IMOCA-Neubauten: Richomme und Ruyant mit ersten Details – Foils 25 cm über Wasser

Geheimnisvolle Schwesterschiffe

Richomme und Ruyant geben erste Informationen über ihre Renner vom neuen, alten Designbüro preis. Während beide Skipper mehr oder weniger seelenruhig die Route du Rhum in Angriff nehmen.

Auf was kommt es bei großen Hochseeregatten im Besonderen an? Die Szene, und somit auch die meisten Skipper und Skipperinnen sind sich einig: 1. Konzentration auf das „Hier und Jetzt“, 2. Fokus auf das Wesentliche, nämlich schnelles Segeln und 3. niemals in Gedanken abschweifen und an Anderes denken, als den gerade gelebten Moment.

So oder ähnlich wird also das Mantra der meisten Route du Rhum -Teilnehmer lauten, wenn sie am 6. November kurz nach 13 Uhr über die Startlinie vor dem bretonischen St. Malo segeln werden. Bloß nicht an was anderes denken, und schon gar nicht an ein anderes Boot als das, auf dem man gerade segelt!

Yoann Richomme vor dem vergleichsweise spitzen Bug seines IMOCA-Neubaus © polaryse

Zwei Route du Rhum-Skipper werden genau damit so ihre Schwierigkeiten haben: Yoann Richomme und Thomas Ruyant. Und das nicht, weil sie als besonders unkonzentriert bekannt sind – ganz im Gegenteil– sondern weil sie eigentlich auf zwei Hochzeiten tanzen.

Doch schön der Reihe nach…Richomme wird bekanntlich auf einer nagelneuen Class 40 bei der Route du Rhum als Titelverteidiger und erneuter Favorit ins Rennen gehen. Ein „gemachtes Bett“ für höchste Konzentration bei einer Regatta und beste Voraussetzungen für den Fokus auf das Wesentliche, nämlich Segeln, Segeln und nichts als Segeln.

Ruyant kurz nach der Deckauflage. man achte darauf, wie am Foto der Bug weggeschnitten wurde © advens

Thomas Ruyant wird auf seinem bewährten IMOCA LinkedOut vor St. Malo über die Startlinie brettern respektive foilen. Auch er hat allen Grund, zufrieden mit sich und Boot im Hier und Jetzt gen Horizont zu segeln: Seine IMOCA ist schnell wie nur wenige andere, das Boot ist perfekt auf den anspruchsvollen Skipper und die Herausforderungen auf See eingestellt. Beste Voraussetzungen also für das, was man ein konzentriertes Rennen nennt.

In Gedanken beim Nachwuchs

Machen wir es kurz. Was beide Skipper vereint ist der Umstand, dass sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit häufig in Gedanken zurück in der Heimat sein werden. Nein, nicht weil man Heimweh nach der Familie hat (das wohl auch, gehört aber hier jetzt nicht zur Sache), sondern weil sie eine andere Art Nachwuchs erwarten.

Für beide Skipper werden derzeit IMOCAs der allerneuesten Generation gebaut, die vom Konstruktionsbüro Finot-Conq, dem ehemaligen Platzhirschen der Szene gezeichnet wurden, der ein Comeback anstrebt (Porträt). Thomas Ruyant trennte sich vom Designer seiner alten „LinkedOut“ Guillaume Verdier und ließ seine neue „LinkedOut“ von Antoine Koch und dem Designbüro Finot-Conq konstruieren. Richomme sprang auf den Zug auf.

Damit sind beide Boote grosso modo Schwesterschiffe und folgen bei ihrem Bau einem ähnlichen Zeitplan. Sie stehen mehr oder weniger vor ihrer Vollendung, der Stapellauf ist im Januar 2023 vorgesehen. Was unterm Strich heißt: Bis Weihnachten müssen und werden die beiden IMOCA fertig sein. Danach geht’s in den Werften weiter mit dem Neubau anderer Vendée Globe-Renner.

