Meilen vor dem Ziel nachts auf den erstbesten Felsen gesetzt, den Guadeloupe zu bieten hat. Aber selbst eine 24-Stunden-Strafe wegen Motor-Einsatz und somit der Abstieg vom obersten auf das dritte Treppchen des Siegerpodests konnte dem Briten nicht die Laune verderben. 

Denn Thomson konnte eine Menge positiver und wichtiger Details aus diesem Rennen mitnehmen. Er war der schnellste vor dem Wind und auf Reachkursen – der Spezialität aller IMOCAs. Mehr als 2 Knoten waren immer „drin“, was der Brite mit dem schwäbischen Sponsor darauf zurückführt, dass er auf seiner aktuellen IMOCA immerhin bereits 70.000 Seemeilen absolvierte und somit das Boot aus dem Effeff kennt. Und so ganz nebenbei hat er im vergangenen Sommer auch noch einen neuen 24-Stunden-Rekord aufgestellt – nur mal so, um eine Duftmarke zu setzen. 

Warten auf den neuen IMOCA

Immerhin hatte er bei der RdR einen Vorsprung von über 200 Seemeilen, als er die „Hugo Boss“ auf Schiet setzte, trotz Schadens im Rumpf das Boot aber noch ins Ziel segelte. Selbst der sicherlich enttäuschende dritte Rang weist ihn seit 2011 weiterhin als beständigsten Segler der Klasse aus: In allen Rennen, die er finishte, kam er aufs Podium. Inklusive Rang Drei und Rang Zwei bei der Vendée Globe.

Hugo Boss, alex thomson, Interview

Wild Boy der IMOCA Szene © alex thomson racing

Sein nächstes Highlight? Die Jungfernfahrt seiner derzeit im Bau befindlichen, neuen IMOCA! Der von VPLP designte Renner wird von Carrington Boats in Hythe/England gebaut. Damit dürfte der „Boss“ weitere Akzente in der Szene setzen und mit Sicherheit DER Favorit für die nächste Vendée Globe werden. 

Kürzlich gab Alex Thomson der IMOCA-Klasse ein ausführliches Interview, bei dem er etwas mehr als gewohnt „aus dem Nähkästchen“ plauderte. Und interessante Details zu seiner „Sicht der Dinge“ preisgab. 

Duftmarke setzen

Gleich die erste Frage erhielt eine typische Thomson-Antwort. Die (französischen) Klassenoberen wunderten sich, dass er diese erste Regatta seit seinem zweiten Rang bei der Vendée Globe erneut ohne jegliche Vergleichswettfahrten mit Konkurrenten etwa im französischen Port la Foret, der großen IMOCA-Trainingsschmiede, angegangen sei. Thomson ist bekannt dafür´, dass er gerne alleine trainiert und sein Boot am liebsten ohne französische Kommentare mit seinem Team in England präpariert. 

Entsprechend gab er zum besten: „Ich denke, es ist ein bisschen wie der America’s Cup. Als der Cup auf den Bermudas stattfand und Artemis zuerst dort trainierte und dann Oracle und Japan nachkamen und gegeneinander segelten, waren diese Boote irgendwann auf einem annähernd gleichen Niveau. Und dann kam das Team New Zealand später mit seiner Technologie ins Spiel… und gewann!

Ich habe derzeit wirklich ein gutes Gefühl dafür, wo wir im Vergleich zu den anderen „stehen“. Mein Boot ist das Referenzboot in der IMOCA-Klasse und Charal würde bestimmt gerne  etwas davon übernehmen.“ 

Auf die fast schon etwas provozierend wirkende Frage, ob sich die Einstellung der französischen Fans zu ihm seit seinem zweiten Rang bei der Vendée Globe geändert habe, antwortete Thomson britisch-gelassen:  „Keine Ahnung. Es interessiert mich auch nicht weiter. Ich hatte oder habe vielleicht immer noch den Ruf eines Außenseiters. Es gab Zeiten, da liebte ich diesen Ruf, dann hasste ich das alles und heute ist es mir egal. Es ist mir jedenfalls lieber wenn die Leute denken, ich sei zu schnell als zu langsam. Die letzte Vendée Globe war ein Wendepunkt – die Leute merkten erst zu Beginn des Rennens, das wir ein gewisses Potenzial haben!“ 

Hugo Boss, alex thomson, Interview

scharfer Renner © alex thomson racing

Apropos Vendée Globe, Thomson gibt in dem Interview zu, dass er seit seinem zweiten Rang an an nichts anderes mehr denkt, als an den Sieg. „I would love to win it“, unterstreicht er. Doch auch er hat noch ein schwieriges Unterfangen vor sich, bis er wieder über die VG-Startlinie segeln wird. Zunächst muss sein neues Boot „eingesegelt“ werden, das Boot auf „Vordermann“ gebracht werden und überhaupt „auf den Punkt“ fertig sein, damit es eine Nonstop-Weltumseglung auf allerhöchstem Niveau überhaupt durchhält. Schließlich wird der neue Renner dann nur knapp zwei Jahre jung sein.

