Klassiker: Britischer Designer will die J-Class neu erfinden – ein Stilbruch?

Interessant oder schockierend?

Als „Renaissance der J-Class“ bezeichnet der junge englische Designer George Wolstenhome seine Studie. Er präsentiert einen von etwa 40 auf 47 m vergrößerten und entsprechend breiteren Rumpf mit panoramaverglastem Mittschiff und pagodenartigem Aufbau.

J Class, Renaissance

Rendering der als 47 m lang und 8,5 breit gedachten Renaissance mit umlaufend verglastem Übergang von der Bordwand über den Schandeckel zum Deck. Ob man sowas bauen kann? © George Wolstenhome

„Mit diesem Konzept möchte ich der überragenden Schönheit der klassischen J-Class Yachten Tribut zollen”,  meint der Newcomer über sein „fusion boat“. “Ich bezog meine Inspiration aus dem Purismus und der Tradition der J-Class. Ich sehe das Konzept als zukunftstaugliche Weiterentwicklung, die zeitgemäße Annehmlichkeiten mit dem Finish und Effekt moderner Oberflächen in Einklang bringt. Dazu ein variables Interieur und eine Formensprache, die eher selten bei Segelyachten zu sehen sind“ .

„Klassiker“ mit Ausblick

Klassiker wie Meteryachten oder die J-Class sind von Haus aus Kellerschiffe. Wer unter Deck geht, dem bleiben bestenfalls ein paar Skylights für den Blick unter den Baum. Die einstigen Daysailer der America’s Cupper der 1930er Jahre wurden in den vergangenen Jahrzehnten mit verschiedenen Maßnahmen zum Seesegeln modifiziert.

J Class, Renaissance

Modernes Spiegelheck, pagodenförmiges Deckshaus und verglaste Flanken über einem langkieligen Rumpf im Stil der 30er Jahre. Die Renaissance ist wahrlich ein Fusion Boat © George Wolstenhome

Beim Umbau der „Velsheda“ wurde der ursprünglich exponierte Steuerstand wie bei modernen Booten üblich in einer Plicht ins Deck eingelassen. Der Neubau der „Ranger“ erhielt anstelle des damaligen Schiebeluks über dem Niedergang des Flushdeckers einen stattlichen, als Kartenhaus und Windschutz genutzten Aufbau. „Lionheart“ ist mit gleich zwei Deckshäusern unterwegs. Diese Maßnahmen machen den Aufenthalt an Deck und das Bordleben etwas komfortabler.

Wolstenhomes Konzept sieht eine mittschiffs aufgeschnittene und verglaste Bordwand vor, deren Öffnung über den Schandeckel hinweg ins Deck greift. Das bringt eine Menge Licht ins Schiff und bietet Ausblick. Nun ist die Verglasung der Bordwand gerade „in“, wie zahlreiche Projekte zeigen. Amorph und beliebig geschwungene Fensterformen sind dagegen bei Motoryachten neuerdings schon wieder out. Markantes Design ist angesagt.

J Class, Renaissance

Der Blick auf das Rendering verdeutlicht die nachteilig schmale shroud base © George Wolstenhome

Nun sind schlanke lange Rümpfe wie die J-Class einer erheblichen Beanspruchung vom Rigg ausgesetzt. Vor- Back- und Achterstagen ziehen an den Schiffsenden nach oben, der Mast drückt Mittschiffs nach unten. Diese Kräfte müssen vom Rumpf und den besonders belastbaren Winkel zum Schandeckel hin über die gestauchte Deckskante aufgefangen werden.

Extreme Kräfte

Hinzu kommt die erhebliche Verwindung der Rümpfe im Seegang. Das war eine Weile ein Problem bei der J-Class „Endeavour“. Vermutlich lassen sich diese Kräfte bei diesem 47 m Neubau irgendwie, allerdings mit erheblichem konstruktivem Aufwand und Material um die verglasten Schwachstellen herum leiten.

J Class, Renaissance

Unter Deck böte das Konzept Bordlebensqualität in der Pullman-Kategorie. Mit Panoramablick wie bei einer Motoryacht oder einem Kreuzfahrtschiff © George Wolstenhome

Eine yachtbauliche Herausforderung schlanker Boote ist der geringe Abstand der Wanten zum Mast. Je kleiner dieses Maß, desto mehr Spannung brauchen die Wanten. Entsprechend groß wird die Kompression des Mastprofils und damit die Kraft, mit der das Rigg ins Schiff drückt. Bei großen Schiffen wie beispielsweise dem Big Class Kutter „Lulworth“ gab es damals zur Beherrschung dieser Kräfte noch nicht das geeignete Material. Deshalb wurde die “shroud base” mit außen von der Bordwand weggestemmten Püttingen breiter gemacht. Auch die J-Class Velsheda wurde in den 30er Jahren mit außen angebrachten Wanten aufgetakelt.

George Wolstenhomes Konzept kümmert dieser Gesichtspunkt nicht. Die Wanten sollen innerhalb der Panorama Verglasung ansetzen, obwohl sie sich vermutlich außen durch den verglasten Schandeckel führen ließen. In der Architektur ist die Trennung von statischen Erfordernissen (Trägern) und der Verpackung (Fassade) längst üblich.

Negativer Spiegel

Kurios ist auch das moderne Heck mit negativ geneigtem Spiegel. Es setzte sich in den 1950er Jahren durch, als die letzten J-Class Exemplare entweder verschrottet wurden oder wie „Endeavour“ und „Velsheda“ im Schlamm des Hamble auf ihre Wiederentdeckung warteten.

