IMOCA: Boris Herrmann im Duell mit Samantha Davies – Luvkampf vor der Wendemarke

Kampf um das Podium

Bermude 1000 Race, Boris Herrmann, Samantha Davies

Frage: Können Rennmaschinen schön sein? Antwort: Unbedingt! © malizia/herrmann

Das „Bermude 1000 Race“ gilt in der Szene als eine Art Trainingsregatta. Die alten Designs können noch einmal eine Duftmarke setzen bevor sie von den neuen aus dem Rampenlicht geschoben werden. Boris Herrmann ist vorne mit dabei.

„Es wäre schon besser, wenn ich sehen könnte, was da auf mich zukommt,“ schreibt Boris Herrmann von Bord seiner „Malizia“. „Ich kann mir zwar die Wetter-Satelliten-Bilder für heute Nacht anschauen, aber irgendwie ist es mir lieber, wenn ich die Wolken sehen und einschätzen kann!“

Der IMOCA-Segler und voraussichtlich erste deutsche Vendée Globe Teilnehmer im nächsten Jahr zeigt sich zwar nicht übermäßig besorgt angesichts einer etwas unklaren Wettersituation mitten auf dem Atlantik während des Bermude 1000 Race (SR-Bericht). Aber bei Einhand-Regatten, insbesondere auf Höhe der Azoren, kann man nicht vorsichtig genug sein. 

Und dann auch noch wenden!

Für die vergangene  Nacht war eine Kaltfront angesagt, in der – typisch für die Gegend – schlecht berechenbare Böen lauern können. Herrmann rechnete mit Spitzen bis zu 40 Knoten Windgeschwindigkeit. Was wiederum bedeutet, dass man sich als Regattasegler in der stockdunklen Nacht auf alle Eventualitäten einstellen muss, ohne das optimale Speed-Potenzial einzuschränken.

Oder anders formuliert: Wo andere Segler vielleicht vorsichtshalber die Plünnen reduzieren, um für böse Überraschungen aus dem Dunkel der Nacht gewappnet zu sein, muss der Regattasegler auf den Punkt genau in den Böen reagieren, ohne dabei an Speed zu verlieren. 

Bermude 1000 Race, Boris Herrmann, Samantha Davies

Boris Herrmann an Bord der Malizia © herrmann racing

Und wie das dann immer so ist: Genau in dieser kleinen Kaltfront war dann auch mitten in der Nacht die Wende angesagt, um möglichst mit einem Anlieger auf die virtuelle Wendemarke vor den Azoren zuzusegeln. Und ein Wendemanöver ist auf Hochseegeschossen wie einer IMOCA für den Einhand-Segler bekanntlich auch keine Kleinigkeit. Unmengen von Material müssen auf die neue Luvseite verfrachtet werden.

Doch es verlief alles gut für den deutschen Hochseeprofi. Um 23.45 h wendete die „Malizia“  auf Backbordbug, genau eine Stunde nachdem der Führende Sebastien Simon auf „Arkéa-Paprec“ seinerseits die Richtung gewechselt hatte. Nur kurze Zeit später wechselte auch Samantha Davies den Kurs, die sich mit Boris Herrmann seit dem Start vor Douarnenez ein Duell auf Augenhöhe liefert. Sie traf den Punkt besser und schob sich auf der Innenkuve wieder am Deutschen vorbei auf Rang 2. 

Im Laufe der Nacht ließ der Wind rund um Herrmann und Davies etwas nach, wodurch sich der Abstand auf Simon um gut 25 Seemeilen vergrößerte. Zudem blieb Simon im Einfluss der Kaltfront-Ausläufer und konnte einen Anlieger auf den virtuellen Wendepunkt fahren. Seine beiden Verfolger Davies und Herrmann segeln deutlich tiefer.

Bermude 1000 Race, Boris Herrmann, Samantha Davies

© malleghem

Das könnte die Chance für Yannick Bestaven sein, der dem Podium auf seiner „Maitre Coq IV“ gefährlich nahe auf die Pelle rückt, am Morgen um 11 Uhr  deutlich höher segelte als die beiden Duellanten Davies und Herrmann und eigentlich schon an dem Duo vorbei ist, wenn der Wind nicht noch einmal stark dreht.

Es bleibt spannend

Noch ist hier natürlich nicht das letzte Wort gesprochen. Der Rückweg Richtung Norden respektive Brest, dem Zielhafen dieser Bermudes 1000 Regatta, dürfte noch voller Überraschungen sein. Behalten die Meteorologen Recht mit ihrer Prognose, sind eher moderate (4-6 Beaufort) mit später schwächeren Windbedingungen aus achterlichen bis raumen Richtungen zu erwarten.

Das würde den Foil-erfahreneren Seglern wie Boris Herrmann, der ja auf seiner „Malizia“ schon reichlich Trainingsgelegenheiten hatte, zunächst Vorteile verschaffen. Wie Samantha Davies auf ihren riesigen Foils klarkommt, wird sich dann auch zeigen.