Thomson (lachend): „Wann das Boot wirklich fertig wird, weiß keiner so genau. Es dürfte wohl später Frühling 2019 werden. Aber eigentlich haben wir vor, schon das Fastnet darauf zu segeln, später die Transat Jacques Vabre.“ 

Viel eigenes Design

Einen Blick hinter die Kulissen der Bootsdesigner gab es dann auch noch. Thomson berichtete, wie gut die VPLP-Designer die einzelnen Projekte auseinander halten. Denn die derzeit gefragtesten Designer für IMOCA (und nicht nur dafür), arbeiten nach strikten Vorgaben ihrer Auftraggeber, die wiederum nicht an andere Teams (für die sie auch arbeiten) weiter gegeben werden dürfen. Thomson:  „Letztes mal hatten sie sechs IMOCA-Projekte gleichzeitig, diesmal sind es nur zwei. Wir waren damals erstaunt, wie sie uns alle getrennt halten konnten. Das war bestimmt nicht einfach. Um ehrlich zu ein, wir dachten alle, dass es zu viele Ähnlichkeiten bei den Booten geben würde und zuletzt war dann doch jedes Boot irgendwie anders.“ 

Bei dem neuen, im Bau befindlichen Boot (Baukosten 5 Millionen Pfund), haben Thomson und sein Team jedoch viel mehr Einfluss auf das Design genommen als zuvor. Es gebe reichlich Punkte, die von Seiten des Boss-Teams eingeflossen seien. So wurden zum Beispiel die Foils vom Boss-Team entworfen, und nicht von  darauf spezialisierten Designern. Dafür holte sich Thomson den ex AC-Emirates Team New Zealand Andy Claughton und Neal Mac Donald ( Volvo Ocean Racer) ins Team. Somit sind sieben Schiffsbauingenieure mit von der Partie – 18 Personen arbeiten derzeit  bei Alex Thomson Racing, jeweils zur Hälfte im kaufmännischen bzw. marketingrelevanten und technischen Einsatz.

VOR – am besten ohne Stopps

Das geplante Volvo Ocean Race auf IMOCA sieht Thomson jedoch eher kritisch. Das Ocean Race würde zwar ihn und das Team interessieren, aber nicht, in dem Rahmen, wie es derzeit zur Diskussion steht. Zwar seien die Regeln und Modalitäten derzeit ja noch „in der Mache“, den Knackpunkt für einen Erfolg des Ocean Race auf IMOCA sieht er allerdings in der Anzahl Etappen. Ein VOR werde monatelang gesegelt und dann verschwindet es aus dem Gedächtnis der Leute.

Hugo Boss, alex thomson, Interview

Crew-Sailing wird auch immer geübt auf Hugo Boss, wenn es auch manchmal allzu nass wird © alex thomson racing

Er aber habe kein Interesse an einem Rennen, das 10 Monate dauert. Thomson: „Betrachten wir es so: 1973 gab es vier Etappen und 17 Teilnehmer, dann vier Etappen 15 Teilnehmer, dann vier Etappen und 29 Teilnehmer, dann springt man zu neun Etappen und zehn Teilnehmern, zehn Etappen acht Teilnehmer, zehn Etappen sieben und so weiter. Ich finde, lasst uns keinen keinen halben Job machen.“  Man solle Bevölkerungszentren wie New York ansteuern, so Thomson weiter, denn was die spektakuläre IMOCA Klasse wirklich gut könne, sei für wenig Geld viel Wert im Sinne von Aufmerksamkeit zu schaffen. Und er sei sich sicher, dass wenn das VOR ohne Stopps um die Welt führen würde, wären die meisten Teams in der Flotte dabei. 

„Lasst uns also einen für IMOCA vernünftigen Kurs segeln,“ fordert Thomson zum Abschluss des Interviews mit den Vendée Globe-Organisatoren. „Und denkt auch mal über Nachhaltigkeit nach: Ist es wirklich sinnvoll, zwei (Ersatzteil)-Sätze von allem um die Welt zu fliegen?“ 

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Michael Kunst

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