La Base in Lorient: Wie das Zentrum des Segelsports funktioniert – Neuer Steg für 2,5 Millionen

Mekka des Hochseesegelns

Hafenaufteilung und -Erweiterung: Grün = Hochsee. Gelb=Profis. Rot= neu zu erschließender Bereich für Profis © Zedda/Sellor

Sich alter Strukturen entledigen, Neues aufbauen: Der französische Hochseehafen Lorient bleibt im Aufwärtstrend. Großen Anteil daran hat das Trainingszentrum Lorient Grand Large. 

Es ist ein seltsamer und gerade deshalb faszinierender Ort voller Gegensätze und Überraschungen. Ein unerwartet heller und großzügig angelegter Hafen, den man nicht gleich als solchen erkennt, so tief duckt er sich hinter düsteren Bauten der alten U-Boot-Bunker aus Beton, Stahl und Tristesse. Ein Gelände, von dem aus einst Tod und Zerstörung über die Ozeane gebracht wurden und das in den letzten Jahrzehnten mit einer beeindruckenden Metamorphose zu einem Ort der Sehnsüchte und Träume für Segler, Abenteurer und Tagträumer mutierte.

Große Boote brauchen viel… © miku

Okay, allzu theatralisch sollte man nun auch wieder nicht werden, wenn man den Hochsee-Regattahafen „La Base“ im südbretonischen Lorient beschreibt. Überhaupt ist „La Base“ für die SegelReporter-Leser längst kein geheimnisumwobenes Neuland mehr. Denn dort sind mittlerweile viele der spannendsten Hochsee-Kampagnen stationiert, über die wir hier mit gebührlicher Begeisterung berichten.

Ganz zu schweigen von den vielen Helden des Hochseesegelns, die sich in Lorient oder seiner unmittelbaren Umgebung mit Kind und Kegel niedergelassen haben. Um sich und ihre Boote auf ihre Abenteuer auf dem „Grand Large“ – der großen Weite, wie die Franzosen die Ozeane gerne träumerisch nennen – vorzubereiten.

Kurz, es dürfte derzeit wohl kaum einen anderen Hafen geben, der im Zusammenhang mit Hochseeregatten, deren Protagonisten und Booten so häufig genannt wird, wie „La Base“ in Lorient (siehe SR-Artikel über den Aufstieg des Hochseehafens zum Regattazentrum). 

Vom Möwen-Nistplatz zum Mekka des Hochseesegelns

In den letzten drei Jahren hat sich Einiges getan in La Base. Die finanzierende Stadtverwaltung und das Departement Morbihan hat grundlegende Verbesserungen auf dem Hafen-Gelände in die Wege geleitet, die sich kurz- bis mittelfristig positiv auf den Hafenbetrieb in „La Base“ auswirken dürften. 

…ganz viel Platz © miku

So wurden ganze Gebäudereihen abgerissen, die zwischen den riesigen Bunkeranlagen kaum genutzt als regelrechte Schandflecken vor sich hinrotteten. Dabei handelte es sich größtenteils um Gewerbehallen, die vor Jahrzehnten der mittlerweile stagnierenden Fischereiwirtschaft dienten. Und deren teils halb eingestürzte Dächer von tausenden Möwen als Fortpflanzungsrefugium und Nistplatz auserkoren wurde.

Mittlerweile sind dort große Freiflächen entstanden, auf denen mehr als 20 Figaros und ein Großteil der über 70 Minis auf ihren Hafentrailern thronen. Um bei Bedarf zum Hafenbecken gezogen zu werden, wo sie innerhalb weniger Minuten vom „Hafen-Kompetenzteam Gildas und Yannick“ ins Wasser gekrant werden. 

Im Wasser und an Land: Platz ist das wertvollste Gut in La Base © miku

Das mit den „wenigen Minuten“ kann übrigens durchaus wörtlich genommen werden: Vor manchen Trainingswochenenden oder Regatten werden mitunter auf diese Weise 15 – 20 Boote pro Vormittag ihrem Element zugeführt. Ganz neu: auch die Class 40 können jetzt mit einem Travellift vollständig aufgeriggt aus dem Becken gehoben werden.

(Vorläufige) Opfer des eigenen Erfolgs

Bleiben wir im Hafen. Der bereitete „Sellor“, seiner betreibenden Gesellschaft, in den letzten Jahren einiges Kopfzerbrechen. Denn im gewissen Sinne wurde man Opfer des eigenen Erfolgs: Die zur Verfügung stehenden Liegeplatz-Flächen werden dem wachsenden Interesse am Hochsee-Regattasport im Allgemeinen und an La Base im Besonderen nicht mehr gerecht. 

Klar, wenn man als Besucher an einem Wintertag über die Stege spaziert, gewinnt man den Eindruck, als stünden Raum und Platz im Überfluss zur Verfügung. Das liegt aber daran, dass die meisten der zwzwölf in La Base stationierten 60-Fuß-IMOCA  derzeit in ihren Winterlagern überholt bzw. teils vollständig umgebaut werden. Und auch an den drei Ultim-Trimaranen Banque Populaire, Sodebo und Baron de Rothschild/Gitana wird derzeit heftig in den Hallen gebastelt.  

