In Memory: Vor 20 Jahren blieb Eric Tabarly auf See – was damals geschah

Bloß nicht anleinen

Dass der legendäre Hochsee-Regattasegler Eric Tabarly auf See sterben würde, war nahezu allen klar, die ihn kannten. Nicht zuletzt, weil er auch „stur bis zur Verbohrtheit“ sein konnte.

Es geschah vor 20 Jahren, in der Nacht vom 12. auf den 13. Juni. Die „Pen Duick“, ein klassischer, 15,10 m langer  Gaffelkutter (Baujahr 1898) ist auf dem Weg nach Schottland, wo sich einige Klassiker-Yachten zu Ehren ihres Konstrukteurs William Fife versammeln und gemeinsam regattieren wollen.

Wie immer bei längeren Überführungsfahrten skippert die französische Hochsee-Ikone Eric Tabarly sein Schmuckstück, das er größtenteils als junger Mann selbst restauriert hat, höchstpersönlich über die Meere. Mit an Bord sind einer seiner besten Kumpel, der Meeres-Fotograf Erwan Quéméré, ein mit Tabarly befreundetes Ehepaar und ein weiterer Freund der Clique. 

Eric Tabarly, Tod, Jahrestag

Eric Tabarly in jüngeren Jahren, zu Hochzeiten seiner Regattakarriere © cité de la voile

Tagsüber war der Gaffelkutter unter Vollzeug unterwegs, bei Einbruch der Nacht frischt der Wind jedoch deutlich auf und Tabarly ruft alle Mann an Deck, um die Segelfläche auf ein Minimum zu reduzieren. Das Flying Jib wird eingeholt, eine kleine Fock für die Genua gesetzt und zwei Reffs ins Großsegel gebunden. Nachdem die „Pen Duick“ tagsüber Land’s End passierte, prescht sie nun bei vier bis fünf Beaufort durch die Irische See. 

Gegen 22:30 Uhr entscheidet Tabarly, der den weiterhin zunehmenden Windstärken in dem berüchtigten Seegebiet nicht traut, das „Schönwetter“-Großsegel gegen ein kleineres, für rauere Bedingungen gedachtes Großsegel auszuwechseln. Erneut müssen „alle Mann an Deck“, Tabarly übergibt das Ruder seinem Freund Quéméré und hilft den drei unerfahrenen Mitseglern bei dem Manöver. Die Vier sind nahezu zwei Stunden mit dem Segelwechsel beschäftigt.

Kurz nach Mitternacht soll das Groß endlich gehisst werden. Es ist stockfinster, die See kabbelig, das Boot rollt stark während des Manövers und die tief herab gelassene Gaffel beginnt wild von einer Seite zu anderen zu schlagen. In diesem Moment richtet sich Tabarly auf und der Gaffelbaum trifft ihn hart an der Brust und katapultiert den nicht angeleinten Segler über Bord. 

Der Unfall wird zwar sofort bemerkt und Quéméré wirft Sekunden später einen Rettungsring ins Meer, doch schon wenige Wellenkämme darauf ist der Verunglückte nicht mehr in der stockfinsteren Nacht zu erkennen. 

Suche im Zickzack-Kurs

Queméré startet den Motor, dreht die „Pen Duick“ und lässt die Vorsegel einholen. Er versucht unter Motor genau die Route Richtung Süden zurück zu fahren, die sie gekommen sind. Doch von Tabarly keine Spur. 

Sie schießen zwei Notraketen ab, in der Hoffnung, dass sich ein Handelsschiff oder Fischer in der Nähe befindet – die „Pen Duick“ bleibt stampfend und rollend allein in der pechschwarzen Wasserwüste. 

Eric Tabarly, Tod, Jahrestag

Segeln auf der Pen Duick © cité de la voile

Der Klassiker ist nicht mit einem EPIRB ausgestattet, es gibt lediglich ein Handfunkgerät an Bord, mit dem sie zwei Notrufe absetzen, bevor dessen Batterien den Geist aufgeben. 

Bis vier Uhr morgens fahren Sie im Zickzack-Kurs Richtung Süden, von vier bis sechs Uhr lassen sie sich wieder Richtung Norden treiben. Bei Tagesanbruch segelt Queméré die „Pen Duick“ unter Sturmfock Richtung Osten, in der Hoffnung, dort etwaig auf andere Schiffe zu treffen, die einen Notruf absetzen können. Um sieben Uhr morgens sehen sie eine Segelyacht und ein Handelsschiff am Horizont. Die Crew der „Pen Duick“ schießt erneut eine Notfallrakete ab – prompt ändern Yacht und Handelsschiff ihren Kurs und eilen zu Hilfe. Der Seenotrettungsdienst wird über den MOB-Notfall informiert, die schicken sofort einen Hubschrauber und mehrere Rettungsboote in die Irische See, um das Seegebiet, in dem Tabarly über Bord ging, abzusuchen. 

Doch Eric Tabarly, Sieger bei Dutzenden Hochseeregatten, begnadeter Einhandsegler und von den Franzosen vergötterter Segelenthusiast, wird nicht mehr lebend gefunden. Nach 48 Stunden Stunden geben die Rettungsdienste ihre Suche auf. 

Einen Monat später wird die Leiche von Eric Tabarly  ausgerechnet von der Besatzung eines bretonischen Fischerbootes geortet. Die Autopsie ergibt später „Tod durch Ertrinken“. 

