Les Sables-Acores-Les Sables: Spannendes Finish – schafft es Riechers aufs Treppchen?

Nervenkitzel

Les Ables Azoren Les Sables

Wird Riechers auf den letzten Meilen diesmal erfolgreicher sein als beim Mini Fastnet? © otg

Wer das zweimal 1.270 Seemeilen lange Rennen der Mini-Transat-Segler zu den Azoren SAS  auf dem Tracker verfolgte, kann sich über fehlende Spannung nicht beklagen. Riechers hat wieder einen Extremschlag vor dem Ziel gewagt.

Spannendes Rennen, spannendes Finish: Bei der Mini-6.50-Regatta „Les Sables – Acores – Les Sables“ (SAS) ist nach zehn Tagen unter wechselhaften meteorologischen Bedingungen bisher nur der erste Prototyp im Ziel angekommen. Alle anderen Teilnehmer dümpeln noch unter wohl allerhöchster nervlicher Belastung mit teils Hunderten Seemeilen Rückstand unter einem waschechten Azoren-Hoch vor sich hin. Selbst der führende Serien-Minist kann für die letzten 24 Stunden nur ein VMG-Mittel von 0,9 Knoten vorweisen. 

Francois Jambou überquerte auf seinem Prototypen „Marée Haute“ (No. 865, das selbe Boot, auf dem Ian Lipinski Triumphe 2016 und 2017 feierte) gestern um 14: 30 Uhr die Ziellinie vor Horta nach neun Tagen und einer Stunde. Sein Vorsprung auf den Zweitplatzierten Erwan le Menée betrug  im Ziel satte 80 Seemeilen und auf den rechnerisch viertplatzierten Jörg Riechers über 120 Seemeilen. 

„Echt jetzt? Ich bin Erster?“

Jambous Überlegenheit kam auf eher kuriose Weise zustande. In einem Interview, das die Organisatoren des SAS nach seiner Ankunft veröffentlichten, schwor er, dass er keine Ahnung von seiner Platzierung gehabt habe. „Ich dachte, dass ich im besten Fall Fünfter oder Sechster sei,“ zeigte sich Jambou überrascht. Der Franzose sieht sich als typisches, aber glückliches Mini-Kommunikationsopfer, denn wie bei der Mini-Transat werden auch beim SAS nur ein Mal täglich über Kurzwelle meteorologische Informationen und Positionen durchgegeben. Und wenn man die bei der störanfälligen Durchsage nicht richtig mitkriegt, fährt man buchstäblich „ins Blaue“. 

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Den größten Teil der Strecke segelten die Konkurrenten des SAS am Wind © breschi SAS

„Ich habe beispielsweise irgendwas von 40 bis 45 Knoten Windstärke verstanden, hatte aber keine Ahnung, wo und wie ich auf die treffen würde,“ erklärt sich Jambou weiter. Letztendlich habe er aber nie mehr als 30 Knoten Wind erlebt. Dabei musste er übrigens schon die Sturmfock setzen – in seinem nagelneuen Vorsegel, das erst kurz vor dem Start geliefert wurde, hatte man versäumt, die für Minis üblichen Vorsegel-Reff-Einrichtung einzuarbeiten. Was Jambou erst unterwegs auffiel. 

Letztendlich segelte der Etappensieger einen extremen Kurs weit nach Westen, von dem sich viele Fans zuhause am Tracker fragten, was das alles soll. „Wenn ich gewusst hätte, wie die anderen segeln, dann wäre ich wahrscheinlich viel früher Richtung Süden gefahren und hätte ähnlich chaotische Zustände erlebt, wie die Kollegen,“ sagt Jambou. Doch so segelte er einfach stur seinen „Stiefel“, den er vor dem Rennen mit seinem Router ausbaldowert hatte. 

Hinterher immer schlauer

Eine Route, wie sie ursprünglich vielleicht auch Jörg Riechers vorgehatte. Denn der Hamburger fuhr querab dem spanischen Finisterre zunächst ebenfalls relativ weit westlich, schlug dann jedoch, wie fast alle anderen auch, einen direkt südlichen, schließlich SW-Kurs ein. 