Die Minis werden während eines Trainings im Päckchen geparkt © miku

Doch wenn die Trainings- und Regattasaison beginnt, wird es eng im Hafen. Ultim-Trimarane, Class 40, IMOCA, Figaro und Minis (von denen jedoch meist ein Großteil an Land steht und bei Bedarf gekrant wird) erheben Anspruch auf Wasserliegeplätze.

Und so richtig eng wird es, wenn von „La Base“ aus Regatten gestartet werden. Wie zum Beispiel beim „Defi Azimuth 2019“: Damals lagen 21 IMOCA (vier Generationen) im Hafen, darunter 14 Foiler, die eine Extra-Portion seitlichen Raum benötigen. Die Boote lagen eng wie Sardinen in der Büchse – spätestens bei solchen Events wird klar, dass „La Base“ an seine räumlichen Kapazitäten stößt. 

Zwei Millionen für einen Steg

Also muss erweitert werden. Was in Gewässern, wo der Tidenhub durchaus acht Meter betragen kann und aufgrund des enormen Tiefgangs mancher Boote (IMOCA = 4,50 Meter) reichlich gebaggert werden müsste, zu einigen Problemen führen kann.  

Derartige infrastrukturelle Maßnahmen in einem begrenzten Raum ziehen relativ hohe Investitionen nach sich: So werden allein für 160 zusätzliche Meter Steg, die derzeit im Hafenkanal bzw. in der Einfahrt zum Hafen verankert werden, über zwei Millionen Euro „in die Hand genommen“. Dabei wird Platz für sieben zusätzliche IMOCA-Kampagnen geschaffen – derzeit sind bereits 11 IMOCA rund um La Base „im Geschäft“. 

Die Bauarbeiten für den neuen Steg haben begonnen © sellor

„Rund um“ kann hier beim Wort genommen werden, denn Kampagnen mit Booten und Skippern, die nonstop um die Welt segeln (IMOCA, Ultim, teils auch Class 40) oder zumindest den Atlantik rocken wollen (Mini, Figaro) brauchen nicht nur reichlich Platz im Wasser. Im Gegenteil – beim Hochseeregattasport ist es mittlerweile notwendiger Usus, dass jedes Boot und jedes Team Hallen benötigt, in denen am und für das Boot gebaut und gebastelt wird. Hallen, die natürlich möglichst in unmittelbarer Nähe zum Hafen liegen sollten.

Entsprechend hat Banque Populaire als nach wie vor größter Geldgeber des Hochseeregattasports für seine Ultim-Trimarane (der erste wurde 2018 während der Route du Rhum von Wellen geschreddert, der zweite befindet sich derzeit im Bau) eine neue Halle gebaut, die locker den 23 Meter breiten und 32 Meter langen Renner aufnimmt. 

Auch Sodebo wollte sich für seinen ebenfalls neuen Trimaran nicht lumpen lassen und baute direkt daneben eine Zwillingshalle. Vier weitere große Hallen existieren bereits seit Jahren direkt vor dem Hafenbecken, in denen sich Gitana und diverse IMOCA tummeln. Doch für weitere Hallen ist vorerst kaum Platz vorhanden. Es sei denn, der benachbarte Fischereihafen muss sich aus ökonomischen Gründen verkleinern. Was den Einen nun wirklich nicht zu wünschen wäre, was den Anderen aber…

Zwischenmenschliche Gründe

„Es ist wirklich erstaunlich, wie schnell La Base richtig groß wurde,“ freut sich Karine Fauconnier. „und das ist nicht nur der ausgebauten Infrastruktur hier in Lorient zu verdanken!“ Die 47-Jährige erfolgreiche Regattaseglerin (Orma, Multi 50, Class 40, Figaro, Ultim) ist Chefin des Trainingszentrums „Lorient Grand Large“, das mit derzeit 200 Mitgliedern einen wichtigen Beitrag zum Erfolg von La Base leistet.

„Als ich das erste Mal als Regattaseglerin vor 20 Jahren hier in Lorient festmachte, war das alles noch Militärzone mit einem einzigen Steg im leeren Hafenbecken, auf dem sich die Möwen sonnten.“  

Mehr Platz für 70 Minis © miku

Für Fauconnier ist klar, dass der heutige Erfolg von La Base zunächst durch die enormen infrastrukturellen Maßnahmen, die in den letzten Jahrzehnten geleistet wurden, möglich geworden ist. 

Da sich rund um den Hafen Dutzende große Zulieferer- und Ersatzteilunternehmen sowie Werften angesammelt haben, seien nicht nur Hunderte zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen worden, sondern eben auch beste Voraussetzungen für die Kampagnen. 