Andrerseits gilt die „Arkeá Paprec“ als eines der leichtesten Boote in der Flotte, was vor allem bei schwächeren Winden auch nicht gerade von Nachteil ist. Die ehemalige “PRB” gilt als aktuell schnellste der mit Foils nachgerüsteten IMOCA. Bei der Vendée Globe 2016 ging Vincent Riou noch ohne die “Stützräder” an den Start und galt trotzdem bis zu seinem Ausfall als Mitfavorit. Nach dem Umbau funktionierte das inzwischen neun Jahre alte Schiff noch besser und bei der Route du Rhum war Riou der Einzige, der “Hugo Boss” bis zuletzt auf Augenhöhe begegnete, bis Riou durch mehrere Schäden eingebremst wurde.

So ist es kein Wunder, dass Sebastien Simon das Schiff souverän an der Spitze segelt. Der Sieger der vergangenen Solitaire du Figaro Regatta wird systematisch aufgebaut und darf die ehemalige “PRB” als Trainingsboot benutzen bevor im Sommer sein neuer von Juan Kouyoumdjian gezeichneter Neubau vom Stapel läuft. Danach übernimmt Kevin Escoffier das Ruder und betreibt das Schiff wieder für den Sponsor PRB.

Es bleibt also spannend auf den vorderen Positionen! Und mittendrin ein Deutscher – ein Satz, den man zumindest in der IMOCA-Klasse auch noch nicht so oft schreiben konnte. 

Der Stand im Bermudes 1.000 Race, als der Führende die Luvtonne rundet. Davies (rot, r.) überholt Herrmann (weiß) in Lee. Die Gruppe in Luv (l.) ist auf dem Vormarsch.

Dass an dieser Stelle nun ein „aber“ kommt, war  von allen vorauszusehen, die sich ein wenig in der Szene auskennen. Denn man sollte diese Regatta nicht allzu hoch bewerten. So war schon von Boris Herrmann zu vernehmen, dass er dieses Bermude Race eher als eine Art Trainingsrennen betrachtet. Und eine Samantha Davies hat in den Tagen vor dem Start des öfteren klargestellt, dass wichtige Vendée Globe-Favoriten und -Helden hier fehlen. 

Drei weitere Frauen im Rennen

Wer sich kurz vor der Rundung des ersten Bootes um die virtuelle Wendemarke das Feld einmal anschaut, erkennt unweigerlich – trotz eher beherrschbarer Bedingungen auf dem Atlantik – große Distanzen zwischen den einzelnen IMOCA. 

Bermude 1000 Race, Boris Herrmann, Samantha Davies

Samantha Davies ist die erfahrenste Frau im Vendée Globe Zirkus mit dem zurzeit schnellsten Schiff. © malleghem

Kunststück, denn für einige der Teilnehmer ist dies das erste Solo-Rennen auf einer IMOCA. Und in einigen Fällen sogar auf einer IMOCA, die nur ein paar Tage vor dem Start noch in den Werfthallen stand und an denen noch eifrig geschraubt wurde. 

So sind etwa die „anderen Frauen“ im Rennen, Miranda Merron, Alexia Barrier und Pip Hare auf den Rängen 13, 14 und 15 zwischen 160 und 220 Seemeilen vom Erstplatzierten entfernt. Doch jetzt mal ehrlich, was ist das schon im Vergleich zum Rennen, das diese Frauen bereits gewonnen haben? Das „Rennen“, ein eigenes Vendée Globe Projekt auf die Beine zu stellen. Schon dafür gilt: Hut ab! 

Bermudes 1000 Tracker

avatar

Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier
Spenden

3 Kommentare zu „IMOCA: Boris Herrmann im Duell mit Samantha Davies – Luvkampf vor der Wendemarke“

  1. avatar breizh sagt:

    Danke für den substanzhaltigen Bericht.
    Wieso sind denn eigentlich die Topteams nicht dabei. So uninteressant ist der Parcour ja nicht.
    Und die Spannung um die Podiumsplätze ist weiterhin gegeben.
    Dranbleiben Boris.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 4 Daumen runter 0

  2. avatar Roar sagt:

    Ich hatte es insgeheim befürchtet, das Boris zurückfallen könnte, da er vor dem Wechsel von einem Wettersystem zum nächsten System ein paar Meilen zu weit nördlich segelte, so dass Sam Davies u.a. unten durchrutschen konnten.
    Er liegt jetzt auf Rangt 5. Hoffentlich kann er den Fehler wieder gutmachen.

    Like or Dislike: Daumen hoch 1 Daumen runter 0

    • avatar Roar sagt:

      Malizoa leckgeschlagen ?

      Boris teilt auf fb mit:

      “Yesterday I hit something and it caused a small impact in the hull on the starboard side. This caused a small leak but nothing serious. …… It added a little spice to my run. It forced me to take out the tools, the composites.”

      https://www.facebook.com/teammalizia/

      Like or Dislike: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

Schreibe einen Kommentar zu breizh Antworten abbrechen