Stur gegen das Anleinen

In Frankreich schlug die Nachricht ein wie eine Bombe. Der Ritter und Offizier der Ehrenlegion, der Offizier des Seeverdienstordens und erklärte Nationalheld, wird posthum zum Kommandeur der Ehrenlegion ernannt. Tabarly erhält ein Staatsbegräbnis, an Bord eines Kriegsschiffes lässt Staatspräsident Jacques Chirac eine Trauerfeier abhalten der er höchstpersönlich beiwohnt, TV-Sender bringen hastig zusammengestellte, stundenlange Biografien über das Leben und die Erfolge des Hochseeseglers, in allen Tageszeitungen ist Tabarlys Tod tagelang der Aufmacher, in Radiosendungen kommen in nervtötend langen Interviews ehemalige Mitsegler von Tabarly zu Wort, die nicht aufhören, das Hohelied auf den begnadeten Segler und Bootskonstrukteur zu singen. Es war, als habe die französische Nation ihren wichtigsten Sohn verloren. 

Eric Tabarly, Tod, Jahrestag

Pen Duick – immer noch in Form © wikipedia

Doch es gab auch kritische Stimmen zum Tod von Eric Tabarly. Denn alle, die ihn auch nur flüchtig gekannt haben wussten, dass der 67-Jährige Opfer seiner eigenen Sturheit geworden war.  Schon seit Jahrzehnten war seine strikte Weigerung, sich auf See anzuleinen, Gesprächsthema . Seine an Verbohrtheit grenzende, sture Auffassung, dass diese „Fesseln des Seemannes“ bei der Arbeit auf See nur hinderlich seien, regte so manche Gemüter auf.

„Mir ist es lieber, ich sterbe innerhalb einiger – wenn auch mieser – Minuten im Wasser als dass ich mir mein Leben mit diesen Leinen am Körper versaue,“ gab Tabarly mehrmals in Interviews zum Besten. „Und überhaupt ist ein Abgang auf See für einen Segler immer noch das beste, oder nicht?“

Wie der Vater, so die Tochter?

Tabarlys Tochter Marie, die ihren Vater nur 14 Jahre erleben durfte, ist mittlerweile ins Kielwasser ihres Vaters gekommen und verbringt ihre Zeit ebenfalls am liebsten auf See. Die „Amazone der Meere“ wie sie auch theatralisch von manchen französischen Medien genannt wird, startet 

in diesem Jahr zu einer Weltumseglung der besonderen Art. In Erinnerung an ihren Vater und dessen uneingeschränkter Liebe zur See und zur Natur, segelt sie auf der „Pen Duick VI“ in Etappen um die drei großen Kaps. Doch sie wird nicht im Regattamodus unterwegs sein, sondern sich reichlich Zeit lassen – während ihrer innovativen Odyssee will sie der breiten Öffentlichkeit eine humanistische, ökologische, ein wenig erzieherische und in jedem Fall optimistische Botschaft vermitteln. Ob sie beim Segeln angeleint sein wird, bleibt abzuwarten.

 

Einige Erfolge von Eric Tabarly:

Ostar Portsmouth-Newport : 1964 avec Pen Duick II

Morgan Cup : 1967 (Pen Duick III)

Gotland Race : 1967 (Pen Duick III)

Channel Race : 1967 (Pen Duick III)

Fastnet: 1967 (Pen Duick III) et 1997 (Aquitaine Innovation)

Plymouth-La Rochelle : 1967 (Pen Duick III)

Sydney-Hobart : 1967 (Pen Duick III) (und Zweiter nach berechneter Zeit))

Transpac San Francisco-Tokyo : 1969 (Pen Duick V) (11 Tage Vorsprung vor dem Zweitplatzierten)

Falmouth-Gibraltar : 1971 (Pen Duick III)

Los Angeles-Tahiti : 1972 (Pen Duick III)

Bermudes-England : 1974 (Pen Duick VI)

„Transat“ einhand (Portsmouth-Newport) : 1976 auf Pen Duick VI vor  Alain Colas auf der riesigen „Club Med“.

Atlantik-Nordpassage Streckenrekord (New York-Cap Lizard) 1980 (10 jours 5 heures 14 minutes 20 secondes)  auf Paul Ricard

Transat Jacques Vabre (Le Havre-Cartagena) (mit Yves Parlier) : 1997  auf Aquitaine Innovation

2. Platz bei  Zweihand-Transat Lorient-les Bermudes-Lorient : 1979 (mit Marc Pajot)  auf Paul Ricard

2. Platz bei der Transat mit Crew Lorient-Saint-Pierre-et-Miquelon-Lorient : 1987  auf Côte d’Or

3. Platz bei „The Transat“ einhand 1984  auf Paul Ricard

5. Platz beim „Rund Europa“ 1987 auf Cote d’Or II

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Michael Kunst

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2 Kommentare zu „In Memory: Vor 20 Jahren blieb Eric Tabarly auf See – was damals geschah“

  1. avatar addi sagt:

    Toll geschrieben miku, danke!

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  2. avatar breiz sagt:

    Eric Tabarly ist die Grundlage für das heutige Hochseesegeln in Frankreich. Ohne ihn wäre der Sport bei weitem nicht so populär. Und dafür verdient er maximalen Respekt. Der einzige, der diese Leidenschaft schon sonst noch hätte entfachen können, wäre Bernard Moitessier gewesen. Aber dem war ja bekanntlich der Rummel zu viel und entschied sich für seinen eigenen Weg. Sind sich die beiden eigentlich einmal begegnet?

    Wie wir ja in den letzten Monaten schmerzlich haben feststellen müssen, wird der Lifebelt noch immer nicht durchgängig verwendet. Aber gedenken wir lieber diesem tollen Segler.

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