Knarrblog: Rückblick auf die Kieler Woche – 45 J/70 auf der Förde, und wir mittendrin

Emotionaler Pflichttermin

Die Kieler Woche liegt schon etwas zurück. Dennoch will ich die Erlebnisse im J/70-Feld nicht vorenthalten. Es war ziemlich hektisch auf und neben der Bahn. Besonders dort wurde es emotional.

Das kann doch was werden. Als sich der Pulverrauch nach den üblichen Scharmützeln an der Startlinie verzieht, liegen die direkten Gegner hübsch aufgereiht in Lee. Es ist der letzte Start bei dieser Kieler Woche. Bahn Foxtrott weit draußen hinter dem U-Boot-Denkmal von Laboe fletscht nicht mehr so sehr die Zähne wie an den vergangenen Tagen.

J/70, Kiel

Rote Spis vor grauem Himmel. J/70 auf der Kieler Außenbahn. © Sven Jürgensen

Zwar ziehen immer noch bedrohliche Wolken über Schilksee heran, aber es steckt weniger Wind drin. Jetzt tastet sich manchmal ein Sonnenstrahl übers Wasser und lässt den Strand bei Wendtorf golden erstrahlen.

Er trifft auch auf die gelben Leibchen der Freunde aus Bremen. Sie hängen eingebaut in Lee, und wir haben tatsächlich eine Chance, diese Kieler Woche zu gewinnen. Der Endspurt heute mit Platz 2 und 1 war gut, aber die Jungs lassen sich mit 3/3 einfach nicht abschütteln.

Nun müssen wir beim Finale vor den Beilken-Brüdern mit der “Diva” ins Ziel kommen, um den einen Punkt aufzuholen, der für den Kieler-Woche-Sieg in der J/70 Klasse ausreichen würde. Und es sieht doch eigentlich ganz gut aus. Die linke Seite war eigentlich zuletzt immer stark bei dem Westwind, Trimm und Speed schienen gut zu passen, und nun hat der Start auch ordentlich hingehauen.

45 J/70 sind nach Kiel gekommen. Eine ordentliche Flotte für die junge deutsche Klasse. Zumal die internationale Beteiligung außer zweier dänischer Crews fehlt. Die fast parallel stattfindende Europameisterschaft im spanischen Vigo blockiert zahlreiche Pläne, in den hohen Norden zu kommen, wo die junge Klasse 2016 ihre zweite EM segelte.

Jeder Tag Starkwind

Diesmal präsentiert die Kieler Woche unglaubliche Bedingungen. Jeden Tag Starkwind. So viel, dass sich das Limit nähert. Die J/80-Kollegen auf der Bahn entscheiden, gemeinschaftlich einen Tag Auszeit zu nehmen. Am Freitag pfeifen dann auch viele J/70-Crews aus dem letzten Loch und finden beim Wettfahrtleiter Gehör. Er verordnet einen Hafentag.

J/70, Kiel

Juliane am Want als Wellenbrecher. © Sven Jürgensen

Dennoch kommen neun der geplanten elf Rennen zustande, und schließlich liegen die Starkwind-Spezialisten vorne. Wir gehören offenbar auch dazu. Dazu verhilft uns insbesondere Juliane, die wir aus der NRV-Jugendgruppe rekrutieren. Die 420er-Seglerin hebt mit ihren zarten 50 Kilogramm das Crewgewicht auf über 360 Kilos, und das ist zumindest bei Wind schnell, wie unsere Erfahrungen von der vergangenen WM in Porto Cervo zeigen.

J/70, Kiel

Vor dem Start. Ordentlich Druck in der Luft. © Sven Jürgensen

Ein taffes Mädchen, die 15-Jährige, die an der Kreuz am Want auf der Kante sitzt und immer wieder den Wellenbrecher spielen muss. Frisurentechnisch hilft das klatschende Salzwasser sicher überhaupt nicht weiter, aber dafür entschädigen die schnellen Raum-Gänge, bei denen wir wieder gut 17 Knoten erreichen.

Emotionaler Pflichttermin

Die kritischste Planungsphase dieser Regatta habe ich zu verantworten. Denn der liebe Kleine zuhause bekommt am Freitag sein Abi-Zeugnis übergeben. Natürlich ein emotionaler Pflicht-Termin – aber muss der unbedingt mitten am Tag um 15 Uhr während der Kieler Woche stattfinden? Nach der Erfahrung mit dem etwas größeren Kleinen vor zwei Jahren schleppt sich die Veranstaltung ohnehin einige Stunden dahin, bis es  persönlich und spannend wird.