© paprec-akea

„Natürlich werde ich in Gedanken häufig bei meinem Paprec-Team bei Multiplast in Vannes sein,“ sagte etwa kürzlich Yoann Richomme bei einem seiner unzähligen Route-du-Rhum-Interviews mit einem lachenden und einem weinenden Auge. „Nicht zuletzt, weil gerade die Endphasen besonders spannend sind. Jetzt sieht man endlich im Original, was man zuvor höchstens auf dem Computerbildschirm betrachten konnte. Jetzt kommt die volle Schönheit, aber auch das das gesamte Leistungspotential zum Tragen. Und was mache ich? Ich segle auf dem Atlantik herum auf einem Boot, das ich danach nur noch selten betreten werden, weil mein gesamtes Streben auf die Vendée Globe 2024 ausgerichtet sein wird!“

© advens

Auch aus dem Umfeld von Thomas Ruyant ist zu vernehmen, dass der Normanne wohl häufig in Gedanken in seiner Wahlheimat Lorient weilen dürfte, wo gerade sein Neubau „Advens“ bei CDK-Technologies fertiggestellt wird. Ruyant ist in seinem Team als besonders penibler, detailverliebter Boss bekannt, der zudem in technischen Dingen ausgesprochen bewandert ist und schon beim Bau seines aktuellen IMOCA häufig höchstpersönlich Hand anlegte.

Dass so einer in der Endphase eines IMOCA-Neubaus verdammt gerne mit dabei wäre, versteht sich von selbst. Doch an dem Motto „Sailing first“ wird man gerade in favorisierten Rennställen wohl niemals etwas ändern können. Also geht’s für beide Skipper über den Atlantik – so sehr das Herzchen auch bluten mag.

Detailverliebter Thomas Ruyant: Kann so einer konzentriert eine Route du Rhum segeln, wenn “daheim” gerade sein IMOCA-Neubau in der finalen Phase ist? © advens

Vielleicht wollten die beiden, unabhängig voneinander, ein wenig Druck aus der ewigen Fragerei „nach dem neuen Boot“ oder nach dem „revolutionären neuen Design“ desselben herausnehmen, indem sie nun, kurz vor dem Start der Route du Rhum, einen Schlussstrich unter die fast schon traditionelle Geheimniskrämerei beim Bau der beiden Boote gezogen haben. Beide Teams veröffentlichten nun erste, allerdings noch äußerst vage Informationen über ihre neuen IMOCA und ihre vergleichsweise besonderen Merkmale.

Vorteil dank besserer Sicht

So berichtet Yoann Richomme in den Sozialen Medien und bei einem Ortstermin des Französichen Segelmagazins Voiles et Voiliers vom „letzten Stand der Dinge“. Noch sei zwar das Deck nicht aufgelegt, doch bereits fertig gebaut und bestückt. Grosso modo unterscheide sich sein neuer IMOCA nur in wenigen Details von anderen Neubauten, die in diesem Jahr vom Stapel gelaufen sind.

Die aktuellen Neubau IMOCA-Projekte im Überblick

Im Wasser:

-Charlie Enright (11th Hour 2), Verdier (2021 Version)

-Kevin Escoffier (PRB), Verdier (Übernahme einer halbfertigen 2021 Version für TOR geplant)

-Maxime Sorel (V and B – Monbana), Verdier (Form von Apivia1)

-Jérémie Beyou (Charal 2), Design: Manuard

-Boris Herrmann (Zürich – Schütz), VPLP

-Samantha Davies (Initiatives Coeur), Manuard (Form von L’Occitaine)

-Yannick Bestaven (Maître Coq 3), Verdier

-Paul Meilhat (Biotherm), Verdier (Form von LinkedOut 1)

Geplant:

-Thomas Ruyant (LinkedOut 2), Koch – Finot-Conq

-Yoann Richomme (Paprec Arkea 2), Koch – Finot-Conq

-Charlie Dalin (Apivia 2),  Verdier

-Jorg Riechers (Alva Yachts ), Farr-Design

-Eric Bellion (David Raison)

-Jean Le Cam (David Raison)

–unbekannter Skipper,  (Manuard, Black Pepper Werft).

-Armel Tripon (Projekt zum Bau eines neuen Bootes, die Planung läuft).

 

Als buchstäblich „optischen Vorteil“ sieht Richomme die an Steuerbord und Backbord thronende Plexiglas-Kanzel über dem geschlossenen Cockpit. Von hier aus könne er jeweils die fürs Segeln nun mal unerlässlichen Elemente sehen: Die See, den Himmel, die Segel und die Foils. Dabei handelt es sich nicht um eine dieser engen „Blasen“, durch die man den Kopf regelrecht stecken muss. Sondern um eine geräumige Fläche, die einen Art Panoramablick ermöglicht.