„Die Segler bewerben sich immer häufiger um Plätze in La Base, weil wir aufgrund der Zulieferer hervorragende technische Voraussetzungen liefern können, weil immer Wasser im Hafen ist und somit unabhängig von den Gezeiten trainiert werden kann,“ zählt Fauconnier auf. 

Doch auch der zwischenmenschliche Aspekt ist in einem derart komplexen System wichtig. Entsprechend hoch werden in der Szene die Angebote und Maßnahmen rund um Lorient Grand Large geschätzt. 

Karine Fauconnier: „Da wäre zunächst das Thema „Vorbild“. Wir haben mittlerweile hier in La Base viele Stars der Hochseeregattaszene stationiert. Das motiviert „neue“, aber nicht minder ambitionierte Segler und Seglerinnen, im gleichen Umfeld zu trainieren wie ihre Vorbilder. Und als vielleicht wichtigsten Punkt können wir wirklich hervorragende Trainingsmöglichkeiten bieten!“

Chefin bei Lorient Grand Large: Karine Fauconnier © miku

Im Gespräch mit SR macht Fauconnier deutlich, dass praktisches und theoretisches Training bei Lorient Grand Large essentiell wichtig ist für den Erfolg von La Base – im gewissen Sinne laufen die Fäden bei Lorient Grand Large zusammen.

„Wir bieten physische Trainingsmöglichkeiten und haben nahezu ganzjährig unsere Trainer auf dem Wasser. In Gruppen wird je nach Können unterteilt und hartes, praktisches Training bei (fast) allen Windstärken geboten. Dabei gehen die Trainer auf jedes einzelne Team, auf jeden Skipper mit den jeweiligen Stärken und Schwächen ein.“ 

Auch die Szene bestätigt, dass es umfangreicheres und detaillierteres Training anderswo so nicht gebe. Lediglich das Trainingszentrum in Port la Foret könne Lorient Grand Large das sprichwörtliche Wasser reichen.

Fast schon legendär ist der Trainer Tanguy Le Glatin, der als unabhängiger, selbständiger Coach vor allem in der Classe Mini, bei den Figaro und Class 40 herausragende Erfolge erreichen konnte. So trainierten etwa die Sieger der letzten Mini Transats 2017 und 2019 mit Leglatin, ebenso konnten erste Ränge bei der Transat Jacques und bei der Route du Rhum verbucht werden. 

Fast alle auf Maloche – beim Segeln! So viel Platz hat man manchmal tagsüber im Hafen © miku

„Neben der Praxis auf dem Wasser, vermitteln wir jedoch auch eine Menge theoretisches Wissen,“ macht Fauconnier deutlich. „Mit verschiedenen Spezialisten halten wir vor allem im Vorfeld großer Hochseeregatten Seminare über Wetterrouting, Navigation und Bootstrimm ab.“ Seminare, die grundsätzlich ausgebucht sind und für die nahezu immer Wartelisten geöffnet werden müssen. 

„Doch da gibt es durchaus Verbesserungsbedarf,“ sagt Fauconnier selbstkritisch. „Wir müssen noch deutlich mehr Seminare anbieten, die sich mit dem strategischen und taktischen Bereich auf Langsteckenregatten beschäftigen. Auch der medizinische sowie der digitale Aspekt unter unseren Seminaren ist noch ausbaufähig – der Umgang mit Verletzungen und Krankheiten und den digitalen Techniken beim Routing und der Kommunikation ist enorm wichtig.“ 

Co-Working, Training und Teamarbeit im Neubau

Da ist es konsequent, dass in Kürze ein Neubau auf dem Gelände von La Base entstehen wird, in dem großzügige Räumlichkeiten für die Belange und den Bedarf des zukünftigen Trainingszentrums Lorient Grand Large zur Verfügung gestellt werden sollen.

Karine Fauconnier: „Es gibt zwar noch viel zu tun, aber wenn dieses Gebäudes in zwei Jahren  fertig gestellt sein wird, rückt es unser Trainingszentrum endlich in den Mittelpunkt von La Base . Da es der Treffpunkt für alle Regattasegler sein wird, können wir die Skipper besser mit Dienstleistungen, die ihren sportlichen Ansprüchen gerecht werden, zusammenbringen. 

Schulbank drücken! © Lorient Grand Large

Das künftige “Skipperhaus” wird mit einer Sporthalle, einem Trainingsraum, einer Mediathek, einem Empfangsraum, einem Coworking-Bereich für die Regattasegler und den Büros von Lorient Grand Large ausgestattet sein. Das Gebäude wird an einen neuen großen Hangar angrenzen, der von der Stadtverwaltung Lorient bezahlt und verwaltet und an ein oder mehrere Teams vermietet wird. Der Architekturwettbewerb wird bald beginnen.“

Übrigens, das neue Gebäude soll genau an der Stelle gebaut werden, wo vor 1,5 Jahren das Bürogebäude der Groupama America’s Cup-Kampagnen vollständig niederbrannte. 

Aus Asche wächst eben immer wieder Neues. 

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Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier

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