Doch bekanntlich ist man hinterher immer schlauer, und der Außenstehende oder Fan lässt sich zuhause am Computer vor dem Tracker in puncto Weisheit und Durchblick ja kaum übertreffen! Erst Recht, wenn man von den Bedingungen vor Ort nur wenig Ahnung hat.

Keiner, der das nicht schon mal miterlebt hat, kann sich vorstellen, wie sehr man von Selbstzweifeln, permanentem Hinterfragen seiner Entscheidungen, von Ungewissheiten in Sachen Wetter, gewürzt mit einer ordentlichen Prise Schlafentzug geplagt ist, wenn man mutterseelenallein auf diesen 6.50 Meter kurzen Glitschern Tag und Nacht unterwegs ist. Vermeintlich falsche oder undurchsichtige Entscheidungen liegen dann jedenfalls näher, als so mancher „geniale Schachzug“.

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Mit Eingebung und Speed. Sieger Jambou hatte keine Informationen über Wetter und Position © breschi SAS

Derzeit nähert sich Jörg Riechers auf Proto-Rang 4 dem Etappenziel Horta mit einem weiteren, extrem anmutenden Schlag: Er verließ die direkte Linie Richtung Azoren und segelte westlich, um so „Graciosa“ backbord liegen zu lassen. Dort war er mit sieben Knoten Geschwindigkeit unterwegs, da er von einer leicht stärkeren Windströmung westlich profitieren kann, die in unmittelbarer Nähe der Inseln nicht zu spüren ist.

Riechers (grün) schickt sich an, das letzte Überhomanöver auf Rang drei zu schaffen.

Damit kann er seinem Konkurrenten Axel Trehin den dritten Proto-Rang noch streitig machen. Gelingt nun der Cross vor dem Bug, der für die Rücketappe einen kleinen psychologischen Vorteil bringen kann? Gut 25 Meilen Rückstand hat Riechers schon aufgeholt. Nun liegen beide gleichauf.

Spannend und turbulent ging es über die gesamte Regatta hinweg zu – das zeigen u.a. neun Aufgaben. Es fiel ein Mast, ein Boot musste nach Kollision mit einem UFO aufgegeben werden (Skipper von Begleityacht abgeborgen), es gab Verletzungen, Nervenkrisen, zwei Derive-Schwerter gaben ihren Geist auf, die Bordenergie brach zusammen und und und. 

Und bei den Serienbooten bahnt sich eine kleine Sensation an: Wenn Ambroggio Beccaria auf seiner Pogo 3 so weitersegelt (Vorsprung auf den Zweitplatzierten derzeit 75 Seemeilen), könnte er Vierter oder Dritter werden – in der Gesamtwertung. Doch der Italiener hat den südöstlichen Kurs gewählt und segelt von der anderen Seite auf Horta zu.  Dort, wo weniger Wind herrscht. 

Tracker

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Michael Kunst

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3 Kommentare zu „Les Sables-Acores-Les Sables: Spannendes Finish – schafft es Riechers aufs Treppchen?“

  1. avatar alikatze sagt:

    Danke! Wie immer ein schön zu lesender Text. ich drücke dem Jörg Riechers die Daumen.

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    • avatar Censeo sagt:

      Das Daumendrücken hat leider nicht geholfen. Riechers ist zwei Tage nach dem Erstplazierten als 4. über die Ziellinie gedackelt.

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  2. avatar breizh sagt:

    Auf dem Rückweg sieht es ja deutlich besser für Riechers auf. Im Moment knapp 14 sm vor Erwan Le Mene aber mit etwas weniger Speed. Drücken wir ihm die Daumen. Ob es damit dann zum Gesamtsieg bei der Regatta und bei der “Jahreswertung” (habe den Titel gerade vergessen) weiß ich nicht.
    Aber SR wird es bestimmt aufklären.

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