Etwas gewöhnungsbedürftig für Richomme: Um das Flush-Deck-Design beizubehalten, ist das geschlossene Cockpit lediglich 1,75 m hoch. Soll heißen: Große Männer wie Richomme müssen auf ihrem 60-Fuß-Renner im Cockpit gebückt unterwegs sein. Devote Haltung gegenüber dem eigenen Boot ist auf See eben alles!

© paprec-akea

Der eher V-förmige, aber vergleichsweise 40 cm höhere Bug der neuen Paprec-Arkea ist dann – angesichts des Trends nach eher abgerundeten und voluminösen Bug-Varianten bei anderen Neubauten – doch eher ungewöhnlich. Damit soll erreicht werden, dass die Wellen im Foil-Modus eher geteilt werden, statt auf sie herunter zu klatschen, wenn das Boot wieder aus dem Foil-Modus absinkt. Auch dies eine vergleichsweise neue Sicht auf den Foil-Einsatz, wenn auch das Prinzip uralt ist.

Man wolle damit erreichen, dass sich die Durchschnittsgeschwindigkeiten auf den langen Strecken erhöhen – Spitzengeschwindigkeiten seien Nebensache und machen das Segeln nur unkomfortabel. Wer jemals auf einer foilenden IMOCA stundenlang von einer Welle zur anderen krachte, ahnt, was Richomme damit meinen könnte.

Interessant ist, dass die neue Paprec-Arkea nicht mehr dem gnadenlosen Gewichtswahn verfällt. Diesen Trend hatte schon Boris Herrmann beschworen, der bei Malizia Struktur und Kilos hinzufügte, auch um Southern Ocean besser schlafen zu können.

Neun Tonnen wird Richommes Boot wiegen, also etwa eine Tonne mehr als die anderen Neubauten. Man wolle so auf weitere Umrüstungsmöglichkeiten vorbereitet sein. Und vertraue eben voll und ganz auf die Performance der Foils, mit denen buchstäblich alles steht und fällt. „Es ist ungesund, alles nach dem Gewicht auszurichten,“ erklärt Richomme. „Die Energieeinsparungen, die wir durch eine gute Ergonomie erreichen, die gute Position auf Wache werden uns unterm Strich mehr bringen, als wir durch das Mehrgewicht verlieren.“

Das Prinzip von Foils mit einem hohen Austritspunkt im Rumpf wurde schon bei der ex L’Occitaine von Armel Tripon umgesetzt, nun in den Farben des Vendée-Globe-Zweiten Louis Burton mit Bureau Vallée. © Bureau Vallée

Das Boot wird schlicht und aufgeräumt wirken. Später sollen an Deck lediglich die Lifelines zu sehen sein – ein besenreiner Flush-Decker also. Den Clou sieht Richomme jedoch in der Position der Foils: Sie werden „im Stand“ etwa 25 cm über der Wasseroberfläche schweben. So hoch habe noch kein anderer Riss zuvor die Foils positioniert.

Teamwork gefragt

Richomme hofft, dass er und sein Team nach der Rückkehr vom Route du Rhum-Ziel Guadeloupe eng mit Thomas Ruyant und dessen Crew zusammen arbeiten kann. Was für beide Teams durchaus Sinn machen würde; nicht zuletzt, weil sich die beiden Neubauten so nahe sind wie kaum andere innerhalb dieser Box-Rule-Klasse.

Doch das sei eben vor der Route du Rhum noch nicht möglich, zu sehr waren die jeweiligen Team mit ihrem Saisonhöhepunkt beschäftigt. Wie allerdings im etwas geheimnisvoll wirkenden Video von Ruyant und seiner Advens 2 erkennbar, können beide Boote getrost als Schwesterschiffe betrachtet werden. Und somit in den so wichtigen, ersten Trimm- und Einstellungsphasen bei den ersten Schlägen auf dem Wasser eine Menge voneinander lernen. Ob die Konkurrenten dann wirklich ihre Erkenntnisse einander so offenlegen, wie man es für maximale Effektivität müsste, bleibt abzuwarten.

© advens

Doch vorher muss eben noch eine Route du Rhum überstanden werden. Nur ist jetzt schon sicher: Richomme und Ruyant werden zu denjenigen zählen, die den allerersten Flieger nach Zielankunft Richtung Heimat betreten werden. Denn schließlich wartet der IMOCA-Nachwuchs schon ungeduldig auf seine Skipper.

avatar

Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.