Vorher sitzt man in voller Anzug-Montur mit gut 500 Menschen schwitzend in der kaum gelüfteten Turnhalle und lauscht eher durchschnittlichen Unterhaltungs-Darbietungen. Kann man da nicht etwas später kommen? Vielleicht noch das dritte Rennen des Tages segeln? Die Frau rollt mit den Augen. Ein unmissverständliches Zeichen. Der Haussegen könnte aus der Horizontalen geraten. Folgen für die ganze Saison sind denkbar. Dieses Risiko ist einfach zu groß.

J/70, Kiel

Lohn für viel Spritzwasser an der Kreuz: Endlich abglitschen. © Sven Jürgensen

Also Anfrage an die Wettfahrtleitung für einen begrenzten Crewtausch “wegen familiärer Verpflichtungen” gestellt, Ersatzmann organisiert – Thx an Klaas Höpcke vom NRV-Team – Shuttle auf Bahn Foxtrott bestellt, nach zwei Starkwind-Rennen an Bord gesprungen, mit Vollgas über die aufgewühlte Förde nach Schilksee gehämmert, das strategisch günstig positionierte Auto geentert, am Telefon den Sohnemann beruhigt (“Wo bleibt ihr denn alle?”), angesichts der fortgeschrittenen Zeit den Plan mit der Dusche zuhause abgehakt, die Salzwasser-Kruste aus dem Gesicht gewischt, direkt zur Schule durchgestartet, auf dem Parkplatz am Kofferraum in Schale geschmissen und pünktlich – wenn auch schwer atmend und schwitzend – den Platz in der Turnhalle eingenommen, vorsichtig per Handy die Ergebnisse von der Kieler Bahn gecheckt – ohne mich läufts besser 🙂 – plötzlich völlig unvorbereitet von den Gefühlen übermannt, als der Kleine – inzwischen 1.95 groß – zur Bühne schreitet…Pfffft.

Am nächsten Morgen wieder nach Kiel gejettet, über die Wettfahrtleitung geärgert, die uns nicht segeln lässt, wieder zurück nach Hamburg zur offiziellen Abi-Feier im Edel-Schuppen – ausgerechnet parallel zum Deutschland – Schweden-Spiel – wieder zurück nach Kiel…Pfffft – endgültig aus dem letzten Loch gepfiffen – und zurück auf Bahn Foxtrott.

Links-Kipper bringen die Entscheidung

Es weht nicht mehr ganz so hart. Links-Kipper kurz nach dem Start entscheiden die ersten beiden Rennen. Wir erwischen sie auf den Punkt und liegen schnell weit vorne. 2/1 muss doch reichen, um Richtung Spitze zu kommen. Aber die Bremer Junx halten mit 3/3 dagegen. Sie lassen nicht locker.

J/70, Kiel

Flott unterwegs an der Kreuz mit unserer “Paint it Black” © Sven Jürgensen

So kommt es zum Showdown beim Finale. Und das sieht nach dem Start wirklich gut aus. Michael ist am Lenker in Bestform. Guter Start, guter Speed. Die Leeboote sind unter Kontrolle. Aber das ist auch kein Wunder. Die Kompasszahlen erreichen immer höhere Werte auf dem Kurs mit Wind von Steuerbord. Diese blöden Wolken bringen diesmal eine fiese Rechtsdrehung.

Traue mich gar nicht, über die rechte Schulter zu blicken. – tatsächlich, das Feld nimmt die Innenkurve. Ein echter Taktik-Schnitzer. Da hilft auch der beste Speed nichts. Die Euphorie über den guten Start ist schnell verflogen. Wir müssen ja mindestens 7. werden, um unser bisheriges Streichergebnis zu verbessern.

Es hilft nichts, dass die Kollegen achteraus segeln. Einfach durch das Feld preschen ist nicht drin. Dafür liegt die Leistung der Crews zu nahe beieinander. Platz 18 ist schließlich deutlich entfernt vom Zielergebnis. Punktgleich landen wir schließlich auf Rang 2. Kurz fühlt es sich unschön an, so knapp hinten zu liegen. Aber dann überwiegt die Freude über Platz zwei. Wir waren Teil einer denkwürdigen Regatta.

Ergebnisse J/70 Kieler Woche 2018

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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