J Class, Renaissance

Für den Salon sieht der Designer verschiedene Lounge- und Esszimmervarianten vor © George Wolstenhome

Die sackschwere J-Class ergibt ähnlich wie die Meterklassen zwar ansehnlich schlanke Schiffe. Diese segeln aber nass und mit reichlich Krängung. Außerdem stampfen sie arg im Seegang wegen des geringen Volumens in den Schiffsenden. Das gibt bei den Regatten in der Karibik zwar packende Bilder, dieser Nachteil macht die Form aber zum Fahrtensegeln weniger geeignet. Die J-Class taugt kaum als Vorbild für ein luxuriöses Fahrtenschiff.

Die weiteren Nachteile des Langkielers (sehr großes Gewicht, behäbiges Verdrängersegeln, problematisches Manövrierverhalten in engen Häfen) sind nur für eine richtige klassische Yacht oder (J-Class) Repliken, wo diese Form vorgeschrieben ist, mit Blick auf Regatten in Kauf zu nehmen.

Vielleicht ist dieses Konzept aber gar nicht ernst gemeint, sondern Wolstenhome wollte einfach mal mit einem Beispiel von sogenanntem „fresh thinking“ auf sich aufmerksam machen.

 

Eckdaten „Renaissance“
Länge 47 m
Breite 8,5 m
Tiefgang 4,9 m

 

George Wolstenhome bekam bei Andrew Winch in London Einblick ins Thema, arbeitete einige Monate bei einem amerikanischen Yachtdesigner und auch für das namhafte Büro Nuvolari Lenard in Venedig. Neulich schloss er sein Bootsdesign-Studium an der Coventry Universität ab, jobbt gerade in der Flugzeugbranche und bemüht sich mit diesem aufmerksamkeitsstarken Konzept um seinen ersten richtigen Job als Designer in der Yachtbranche. Mehr hier

 

avatar

Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.
Spenden
https://yachtservice-sb.com

14 Kommentare zu „Klassiker: Britischer Designer will die J-Class neu erfinden – ein Stilbruch?“

  1. avatar stefan sagt:

    …unsinniges Design!

    …denn es macht keinen sinn auf all das Volumen in den Enden einer Yacht zu verzichten. J-class Yachten haben ja nur deshalb eine so kurze Wasserlinie, weil ihnen das über die Vermessungsformel einen Vorteil bei der Segelfläche bringt. Auf die negativen Einflüsse bzgl. des Seegangsverhaltens ist Erdmann ja schon eingegangen.

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 4 Daumen runter 4

  2. avatar Friedrich sagt:

    Frisch gedacht und frisch vergessen… Aber wir können niemanden daran hindern, sein Geld für hässlichen Unsinn auszugeben.

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 5 Daumen runter 3

  3. avatar bagatell sagt:

    Ich find’s geil!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 12 Daumen runter 5

  4. avatar Christian1968 sagt:

    Es gibt Sachen, die kann man nicht mehr besser machen, die J-Class gehört dazu. Und dieses missgestaltete und technisch/seglerisch nicht sinnvolle Monster ist einfach überflüssig.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 8 Daumen runter 4

  5. avatar Robert sagt:

    So sehr ich die J Class liebe, so gruselig finde ich dieses Exponat…

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 6 Daumen runter 1

  6. avatar SB sagt:

    wirklich gruselig.
    und wenn man ein paar Sessel und Sofas verschiebt, dann sind das also “verschiedene Lounge- und Esszimmervarianten”. das muss ich mir mal für zu Hause merken 😉

    Like or Dislike: Daumen hoch 4 Daumen runter 1

  7. avatar Alex sagt:

    Die Fenster im Rumpf erinnern mich schon irgend wie an AIDA. Die würde ich schon etwas anders lösen.

    Ansonsten haben Autos von 1900 optisch auch nicht mehr viel mit den Karren von heute gemein und trotzdem schreit keiner dass er seinen Trabbi wieder haben will.

    Like or Dislike: Daumen hoch 0 Daumen runter 3

    • avatar Wilfried sagt:

      darum zitieren die neuen Autos auch nicht die Form von nem Trabbi.

      Meine Meinung: entweder Mordrn und Cool oder Retro und Stilvoll. Aber Crossover in dieser Art .. einfach No go

      Like or Dislike: Daumen hoch 1 Daumen runter 2

      • avatar Alex sagt:

        Wilfried, Du bist in Deinem Ohrensessel einfach nicht so richtig auf dem Laufenden ;-)http://cdn4.spiegel.de/images/image-164993-panoV9free-ijyv.jpg und Beatle, Fiat 500, Chrysler PT, Maybach …

        Ich sehe keinen Widerspruch Altes mit Neuem zu mischen.
        Ich halte es eher für langweilig wenn man sich unnötig so einschränkt, auch wenn mir nicht alles gefällt was am Markt so kreiert wird.

        Like or Dislike: Daumen hoch 2 Daumen runter 1

        • avatar Wilfried sagt:

          alle Deine Beispiele finde ich auch nicht besonders gelungen mit einer Ausnahme (Mini)

          Like or Dislike: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

  8. Was für ein Schwachsinn. Wenn ich Werftbesitzer oder potenter Kunde wäre, dann würde dieser Designer nie einen Auftrag bekommen. Aber ich verstehe ja auch nicht, warum denn all die Megamonster so aussehen wie sie aussehen …

    Like or Dislike: Daumen hoch 3 Daumen runter 1

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *